24.09.2012

Lamarckismus. Noch einmal: Die Elefanten meines Bruders

Letzte Woche habe ich mich, bevor ich mich ins Wochenende verabschiedet habe, mit einem Blog-Eintrag auf dem Blog Geschlechtsverwirrung beschäftigt. Es ist der letzte Eintrag dort, vom 26. Februar 2011. Und ich begrüße es, dass der Autor seinen Blog eingestellt hat, verbreitet er nämlich recht seltsame, biologische Ansichten.

Evolution und Vernunft

Man muss immer vorsichtig sein, wenn jemand mit der Evolutionstheorie argumentiert und hier Zielsetzungen der Evolution einführt. Dann landen wir nämlich beim Lamarckismus. Knapp gesagt behauptet dieser, dass sich eine Art X deshalb so entwickele, damit sie eine bessere Chance zum Überleben hat.
Der klassische Fall ist die Giraffe. Damit die Giraffe an die höheren Blätter der Bäume herankommt, lässt sie sich einen längeren Hals wachsen.
Einwand Darwins: zu einer solchen zielgerichteten Veränderung ist die Evolution nicht fähig. Darwin entwirft also eine Alternative. Bei den ursprünglichen Giraffen (denen mit einem kurzen Hals) gab es schon immer eine gewisse Streubreite, was die Länge des Halses angeht. Wurde die Nahrung knapp, dann hatten all die Giraffen, die einen etwas längeren Hals hatten, einen Selektionsvorteil. Über diesen Selektionsvorteil haben sich nach und nach Giraffen mit (noch) längeren Hälsen herausgebildet. Und so ist es irgendwann zu unseren heutigen Giraffen gekommen.
Die Evolution ist, wie der amerikanische Evolutionsbiologe und Anthropologe Stephen Jay Gould schreibt, eine dumme Evolution. Sie ist natürlich deshalb dumm, weil sie nicht planen kann. Deshalb heißt die Evolution ja auch Evolution und nicht Bewusstsein. Der Lamarckismus unterstellt der Evolution noch eine Art Vernunft.

Ziele in der Evolution

Nun argumentiert der Autor von Geschlechtsverwirrung so, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit Mann und Frau sich fortpflanzen. Hier begeht er dann gleich zwei Fehler.
Erstens hat die Evolution sich nicht hingesetzt und sich gesagt, es müsse doch nochmal eine andere Art der Fortpflanzung als Zellteilung oder Abknospung geben, sondern die Zweigeschlechtlichkeit hat sich im Laufe der Evolution als günstig für das Überleben der Arten erwiesen. Dabei müssen wir aber sehr deutlich darauf achten, was hier Überleben heißt. Wo liegt der Vorteil der Zweigeschlechtlichkeit? Er liegt darin, dass eine Art eine größere Streubreite an Variationen erzeugen kann. Wenn sich ein Polyp einfach nur abknospt, ist dieser neue Polyp genidentisch. Bei einer Änderung der Umwelt zu Ungunsten der Polypen, kommt es dann bei beiden zu einer eher negativen Selektion. Durch die Zweigeschlechtlichkeit können sich aber bei Umweltänderungen plötzlich Selektionsmerkmale ergeben, die eine bestimmte Variation innerhalb der Art begünstigen. Andere Variationen dagegen werden nicht begünstigt. Es gab sicherlich auch Urgiraffen, die einen kürzeren Hals hatten und von denen weiß man heute nichts mehr. Die Evolution hat sie sozusagen wegselegiert.
Wenn es also eine Funktion der Zweigeschlechtlichkeit in der Evolution gibt, dann nicht die der Fortpflanzung, sondern der größeren Variationsbreite der Nachkommen. Dass dafür die Fortpflanzung nötig ist, ist natürlich klar. Nur, und ich sage es noch einmal, hat die Evolution das nicht geplant.
Der erste Fehler ist also, in die Evolution eine Teleologie einzuführen. Das war der Fehler von Lamarck. Und es war Charles Darwin, der diesen Fehler korrigiert hat.

Art und Exemplar

Der zweite Fehler des Autors ist die Verwechslung von Art und Exemplar.
Dass es für eine Art günstig ist, zweigeschlechtlich zu existieren, heißt noch lange nicht, dass das einzelne Exemplar sich fortpflanzen muss. Es heißt auch nicht, dass das einzelne Exemplar zu zweigeschlechtlichem Sex verpflichtet ist, rein biologisch.
Es gibt zum Beispiel in der Löwenpopulation immer einen Überschuss an Männchen, die keine Weibchen abbekommen. Das sind dann Löwen ohne Sex. Evolutionär gesehen scheint sich dies deshalb entwickelt zu haben, weil bei den Kämpfen um ein Rudel das stärkste Männchen gewinnt und so den Löwen (als Art) langfristig einen Vorteil verschafft. Die Evolution nimmt hier also die Nicht-Fortpflanzung "in Kauf". Nun kann man Menschen nur schlecht mit Löwen vergleichen. Dazu unterscheidet sich der Mensch doch zu deutlich von diesen Großkatzen. Und er unterscheidet sich auch relativ deutlich von allen anderen Tieren. Der Mensch ist zum Beispiel in der Lage, massenhaft und systematisch Entwicklungen in die Zukunft hinein zu planen. Natürlich sind diese Planungen nicht per se gut. Auch sie unterliegen sozusagen evolutionären Bedingungen (wer sich hier für eine sehr ausgefeilte, neodarwinistische Position in der Soziologie interessiert, dem sei das dritte Kapitel aus Niklas Luhmann Spätwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft empfohlen).
Jedenfalls ist der Kurzschluss von evolutionären Entwicklungen innerhalb einer Art auf die Lebensweise eines einzelnen Exemplars immer bedenklich. Und bei Menschen kommt noch dazu, dass das Gehirn ein dermaßen plastisches Organ ist, dass es sehr rasch Entwicklungen in der Umwelt aufgreifen und auf diese reagieren kann, d.h. die Umwelt dann wieder zu den eigenen Gunsten beeinflusst.
Es ist also völlig daneben, wenn der Autor schreibt:
Kein seriöser Biologe oder Mediziner oder Physiologe wird über Geschlechtsunterschiede sprechen, ohne dabei den evolutionären Zweck der Zweigeschlechtlichkeit, die Fortpflanzung, zu bedenken.
Ja, auch bei Menschen führt die Zweigeschlechtlichkeit zur Fortpflanzung und die Fortpflanzung mithilfe der Zweigeschlechtlichkeit zu einer größeren Variationsbreite unter den Nachkommen. Aber der evolutionäre Zweck (sofern man überhaupt Zweck sagen darf) ist nicht die Fortpflanzung: diese ist ein Mittel und der „Zweck“ ist die Variationsbreite im genetischen Material der Nachkommen. So weit, so biologisch.

Neuroplastizität und Kultur

Die Evolution hat uns eben auch mit einem extrem plastischen Gehirn versorgt. Und auch das hat sie nicht getan, damit wir heute Aktienkurse interpretieren, Bücher lesen oder seltsame Blogeinträge schreiben. Die Evolution ist, wie gesagt, dumm. Sie verfolgt keine Ziele. Die hohe Neuroplastizität des menschlichen Gehirns ist also keine Absicht gewesen. Aber sie ermöglicht uns heute tausenderlei Dinge. Sollten wir diese deshalb nicht tun, nur weil die Evolution sie nicht „gewollt“ haben kann?
Der Autor kann also nicht über seriöse Biologen usw. sprechen, wenn er selbst nicht in der Lage ist, zu erkennen, was eine seriöse Argumentation aus der Sicht moderner evolutionärer Forschung ist.

Und zum Schluss:

Die Teleologisierung ist nicht nur evolutionsbiologisch sehr bedenklich, sondern auch ein hervorragendes Mittel für den Humor. In seinem Roman Die Elefanten meines Bruders führt der Autor Helmut Pöll dies ganz wundervoll vor (ich habe den entsprechenden Satz hier kursiv gesetzt):
Meine Mutter wirkte gestresst und redete kein einziges Wort mit mir während der ganzen Fahrt. Vielleicht hatte sie einen Migräne-Schub. Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne.
Und das ist doch nun wirklich ein witziger Einfall: die Natur hat das schlechte Wetter erfunden, damit Erwachsene Migräne bekommen. Das ist doch genauso schön, wie die Idee, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit wir über Homosexuelle schimpfen können.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen fröhlichen Wochenanfang.
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