09.10.2011

Eigenbewegungen des Geistes

Bei Kant gibt es eine Eigenbewegung der Vernunft, die nach den Gesetzen der Vernunft aus den Reizen Begriffe formt. (Das ist natürlich eine Kurzform.)

Uexküll ersetzt in seinem Buch Theoretische Biologie diese von Kant postulierte Eigenbewegung der Vernunft durch ein sensualistisch-kognitivistisches Modell. An deren Basis stehen die so genannten Lokalzeichen, die hier nicht einen wahrgenommenen Ort bezeichnen, sondern eine Stelle auf einem Reize aufnehmenden Organ (zum Beispiel das Auge oder die Haut), die in der Lage ist, genau einen Reiz zu liefern.

Der Witz an dieser ganzen Überlegung ist, dass die Sinnesausstattung des Menschen (aber auch jedes anderen Tieres) selbst eine räumliche, da körperliche ist. Im Unterschied zum geometrischen Raum wird allerdings dieser sinnliche Raum durch verschiedene Qualitäten ganz anders aufgeteilt, eben sinnlich qualifiziert.

Diese je spezifische Qualifizierung, die zugleich den Raum einteilt, als auch erschafft, diese Qualifizierung also, die zugleich konstruiert und produziert, versteht Uexküll als die Basis der  Eigenbewegungen des Geistes. Von hier aus bewegt er sich über eine differenzierte Abfolge bis hin zur Handlungsregulation bei komplexen lebenden Wesen.

Anders gesagt könnte man die Abfolge seiner Argumentation mit dem Weg von der Anschauung zu den Begriffen vergleichen, die man bei Kant und Schopenhauer findet. (Das ist natürlich nichts verwunderliches, da man Uexküll getrost zu den Neokantianer rechnen darf und er an markanten Stellen auch Kant zitiert.)


Emotionen
Ich hatte ja schon in den vergangenen Tagen geschrieben, dass ich die Verbindung zwischen Plutchik und Uexküll suche.
Emotionen sind, und die Lektüre von Uexküll bestätigt mich in dieser Vermutung, so etwas wie alternative Richtlinien für eine Eigenbewegung des Geistes. Das bedeutet, dass die Vernunft sich von allen Gefühlen leiten lassen kann. Und auf dieser abstrakten, d.h. inhaltsleere Ebene sind alle Gefühle auch gleichwertig, oder besser gesagt gleich funktional.

In Bezug auf die Interaktion mit der Umwelt oder Objekten in der Umwelt werden Gefühle allerdings spezifisch. Dies ist nun keine Qualität der Gefühle selbst, sondern eine nachträgliche Qualifizierung durch kognitive Ergebnisse gefühlsgesteuerter Prozesse.

(Es ist auch dieses Ineinander von Kognitionen und Emotionen, dieser dynamische und iterative Prozess, der mich interessiert. Neben Kant und Uexküll war ich heute bei Freud und Adler (Menschenkenntnis), bei Leon Wurmser (Die Maske der Scham, Flucht vor dem Gewissen) und bei dem wunderschönen und leider wenig bekannten Buch Labyrinth Kindheit von Dorothy Burlingham. Zudem habe ich im Buch Coaching-Tools II (herausgegeben von Christopher Rauen, Verlag: managerSeminare) herumgestöbert, welches mir persönlich viel zu psychoanalytisch ist und zwar psychoanalytisch in einem fast schon pejorativen Sinne, weil inhaltlich sehr eingeschränkt, sehr begrenzt, das aber ganz gut zu den psychoanalytischen Büchern passt. Nebenher, allerdings wirklich nur im Überflug, Bachelard. Seine Interpretation kultureller Symbole stellen schon fast so etwas wie eine Eigenbewegung des kollektiven Geistes dar, also etwas, das Canguilhem deutlicher, Foucault weniger deutlich an Kant zurück bindet.)


Modellieren
Auf jeden Fall ist mein eigener Arbeitsprozess, in dem ich mich gerade befinde, ein deutlich modellierender und d.h. auch spekulativer. Es geht mir nicht um eine empirische Abstützung meiner Arbeit durch Wahrscheinlichkeiten, sondern um eine Sensibilität für die "Reibungshitze" (man entschuldige mir diese ungenaue Metapher) zwischen Sinnesdaten (Wahrnehmung) und Ordnungsaufbau (Begriffsbildung).



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