27.04.2009

Wachsender Rassismus

Etwas verschüttet gegangen ist bei der ganzen Volksabstimmung mein Augenmerk auf die neue Gewaltstudie.
Diese wurde am 17.03 von Christian Pfeiffer vorgestellt. Insgesamt ist die Jugendkriminalität rückläufig. Nur der Rechtsextremismus gewinnt mehr und mehr Boden. 14,4% aller Jugendlichen seien als extrem ausländerfeindlich einzustufen. Eindeutig rechtsextrem gelten 4,9%.
Zweierlei muss man dazu anmerken.

Erstens schreibt der Spiegel:
Bemerkenswert: Die Ausländerfeindlichkeit ist in jenen Regionen am höchsten, wo eher wenige Ausländer leben. "Wo die direkte Erfahrung mit dem Fremden fehlt, sind die Vorurteile am größten", erklärte Pfeiffer.
Im Zuge der Pro Reli-Debatte wurde, man denke daran, genau das umgedrehte Argument verwendet: erst die eigene Identität, dann die fremde (aber, wie ich schon sagte, selbst Goethe hat hier ein eher dialektisches Verhältnis, das von einem sich ausdifferenzieren verschiedener Identitäten ausgeht).
Tatsächlich ist es die Erfahrung mit Fremden und Fremdem, die zu einer differenzierteren Sicht kommen lässt und die Erfahrung mit einer eigenen Kultur, die sich in so Fremdartigem wurzelt wie Nathan, der Weise oder Faust, die einen nuancierteren Blick auf die eigene Kultur nahebringen.
Auch dafür ist Bildung geeignet.

Pfeiffer sagte auch:

Damit seien diese Gruppierungen wesentlich erfolgreicher bei der Anwerbung von Jugendlichen als etwa alle demokratischen politischen Nachwuchsorganisationen zusammen, betonte Pfeiffer. "Es ist erschreckend, dass die Rechten beim Einsammeln der Jugendlichen mehr Erfolg haben als die etablierten Parteien."
Wenn aber die politischen Gruppierungen sich einer Sprache bedienen, die den Begriffen ihren Ethos nimmt, die eine politische Debatte auf unsachliche und unklare Weise herunterbrechen, dann kann man hier kaum von einer strukturellen Distanzierung zur Nazi-Propaganda sprechen. Und dann spielen andere Faktoren plötzlich eine große Rolle, die die etablierten Parteien nicht bieten, die Neonazis aber schon: zum Beispiel ein bestimmtes Aussehen, Kameradschaft, gemeinschaftliche Unternehmungen.

Was aber am besten gegen Rassismus und Faschismus hilft ist Spaß am Lernen und Spaß an Bildung, und zwar der Bildung, die einen Jugendlichen zu kreativem und konstruktivem Arbeiten befähigt. Spaß am Lernen, Spaß an der Bildung muss manchmal seine eigenen Wege gehen und der Lehrer und die Eltern müssen kompetent sein, diese Wege zu sehen (zu diagnostizieren) und zu unterstützen (in Methoden zu packen).
Wer das Lernen lernt, der kann dieses gelassener führen (beim Lernen gibt es nur bedingt Steuerungsmöglichkeiten, aber diese kann man natürlich ausnutzen); wer Spaß am Lernen hat, überschreitet Grenzen: das muss nicht mit dem Überschreiten von Rassengrenzen oder politischen Grenzen einhergehen - solche Erwartungen fände ich zu hochgestochen -, aber es kann mit anderen Grenzen, disziplinären Grenzen oder Grenzen der Lebenswelt anfangen.
Die Steuerung solcher Prozesse kann sich übrigens nicht an Scheinidentitäten entfalten, sondern nur an ethischen Begriffen. Ethische Begriffe sind Begriffe, die sich nicht verwirklichen lassen, und denen auch niemand realerweise entspricht. Es sind eher Leitgedanken, Idealitäten, die genau dann dem Realen am nächsten kommen, wenn sie sich in einer kritischen Struktur wiederfinden. Die streitbare Demokratie ist ein solches Beispiel: die endgültige, die absolute Demokratie wird fortlaufend vertagt, aber nicht mehr für sie zu streiten, weil es keinen Zweck habe, weil sie sowieso nie existieren wird, wird die politischen Prozesse ins Gegenteil kippen lassen.
Ein anderes Beispiel ist der humorvolle Lehrer; humorvoll in dem Sinne, wie Freud dies für Eltern beschrieb: Ansprüche zu stellen aber das Scheitern als Erkenntnismöglichkeit und nicht als Versagen zu nehmen.



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