26.09.2012

Praktische und theoretische Sätze - Kant und die gender-Theorie

Eigentlich wollte ich die gender-Theorie jetzt mal wieder ein wenig zurückfahren. Abgesehen davon, dass ich auch noch andere Sachen interessant finde, ist es doch recht langweilig, immer wieder die gleichen Argumente und die gleichen Blindheiten auseinanderzupflücken. Und meist nützt es ja auch gar nichts. Mein Einwand mit der Neuroplastizität interessiert die Biologisten gar nicht und wann immer ich dieses Argument bringe, wird es geflissentlich ignoriert. Was mich nur vermuten lässt, dass die Biologisten gar nicht an einer biologischen Fundierung der gender-Theorie interessiert sind, sondern nur an deren Entstellung.

Praktische und theoretische Sätze
Nun habe ich aber bei Kant eine recht hübsche Stelle gefunden, die ebenfalls gut auf ein Problem vieler Menschen mit der gender-Theorie antwortet. Es ist keine ganz einfache Passage und zurzeit traue ich mir nur zu, hier Tendenzen anzugeben. Noch immer ist mir die Begrifflichkeit von Kant zu fremd, noch immer auch sein gesamtes Gedankengebäude. Trotzdem!
Was also wird missverstanden an der gender-Theorie? Es ist das Problem des Verhältnisses von praktischen und theoretischen Sätzen. Sehr kurz gesagt sind praktische Sätze solche, was ich mit einem Ding tun kann und welche Folgerungen das haben wird. Die theoretischen Sätze dagegen sind solche, die die Prinzipien, Gesetze und Regeln eines Fachgebietes beschreiben (Seite 11).
Um dies anschaulich zu machen: wenn ich einen Apfel nehme und diesen loslasse, wird er zu Boden fallen. Dies ist die Praxis. Die Theorie dahinter ist, dass es ein Gesetz von der Anziehungskraft der Massen gibt. Nun gibt es aber einen deutlichen Unterschied zwischen dem Gesetz und der bloßen Tatsache, dass der Apfel zu Boden fällt. Hier wird dann häufig folgendermaßen argumentiert: der Apfel fällt zu Boden, weil die Schwerkraft auf ihn wirkt. Dieser Satz ist allerdings insofern falsch, als die Schwerkraft keine Ursache ist. Die Schwerkraft wirkt immer und sie verändert sich auch nur dann, wenn die sich anziehenden Körper sich verändern. Ursache dafür, dass der Apfel fällt, ist also nicht die Schwerkraft, sondern dass ich ihn loslasse, also eine der Schwerkraft entgegenstehende Kraft „entferne“.
Deshalb bemerkt Schopenhauer irgendwo mal sehr richtig, dass Naturgesetze nichts bewirken, sondern sich in Kausalitäten ausdrücken. Und genau dies macht auch den Unterschied zwischen Prinzipien und Kausalitäten aus.
Mit anderen Worten: dass Äpfel zu Boden fallen, wenn sie sich vom Baum lösen, ist ein praktischer Satz; das Gesetz der Anziehung von Körpern dagegen ist ein theoretischer Satz.

Psychologische und sittliche Grenzen
Nun diskutiert Kant dies aber nicht nur im Bereich der Naturwissenschaften, sondern auch der Psychologie (Seite 13). Und hier bringt er den Begriff der Freiheit ins Spiel. Dabei verkomplizieren sich die Dinge etwas. Denn zum einen sagt Kant, dass das Wissen um die Möglichkeit, menschliche Zustände hervorzurufen, „aus der Beschaffenheit unserer Natur entlehnt werden“ (Seite 13) müssen; und zum anderen seien die Bestimmungen der Handlungen, welche nicht aus der Natur abgeleitet werden, der „Idee der Freiheit“ (Seite 13) verpflichtet.
So haben wir hier zwei Grenzen, die das menschliche Um-Sich-Selbst-Sorgen definieren, einmal die psychologischen und einmal die sittlichen. Die psychologische Grenze, und seien wir hier mal großzügig und rechnen die biologischen gleich mit dazu, kann der Mensch nicht überschreiten. Die sittlichen soll er nicht überschreiten.
Beide Bereiche jedoch lassen sich individuell auffüllen. Dass der Mensch die biologisch-psychologischen Grenzen nicht überschreiten kann, heißt noch lange nicht, dass er alle Möglichkeiten, die er hat, realisieren muss. Jeder Mensch zum Beispiel hat die Fähigkeit, Flöte zu spielen. Trotzdem spielt nicht jeder Mensch Flöte und bei den meisten sind wir sicherlich auch nicht böse darum. Dafür können diese Menschen etwas anderes. Dasselbe gilt für den sittlichen Bereich. Was der eine durch Zuhören und Beraten einem anderen Menschen empfehlen möchte, macht ein anderer durch ein mehr oder weniger liebevolles Hineinstoßen in eine Situation für eine deutliche Entscheidung.

Kausalität und Ausdruck
Halten wir also zunächst fest: Prinzipien und Gesetze bewirken nicht Veränderungen in der Realität, sondern in diesen Veränderungen drücken sich Prinzipien und Gesetze aus. Das gilt übrigens auch für die Gesetze der Evolution. Diese hat nicht die Zweigeschlechtlichkeit zahlreicher höherer Lebewesen bewirkt, sondern in der Zweigeschlechtlichkeit erscheinen die Prinzipien der Evolution.
Halten wir weiterhin fest, dass der psychologische Bereich von zwei Grenzen umfasst wird: dem, was der Mensch kann, und dem, was er soll. Und halten wir auch fest, dass diese beiden Bereiche nicht deckungsgleich sind. Der Mensch kann einen anderen Menschen umbringen. Das ist eine empirische Tatsache. Aber darf er das auch?

Geschlechtsidentität und Sittlichkeit
Als die Homosexualität noch kriminalisiert war, war die Frage ja nicht: können zwei Männer (oder zwei Frauen) miteinander Sex haben? Empirisch gesehen natürlich ja. Die Frage lautete vielmehr: dürfen sie das auch? Und hier war die Antwort (der Gesetzgeber): Nein, das dürfen sie nicht!
Auch heute noch haben wir Geschlechtsidentitäten, die die Gesellschaft nicht einfach hinnimmt und gegen die Gesetze erlassen werden. Gender (und ich rede jetzt von den empirischen Ausprägungen, nicht von der Theorie) ist ein empirisches Konzept, gehört also in das, was Kant den psychologischen Bereich nennt. Und hier finden wir ebenso Päderasten und Vergewaltiger, Sadisten und Masochisten. Gerade in den ersten beiden Fällen kann man diese sehr eindeutig außerhalb des sittlichen Bereiches einordnen. Der Geschlechtsverkehr mit Kindern ist ebenso verboten wie der erzwungene an erwachsenen Menschen.

Freiheit und geschlechterspezifische, sittliche Grenzen
So wie es innerhalb des psychologischen Bereiches Freiheiten gibt, so gibt es innerhalb des sittlichen Bereiches Freiheiten.
Hier nun deutet Kant eine weitere Unterscheidung an: zwischen den Regeln, die sittlich vertretbar sind und den Regeln, die individuell günstig sind. Individuell günstige Regeln werden zum Beispiel in der Ratgeber-Literatur gegeben. Dort steht dann: „wenn du deinen Chef beeindrucken willst, dann mache X, Y und Z“. Die sittlichen Regeln dagegen können solche Ratschläge nicht geben. Sie können nur bestimmen, ob man seinen Chef beeindrucken darf oder nicht. (Die psychologischen Regeln würden sagen, ob man seinen Chef beeindrucken kann oder nicht.)
Was nun hat das alles mit der gender-Theorie zu tun?
Nun, das dürfte klar sein. Die gender-Theorie beschreibt nicht, wie die einzelne Frau zu leben hat  (und natürlich auch nicht der einzelne Mann), sondern sie untersucht den sittlichen Bereich und ob die Grenzen, die diesem auferlegt werden, gerechtfertigt sind. Vor allem aber untersucht sie, ob verschiedene individuell günstige Regeln zu verschiedenen Ansichten über die sittlichen Grenzen führen. Zum Beispiel, woher die Idee kommt, dass Frauen bei gleicher wissenschaftlicher Qualifikation für Leitungspositionen trotzdem nicht so geeignet sind, wie Männer. Dies ist zwar keine scharfe, sittliche Grenze, aber etwas ähnliches.
So können wir hier, in einer leider recht unpräzisen Lektüre von Kant, das Raster aufstellen, was die gender-Theorie, aber auch eigentlich jede Wissenschaft der Moral, problematisiert und problematisieren muss: das, was ein Mensch kann (biologisch-psychologisch), das, was er soll (moralisch-rechtlich) und das, was er will (individuell). Problematisiert werden muss dieses Raster, weil in der Praxis der Zusammenhang zwischen diesen Bereichen immer wieder vermischt wird. Ob zwei Männer miteinander Geschlechtsverkehr haben, ist dabei zum Beispiel überhaupt keine biologische Frage. Empirisch gesehen geht das. Auch individuell ist das kein Problem. Solange die beiden Männer wollen, liegt dies außerhalb des Bereichs individueller Ratschläge. Nur der sittliche Bereich ist fraglich.

Verwirrung der Argumentationen
Der Biologismus versucht nun, die Grenzen dieses sittlichen Bereiches durch die Argumentation mit Naturgesetzen zu verschieben. Dies kann aber nur dann gelingen, wenn man zum Beispiel den Frauen nachweisen kann, dass sie etwas gar nicht können, was Männern möglich wäre. Und natürlich umgedreht.
Solche Fälle gibt es. Siehe Schwangerschaft. Liegt aber auch daran, dass der Mann keine Gebärmutter hat. Es gibt aber viele Männer, die gut zuhören können. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, dass Männer zunächst von ihrer Grundausstattung darin nicht so fit sind. Aber man kann ebenfalls sagen, dass Zuhören nicht außerhalb der psychologischen Grenzen des Mannes liegt. Der Mann kann also und es ist wohl auch unbestreitbar, dass er soll. Bleibt dann nur noch die Frage, ob er will.
Wir können heute allerdings von einer noch komplizierteren Situation ausgehen. Die Theorie vom Kompetenzaufbau sagt uns, dass zwar über längere Zeit hinweg Fähigkeiten aufgebaut werden können, aber diese nicht einfach so vorhanden sind, nur weil ich das möchte. Es gibt im Willen also zwei Bereiche. Der eine Bereich bestimmt, was ich lernen und dann können möchte, der andere Bereich, was ich aktuell zeigen will.
Dieses Argument mit der Kompetenz ist auch deshalb so wichtig, weil eine durch die Kultur verursachte geschlechterspezifische Bequemlichkeit zu fehlenden Kompetenzen führt, die dann biologisch ausgelegt werden. So dürfte es psychologisch gesehen überhaupt keinen Unterschied bei den mathematischen Fähigkeiten von Jungen und Mädchen geben. Empirisch gesehen gibt es die allerdings (immer noch). Und wenn hier keine psychologischen Grenzen angetastet werden, dann muss es sich um Grenzen des Kompetenzaufbaus handeln und wie diese gesellschaftlich etabliert werden. Sittlich gesehen kann mathematische Kompetenz sowieso nicht infrage gestellt werden.

Fazit
Es ist leider ein grobes Raster. Trotzdem taugt es erstmal dazu, deutlich zu machen, warum die gender-Theorie in ihrem Anspruch richtig und wichtig ist. Und halten wir fest: es geht um die Trennung der Argumente, sofern diese unterschiedliche Bereiche betreffen und es geht um eine vorsichtige, d.h. vor allem nicht-deterministische Verknüpfung dieser Bereiche. Diese Bereiche sind, in Anlehnung an Kant: der biologisch-psychologische, der sittliche und der individuelle.

Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1974
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