01.09.2012

Adorno und das Genie

Das Moment des Ichfremden unterm Zwang der Sache ist wohl das Signum dessen, was mit dem Terminus genial gemeint war. Der Geniebegriff wäre, wenn irgendetwas an ihm zu halten ist, von jener plumpen Gleichsetzung mit dem kreativen Subjekt loszureißen, die aus eitel Überschwang das Kunstwerk ins Dokument seines Urhebers verzaubert und damit verkleinert. Die Objektivität der Werke, den Menschen in der Tauschgesellschaft ein Stachel, weil sie von Kunst, irrend, erwarten, sie mildere die Entfremdung, wird in den Menschen, der hinter dem Werk stehe, zurückübersetzt; meist ist er nur die Charaktermaske derer, die das Werk als Konsumartikel verkaufen wollen. Will man den Geniebegriff nicht einfach als romantischen Überrest abschaffen, so ist er auf seine geschichtsphilosophische Objektivität zu bringen. Die Divergenz von Subjekt und Individuum, präformiert im Kantischen Antipsychologismus, aktenkundig bei Fichte, affiziert auch die Kunst. Der Charakter des Authentischen, Verpflichtenden und die Freiheit des emanzipierten Einzelnen entfernen sich von einander. Der Geniebegriff ist ein Versuch, beides durch einen Zauberschlag zusammenzubringen, dem Einzelnen im Sondergebiet Kunst unmittelbar das Vermögen zum übergreifend Authentischen zu attestieren. Der Erfahrungsgehalt solcher Mystifikation ist, dass tatsächlich in der Kunst Authentizität, das universale Moment, anders als durchs principium individuationis nicht mehr möglich ist, so wie umgekehrt die allgemeine bürgerliche Freiheit die zum Besonderen, zur Individuation sein sollte.
(Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1973, Seite 254 f.)

Im übrigen stimme ich Adorno nicht darin zu, dass Kant nicht die technische Seite seiner Genie-Ästhetik gesehen habe. Diese technische Seite findet sich sehr deutlich in der Darstellung der Hypotypose (siehe Kant und die Urteile). Das Problem bei Kant ist eher, dass er behauptet, die Möglichkeit dieser Technik sei dem Menschen mehr oder weniger angeboren. Genie sei, wem hier, in der Verbildlichung, ein hohes Talent beschieden sei. Wir wissen aber heute, dass das, was Kant als Symbol vorstellt, eine wichtige Denktechnik ist (die Analogiebildung) und trainiert werden kann (siehe zum Beispiel mein Buch Metaphorik. Strategien der Verbildlichung).
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