07.01.2012

Wulff und die Würde

Es wäre so viel einfacher, wenn der Schaden größer gewesen wäre. So aber herrscht Ambivalenz, selbst bei den Kritikern und Spöttern von Wulff. Nein, ich mag Herrn Wulff auch nicht und ja, er schädigt ein Amt, dessen wesentliche Funktionen eine vorbildliche und moralische ist. Selbst wenn man den Anruf unseres Bundespräsidenten bei der Bild-Zeitung nicht kennt, bekommt man doch den Eindruck, dass er nicht sein Amt liebt, sondern vor allem sich selbst im Amt. Also kein ethischer Mensch, sondern ein egozentrischer.


Aber die öffentliche Diskussion …
Andererseits mag ich die öffentliche Diskussion nicht. So ist es mir schon bei Sarrazin gegangen, so bei von Guttenberg. Hier wie dort wird mir zu wenig analysiert und zu viel beurteilt. 

Ich habe die letzten Wochen dazu benutzt, einen Kommentar zum Grundgesetz zu lesen und für mich noch einmal über bestimmte Aspekte der Demokratie, bzw. des Verhältnisses von Politik, Recht und öffentlicher Meinung zu arbeiten. Sicher bin ich mir bei den Ergebnissen nicht. Und umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass Menschen, die sich besser mit der Materie auskennen, deutlicher zu Gehör kommen.

Dass nicht jeder in der Öffentlichkeit sachlich diskutieren kann, ist selbstverständlich. Dass viele gar nicht mehr sachlich diskutieren wollen, ist entsetzlich. Dass dieser Unwille mittlerweile in der Politik angekommen ist, und eigentlich schon seit vielen Jahren angekommen ist, kann man zum Beispiel immer dann gut beobachten, wenn Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine im Bundestag reden. Denn diese beiden (aber auch viele andere Politiker und Politikerinnen der Linken) argumentieren und informieren; sie beleuchten größere Zusammenhänge, weisen auf Probleme hin, verdeutlichen Tendenzen.

Man muss die beiden nicht lieben. Aber Argumentation gehört nun mal grundlegend zu einer sachlichen Politik dazu. Man muss auch den Marxismus nicht mögen oder, denn Die Linke ist ja weit davon entfernt, marxistisch zu sein, eben eine irgendwie sozialistische Politik. 

Trotzdem sollte man die Fähigkeit und den Willen zur Argumentation würdigen. Die Art und Weise, wie manche CDU-Politiker mit den Rednern dieser Partei umgehen, ist beschämend. Man fühlt sich hier an Lichtenbergs Spruch erinnert: "Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, muss dies nicht unbedingt am Buch liegen."


Witze zu Wulff
Derzeit existieren tausende von Witzen über Christian Wulff im Internet. Ganz besonders beliebt sind Kontaminationen bekannter Filmtitel (eine Kontamination ist eigentlich die Vermischung zweier Wörter zu einem, so dass diese einen witzigen oder kritischen Sinn bekommen, wie zum Beispiel bei Sexperte (Spiegel) oder famillionär (Heine); aus literaturwissenschaftlichen Gründen habe ich vor einiger Zeit den Begriff der Kontamination auch auf Idiome und bekannte Sprüche erweitert und ihn auf eine technische Sphäre beschränkt, während die Parodie und Travestie meist die zugehörige sinnhafte Sphäre bezeichnen).

So sehr ich diese Witze mag: Sie werden zum Selbstläufer, zu einer Häme von Menschen, die nicht argumentieren wollen oder können. Natürlich muss der Witz pointieren; aber er darf im Gesamtzusammenhang nicht alleine dastehen.

Das stört mich derzeit an der öffentlichen Debatte. Auch bei den Wulff-"Gegnern". Trotzdem kann ich dieser Debatte auch insgesamt etwas Gutes abgewinnen: die Öffentlichkeit probiert ihre Macht aus und bringt das moralische System der Regierung in äußerste Verlegenheit. Das ist gut! Und das ist deshalb gut, weil dieses moralische System so angelegt ist (derzeit), dass es sich in Verlegenheit bringen lässt.


Kleine Randbemerkung zu Christiane Peitz
Eine ähnliche Betrachtung findet sich heute im Tagesspiegel online, von Christiane Peitz: Die mit dem Wulff heulen. Peitz allerdings erweist sich, was Theorien des Humors angeht, als wenig sachgemäß. So schreibt sie: "Nicht nur die Zote, auch der gewöhnliche Witz ist triebgesteuert, wie Sigmund Freud in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ bemerkte.", was eine ungewöhnlich dumme Vereinfachung von Freuds Argumentationsweise ist.

Sie schreibt auch, spotten und spucken hätten die gleiche Wortwurzel. Tatsächlich laufen diese Wörter mindestens seit dem Altgotischen unabhängig voneinander: dort lauten sie spotton und spugan. Sie haben also keinen gemeinsamen Ausgangspunkt. Allerdings habe ich nicht tiefer nachgeforscht, also zum Beispiel die Wortwurzeln im Sanskrit betrachtet.

Schließlich zerreißt die Autorin den Argumentationszusammenhang durch ein "mal so, mal so": "Neben dem Moment der Selbstreinigung steckt darin [in der Bloßstellung] immer auch eine Prise Verachtung. So ist der Spott von Natur aus böse, beißend, verletzend." Die Prise Verachtung sei ein Teil der Bloßstellung. Das Wort weist auf "wenig" hin; dagegen erscheint bei Peitz die Bloßstellung aber auch als eine Tätigkeit, die durch und durch von Verachtung getragen wird. Auch der folgende Satz ist eher eine intensive Durchdringung von Bloßstellung (oder Spott) und Verachtung. Hier ist er "von Natur aus" (also in seinem Wesen) "böse, beißend, verletzend".


Die Würde des Amtes
"Würde", mit dem Hintergrund, der den ersten Paragraphen unseres Grundgesetzes geprägt hat, ist ein durchaus sehr aufregender und schwer zu fassender philosophischer Begriff. Ich formuliere das meist etwas salopp, an Immanuel Kant angelegt: Würde ist die sittliche Autonomie des Menschen. Diese sittliche Autonomie wird durch die Gleichheit aller Menschen begrenzt. Ich darf mir nur dort meine eigenen sittlichen Gesetze geben, wo ich die sittliche Autonomie anderer Menschen nicht so beschneide, dass ein Ungleichgewicht und eine Ungleichheit entsteht.

Was aber ist die Würde des Amtes? Es ist ein sittliches Amt, oder, moderner gesagt, ein moralisches. Das läuft auf die Frage hinaus, ob sich der Bundespräsident sittlich autonom verhalten darf. Der Privatkredit, den Wulff sich genommen hat, verstößt durchaus nicht gegen die Würde anderer Menschen. Insofern darf er sich (eigentlich) sittlich autonom verhalten. Wenn aber das Amt des Bundespräsidenten diese sittliche Autonomie gerade nicht aufweist, stellt sich die Frage, wie sich die Würde des Privatmenschen Christian Wulff und die Würde des Bundespräsidenten zueinander verhalten.

In der derzeitigen Diskussion klingt mir zu sehr ein Begriff der Würde mit, der sich an einen Status hält. Ich möchte diesen Begriff allerdings sehr viel stärker operativ fassen. Abgesehen davon, dass ich solche Privatkredite als schwierig empfinde, weil diese nur einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht möglich sind, wenn also hier auf ein ökonomisches Ungleichgewicht in der Gesellschaft hingezeigt wird, die Menschen mit einem etablierten Einkommen noch weiter entlasten und ihre Lebensbedingungen verbessern, während Menschen in Armut diese Möglichkeit nicht haben. Oder zumindest in sehr viel geringerem Maße.

Abgesehen davon also spielt der Umgang mit einem Fehler eine wichtige Rolle. Und hier scheitert Wulff kläglich. Niemand hat ihn gezwungen, Bundespräsident zu werden. Er hätte sich also über die besonderen Anforderungen des Amtes im Klaren sein müssen. Und er hätte sich im Klaren sein müssen, dass die Vergangenheit natürlich auch bei ihm mit beleuchtet wird. Dann aber wäre es sinnvoll gewesen, solche Sachen schnell und fair öffentlich zu machen, eben zum Beispiel den Privatkredit. 

Auch wenn er in diesem Fall im Rahmen der Gesetze gehandelt hat, existiert doch die allgemeine Debatte um die Begünstigungen von Politikern durch die Wirtschaft. Wulff hätte dies mitbedenken müssen. Zumindest aber hätte er das ganze Gewurschtel von Beginn der Debatte an deutlicher durch Offenheit und Klärung lenken können. Ein Mensch mag so etwas vergessen; wird es dann aber zum Thema, sollte er sich entsprechend der Würde seines Amtes verhalten, d.h. sittlich vorbildlich. 

Genau dies meine ich auch mit den operativen Anteilen der Würde, sei es der Menschenwürde, sei es der Würde eines Amtes: eben der Umgang mit Fehlern.


Oder: Sexismus, Pathologisierung
Die Würde des Menschen kann sogar im wesentlichen aus solchen operativen Anteilen zusammengesetzt betrachtet werden. Operative Würde besteht in dem Aushandeln der Sphäre der sittlichen Autonomie und wiefern dies einem Menschen zugestanden wird.

Machen wir uns das an Streitfall der Biologisierung des (weiblichen) Geschlechts deutlich. Gehen wir davon aus, es gäbe einen starken Einfluss körperlicher und genetischer Funktionen auf das weibliche Denken. Trotzdem wäre das kein Argument. Jedes Denken ist im Prinzip plastisch genug, um andere Möglichkeiten als die eigenen zu verstehen und nachzuvollziehen. Dass Frauen nicht anders denken könnten, als so, wie die Biologie es ihnen vorgibt, ist nicht nur naturwissenschaftlich bisher unbewiesen (bewiesen sind nur gewisse Einflüsse), sondern auch im Sinne einer operativen Würde nicht vertretbar (und abgesehen davon wird dies auch immer wieder von Frauen empirisch widerlegt).

Erkenntnistheoretisch haben wir es hier mit dem Problem des Eigensinns zu tun, mit der Eigendynamik eines jeweiligen Denkens. Nur durch diese Eigendynamik, nur durch einen zweifelhaften Kontakt zur Umwelt kann sich Denken individuell entwickeln. Im sexistischen Biologismus führt man diese Eigendynamik allerdings auf biologische Ursachen zurück, die durch das spezifische Geschlecht bestimmt seien, nicht durch die allgemeine Struktur des Gehirns, die in Interaktion mit der Umwelt (also Reizaufnahme) zu einer besonderen wird. Damit nimmt man den Frauen aber auch, selbst wenn ein bestimmtes Denkmuster "biologisch" wäre, die Möglichkeit, mit ihrem Leben "semantisch" und im weiteren Sinne "willentlich" umzugehen.

Ein ähnlicher Fall ist die Pathologisierung. Jemand wird als psychisch krank bezeichnet und damit muss man weder mit seinen einzelnen Aussagen noch mit dem Gesamtzusammenhang dieser Aussagen als Ausdruck eines eigenen Willens umgehen.

Mir scheint allerdings (ich bin mit dieser Diskussion mit mir selbst längst noch nicht fertig), dass dieser Begriff der "operativen Würde" "nur" auf eine Streitbarkeit hinausläuft, die sachlich fundiert und argumentativ nachvollziehbar ist, also auf das, was man eine "streitbare Demokratie" nennt. 

In solchen Diskussionen haben biologistische oder psychopathologische Unterstellungen nichts zu suchen. Auch wenn ein Mensch psychisch krank wäre: Ist es dann auch die einzelne Aussage von ihm? Und selbst wenn eine Denkweise biologisch geprägt wäre: Ist nicht auch die Entwicklung des Willens biologisch angelegt? Kann man also einem Menschen nicht zumuten, über seine bisherigen Denkweisen hinauszugehen? Wäre es anders, dann wären viele Veranstaltungen in unserer Gesellschaft zum Scheitern verurteilt, zum Beispiel die Schule oder die Politik. Denn beide zielen mehr oder weniger auch auf die Willensbildung.


Und zum Schluss:
Enttäuschend ist also, wie Wulff mit seinem eigenen Amt umgeht, vorher begangene Fehler hin oder her. Er zeigt sich als bemerkenswert ineffizient, die Würde seines Amtes unbeschädigt zu lassen oder die Beschädigung rückgängig zu machen. Stattdessen verwickelt er sich durch seltsame Erklärungen immer tiefer; und hier bekomme ich den Eindruck, dass er von der ganzen Situation nicht mehr zurücktreten kann und überprüfen kann, was gut für das Ansehen unseres Landes ist (und der Politik im allgemeinen), sondern dass er vor allem sich selbst verteidigt.

Und genau aus diesem Grund wäre es mir lieber, wenn er das Amt aufgeben würde. Der Ruck, den Bubis vor Jahren gefordert hatte, ist bei Christian Wulff noch nicht angekommen.

Und für die allgemeine Debatte wünsche ich mir natürlich nicht, dass nun niemand mehr Witze macht. Aber etwas mehr Argumentation und etwas weniger Urteile in luftleerem Raum drumherum wären schon schön.
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