20.10.2011

Das Problem von Hyperbole oder Hyperbel:

Selbst wenn die Hyperbel als "falsch" angesehen wird, suggeriert sie unter der Hand nicht nur, dass es ein richtiges Maß gäbe, sondern vor allem auch, dass es EIN Maß sei.

Und hier müsste man dann auch noch zahlreiche andere, zum Teil recht pragmatische Aspekte mit dazu nehmen, zum Beispiel wie sich der Sprechende durch eine Hyperbel inszeniert.

Eventuell: die Hyperbel als Paralogismus, als eine Extrapolation. Natürlich ist die Extrapolation bereits eine Übertreibung, da sie einen Aspekt bevorzugt und alle anderen möglichen Aspekte vernachlässigt. Sie bezeichnet auf der logischen Ebene das falsche Lesen, das tendenziöse Lesen.


Das tendenziöse Lesen kann auch polemisch gemeint sein.


Zum Beispiel:
"Er [die triadische Form des Ödipus] beruht auf dem Paralogismus der Extrapolation, der die formale Ursache von Ödipus begründet und dessen Illegitimität insgesamt auf folgender Operation lastet: von der signifikanten Kette ein transzendentes ganzes Objekt, gewissermaßen als despotischen Signifikanten, von dem in der Folge die ganze Kette abzuhängen scheint, herauszuziehen, einer jeden Wunschposition einen Mangel zuzuschreiben, den Wunsch an das Gesetz zu schmieden, die Illusion einer Ablösung zu erzeugen."
(Deleuze/Guattari: Anti-Ödipus, Seite 142)

Dabei geht es aber nicht nur darum, ein positives Objekt zu erstellen (das wohl am wenigsten), sondern vor allem ein interessantes (der Ödipus, die Weiblichkeit, um zwei typische Beispiele von Freud zu zitieren) oder ein gefährliches (wie Scholz in den Spielregeln des Lebens die Wissenschaft als ein nur scheinbar hilfreiches Objekt, in Wirklichkeit aber ein verlogenes, neurotisches und irreführendes Objekt einführt).


Das Problem von Aufzählungen: auch sie setzen gleich, allerdings setzen sie Funktionen gleich. Man kann dies ab Seite 7 bis Seite 9 gut studieren: beispielhaft werden Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft gebrandmarkt und dabei unterstellt, dass alle die gleiche Wurzel haben. Hier werden nicht nur einzelne Symptome miteinander vermischt, sondern diese Symptome auch als Einheit gesehen. Tatsächlich aber sind es metaphorisch arbeitende Textabschnitte, die zwei Beispiele in einer ähnlichen Art und Weise gleichsetzen, wie die Metapher zwei Wörter "gleichsetzt".

Solche metaphorischen Gleichsetzungen sind alleine deshalb schon gefährlich weil zum Beispiel die Unzufriedenheit, auch die zielelose Unzufriedenheit, so der psychiatrischen Erkrankung ähnlich erscheint. Zumindest könnte man beim Lesen des Textes darauf kommen (Seite 7).


Die metaphorische Gleichsetzung von Textpassagen stellt auf der Ebene der Textrhetorik das dar, was auf der Ebene der Argumentation entweder einen Bruch oder eine Parenthese ist.

(Die Parenthese müsste ich auch noch einmal genauer untersuchen, bzw. den Exkurs. Gerade hier erscheint mir Robert Walser seit Jahren als ein mögliches zentrales Forschungsobjekt.)


Im übrigen ist das Zitat von Deleuze/Guattari schon allein deshalb klasse, weil auch Scholz (ähnlich wie Freud) mit dem Mangel arbeitet, mit einem (wissenschaftlichen) Wissen, das sich als Vollständigkeit behauptet, in Wirklichkeit aber die wichtigen Aspekte des Lebens nicht thematisiert, ja diese sogar verdrängt.
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