09.09.2012

Frauen sind zu doof zum Schreiben!

Liebe Junge Freiheit!
Falls ihr es noch nicht vorher gewusst habt, so wisst ihr es jetzt, dank eures online-Experiments mit der Reporterin Anni Mursula. Dabei handelt es sich um eine verheiratete Finnin und dreifache Mutter. Schon das hätte im Vorfeld misstrauisch machen sollen.
Unter dem Titel Hirnwäsche, von der „Reporterin“ neckisch in Anführungsstriche gesetzt, veröffentlicht Frau Mursula (man möchte fast sagen: Mursula von der Leyen) folgende seltsame Aussagen:
Die meisten Menschen wissen zwar, daß „der kleine Unterschied“ zwischen den Geschlechtern gar nicht so klein und erst recht nicht steuerbar ist. Doch trauen sie sich nicht, es offen auszusprechen - aus Angst, als reaktionär oder dumm zu gelten. Schließlich beteuern vor allem Sozialwissenschaftler und Politiker permanent, Gender Mainstreaming sei wissenschaftlich mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft.
Abgesehen davon, dass der Sexist hier plötzlich als Opfer auftaucht (er wird zensiert und das ist ja böse), weist dieses Zitat noch einige andere, typische Tricks auf, die die Täter-Opfer-Rolle komplett umdrehen können. Zählen wir diese auf:

(1) Das Unrecht wird verschoben. Nicht die Benachteiligung der Frauen ist falsch, sondern die Zensur der Gender-Gegner. So urteilen ja auch die Neonazis: Nicht das Grölen von rassistischen Liedern sei schlecht, sondern die Zensur von Kunst.

(2) Eines der typischsten Mittel ideologischer Systeme ist die Vereinheitlichung. Die Suggestion, Theoretiker des Genders würden „den kleinen Unterschied“ nicht kennen, ist peinlich falsch. Gender-Theoretiker, zumindest die ordentlichen, kennen natürlich „den kleinen Unterschied“. Und nicht nur den! Sie kennen sogar (wenn sie ordentlich und wissenschaftlich arbeiten) eine ganze Menge Unterschiede, zum Beispiel den zwischen Anschauung und Diskurs oder den zwischen gesellschaftlicher Struktur und sittlicher Autonomie.
All diese Differenzen plättet die Autorin weg. Sie zeigt deutlich, dass sie eine grundlegende Aussage des Gender Mainstreaming nicht verstanden hat. Es geht eben nicht darum, dass alle Mädchen jetzt Ingenieurinnen werden, sondern darum, dass Mädchen genau die gleiche Möglichkeit haben, Ingenieurswesen zu studieren wie Jungen. Womit sie, da sie das nicht versteht, gleich auch noch den Unterschied zwischen Möglichkeit und tatsächlicher empirischer Wahl einebnet.

(3) Ähnlich der Verschiebung des Unrechts baut die Berufung auf dem ›man‹ auf eine Hierarchisierung. „Die meisten Menschen wissen zwar“, und woher auch immer die Autorin selbst dies weiß, es klingt so einfach und provoziert den Automatismus, auch selbst zu diesen „meisten Menschen“ gehören zu wollen. Das „mehr“ klingt immer besser, vor allem wenn die angebliche „Bodenständigkeit“ gegen einen „elitären“, aber völlig fehlgelaufenen Bildungsdünkel ausgespielt wird.

(4) Und schließlich die Überdramatisierung. Sozialwissenschaftler und Politiker, so die Autorin, würden „permanent“ beteuern. Natürlich gibt es Politiker, die ihre Lieblingsthemen haben. Die gender-Theorie kann genauso gut dazu gehören. Aber Sozialwissenschaftler? Mal ganz abgesehen davon, dass ein Wissenschaftler seine Themen haben muss, mit denen er sich intensiv beschäftigt?
Ist also diese Konstruktion schon recht fragwürdig, so ist der letzte Halbsatz (eine verkürzte Analogie und damit fast schon eine Metapher) nur noch dubios. Natürlich gibt es auch in diesem Bereich seltsame Artikel und nicht alles, was zum Gender Mainstreaming veröffentlicht wird, ist automatisch gerecht, wissenschaftlich oder fundiert. Aber eine Aussage wie diese („mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft“) habe ich noch nicht gefunden, lediglich die Aussage, Gender Mainstreaming sei die wichtigste politische Bewegung unserer Zeit, was allerdings tatsächlich eine recht dämliche Behauptung ist.

(5) Eine weniger wichtige rhetorische Strategie nutzt die Autorin im ersten von mir zitierten Satz. Sie stellt die Verminderung eines Unterschiedes („gar nicht so klein … ist“) als Übertreibung (oder eher: Untertreibung) dar (eine Hyperbel) und verlässt sich dabei darauf, dass Hyperbeln in beide Richtungen funktionieren: mit oder gegen den übertriebenen Wert (siehe dazu: Die Hyperbel als Figur im Diskurs).
Die erste „Raffinesse“ dieser Phrase ist, dass „klein“ nur eine Metapher ist. Sie suggeriert aber eine Materialität: denn nur materielle Dinge können in wörtlichem Sinne klein sein; und damit suggeriert sie weiter, dass es nur um die Biologie geht, bzw. um die Anatomie.
Dem folgt aber ein weiterer Zusatz und der erweist sich bei längerem Nachdenken als besonders gefährlich. Der „kleine Unterschied" sei nicht nur nicht so klein, sondern auch nicht steuerbar. Das ist eine völlig offene, weil ebenfalls völlig suggestive Argumentation. Sie könnte, aber hier wird die Autorin nie sonderlich deutlich, zu einem erneuten Fatalismus des biologischen Schicksals führen. Frauen seien halt so und Männer seien anders. Wiederholt dieser Zusatz auf der einen Seite die Vereinheitlichung durch seine Schwammigkeit (weshalb man ihn eigentlich gar nicht angreifen kann, da er nichts besagt), so wird er auf der anderen Seite als Überzeugung der stillschweigenden Mehrheit zugesprochen.

Insgesamt baut der Artikel auf Behauptungen auf. Er nimmt eine einzelne Sendung als Anlass, um darauf ein Für und Wider aufzubauen, ohne jemals nur in die kritische Diskussion einzusteigen. Diese kritische Diskussion wird gleichzeitig durch zahlreiche Abwertungen verhindert.
So schreibt die Autorin:
Komisch nur, daß die „Wahrheit“ kein Hinterfragen ertrug und die selbsternannten Experten sich statt dessen über Eias „unfaire“ Methoden beklagten.
Die Experten wären natürlich selbst ernannt. Deren Wahrheit muss in Anführungsstrichen stehen. Und auf die Idee, dass eine komplexe soziale Theorie vielleicht tatsächlich nicht so einfach zu vermitteln ist, scheint die Autorin auch nicht zu kommen. Dazu eben gibt es den guten Wissenschaftsjournalismus. Das wäre doch mal für Frau Anni Mursula ein lohnenswertes Betätigungsfeld, statt hier dumm und frech die Erfüllungsgehilfin eines sexistischen Neokonservatismus zu spielen.

Und das Gender Mainstreaming?
Nein, einen Hurrah-Automatismus werde ich euch nicht liefern.
Vor einigen Jahren hat die Bundeszentrale für politische Bildung unter der Leitung von Michael Meuser und Claudia Neusüß ein Buch über ›Gender Mainstreaming‹ (Bonn 2004) herausgegeben. Mein wesentlichster Kritikpunkt an diesem Buch ist, dass viele Autorinnen das Konzept mit der rechtlichen Gleichstellung verwechseln. Diese soll ja, angeblich, im Grundgesetz verankert sein (habe ich mal gehört). Und tatsächlich soll es für den Gesetzgeber und die Rechtsprechung keine Rolle spielen, ob ein Bürger nun männlich oder weiblich ist.
Beim Gender Mainstreaming allerdings geht es nicht um das biologische Geschlecht, sondern um das kulturelle. Dies beachtet das Buch zu wenig, in der Themenwahl und auch in den Argumentationen, und liefert dadurch selbst eine schleichende Re-Biologisierung des Gender-Konzeptes.
Ich habe mich damals jedenfalls sehr über dieses Buch aufgeregt. Nicht über alle Artikel, aber doch über deutlich sehr viele. Das ist tatsächlich schlechtes Gender Mainstreaming. Und so etwas möchte ich auch nicht haben.
Gender Mainstreaming soll gut sein und dazu gehört, dass man das Problem, nämlich den Zwang innerhalb sozialer Strukturen, ihren Einfluss auf die Wahrnehmung, auf Motive und auf Bedürfnisse zuallererst begreift. Und deshalb ist der Artikel von Frau Mursula in einem doppelten Sinne gefährlich: zum einen, weil er gegen eine äußerst plausible Theorie (gemeint ist: gender) polemisiert und weil er die Kritik an Trittbrettfahrern der Gender-Theorie (und natürlich gibt es die! das will ich gar nicht leugnen) erschwert.
Wir müssen begreifen lernen, dies zu trennen. Die Kritik des israelischen Staates ist noch kein Antisemitismus. Selbstverständlich kann das eine als Legitimation für das andere genutzt werden. Diese Befürchtung habe ich selbst oft genug. Doch das Problem kann hier nicht indirekt angegangen werden, indem man nämlich die Kritik an Israel unterbindet, sondern besteht einfach darin, auf dem Unterschied zwischen Israelis (als Regierung, als Staat, als Territorium, als Volk) und Juden zu beharren.
Ähnlich müssen wir dies für das kulturelle Geschlecht denken. Dass ein Mensch ein kulturelles Geschlecht habe, besagt noch sehr wenig. Und natürlich verwirft es nicht die Anatomie des Körpers. Die Frage besteht doch darin, wie beides zusammenhängt. Wogegen ich mich wehre, ist auf der einen Seite die Kurzschlussreaktion, wenn das nicht bewiesen sei, dann gelte automatisch wieder die biologische Determinierung. Ebenso wehre ich mich aber gegen die Praxis der Gleichschalterei (obwohl dies eher ein Mythos der Gender-Gegner ist) und schließlich ist natürlich eine vollständige Abkopplung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht auch unsinnig. Spätestens ein pubertierender Mensch wird seine eigenen Geschlechtsorgane beeindruckend finden und gelegentlich mal darüber nachdenken. Und wenn das keine Wechselwirkung zwischen anatomischem Schicksal und individueller Aneignung ist, dann weiß ich auch nicht weiter.
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