20.09.2012

Infodumping, Suggestion und semantische Nähe

Informationen sind schick und sie gehören auch in eine Zeitung hinein. Nicht zuletzt aber bei Bettina Wulff sehen wir, dass sich Meinungen plötzlich Tatsachen schaffen. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein.
Nun finde ich auf Spiegel online folgenden Abschnitt zum „Missbrauchsskandal“ in Ahrensburg (Nebenbemerkung: dieses Wort Missbrauchsskandal kann ich schon überhaupt nicht leiden: es suggeriert ja, dass es einen Missbrauch ohne Skandal gäbe):
Anselm Kohn vertritt seit vielen Jahren die Belange der Missbrauchsopfer und ihrer Angehörigen in Ahrensburg. Drei seiner Brüder wurden Kohn zufolge Opfer des heute 74-jährigen Pastors. Zwei von ihnen sind inzwischen gestorben.
Wenn man sich den letzten Satz gut durchdenkt, dann gibt dieser eine Information, die nicht in den Kontext passt. Offensichtlich haben die beiden Tode nichts mit dem Missbrauch zu tun. Oder es wird nicht gesagt. Jedenfalls gibt es keinen argumentativen Zusammenhang. Es gibt jedoch einen suggestiven.
Durch die räumliche Nähe, aber auch dadurch, das sowohl Missbrauch als auch Tod eines Anverwandten; mit „Schrecken“ assoziiert werden, „Unglück“, „schlimm“, usw. stehen sie sich auch semantisch nahe. Räumliche Nähe und semantische Nähe sind also zwei wesentliche Strategien, um Argumentationen durch Suggestionen zu ersetzen. Was suggeriert nämlich der letzte Satz in dem von mir zitierten Abschnitt? Dass die Brüder infolge des Missbrauchs gestorben sind.
Dass dies natürlich nicht immer klappt, dass diese Suggestion nicht automatisch entsteht, liegt daran, dass manche Menschen Lesemuster besitzen, die entweder diesen suggestiven Zusammenhang aufbrechen oder ihn ignorieren. Im ersten Fall ist der Mensch zu „intelligent“ für diese Suggestion, im zweiten Fall zu „doof“.
Dies alles spricht übrigens noch nicht gegen die Suggestion. Langjährig gewusstes Wissen hat immer einen suggestiven Charakter. Wir ergänzen uns sozusagen aus dem Kopf heraus die fehlenden Argumente. Und auch dieser Fall der Suggestion ist eher banal.

Semantische Nähe

Der Begriff der räumlichen Nähe ist natürlich schon ein Unding, da Nähe immer etwas mit dem Raum zu tun hat. Dies ist ein Pleonasmus. Allerdings nicht ganz. Denn der Begriff der semantischen Nähe benutzt das Wort Nähe als Metapher. Der Pleonasmus deutet darauf hin, dass ich mich von diesem metaphorischen Gebrauch abgrenzen wollte.
Was nun bedeutet semantische Nähe? Der eigentliche Begriff ist hier Konnotation. Konnotation bedeutet im weitesten Sinne einen gewohnheitsmäßiger Zusammenhang, also eine Assoziation. Zunächst! Die Konnotation bezieht sich auf Texte und hier nicht auf den wörtlichen Sinn, sondern auf das, was mit notiert wird, was zwischen den Zeilen steht.
Sehen wir uns einige typische Konnotationen an:
(1) Trägt eine Frau ein Diamantcollier, dann konnotiert das Reichtum. Natürlich können wir diesen Reichtum nicht sehen, nicht als solchen. Er veranschaulicht sich in „Accessoires“, die teuer und luxuriös sind.
(2) Eine sehr wichtige Form der Konnotation ist der Kontrast, bzw. die Opposition. Der Kontrast entsteht durch einen sinnlichen Unterschied. Sage ich „schwarz“, wird bei Ihnen häufig das Wort „weiß“ auftauchen, vielleicht nicht als allererste Assoziation. Aber häufig genug.
Nun ist der Trick bei der ganzen Geschichte, dass diese Kontraste zwar rein sinnlich erscheinen, aber durchaus kulturell zusammen geschweißt sind. Sie erzeugen weitere Assoziationen, wie zum Beispiel Schachspiel (mit dieser Verbindung spielt Max Frisch zum Beispiel in seinem Homo Faber intensiv). Oder Schwarz-Weiß-Denken (da das Denken keine Farbe hat, handelt es sich hier um eine metaphorische Wendung).
Semantische Oppositionen sind kulturell geprägte Entgegensetzungen. In den westlichen Kulturen wurden Leben und Tod gerne als Gegensätze verstanden, in den schamanistischen, hinduistischen und buddhistischen dagegen nicht.
Eine sehr hübsche Opposition ist zum Beispiel die zwischen CDU und SPD. Diese beiden Parteien werden immer noch als die großen Kontrahenten in unserem politischen System betrachtet. Wobei doch jedem halbwegs intelligenten Menschen auffallen muss, dass ein solch komplexes System wie eine Partei sich gar nicht auf einen großen Nenner bringen lässt. Und gerade beim derzeitigen Zustand dieser beiden Parteien kann man auch gar nicht mehr richtig sagen, wo die tatsächlichen Unterschiede liegen und wo sich diese beiden Parteien ideologisch wirklich abgrenzen lassen. So kippen manche Oppositionen in eine Kontinuität oder Abschattierung um.
(3) Schließlich gibt es gewohnheitsmäßige, kulturell gepflegte Gruppierungen. Wer derzeit Bettina Wulff sagt, assoziiert fast sofort Rotlichtmilieu. Diese Gruppierung wird massenweise benutzt und weil sie massenweise benutzt wird, trägt sie sich weiter fort als eine besonders einfache Verbindungslinie. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeihung, oder zumindest der Kern einer solchen.
Dasselbe dürfte derzeit mit dem Begriff der Kirche passieren. Man könnte sich hier ein Experiment vorstellen. Bei diesem geht man auf die Straße und fragt die Menschen, was sie mit Kirche assoziieren. Und ich wette, dass die Antwort „sexueller Missbrauch“ häufig auftauchen wird. Hier wurde in den letzten Jahren durch das öffentliche Aufsehen eine Assoziation geschaffen. Allerdings gibt es auch sehr lang gepflegte, uralte Gruppierungen. Dazu gehört zum Beispiel Erde, Wasser, Feuer, Luft, also die vier Elemente. Dazu gehören Liebe, Tod und Teufel. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die vier apokalyptischen Reiter. Faust und sein Mephisto, Don Quijote und sein Sancho Pansa, ebenso aber der Kampf gegen die Windmühlenflügel, der den Ritter von trauriger Gestalt sofort mit aufklappen lässt. Große historische Institutionen, wie die Kirche, sind eben solche Konnotationsmaschinen, wie große kulturelle Werke. Wer Romeo sagt, muss eigentlich schon gar nicht mehr Julia sagen, um sie zu konnotieren. (vgl. Vorstellungsmassen)

Veranschaulichungen, Kontraste und Oppositionen und schließlich Gruppierungen sind also wesentliche Mechanismen für die semantische Nähe.
Aber genauso, wie wir uns auf solche kulturell gepflegte Konnotationen verlassen, können diese auch erzeugt werden. Unser Journalist hat durch seine überflüssige Information (den Tod von zwei Brüdern) einen solchen „Keim“ erzeugt. Wenn er nicht aufgegriffen wird, wird er wieder verschwinden, sanglos und klanglos.
In anderen Fällen, siehe Bettina Wulff, taugen solche erzeugten Gruppierungen zu einem „großen Thema“. Dabei ist es völlig egal, was für eine Realität dahinter steckt. Zunächst muss nur dieser grundlegende Mechanismus greifen, dass eine häufig erwähnte Assoziation zu einer gewohnheitsmäßigen Assoziation wird und diese dann oft genug in Argumentationen suggestiv gebraucht wird.
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