26.02.2014

Mal wieder die Videos: Plotstrukturen und ein Video zur Metapher; Noah Fitz' Liebe deinen Nächsten

Mein Kurs Plotstrukturen läuft und läuft erfreulich gut. Nach und nach rutschen meine Videos bei YouTube nach oben. Dabei fühle ich mich derzeit gar nicht so wohl. Was nicht unbedingt an den Videos hängt, sondern an allgemeineren Lebensumständen. Ein bisschen sieht man mir das auch an. Wobei das auch wieder aufgehoben wird dadurch, dass ich jetzt mehr Erfahrung habe mit meinem Video-Ich.

Video-Ich?
Nun, ich musste mich erstmal daran gewöhnen, dass ich mit der Kamera spreche und in die Kamera hinein. Bisher hatte ich immer nur Teilnehmer und dort habe ich zum Beispiel immer 2-3 Zettel dabei, auf denen mein grober Fahrplan für eine Seminarstunde steht. Vor der Kamera geht das gar nicht. Noch nicht. Mir fehlen einfach die Menschen vor der Nase.

Mein Video für morgen habe ich frühzeitig fertig gestellt. Es wartet nur noch auf die Veröffentlichung. Darin (und im folgenden) geht es um aktive Figuren. Das erscheint als nicht besonders großartig. Es ist trotzdem ein äußerst wichtiges Thema.
Ich habe in letzter Zeit wieder sehr sehr viele selfpublisher gelesen. Und was mir seit Jahren auffällt und auch diesmal wieder (mit zunehmendem Unmut), das ist die hohe Abstraktionslage, mit der die Autoren schreiben. Dabei wäre alles so einfach, wenn man nur ein paar konkretere Wörter einsetzt und dieses Philosophieren lässt. Gerade das Philosophieren (oder Psychologisieren) wirkt doch rasch peinlich, wenn jemand keine Ahnung von der Materie hat.
Ein Beispiel (und nicht ein wirklich schlechtes Buch) ist Noah Fitz' Liebe deinen Nächsten. Folgende zwei Sätze lesen sich wie ergänzende Informationen zum Leben eines Patienten zum Beginn einer Fallbeschreibung.
Nichts konnte ihn im Moment ablenken. Er fühlte sich ohne Arbeit schnell alleingelassen und überflüssig. (Position 44)
Nun sind solche Sätze nicht verboten. Ab und zu gehören sie genau so in den Roman hinein. Sie fassen zusammen, kündigen etwas an oder schließen eine bestimmte Phase in einem Roman ab. Besteht eine Erzählung allerdings allzuhäufig aus solchen Sätzen, und das ist bei diesem Roman der Fall, dann wird daraus rasch tatsächlich eine Fallbeschreibung, der allerdings sowohl die Fachlichkeit des Autors als auch die Fachinteressen des Lesers fehlen.
Solche Sätze weitestgehend zu vermeiden, das ist die Kunst der Hypotypose, bzw. der Verbildlichung. Es geht nicht darum, einen tiefen Charakter zu beschreiben, sondern darum, einen tiefen Charakter anzudeuten, zwischendrin und ohne es eigentlich zu benennen. Und genau dies ist die Kunst, die vielen dieser „kleinen“ Schriftsteller komplett fehlt: den Charakter zwischen den vielen kleinen Handlungen aufsteigen zu lassen und eben nicht dem Leser zu sagen, dass ein Charakter stolz oder eifersüchtig oder schüchtern ist, sondern ihn unter der Bedingung von Stolz, Eifersucht oder Schüchternheit in seinen Handlungen zu schildern.

Beim Durchlesen von Liebe deinen Nächsten ist mir außerdem dieses teilweise wilde Durcheinander von Erzähltypen aufgefallen (Achtung! Damit meine ich nicht Erzählperspektive: die wird nämlich gut durchgehalten.). So hatte ich zum Beispiel vor einiger Zeit geschrieben, dass eine Figur, die mit Er bezeichnet wird und rein grammatisch zunächst auf eine Außenperspektive hinweist, durchaus ein Ich-Erzähler sein kann. Abgesehen davon, dass dieser Satz zwei wütende E-Mails über meine angebliche Inkompetenz ausgelöst hat, gab es auch viele erstaunte Reaktionen und einiges an Einsicht.
Bei Fitz wird nun deutlich, dass er stark zwischen einer Ich-Erzählsituation und einer Er-Erzählsituation hin und her springt. Das ist zunächst nicht falsch, aber eher nicht mit einem Thriller als Genre rückverbunden. Thriller stehen sehr häufig (auch wenn die Autoren das strikt anders sehen würden) in einer Ich-Erzählsituation. Das muss nicht so sein, ist aber sehr gebräuchlich.
Fitz nutzt allerdings diese Erzähltypen des Er-Erzählers, um sofort weiter in einen auktorialen Erzählmodus hinein zu gleiten. Und hier wird deutlich, dass die Erzählperspektive innerhalb des Romans durchgehalten werden mag, während die Perspektive des Erzählers völlig durcheinander gerät und eben dann doch wieder so etwas wie ein sehr ungünstiger Perspektivwechsel geschieht.

Das erklärt dann auch die teilweise völlig wütende Rezensionen, die dieses Werk schmähen. Ich kann sie nachvollziehen. Bloß gelingt es mir leichter, diesen Roman auf verschiedenen Ebenen zu betrachten. Es ist natürlich kein Vergnügen, ihn zu lesen. Und darauf haben die Leser ja Anspruch. Aber es wäre falsch zu behaupten, dass der Autor nicht schreiben kann. Für mich ist er eher eine tragische Figur, weil er relativ gut schreiben kann, nur auf einer Ebene, und zwar einer Ebene, die für Leser sehr wichtig ist, komplett versagt. Andere Autoren, die eigentlich längst nicht so gut sind, schaffen es wesentlich besser, diese Schicht zu bedienen und bekommen dadurch bessere Rezensionen.

Der eigentliche Fehler liegt aber darin, den auktorialen Erzähler (bzw. die dazugehörigen Erzähltypen) und die Typen der Ich-Erzählsituation als gleich anzusehen. Doch gerade diese Mischung in einem Roman wird eigentlich nur in der ironischen und humorvollen Literatur benutzt. Der Autor dagegen versucht ernst zu bleiben und das beißt sich fürchterlich. Gerade hier wäre ein deutlicher Bruch zwischen der Figur in der Geschichte und dem Erzähler notwendig.
Wo dies wiederum gut gelingt, und zwar auch in einem Thriller, ist Der Torso von Adrian Schwartz. Aber das Buch ist schließlich auch streckenweise sehr ironisch. In diesem Fall funktioniert der Wechsel in die auktoriale Erzählsituation wesentlich besser, sowohl, wenn es um die Darstellung von Hintergründen, als auch, wenn es um einen distanzierten Kommentar geht.

An dieser Stelle merke ich, dass ich jetzt gerne schon etwas zu den Erzähltypen geschrieben hätte, etwas, was die Hintergründe deutlicher beleuchtet. Vermutlich wird der eine oder andere Leser meine Gedankengänge nicht mehr nachvollziehen können, weil er den Stanzel nicht kennt, auf den ich mich hier beziehe.

Wie schwierig es ist, Nachrichten und ein bisschen Theorie im Hintergrund zu kombinieren, und dass alles möglichst in 5 Minuten, hat mir mein letztes Nachrichten-Video gezeigt. Im Prinzip braucht man schon eine halbwegs gute Basis, um die doch recht brisante Aussage aus diesem Video herauszufiltern. Es freut mich zwar, dass ich dafür nur Lob bekommen habe. Aber es war eben ein Lob von Menschen, die ein intensiveres Studium der Rhetorik hinter sich haben und deshalb leicht auf meine Ausführungen zurückgreifen konnte. So muss ich konstatieren: dieses Video ist fachlich "richtig", didaktisch aber "halbgar" (will sagen: zu voraussetzungsreich).
Schade! Denn diese Verknüpfung von Metapher und Enthymem ist wirklich ein Kernpunkt der Ideologiekritik und es lohnt sich, das gut zu verstehen.

25.02.2014

Weisheit zur Liebe

Durch Alphörner lässt sich ein Liebesbekenntnis nicht säuseln, …
Fuchs, Peter: Intervention und Erfahrung, Frankfurt am Main 1999, Seite 56

Wenn meine Welt voller Frauen wäre, was machte ich mit den Kondomen? Die Befindlichkeiten des Herrn Matussek.

Es ist schon eine äußerst befremdliche Argumentationsweise, wenn der gute Herr Matussek versucht, die kinderlose, heterosexuelle Partnerschaft dadurch zu retten, dass er sagt, diese könnten ja prinzipiell Kinder bekommen, wenn sie nur wollten. Und grenzt das dann von homosexuellen Partnerschaften ab, die eben nicht miteinander Kinder bekommen können. Nun können natürlich auch Homosexuelle Kinder bekommen. Wenn sie denn wollen. Nur nicht miteinander.

Matussek argumentiert auch, völlig an der Biologie vorbei, dass die Evolution etwas wolle, nämlich die Heterosexualität.
Nun ist dieser Wille in der Evolution mit Darwin gründlichst ausgetrieben worden und auch wenn Darwin später zu Recht für vieles kritisiert worden ist: in diesem Punkt hat man ihm seitdem nicht widersprochen. 

Platon ohne Tagessieg

Matussek beschert uns auch solche denkwürdigen Sätze wie: »Zunächst mal: Ich glaube nicht, dass Größen wie Platon durch flüchtige Tagessiege der Naturwissenschaften prinzipiell abgeräumt wären.« Nun, mein lieber Matussek, nun lass dir mal ein bisschen den Kopf tätscheln und dich über etwas Kulturgeschehen der letzten 500 Jahre aufklären.
Der Streit, ob der Mensch vor allem aus seinen Ideen heraus nur unter Entbehrung zu den Tatsachen vordringen könne oder der Mensch nur mit Mühe aus den Tatsachen Ideen entwickle, der ist so alt wie Platon selbst und immer wieder von diesem flüchtigen Tagessieg der Naturwissenschaft angeheizt worden.
Was auch immer Matussek mit diesem flüchtigen Tagessieg zu verstehen und zu bezeichnen meint. 

Neo-Platonismus

Und apropos Platonismus und flüchtiger Tagessieg. Liest man sich von Thomas Metzinger Der Ego-Tunnel durch, dann hat man es hier mit einem Platonismus par excellence zu tun. Wie auch immer diese Opposition zwischen Platon und der Naturwissenschaft zustandekommt, es handelt sich doch um eine falsche, herbeigeredete Opposition. An ihr ist nichts Echtes, außer dass Matussek auf eine so krude Art und Weise simplifiziert, dass man ihm kaum Bildung zusprechen mag. 

Ein Lob der Zweigeschlechtlichkeit

Natürlich ist Zweigeschlechtlichkeit eine wichtige Entwicklung gewesen. Die Zweigeschlechtlichkeit konnte sich alleine deshalb durchsetzen, weil sie in geradezu unglaublicher Weise die Variabilität der Nachkommenschaft erhöht hat. Und man höre hier schon, dass es um Variationen geht, um Unterschiede, nicht um Filiationen. Varianz bedeutet Veränderung, bedeutet langsame Verschiebung der Arten, so eben vom Fisch zur Amphibie, zur Echse zum Vogel und was sich da sonst noch ereignet hat in dem großen Experimentierkasten, den wir Natur nennen.
Gewollt hat das die Natur nicht. Geschehen ist es trotzdem. Dank der Varianz und der natürlichen Selektion. Demnach kann Arterhaltung auch nicht das übergeordnete Ziel der Evolution sein. Vielmehr stabilisieren sich bestimmte Arten über einen längeren Zeitraum hinweg in einem bestimmten Milieu. 

Kultur als unchristliche (?) Geschwindigkeitsübertretung

Variabilität, das ist der eine Vorteil der Zweigeschlechtlichkeit. Eine enorme Geschwindigkeitserhöhung in der Anpassung der andere.
Nun hat die Natur auch einige seltsame Blüten getrieben, wie zum Beispiel mit dem menschlichen Gehirn. Das menschliche Gehirn zeichnet sich durch eine enorme Plastizität aus und ermöglicht es dem Menschen, komplexe Werkzeuge zu erschaffen und eine hochflexible Sprache zu benutzen. Und genau diese beiden Vorteile sind es dann auch, die wesentliche Säulen der menschlichen Kultur bilden.
Nebenbei aber haben sie noch einen ganz anderen Effekt. Wiederum erhöhen sie die Geschwindigkeit der Anpassung um ein Vielfaches und lassen die Zweigeschlechtlichkeit, bei allen Vorteilen, die sie zu haben scheint, weit hinter sich. Mehr noch als dass der Mensch ein zweigeschlechtliches Wesen ist, ist er doch ein kulturelles Wesen.
Vor allem aber kann er nun seine Milieus selbst herstellen und den Veränderungszwang, dem Lebewesen über viele Millionen Jahre ausgesetzt waren, unterlaufen. Fast könnte man meinen, dass der Mensch das Wesen ist, das die bisherige Evolution komplett infrage stellen wird, einfach, weil er auf das Medium der Sprache zurückgreifen kann. 

Dieses beschissene Hirn: ein Gottesgeschenk

Es gibt andere Befremdlichkeiten, die Matussek so von sich gibt.
Welche Philosophen er auch meint, zu den Weisheitslehren mancher Philosophen gehört auch die Ablehnung des Platonismus und das jenseits der Debatte um die Homophobie. Ich hoffe, dass Matussek diese Philosophen nicht auch aus dem Grund ausgrenzen möchte, weil sie Platon kritisiert haben. Kritik ist nun mal das Tagesgeschäft auch der Philosophen.
Wenn er dann auch noch die menschliche Vernunft als Gottesgeschenk bezeichnet, dann muss man sich allen Ernstes fragen, was überhaupt die Evolution noch anderes in seinen Texten zu suchen hat als eine großartige Teufelei. Oder ist die Vernunft etwa etwas Außerirdisches, was nur zufällig in einer Horde herumstreunender Affen gelandet ist, nach dem Willen einer außerirdischen Intelligenz und so zeitlos wie die Farben der Herbstmode?
Es ist nicht sonderlich weit her mit diesen ganzen Argumenten. 

Letzte Primärtugend: Kinderreich rammeln

Hatte Matussek dann tatsächlich Platon und die Weisheitslehren großer Philosophen im ersten Absatz verteidigt, erklärt er sie im dritten Absatz schließlich als überflüssig für den christlichen Weltordnungsgedanken. »Man braucht keine mit großem philosophiegeschichtlichen und psychoanalytischen Schmuck vorgetragene Herleitung irgend eines christlichen Ordo-Gedankens«, so schreibt er, »für die ganz simple Einsicht, dass Lebewesen sich fortpflanzen müssen, um die Art zu erhalten.« Jawohl, und zwar jedes Lebewesen einer bestimmten Spezies. Glück ist nur denen beschieden, die kinderreich gerammelt haben.

Oder anders gefragt: Wenn meine Welt voller Frauen wäre, was mach ich mit den Kondomen?

22.02.2014

Herumeiern: Drecksasylanten und homophobe Bürgermeister

Passend dazu: die Schweiz und Frankreich.

Die französischen Bürgermeister sehen es als Eingriff in ihre sittliche Autonomie, wenn sie homosexuelle Paare trauen sollen. Und hier liegt natürlich der Begriff der sittlichen Autonomie quer zu der Funktion, die ein Bürgermeister in einem Rechtsstaat auszuüben hat. Dann kann man diesen Menschen nur empfehlen, ihr Amt niederzulegen, und möchte ihnen ins Poesiealbum schreiben: »Raisonniert soviel ihr wollt, nur gehorcht!«

Darf ein Schweizer Polizist einen Ausländer als ›Drecksasylant‹ bezeichnen? Als Polizist ist es nicht seine Aufgabe. Er hat Asylanten, sofern der Verdacht auf eine Straftat vorliegt, festzunehmen. Das mit Sicherheit. Und er hat den wie auch immer gearteten ethischen Vorgaben seines Dienstherren (also des Innenministeriums) zu gehorchen. Dazu gehört, keine rassistischen Äußerungen zu tätigen. Das war in diesem Fall, als ein Polizist bei der Festnahme eines Asylanten aus Afrika (?) als Drecksasylanten bezeichnet hat, sehr strittig. Ich nehme aber an, dass in der Schweiz ein ähnliches Recht besteht, wie es in Deutschland der Fall ist: dass die Würde des Menschen unantastbar ist und dass dies in besonderem Maße für eine öffentliche Person gilt, auch wenn diese „nur“ Polizist ist.
Auch hier werden dann zwei Funktionen verwischt, die zwischen einer Privatperson und der eines Funktionsträgers. Der Privatperson kann man ihre Äußerung noch nachsehen, wenn auch mit einer deutlichen Warnung. Dem Funktionsträger möchte man doch zumuten, dass er sich an die grundlegenden Werte des demokratischen Staates zu binden hat. Und dazu gehören die Würde des Menschen und die Gewaltenteilung.

Im übrigen kenne ich nur Schweizer, die mit der aktuellen Politik in der Schweiz höchst unzufrieden sind.

liest sich wie eine ironische Bemerkung auf den Fall "Edathy"

„Der Erzieher kann seine Zöglinge von Herzen lieben, aber er wird sich am kommunikativen Geschäft des Erziehungssystems beteiligen müssen, also an karriere-produzierenden Operationen, gekoppelt an scharfe Selektionsmechanismen. Seine Liebe ist komplett irrelevant. Wenn sie an den symbiotischen Mechanismus Sexualität geknüpft ist, wird das Rechtssystem sich einschalten, das nur im Kontext seiner Entscheidungen entscheidet — und nicht im Kontext des Intimsystems.“
Fuchs, Peter: Intervention und Erfahrung. Frankfurt am Main 1999, Seite 26
Bekanntlich operieren bei Niklas Luhmann die funktionalen Systeme geschlossen. Das Rechtssystem muss selbst unterscheiden, was Recht und was Unrecht ist, ebenso wie die Politik das Innehaben/Nicht-innehaben von Ämtern selbst entscheiden muss. Für beides sind die Massenmedien nicht zuständig und schon gar nicht (man nehme es mir nicht übel) das Volk.
Die Massenmedien und die „Volksstimme“ entscheiden nur über den Druck, den eine Menge von Individuen auf dieses System ausüben werden. Für die Parteien bedeutet dies die Rücksicht auf kommende Wahlen; für die Massenmedien bedeutet dies die Rücksicht auf Abonnenten, bzw. auf Besucher (sofern es sich um online-Massenmedien handelt und diese durch Werbung finanziert werden).
In dem so genannten Fall „Edathy“ kann es sich tatsächlich nicht um einen einzelnen Fall handeln. Das politische System ist zu pornographischen Kommunikationen überhaupt nicht in der Lage. Dazu sind nur Intimsysteme fähig. Die Kopplung dieser beiden Systeme geschieht über den Menschen und der Teilnahme des Menschen an diesen beiden unterschiedlichen Systemen. Spezifiziert wird, und genau das erscheint im Falle einer moralischen Verfehlung auf dem Monitor, wenn die spezifisch politischen Werte zu den Werten im Intimsystem kontrastieren. Kinderpornographie überspringt damit nicht die Trennung von funktionalen Systemen. Sie erzeugt aber ein Gemisch, indem politisches System und Intimsystem, dank der Einmischung der Massenmedien, verquickt erscheinen und für einander relevant werden. Das Rechtssystem eignet sich denselben Fall ebenso an, allerdings nicht unter der Dunsthaube des Skandals, sondern als Fall, über den gerichtlich entschieden werden muss.
Dass diese Verknüpfung auch ohne Rechtssystem funktioniert, haben vor einigen Jahren die Guttenbergs demonstriert. Die Ehefrau begleitet den Herrn Minister zum Truppenbesuch am Hindukusch und moderiert die Jagd nach Kinderschändern (wie passend!) im Fernsehen.

Zu den funktionalen Systemen von Recht und Politik quer liegen die Organisationen und Interaktionen. Eine Organisation ist zum Beispiel das Innenministerium und eine eben solche die Partei. Organisationen disziplinieren die Interaktionen und polarisieren sie auf bestimmte Funktionen hin, die dann im allgemeinen als Projekte oder Aufgaben oder Verantwortungsbereiche deklariert werden.
Im Fall Friedrich konnten wir eine mustergültige Überschneidung von zwei Organisationen betrachten und damit einen Moment, in dem die Trennung der Organisationen durch Interaktionen gefährdet wird, siehe Friedrich-Gabriel, bzw. Oppermann-Ziercke.
Und man kann hier auch sehr gut beobachten, auf welcher Basis das Rechtssystem Entscheidungen fällt. Es geht darum, die funktionalen Systeme getrennt zu halten. Besonders deutlich wird dies in der möglichen Ermittlung der Staatsanwaltschaft wegen Strafvereitelung im Amt gegen Friedrich. Das Rechtssystem möchte hier gewährleistet wissen, dass es unabhängig und „objektiv“ im Fall Edathy entscheiden kann. Es ist also neben der Trennung von bestimmten Intimsysteme und dem politischen System auch an der Trennung zwischen rechtlichem und politischem System interessiert. Und anders als die Massenmedien ist es nicht an der Schrecklichkeit des Skandals interessiert, sondern an dem Aufbau und Ausbau eines strikten Gedächtnisses, also einer völligen Schließung rechtsinterner Operationen gegenüber Kausalitäten aus anderen funktionalen Systemen. Das Gedächtnis des Rechtssystems wird materialisiert in Form von Akten und Aktenbergen, insbesondere von Präzedenzfällen. Dagegen erinnert sich das System der Massenmedien an solche Fälle gerne unter der Funktion des Skandals, und dann insbesondere des fortgesetzten Skandals.

21.02.2014

von Olympia schreibe ich nicht

Ich bin ja nun überhaupt kein Freund dieser Olympischen Spiele. Natürlich bin ich auch nicht dagegen. Ich kann einfach nichts damit anfangen. Und stehe all den Menschen, die sich dafür begeistern können, ziemlich unverständig gegenüber.

Das hat sich heute auch in meinen Besucherzahlen niedergeschlagen. Gerade mal 400 hatte ich. Natürlich habe ich auch fast überhaupt nicht getwittert. Und dies ist meine erste, schriftliche Meldung heute.

Was habe ich gemacht? Ich habe Kommentare in meinen Zettelkasten eingepflegt. Wie ich das manchmal mache. Ich war in der Bibliothek. Ich habe gelesen. Und da ich jetzt eine gewisse, schleichende Müdigkeit verspüre, werde ich noch ein wenig kommentieren (ich habe mir zwei Bücher von Hans Blumenberg ausgeliehen), dann aber ins Bett gehen.

Der Ego-Tunnel (Thomas Metzinger)

Hier nur in Kürze (und später mehr): ich lese gerade von Thomas Metzinger das Buch Der Ego-Tunnel. Ganz frisch ist dieses Buch nun nicht mehr. Es wurde 2009 veröffentlicht. Seit einigen Tagen liegt allerdings eine erweiterte Fassung vor.

Ich habe es jetzt einmal rasch durchgelesen (letztes Wochenende) und schon da war ich sehr beeindruckt. Es bietet eine sehr lesbare und leicht zu lesende Abhandlung über eine Ethik auf der Grundlage der Neurophysiologie. Darstellungen von Gehirnfunktionen werden auch dem unbedarften Leser gut nahe gebracht und ohne das fachwissenschaftliche Vokabular. 
Bei anderen Autoren findet man eine solche Darstellung nicht. Gerhard Roth macht sich dort teilweise keine Mühe und schreibt damit deutlich für ein gebildetes Publikum. Das tut er zwar insgesamt sehr gut, versperrt hier allerdings einem breiten Publikum den Einstieg. Manfred Spitzer benutzt mir zu oft sein medizinisches Vokabular, um den Leser einzuschüchtern und kommt damit sehr auf einem hohen Ross daher.
Thomas Metzinger dagegen schreibt angenehm unprätentiös und damit auch so, dass selbst komplexere Zusammenhänge leicht erfassbar werden. Wer eine gute Vorbildung hat, wird das eine oder andere zu breit angelegt empfinden.

Seit gestern lese ich es zum zweiten Mal. Meine zweite Lektüre begleite ich mit Kommentaren und dem Sammeln von Fundstücken.
Für mich ist das ein sehr wichtiger Schritt, denn hier stelle ich fest, wie anregend ein Buch für mich ist. Und tatsächlich habe ich in anderthalb Tagen keine 30 Seiten geschafft. Dafür umfasst mein Kommentarapparat mittlerweile knapp 50.000 Wörter. Und jetzt schon kann ich sagen, dass dieses Buch für mich sehr wichtig werden wird und wahrscheinlich die nächsten 3-4 Monaten meine Aufmerksamkeit und meiner Arbeit polarisieren wird.

Zudem dürft ihr in der nächsten Zeit mal wieder einige Artikel zur Neurophysiologie erwarten und dann hoffentlich auch einen etwas ausführlicheren Bericht über dieses Buch.

18.02.2014

Ein kleiner, feiner Thriller: Der Torso von Adrian Schwartz

Ein kleiner, feiner Thriller. Ira Krissel hat eine Rezension dazu geschrieben und sehr recht: "Die Figuren sind karikaturistisch überzeichnet und wirken dadurch umso stärker als Katalysator für die Handlung, die sich immer stärker zuspitzt und schließlich in einem Grauen endet, das ich so niemals erwartet hätte."

Meine Meinung: lässt sich hervorragend lesen, ist spannend und lehrreich. Besonders gefallen hat mir, dass es psychologisch realistisch bleibt und neben der Spannung zwischen gelassenem Humor und Zynismus hin- und herschwankt. Das Grauen entsteht nicht durch Effekthascherei, sondern durch eine geschickte Dramaturgie.
Wunderbar!

Druckkostenzuschussverlage

Beleuchtet der kleine Verlag am Ammersee hier: Kalkulation eines Zuschussverlages.

Die erste Info nach der allerletzten: Ein Staatsrechtler zum Edathy-Syndrom

Schelte von aufrichtigen Demokraten hat es in den letzten Tagen genug gegeben. Sascha Lobo und Stefan Niggemeier gehörten dazu. Aber es waren nicht die einzigen, die unabhängig voneinander mehr vor der Aushöhlung der Demokratie gewarnt haben als vor dem "bösen, bösen" Kinderporno-Edathy. Dem man den Anfangsverdacht als das, was er ist, nämlich ein Anfangsverdacht, dann wohl dick auf den Bindestrich schreiben muss, damit ihn ja niemand überliest.

Tolles Interview mit Wolfgang Neskovic (ehemaliger Bundesrichter): Der Fall Edathy.

Und noch ein Blog, den ich bisher nicht kannte: Internet-Law.

Loyalität gegen Rechtsstaatlichkeit; und eine prädikative Katachrese (zu Sascha Lobo)

Loyalität oder Rechtsstaatlichkeit?

In den letzten fünf Artikel habe ich meine Unruhe zu dem, was man den Fall Edathy nennt, zum Ausdruck gebracht. Was mich beunruhigt, ist nicht das Verhalten von Edathy selbst. Das ist auf den ersten Blick moralisch bedenklicher. Aber wenn man hier auf einen gesunden Rechtsstaat vertrauen kann, dann auch relativ undramatisch.
Ein gesunder Rechtsstaat wird nicht jede Missetat verhindern können. Eine Missetat ist auch, wenn ein Fehlurteil ausgesprochen wird. Und solange hier die Strafverfolgung ordentlich verläuft, dazu gehört vorher die Beweisaufnahme, darf man prinzipiell äußern, wie man sich zu einem Sachverhalt stellt, und: Ja, ich finde Kinderpornographie scheußlich. Unabhängig davon, ob Edathy sich schuldig gemacht hat oder nicht.
Sascha Lobo hat heute auf dem selben Demokratie-Verständnis die Affäre Friedrich aus der Sicht eines Internet-Aktivisten beleuchtet. Es geht um das Verhältnis von Loyalität und Rechtsstaatlichkeit. Großartig und hier zu lesen!

Die prädikative Katachrese (Beispiel: Sascha Lobo)

Lobo kann uns aber noch etwas ganz anderes erzählen. Er benutzt eine wunderbare und selten gebrauchte Wortfigur. Sie hat keinen wirklichen Namen, was darauf hinweist, dass sie wenig Beachtung gefunden hat. Aus einer Verlegenheit heraus nenne ich sie prädikative Katachrese. Richtiger wäre, sie verbale Katachrese zu nennen (analog zur verbalen Metapher), wenn das Wort ›verbal‹ nicht so doppeldeutig wäre.
Hier erst mal die Stelle:
Auf den zweiten Blick hat sich Friedrich während dieses Überwachungsskandal so deutlich sichtbar beschädigt, dass er zunächst ins Landwirtschaftsministerium hineinscheiterte.
Das Wort, um das es hier geht, ist ›hineinscheitern‹. Es ist zugleich ein Neologismus (Wortneuschöpfung) und eine unpassende Zusammenstellung, da wir das Scheitern nicht als eine räumliche Bewegung empfinden; allerhöchstens als Ursache für eine räumliche, vorwiegend aber institutionelle Begegnung. Wenn jemand ein Ministerium verlässt, dann verlässt er zunächst eine Institution, d.h. eine bestimmte Art und Weise Kommunikation zu strukturieren. Damit verlässt er natürlich auch den Ort, an dem diese Struktur geschaffen und aufrecht erhalten wird, also das konkrete Gebäude. Deshalb gibt es hier diese Doppeldeutigkeit. Beim Scheitern allerdings ist das etwas weit hergeholt und das Lobo hier diesen Weg überspringt, zudem noch ironisch überspitzt, als sei das Landwirtschaftsministerium der Katzentisch für unliebsame Regierungsangehörige, macht den Reiz dieses Wortes aus.

Die prädikative Katachrese (Theorie)

Katachresen sind normalerweise die Wörter, deren einer Teile metaphorisch, der andere Teil tatsächlich (denotativ) ist. Die Tatsache, das ist immer etwas, was sich sinnlich in der Welt finden lässt. Ein bestimmter Apfel ist rot und dies ist eine nachprüfbare Tatsache.
Beim Scheitern haben wir es allerdings nicht mit einer sinnlichen Tatsache zu tun, sondern vor allem (zumindest wenn man der Systemtheorie von Niklas Luhmann folgt) mit einem kommunikativen Ereignis. Solche kommunikativen Ereignisse sind Differenzen, die das Verhältnis von Aussagen strukturieren. Sie finden also zwischen den sinnlich wahrnehmbaren Aussagen statt und so muss man auch die Kommunikation nicht als ein Objekt ansehen, das in der Welt vorliegt und festgehalten werden kann, sondern als etwas, das sich zeitpunktfixiert (so nennt Luhmann das) vollzieht und dann verschwindet. Aufgehoben werden nur die Artefakte der Kommunikation, also zum Beispiel Schriftzeichen, Sätze und Texte, Bilder und Filme.

Gehen wir zu Kant weiter, allerdings von Niklas Luhmann aus, dann ist das Scheitern eine Idee und kein Begriff. Und demnach gelte auch das, was Kant über die Darstellung von Ideen sagt: diese sind indirekt. Er schreibt:
Unsere Sprache ist voll von der gleichen indirekten Darstellungen, nach einer Analogie, wodurch der Ausdruck nicht das eigentliche Schema für den Begriff, sondern bloß ein Symbol für die Reflexion enthält.
Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft, Seite 296
Über diese ganze Passage aus Kant (es handelt sich um § 59) kann man ewig lange nachdenken. Für uns ist jetzt nur wichtig, dass die Metapher eine indirekte Darstellung ist, eine Idee sich aber laut Kant nur indirekt darstellen lässt, so dass eine Metapher, die sich auf eine Idee bezieht, diese zugleich veranschaulicht und umgekehrt eine Metapher, die sich auf einen Begriff bezieht, diesen zugleich idealisiert.
Und noch einmal, anders ausgedrückt: bei Ideen ist die Veranschaulichung mithilfe von Metaphern notwendig, bei Begriffen ist diese Veranschaulichung nur der Umstände halber möglich.
Demnach muss man auch zwei verschiedene Katachrese trennen und diese unter Umständen sehr verschieden behandeln. Das ›Stuhlbein‹ ist eine konventionelle Katachrese. Der Stuhl ist ein Begriff und das Bein eine Metapher, um mit beidem einen bestimmten Teil des Stuhles zu bezeichnen.
Wenn Scheitern eine Idee ist, kann man sie sich nicht anders als indirekt, d.h. über Verbildlichungen (Hypotyposen) anschaulich machen. Dann aber ist eine Metapher notwendig und entfaltet einen anderen Witz als bei einem Begriff.

All das mag kompliziert klingen. Für mich gehört es aber notwendig dazu, um die Wirkung bestimmter Wörter und Sätze abzuschätzen. Auch wenn es nun kein wirkliches Ergebnis gibt, so ist dieses Nachdenken über die Sprache das wesentlich Moment, um sich für Sprache zu sensibilisieren. Vielleicht das als schwacher Trost zum Schluss.

17.02.2014

Ein Skandal, der kein Skandal ist, ist ein Skandal!

Was lernt die CDU aus dem Edathy-Skandal? Man könnte jetzt meinen, dass dazu mehr Pflichtbewusstsein gehört, Kommunikationswege, auch wenn sie manchmal unangenehm sind, einzuhalten, rasche Aufklärung und Offenheit aller Beteiligten. Ja, all das könnte man aus dem Edathy-Skandal lernen. Wenn denn der Edathy-Skandal irgendetwas mit Edathy zu tun hätte.
Ich habe nicht viel Phantasie auf diese ganzen Umstände verschwendet. Aber überrascht bin ich nicht, dass die Reaktion auf den Fall Edathy darin liegt, eine härtere Gangart gegen Kinderpornographie zu fordern.

Was soll dieser Blödsinn? Was soll dieses dümmliche Ablenkungsmanöver? Ist es nicht schlimm genug, dass der Untersuchungsausschuss zur NSU bereits auf die schlimmste Art und Weise kompromittiert worden ist, ob zu Recht oder zu Unrecht?
Muss man jetzt auch noch eine Debatte über Kinderpornographie lostreten? Zu dieser hat sich nämlich der Gesetzgeber in den letzten Jahren durchaus in immer schärferen Tönen und höheren Strafmaßen ausgesprochen. Das Problem an dieser ganzen Situation ist doch, dass nicht die Frage nach dem Strafmaß der Kinderpornographie im Raume steht, sondern die Möglichkeit, dass dieses Strafmaß überhaupt greift. Es geht nicht um Kinderpornographie, es geht um Strafvereitelung im Amt und damit eigentlich um Beihilfe zur Kinderpornographie. Wenn Herr Edathy denn wirklich strafbares Material besessen hat. Was ja noch überhaupt nicht geklärt ist.

Edathy als Feigenblatt

So also beschützt man Menschen mit Hilfe der Unschuldsvermutung. Man macht aus einer komplexen Situation mit wohl zahlreichen Vergehen einfach die Edathy-Affäre. Warum auch immer!

Rhetorisch gesehen handelt es sich um eine Hyperbel, logisch gesehen um eine Extrapolation. Edathy selbst hat sich als öffentlich auftretender Politiker nur insofern etwas zu schulden kommen lassen, als er mit der öffentlichen Moral in Konflikt gekommen ist. Damit wird seine Vorbildlichkeit infrage gestellt. Und schon hier sollte man hämisch kichern. Wie viele Politiker haben sich nicht vorbildlich verhalten und sind in ihren Ämtern geblieben? Zu erinnern ist zum Beispiel an die Affäre Kohl und seinen Spendengeldern.
Natürlich finde ich es richtig, wenn man auf einen Verdacht auf Kinderpornographie ein scharfes Auge wirft. Ich kann es nur noch einmal wiederholen (damit niemand auf falsche Gedanken kommt): Kinderpornographie empfinde ich als ein besonders schlimmes Vergehen. Es gehört für mich zwar zu den geringeren Verbrechen, die man Kindern im Bereich der sexuellen Gewalt antun kann; trotzdem ist für mich die Frage der Nachvollziehbarkeit hier völlig überschritten. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man zu solchen Bedürfnissen kommen kann.

Dass man allerdings aus dieser ganzen Gemengelage und wohl zahlreichen größeren und kleineren Verstößen gerade den Namen Edathy heraushebt: das ist doch wohl nur ein Feigenblatt. Denn was jetzt immer offensichtlicher wird (was sich vor einigen Tagen noch anders beurteilt habe), ist die Verquickung und Schlamperei in den höheren Regierungsebenen. Die Gewaltenteilung, die man manchmal so lässlich behandelt, ist ein ganz grundsätzliches Prinzip. Sie ist nicht nur deshalb grundsätzlich, weil sie den Gesetzgeber vom Richter notwendig trennt, so dass der Richter nicht zur eigenen Bequemlichkeit Gesetze erlassen kann und umgekehrt. Sie trennt auch Begriffe und Argumentationsweisen, schafft widerstehende und den Zwang, sich deutlich zu erklären. Und dann ist zurecht diese Undeutlichkeit, die zurzeit ans Licht geholt wird, scharf anzugreifen. Es mag sein, dass auch diese Affäre nicht an der Demokratie begründet. Da scheint es mir wesentlich Schlimmeres zu geben (zum Beispiel den Lobbyismus). Aber zumindest ist es ein Gradmessern, wie Demokratie verstanden wird.

Aber natürlich: ich nehme diese Affäre auch zum Anlass, mich mit dieser ganzen Materie auseinander zusetzen. Und hier ist es für mich fast wichtiger, dass ich daran etwas lerne, auch etwas über unser Parteiensystem lerne und über das damit verknüpfte Regierungssystem. Es kann sein, dass ich in einigen Tagen doch wieder meine Meinung ändern muss.

Wie man es aber schafft, den Verdacht der Kinderpornographie zum Namensgeber eines (möglichen) Verstoßes gegen die Gewaltenteilung zu machen, dass will mir nicht so richtig klar werden.

Die gesunde Distanz, oder: Der Spiegel kann auch anders

Hatte ich gestern über das neue Titelbild des Spiegels gelästert? Ja, ich hatte es. Zu laut und zu lernen.
Gut ist es aber, wenn eine sanfte Ironie neben der Information steht. In einem Artikel zur Talkshow von Günther Jauch hat der Spiegel dies geschafft, bzw. Stefan Kuzmany. Ein Mittel des Humors und damit ein Mittel der Ironie ist die Übertreibung. Die Übertreibung muss, im Falle der Ironie, so daherkommen, dass das Uneigentliche gesagt und das Eigentliche gemeint ist.
Kuzmany verwendet diese Stilfigur der Übertreibung in Form eines Fast-erreicht, bzw. Etwas-mehr-als-erreicht und macht damit deutlich, dass knapp daneben auch vorbei ist. Oder dass Journalismus, Politik und Fußball dasselbe sind: ein Tor ist ein Tor. 

Eine Information, die darüber informiert, dass sie keine Information ist

Kuzmany schreibt also folgendes:
Und auf den Verdacht, Edathy sei daraufhin möglicherweise gewarnt gewesen, worauf er möglicherweise vorhandene Kinder Porno-Festplatten verschwinden lassen konnte, bevor die Polizei sie findet.
Stilistisch gesehen eigentlich sehr ungünstig ist die Wortverdopplung, vor allem eine Verdopplung von Modalwörtern und dann noch eine Verdopplung von viersilbigen Wörtern. In wissenschaftlichen Texten ist es üblich, solche Verdoppelungen häufig zu gebrauchen, um auf einen ganz bestimmten, definierten Begriff hinzuweisen und keine Verwechslungen aufkommen zu lassen. In den schwammigeren Regionen unserer Sprache, also im Alltag, stößt so etwas unangenehm auf.
In diesem Kontext wird diese Verstärkung durch die Wiederholung zusammen mit dem stilistischen Bruch genau das, was auf diesen ganzen Fall Edathy zutrifft: niemand weiß irgendetwas, aber sprechen muss man trotzdem. Und damit wird die Lächerlichkeit einer Information unterstrichen, einer Information, die keine andere Information als diese enthält, dass sie keine Information ist. 

Wege, die ins Gehölz führen

Physikalisch gesehen bezeichnet ein Weg eine Strecke zwischen zwei voneinander entfernt liegenden Punkten. In Institutionen ist das nicht so. Dort misst sich ein Weg nach der Verantwortlichkeit und der Entscheidungsbefugnis. Dies nennt man dann auch Dienstweg. Und dies hört sich dann bei Kuzmany folgendermaßen an:
Oppermann, der sich ohne Befugnis (aber als potentieller künftiger Dienstherr) auf dem ganz kleinen Dienstweg beim BKA-Chef Jörg Ziercke telefonisch erkundigte, …
Halten wir also fest: ein Weg, der nicht über einen anderen Verantwortlichen führt, ist kein Weg, sondern direkte Kommunikation. Und ausnahmsweise führt dieser Weg, der keiner ist, nicht ins gelichtete Dasein des Seins, sondern in den Filz des Gehölzes. Die alte Bauernregel könnte sich also als wahr erweisen: Wer nicht geht, der fliegt.

16.02.2014

Jetzt dreht der Spiegel im Fall Edathy völlig durch

Aus dem Fall Edathy wird nun eine Staatskrise. Das jedenfalls lässt sich aus dem Titel des neuen Spiegels entnehmen. Und wie recht sie damit haben! Guillaume ist ja geradezu ein staataffairliches Mäuschen dagegen gewesen.

Man spricht ja gerne von falschen Schlussfolgerungen oder auch von der Verbrämung ungünstiger oder falscher Ergebnisse durch rhetorische Stilmittel. Tatsächlich passiert aber vieles schon im Vorfeld der Schlussfolgerungen, dort wo es um die Begriffsbildung und den Begriffsgebrauch geht.
Ich hatte in meinem letzten Video die Ausdünnung der Merkmale bei einem Begriff angeprangert, also die zunehmende Abstrahierung von wissenschaftlich bereits gut ausdifferenzierten Begriffen. Das ist allerdings nur die eine Seite. Mit dem Abstrahieren von Merkmalen wird ein Begriff in seiner Reichweite gleichzeitig auch ausgedehnt. D.h., er lässt sich auf wesentlich mehr Fälle anwenden als bei einer spezifischeren Definition.
Genau dasselbe scheint jetzt der Spiegel mit dem Begriff ›Staatskrise‹ vor zu haben. Staatskrise: das ist kein exakter Begriff. Hier spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, so zum Beispiel die Schwere der Straftat, ihr Einfluss auf die politische Souveränität oder ihre massenmediale Beachtung.
Kinderpornographie wird nun juristisch (zu Recht) nicht als eine besonders schwere Straftat angesehen. Sexueller Missbrauch, schwere, körperliche Gewalt und Mord sind als schwerwiegender einzustufen. Trotzdem finde ich die Empörung bei Kinderpornographie richtig. Sie dürfte in ihren Argumenten dann besonnener sein, zumindest im Allgemeinen. Um einen Angriff auf die politische Souveränität handelt es sich hier allerdings nicht. Sollte Edathy sich tatsächlich strafbar gemacht haben, zeigt er eben genau jene Janusköpfigkeit, die Menschen gerne zeigen, wenn es um Sexualstraftaten geht. Der fürsorgliche Familienvater, der zugleich seine Tochter sexuell missbraucht: das gab es schon und das wird es wohl (leider) auch immer wieder geben. Ebenso die Mutter, die sich im Allgemeinen für das Kindeswohl engagiert und zugleich ihre Kinder emotional erpresst oder verwahrlosen lässt.
Ob es sich bei dem Angriff auf die politische Souveränität handelt? Friedrich dienstrechtliche Verfehlung ist mit Sicherheit ernst zu nehmen, aber letzten Endes kein deutlicher Verstoß gegen die Souveränität. Ernstzunehmen ist er natürlich auch deshalb, weil die Gewaltenteilung ein wichtiges Fundament für den demokratischen Staat ist. Das Wort Krise erscheint mir überzogen.
Rhetorisch gesehen nützen solche Skandalisierung, sei es im öffentlichen Bereich, sei es privat, dazu, den Handlungsdruck zu erhöhen und damit eine Beweisaufnahme zu verstümmeln. Meist geht das mit massiven persönlichen Interessen einher und soll im nächsten Effekt dazu führen, dass andere Parteien (hier im weitesten Sinne gemeint, also nicht nur politisch) überrumpelt und dadurch für die eigenen Zwecke missbraucht werden können.

Eine ganz wichtige Geburtsstunde meines politischen Bewusstseins war ein Zufallsfund von Beginn der neunziger Jahre. Damals hat ebenfalls ein schwerer Skandal (ich weiß nun nicht mehr, welcher) die Bundesrepublik erschütterte. Und weil dieses Buch das Wort „Skandal“ im Titel trug und, soweit ich mich erinnere, dann auch noch vergünstigt angeboten wurde, habe ich es mir gekauft. Und ich erinnere mich noch daran, dass sich dort einen Aufsatz von Dietrich Schwanitz befand, den ich sehr anregend fand. Das war wohl mein erster Kontakt zur Systemtheorie. Und vermutlich auch einer der wichtigen Momente in meinem Werdegang als Rhetoriker.

Will man das ganze etwas theoretischer fassen, dann muss man von einem Skandal als einem kommunikativen Ereignis ausgehen, dass sich nach verschiedenen Systemreferenzen trennen lässt. Und mit Systemreferenzen sind dann sehr klassisch die funktionalen Systeme gemeint, die Niklas Luhmann ausgearbeitet hat: Politik, Recht, Massenmedien. Und dabei muss man beachten, dass jedes dieser Systeme eine Eigendynamik entwickelt und ein eigenes Gedächtnis hat. 
Das Gedächtnis des Rechtssystems ist streng gebunden durch Gesetze und Verfahrensordnungen. Das Gedächtnis der Politik organisiert sich sehr stark über die Besetzung von Ämtern und der Teilnahme an politischen Interaktionen, seien es solche im Bundestag, in Gremien oder in irgendwelchen windigen Hinterzimmern, dort, wo Bestechungsgelder fließen und massiver Lobbyismus betrieben wird. Schließlich ist das Gedächtnis der Massenmedien mal gut, mal schlecht und stellt sich unter das Leitbild von Skandalisierung und Sensation (Wahnsinn! Angela Merkel zum siebten Mal scheinschwanger! Ist Lanz der Vater?). Massenmedien und Justiz: das verträgt sich alleine von der Geschwindigkeit des Urteils schlecht.
Wenn das auch im Einzelfall aufstoßen mag, so ist die Entschleunigung von juristischen Urteilen eine der ganz positiven Aspekte der Demokratie. Zudem sollte man immer auch beachten, dass bei akuten Verstößen sehr rasch über das Gefährdungspotenzial entschieden wird und innerhalb weniger Stunden auch ein polizeiliches Gewahrsam angeordnet werden kann. Ein solches Gefährdungspotenzial lag im Fall Edathy zum Beispiel nicht vor und deshalb ist es auch unsinnig, hier der Justiz ein zu langsames Vorgehen vorzuwerfen. Im Fall Friedrich kann man das ebenso nicht behaupten.
Skandal: das ist dann wohl eine Erfindung der Massenmedien und ein Zeichen dafür, wie der Spiegel sich nicht mehr an der Aufklärung beteiligt, sondern dem raschen Verkauf gehorcht. Das schlechte Gedächtnis der Massenmedien steht nämlich dem fast nicht existierenden Gedächtnis des Wirtschaftssystems näher, als dem strikten Gedächtnis des Rechtssystems.

15.02.2014

Das schreit fast nach Zickenkrieg — Über wen stürzt Friedrich eigentlich? Edathy?

Man kann sich die Sachen so wunderbar kompliziert machen. Muss man ja manchmal auch.

Friedrich hat, so verlauten die Staatsrechtler, ein Dienstgeheimnis verletzt und, im Falle Edathy, eventuell sogar die Ermittlungen behindert oder erschwert. Selbst wenn Friedrich aus guten Gründen die Parteispitze der SPD informiert hat: er wollte Sie vor einem Schaden bewahren; also selbst wenn: hier hätte die SPD samt der Regierung auch andere Möglichkeiten gehabt. Und es ist völlig inkorrekt und zeugt eben auch von dem staatsbürgerlichen Verständnis, wenn Seehofer nun der SPD Vertrauensbruch vorwirft, nur weil diese sehr korrekt Informationen darüber herausgegeben hat, wann genau sie informiert worden ist. Ob man nun Friedrich daraus einen großen Strick drehen sollte? Einige Menschen würden es ja schon als Strafe bezeichnen, zusammen mit der CDU regieren zu müssen.

Hilfreich ist die momentane Situation jedenfalls nicht, weder im Fall Edathy, noch im Falle dieser monströsen Koalition.
Aber was hätte das schon gemacht? Zwei Monate nach Bildung der Großen Koalition wäre eben ein Staatssekretär wegen deutlichen Verdachtsmomenten mit möglicherweise nur minder schweren Vergehen wieder aus dem Amt geschieden. Man hätte der SPD zugute halten können, dass Edathy sich in NSU-Ausschuss als ein äußerst kritischer und fähiger Mensch präsentiert habe und man in der SPD insgesamt völlig überrascht sein. Man habe von dem Privatleben eben wenig gewusst und sich durch die beruflichen Qualitäten auch wenig Gedanken darüber gemacht. Wäre nicht gut gewesen, aber doch nachvollziehbar. Friedrich hätte sich hinstellen können und sagen können: ja, ich habe das gewusst, aber ich durfte nichts sagen. Und der Verdacht gegen Edathy ist ja auch erst im Oktober zu mir gelangt.
Irgendjemand hätte sowieso gemeckert. Aber rein rechtlich gesehen wäre dann die ganze Sache sauber verlaufen und nicht so, wie es jetzt geschehen ist. Zumal Friedrich wohl nicht die einzige Indiskretion in diesem Fall war, aber durch sein Amt und dadurch, dass er als erster „geoutet“ wurde, der prominenteste.

Mir tut es um den Politiker Friedrich nicht wirklich leid. Zusammen mit der CDU vertritt er doch Werte immer nur dann, wenn sie persönlich gut und nützlich sind. Und deshalb habe ich die CDU auch nie leiden können. Ich halte die Werte der FDP zwar für falsch, aber zumindest in diesem Sinne für ehrlicher.

Die Welt schreibt: „Friedrich entschied sich dafür, SPD-Chef Sigmar Gabriel von dem Fall zu unterrichten. Was politisch richtig gewesen sein mag, und menschlich anständig dazu — aber dem Minister jetzt zu Recht das Amt kostete. Weil es juristisch äußerst problematisch, womöglich sogar strafbar war.“
Man lese sich die Argumentation dieses Satzes noch einmal gründlich durch. Etwas ist strafbar, aber menschlich anständig. Das hieße ja, dass unser Gesetz nicht die menschlich Anständigen schützt, sondern wen?
Und wen meint hier überhaupt der Autor, wenn er ›menschlich‹ schreibt? Alle Menschen, die Deutschen, oder doch nur die Koalition-Partner? Wenn man diesem Wörtchen, diesem ›menschlich‹ begegnet, sollte man immer vorsichtig sein, auf was genau es sich bezieht und welche Folgen es für diejenigen hat, die davon berührt werden; noch mehr aber sollte man darauf achten, welche Folgen es für diejenigen hat, die davon nicht betroffen sind. In diesem Fall kann man, glaube ich, sagen, dass Friedrich tatsächlich seine Pflichten verletzt hat. Das ist irgendwie menschlich, ja, aber durchaus sehr ungünstig und in einem so schweren Fall wieder möglichen Strafvereitelung ist ein Rücktritt auch nur konsequent. Dem Menschen Friedrich mache ich dafür wenig Vorwürfe. Es ist im Sinne der Demokratie, wenn ein Politiker eine falsche Entscheidung trifft und dafür Verantwortung übernimmt. Gabriel hat sich, wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, weitestgehend korrekt verhalten. Er hat in diesem Fall die wenigen Personen informiert, die nötig waren, um Edathy trotz seiner Popularität nicht mit einem hohen Posten zu betrauen und gleichzeitig dem Ermittlungsprozess nicht geschadet.
Was mir eben an dieser ganzen Geschichte jetzt nicht in den Kopf will, ist, warum Friedrich von seiner Partei gefeiert wird. Sein Rücktritt erfordert den gebührenden Respekt, den jemand verdient, der für einen Fehler Verantwortung übernimmt. Aber für eine Feier gibt es keinen Anlass. Denn zurzeit sieht es einfach so aus, dass hier trotzdem ein großer Verlierer da steht, und das sind die Bürger, die einer Rechtsstaatlichkeit vertrauen wollen.

Gabriel zumindest hat sich insofern trotzdem inkorrekt verhalten, als er das Anliegen von Friedrich damals hätte zurückweisen müssen und den Dingen seinen Lauf lassen sollen. Er hat sich zwar nicht juristisch falsch verhalten und vermutlich auch nicht die Folgen überdacht, die sein Handeln haben könnte, aber er hätte es wissen müssen. Und er hätte ahnen dürfen, dass dies jetzt in eine hochsensible Ermittlung eingreift, die zudem sehr moralisch und relativ hysterisch geführt wird. (Das finde ich, wie gesagt, bei Kinderpornographie sogar verständlich. Ich halte es für ein sehr schlimmes Verbrechen, rein emotional.) 
Zumindest hat er nicht, was ja in den letzten 20 Jahren fast schon eine Lieblingssport unserer Politiker geworden ist, abgewiegelt, sondern ist zum frühestmöglichen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit getreten.

14.02.2014

Der abgeschlossene Ort - ein typisches Setting

Dummerweise lässt der sich seit Jahren so verdeutlichen:
Hey Leute, ich habe hier unten überhaupt keinen Handy-Empfang.
Zu dem abgeschlossenen Ort siehe auch: Was ist das Harry? - Das ist eine pyroklastische Wolke.

Ach Matussek, du alte Pampfnase

Weil es immer wieder so schön ist und weil es Besucher bringt, deshalb pflegt man den inszenierten Skandal. Anders kann man den neuesten Erguss von Matthias Matussek wieder einmal nicht bezeichnen. Journalistisch ist er mit Sicherheit keine Leuchte, aber durchaus Mittelfeld. Man darf ihm also eine gewisse Intelligenz alleine seines Schreibstils wegen zurechnen, ohne dass man ihn jetzt deswegen beachten müsste. Aber irgendwie hat er es dann doch geschafft, mit seiner differenzierten Mittelmäßigkeit an die Spitze des deutschen Journalismus zu steigen. Wie das des Öfteren vorkommen soll.
Mitten in die ganzen Aufregungen um Sotschi, Hitzlsperger, Baden-Württemberg-Petition bekennt er nun: „Wahrscheinlich bin ich homophob und das ist gut so.“ Da hat nun jemand ganz tief in die Trickkiste der Entdifferenzierung gegriffen.
Warum Entdifferenzierung fast notwendig zum Streit führt, erfahrt ihr in meinem neusten RheNews-Video.

Nur zur Beachtung: wer homophob ist, ist es selten auf die gleiche Art und Weise wie andere Homophobe. Und wer sich die Mühe macht, mit solchen Menschen zu sprechen, wird häufig eben jene bunte Mischung aus Erfahrungen, Vorurteilen, nachgeplappertem "Wissen" und ähnlichem mehr finden, wie das bei Menschen normalerweise so üblich ist, nicht nur bei der Homophobie.
Und hier muss man natürlich eine doppelte Strategie gegenüber solchen Menschen fahren. Auf der einen Seite ist es wichtig, dass homosexuelle Menschen nicht als eine dumpfe, graue Masse gleicher Wesen wahrgenommen werden. Genau das passiert ja all den Menschen, die keine Homosexuellen kennen. Für die ist Homosexualität, bzw. sind die Menschen, die dieses leben, eine einzige Person.
Und auf der anderen Seite muss man dieser Homophobie auch zeigen, dass sie in sich, in ihren Positionen durchaus sehr unterschiedlich und eventuell auch sehr widersprüchlich ist. Das ist nämlich meine Erfahrung. Hier spielen Bequemlichkeiten, Ängste, nachgeplapperte Vorurteile und anderes mehr sehr unterschiedliche Rollen. Manchmal ist es dann tatsächlich auch unterdrückte Homosexualität.

Und genau darauf wird es bei Matussek dann auch hinauslaufen. Er wird einen halben Rückzieher machen, das ganze unter das Signum der Ironie und der Selbstdifferenzierung setzen und sagen: klar, aber ihr habt meinen Begriff nicht begriffen, also seid ihr trotzdem schuld. Das ist eine Strategie, mit der man viele Menschen übertölpeln kann und einen solchen Skandal übersteht, auch wenn er sich zunächst gegen einen neigt. Man wirft zunächst eine Blase in den Raum, bei dem man mit Widerspruch rechnen muss. Und je nachdem, wie sich dann die verfeindeten Positionen in der öffentlichen Meinung ausarbeiten, verstärkt man die eigene Position oder schwächt sie gegenüber dem übermächtigen Gegner ab. Rhetorisch geschickt, menschlich aber ziemlich widerlich.
Meine Meinung!

Der indirekte Einstieg: 15. Video im Kurs Plotstrukturen

Gestern habe ich mein 15. Video im Kurs Plotstrukturen hochgespielt.
Es ist insgesamt wieder besser geworden, die Bewegungen präziser und dadurch schneller wahrnehmbar und lernbar. Es gibt noch einiges, über das ich nachdenken muss. Insgesamt aber bin ich zum ersten Mal zufrieden und zwar zufrieden in dem Maße, dass ich sagen kann: ich muss hier noch dringend etwas tun, um die Technik, die ganze Performance auf Vordermann zu bringen.
Gut: Beleuchtung. Ton. Auch der Einsatz der grafischen Elemente. Das darf alles noch ein wenig. Und ich benehme mich immer noch befangen, obwohl ebenfalls deutlich besser.

Diesmal geht es um weitere Arten, einen Romananfang zu gestalten. Damit dürfte ich etwa 99 % alles Romananfänge im Unterhaltungsroman abgedeckt haben.
Link zum aktuellsten Video findet ihr links oben auf dieser Seite.

Der Traum der Jägerin

Ich darf hier mal auf das Video eines Schriftsteller-Kollegen verweisen, das ich für sehr gelungen halte:
Das Buch kenne ich nicht, noch nicht. Aber das Video selbst ist sehr professionell gemacht. Es ist sein erstes (!). Wenn das Buch nur halb so gut wie das Video ist, dann dürfte es auf jeden Fall ein besseres unter den Selfpublishern sein.
Die Leseprobe verspricht keinen literarischen Knüller, aber gutes Fantasy-Handwerk. Der erste Dialog ist kurz und bündig (ich achte neuerdings sehr auf den Zustand der Dialoge, weil es hier am deutlichsten wird, ob Charakterisierung und Spannung gut ausgewogen werden), aber nicht hölzern schematisch (wobei sich ein deutlicher Schematismus in Genre-Literatur kaum vermeiden lässt). Der erste Weg zweier Reiter wird plastisch, aber nicht ausufernd erzählt, also mit einer guten Abwägung zwischen Verbildlichung und Geschichte. Für Fans auf jeden Fall vielversprechend.

Gender-Theorie jetzt doch biologisch nachweisbar

Lange Zeit gab es einen massiven Streit, ob die menschlichen Geschlechter auf der Praxis der Erziehung beruhen oder auf der biologischen Evolution. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass sich das eine vom anderen nicht trennen lässt. Allerdings dürften die Ergebnisse insgesamt auch sehr enttäuschend sein, denn das klassische dritte Geschlecht, der Homosexuelle, kann neurophysiologisch weiterhin nicht ausgemacht werden. Dafür wurde ein Geschlecht entdeckt, von dem man bisher noch nicht einmal Ahnung hatte, dass es existiert. Es zeichnet sich durch ein besonders kleines und unstrukturiertes Gehirn aus und bezeichnet sich selbst als Bild-Journalist. Nachzulesen ist diese bahnbrechende Untersuchung hier.

12.02.2014

Glaubwürdigkeit: Edathy und Co.

Das ist ein so bitterer, wie wahrer Satz. Und ein beliebtes Spiel in Politik und Massenmedien:
Erschüttern Sie nur die Glaubwürdigkeit der Zeugen und das Spiel ist gewonnen. … Wenn er damit [mit einem Video mit Informationen] rauskommt, muss seine Glaubwürdigkeit zerstört sein. Die Leute müssen glauben, dass er lügt, bevor er etwas sagt. 
(Aus dem Film: State Enemy Nr. 1)
Dies hatte ich vor längerer Zeit bereits zu dem Fall Bettina Wulff angemerkt. Ebenso vorsichtig sollte man im Moment mit dem „Fall“ Edathy umgehen. Eine Ermittlung stützt sich zwar auf einen Verdacht und eine Hausdurchsuchung bei einem Bundestagsabgeordneten weist auf einen wohl eher gravierenden und gut geprüften Verdacht; ein Urteil allerdings ist das noch nicht, noch nicht mal der Abschluss der Beweisaufnahme. Bei Bettina Wulff zum Beispiel ist das Gerücht wohl auch aus den Reihen so genannter „Parteifreunde“ gekommen und im Zuge eines Karriere-Gerangels entstanden. So geht zumindest ein weiteres Gerücht.
Aktualisierung [14.02.2014]: Staatsanwaltschaft zum aktuellen Stand der Ermittlung.

Ich hatte vorgestern, nach sehr langer Überlegung, beschlossen, ebenfalls mit einem solchen Gerücht öffentlicher umzugehen. Es betrifft meine Ex-Frau. Und in diesem Fall handelt es sich um einen Text, den ich geschrieben habe und der von ihr passagenweise wortwörtlich übernommen wurde. Dies ist damals in meinem Einverständnis geschehen. Jene Autoren, die ich zitiert habe, hat sie meines Wissens nie gelesen. Es handelt sich um Walter Benjamin, Roland Barthes, Leon Wurmser und Friedrich Nietzsche. Bei Nietzsche weiß ich, dass sie zumindest Jenseits von Gut und Böse einmal in einer Lesegruppe behandelt hat. Jene Lesegruppe, die sich süffisanterweise „Postmoderne-Gruppe“ nannte, hatte herzlich wenig Ahnung von Philosophie und noch weniger Ahnung von einem guten Diskussionsstil. Das war nur ein Haufen kleinbürgerlicher selbst ernannter Linker; jener ebenso selbst ernannte Fachmann für Adorno, der jede kritische Klippe mit einem Auschwitz-Argument umschifft hat, dem spreche ich heute jegliche Ahnung von Adorno ab. Damals wusste ich es nicht besser, da ich noch zu wenig von Adorno gelesen hatte und das auch nicht gut.
Der Gang an die Öffentlichkeit ist allerdings kritisch zu sehen. Auch wenn ich mich hier gegen gut ausgestreute Unterstellungen wehre, zum Beispiel der Unterstellung, ich sei extrem schwierig und hätte diese Frau ohne ersichtlichen Grund verlassen, ist damit die Haltbarkeit meiner (nennen wir sie mal) Behauptungen keineswegs auf den ersten Blick und möglicherweise auch nicht auf dem dritten und fünften nachvollziehbar.
Nachvollziehbar dagegen ist, dass ich einen Text veröffentlicht habe, der eine Zeit lang zu einem der beliebtesten Artikel meines Blogs gehörte und dieser Artikel in seinem Gang und seinen Zitaten in einer wesentlich gekürzten Form unter dem Namen einer anderen Person, der meiner Ex-Frau, auftaucht. Zudem mit der Feinheit, dass hier auch noch falsch ein Zitat belegt wurde, welches in meinem Artikel richtig belegt ist. Dies weiß ich nun seit über drei Jahren.
Frappant an der ganzen Sache ist auch folgendes: offensichtlich erzählt sie heute herum, sie hätte mich in die Theorie von Niklas Luhmann eingeführt. Das ist allein schon deshalb lächerlich, weil ich die Systemtheorie gut kannte, bevor ich sie überhaupt kennen gelernt hatte. Und wer mich hier tatsächlich eingeführt hat, war jener Mensch namens Knut, mit dem ich zusammen eine pflegebedürftige alte Frau betreut habe. Ebenso hätte ich Foucault nur durch sie kennen gelernt. Mein erstes Buch von Foucault habe ich mir während meines Zivildienstes gekauft, also 1992, lange vor ihrer Zeit. Und gekauft habe ich mir das auf den Hinweis meiner damaligen Freundin, die später, soweit ich weiß, in Freiburg Psychologie studiert hat.
Ich erinnere mich allerdings daran, dass ich meiner Ex-Frau über einige wichtige Stellen von Luhmann (Buch: Soziale Systeme) Übersichten und Lesehilfen angelegt habe. Und noch 2007, an jenem Abend, als ich den von ihr plagiierte Artikel geschrieben habe, hatten wir eine kurze Diskussion inwieweit man Luhmann einbauen könnte. Und soweit ich mich zurückerinnere, allerdings auf einer sehr dünnen empirischen Lage begründet, zugegeben, hatte sie auch dort noch nicht die Systemtheorie verstanden.
Gerade erhalte ich für meine Artikel (und auch Videos) sehr viel Lob, sogar mehr Lob, als ich für angemessen halte. Da ich seit Jahren recht regelmäßig veröffentliche, kann ich, glaube ich, auf eine gewisse Eigenständigkeit meiner Gedanken und meiner Betrachtungen pochen. Und da ich zurzeit wahnsinnig verärgert bin, sowohl, was meine familiäre Situation angeht, als auch die Unterstützung, die meine Ex-Frau mir nicht nur verweigert hat, sondern die sie im Hintergrund offensichtlich sogar zu ihren Vorteilen und auf Kosten meines Rufs missbraucht hat, muss ich jetzt einfach auch meinem Ärger öffentlich Luft machen.

Mehr und mehr erscheint es mir nämlich auch als falsch und für mich unerträglich, dass ich öffentlich falsche Diskussionen anprangere, sie aber in meinem privaten Bereich in einem solchen Umfang dulde. Gerade im Moment habe ich das Gefühl, als würde ich daran letztendlich zerbrechen. Und dafür bin ich mir nun wirklich zu schade.

Toilettenpapier

Denn besonders wichtig für den Erfolg eines Toilettenpapiers auf dem deutschen Markt sei die "Durchstoßfestigkeit".
Aha! 
Ein zwieschneidiges Instrument der Werbung ist die Neologismisierung des Offensichtlichen und offensichtlich Peinlichen.

(HIER)

Was an der Diskussion über Homophobie besonders schön ist

Eigentlich dürfte ich genervt sein. Genervt darüber, dass ein Thema, was so nebensächlich ist, dermaßen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gespült wird. Das Thema ist natürlich die Homosexualität. Wir hatten die Missbrauchs-Skandale in der Kirche ebenso wie die Vermutung von kirchlicher Seite aus, dass eben sie selbst durch Päderasten unterwandert sei [unterwandern ist eine wunderbare Metapher, nicht wahr?]; wir hatten Ungarn und Russland und jetzt die unglaublich naiven Aussagen von Putin, die man als lächerlich abtun würde, wenn sie nicht in all ihrer Naivität zehntausenden Menschen das Leben noch schwerer machen würden. Wir haben Sotschi und diese befremdlich despotischen Allmachtsfantasien eines Staatsoberhauptes, unter denen die Leistungsfähigkeit eines Volkes widersprüchlich hervor schaut (auch: HIER). Wir hatten (und haben) Hitzlsberger und die Petition in Baden-Württemberg gegen „Genderisierung“ der Schule.

Aber all das wäre mir jetzt gar nicht so wichtig. Was ich an dieser „Zusammenballung“ so mag, ist die Diskussion über die Diskussion und dass hier einige sehr kluge Menschen in breiten Bevölkerungsschichten gehört und überdacht werden. Z. B. Niggemeier.
Das hat dann auch weniger mit der Normalisierung der Homosexualität zu tun, obwohl dies durchaus ein wünschenswerter Effekt der ganzen Debatte sein dürfte. Vielmehr hat das mit der Art und Weise zu tun, wie eine breit angelegte Logik in die Praxis umgesetzt wird.

Die Logik ist ja, das hatte ich schon öfter geschrieben, die Lehre vom guten Denken. So jedenfalls hatte Kant das mal definiert. Die Argumentationslehre dagegen ist die Praxis dieser Disziplin, also die Umsetzung der Logik in die alltägliche Diskussion.
Kant selber unterscheidet hier anders. Er teilt die Logik in eine Analytik und eine Dialektik auf. Die Analytik stellt die Elemente der Logik vor, die Dialektik dann den Gebrauch dieser Elemente. So dass man, wenn man Kant folgen würde, die Argumentationslehre als dialektische Logik bezeichnen könnte. Wer das kurze Büchlein von Kant zur Logik kennt, weiß, dass er sich hier sehr zurückgehalten hat. Das liegt vermutlich daran, dass er das meiste schon in seiner Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat und vieles in seinen beiden anderen Kritiken, zweitens Aufklärung nicht als einen Zustand eines einzelnen Menschen, sondern einer Gemeinschaft ansieht und drittens die gute Argumentation sich auch immer an den Sachverhalten orientieren muss, also nur schwerlich allgemein ausdrückbar ist.

So gefällt mir an der Diskussion eben besonders, dass hier neben dem Sachverhalt der Homosexualität vor allem auch der Zustand des Denkens einer Gemeinschaft, also der Zustand der Aufklärung dieser Gemeinschaft, in den Mittelpunkt rückt. Und das finde ich, dies mögen mir die einzelnen Homosexuellen verzeihen, wesentlich wichtiger.
Denn auch das ist ja eine Sache, die uns in den letzten Wochen durch ein ganz anderes Thema, durch dieses unglückselige Dreieck Lanz/Jörges/Wagenknecht gezeigt wurde: vor allem Jörges hat sich nicht dadurch vorgetan, dass er gut argumentieren könnte. Er hat sich vor allem dadurch vorgetan, dass er über eine äußerst blöde Verallgemeinerung ein Thema überhaupt nicht mehr argumentieren möchte, sondern einfach nur noch Zustimmung für seine eigene Position verlangt. Das aber ist keine Aufklärung; das ist einfach nur Despotismus.

Da hat aber jemand alliteriert!

Jauchs Rate-Rentner (86) will Regenrinne reparieren
Bild blödelt bewusst Banalitäten.
Und wer hat nun wieder den Jauch in dieses stilistische Desaster geschmockelt?

11.02.2014

Ach Maischberger, ach Mursula

Niggemeier findet an äußerst unpassenden Stellen Anführungszeichen und an anderen wieder nicht. Das ist (mal wieder) sehr klug lesen.

Es geht um die Sendung „Menschen bei Maischberger“ und die Sendung mit dem Titel „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?“.
Niggemeier ärgert sich nun darüber, dass „moralische Umerziehung“ nicht in Anführungsstrichen steht, dafür aber die „sexuelle Vielfalt“. (HIER)

Der Chiasmus der sexuellen Vielfalt

In dieser ganzen Debatte gibt es nicht nur ein oberflächliches Toleranz-Problem, sondern ein viel tiefer sitzendes, worauf die Rhetorik dieser Debatte hinweist. Es scheint nämlich so, als gäbe es hier zwischen dem grammatisch-semantischen Geschlecht und dem ontologischen Geschlecht einen Chiasmus. Die „sexuelle Vielfalt“ scheint wie ein Mann der „sexuellen Homogeneität“ einer unbestimmten Anzahl von Heterosexuellen gegenüberzustehen. Und als wollte das Erste dies unterstreichen, wird die „sexuelle Vielfalt“ in einer elliptischen Aufzählung eingesperrt und homogenisiert: „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle“.

Nun muss man diese Verwirrung vor dem Hintergrund lesen, dass das ontologische Geschlecht nicht das grammatisch-semantische Geschlecht ist und auch nicht das biologische.
Jenes ontologische Geschlecht, das gender, und immer etwas unglücklich als kulturelles Geschlecht gekennzeichnet, das ist auch jenes Geschlecht, das sich ent-wirft, weil es noch nicht ist. Man muss dieses deutlich abgrenzen, weil es auf dieser Ebene keine Heterosexuellen gibt, noch nie gegeben hat und auch nie geben wird. Und mit ihr existieren auch nicht alle anderen Kategorien des Geschlechts.
Es ist eben jenes Geschlecht, dem man selbst mit einem Eigennamen nicht Herr werden wird und das nie alleine daherkommt, sondern immer zu zweit und mehrfach. Dem man auch mit den grammatischen Konstruktionen des Geschlechts nur eine andere Form der Gleichgültigkeit zufügt, nicht besser und nicht schlechter als mit dem biologischen Geschlecht.

Von Pornofilmchen zum Onanieren

Insgesamt aber ist diese Debatte weiterhin lächerlich. Es scheint ja so, als würde man mit der Erwähnung von Homosexuellen auch gleich kleine, praktische Pornofilmchen zum Vorzeigen und Nachmachen in den Unterricht einbringen.
Ebenso lächerlich ist dieses Gefasel von den „traditionellen Werten“, deren Tradition viel später begonnen hat, als die „konservativen Kreise“ behaupten. Die christliche Familie, die Mutterliebe: alles eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Das Kindeswohl ebenfalls. Man bedenke, dass sich die Frage nach dem Kindeswohl in erheblichem Maße daran entwickelt hat, dass die Kinder (angeblich) von Natur aus eine Verdorbenheit mit sich bringen. Und diese Verdorbenheit hat sich dann in der sexuellen Selbstbetätigung, also der Masturbation niedergeschlagen. Dies ist die berühmt-berüchtigte Onanie-Debatte des 19. Jahrhunderts.

Der Samen eines frühzeitigen Ergusses

Unschlagbar: Anni Mursula. Ihren neuesten Erguss zu lesen hat mich richtig fertig gemacht. Und offensichtlich wollte sie das ja auch. Denn sie schreibt: „Wenn ich wollte, könnte ich als moderne Frau jeden Mann fertig machen.“ Stimmt: man muss als moderne Frau einfach nur immer mal wieder einen völlig lächerlichen und haltlosen Artikel schreiben. Dieser vorschnelle Erguss wird wohl den Samen zu einigen recht geschmacklosen Steckrüben liefern (sexuell gesprochen).
Diese so genannte Journalistin kommt nach einigen verallgemeinernden Sätzen zu einem einzelnen, wahrscheinlich tatsächlich äußerst skandalösen Rechtsfall, dem von Horst Arnold. Arnold soll eine Kollegin in der Schule vergewaltigt haben, wurde dafür schuldig gesprochen und büßte darauf hin fünf Jahre Gefängnisstrafe ab. Dies war 2002. 2011 wurde er dann freigesprochen. Eine Rehabilitierung hat nicht stattgefunden.

Verallgemeinerung und Sippenhaft

Am Ende des Artikels kommt Mursula zu ihren Verallgemeinerungen zurück. Aus jener einzelnen Frau wird dann wieder die Frau im allgemeinen.

Sie changiert damit zwischen den Individualrecht und der Sippenhaft hin und her. Würde sie vom Individualrecht aus das Verhalten jener Heidi K. anklagen, dann wäre das tatsächlich in Ordnung. Dass sie hier aber gleich sämtliche Frauen mit auf die Anklagebank stellt, das ist schon ein etwas krauser Gedanke. Und er ist umso gefährlicher, dass viele Menschen diesen Gedanken nicht einmal mehr als Graus empfinden würden.

Statt also den Staat in einer solchen Weise zu retten, dass in ihm noch eine größtmögliche Gerechtigkeit herrscht (was sie ja zunächst zu fordern scheint), torpediert sie die Nationalität mit einem geradezu umstürzlerischen Ton. Und das ist vielleicht das Frappanteste an dieser Frau: dass sie unter ihrem „law and order“-Denken eine recht widersprüchliche Verquickung einer Werte-Elite und eines Ordnungschaos vereint.

Mursulas Männerfeindlichkeit

Und nicht anders ergeht es den Männern. Denn nur ganz an der Oberfläche scheint sie den alten Status des Mannes wieder zurückzuwünschen. In Wirklichkeit aber spricht sie den Männern jeglichen vernünftigen Gedanken ab, denunziert sie als Objekte einer exzentrischen weiblichen Verschwörung, der sie sich argumentationslos und willenslos ausliefern. Und selbstverständlich weiß sie dann, als Frau, was für die (also: DIE) Männer wirklich gut ist und wem sie sich wirklich willenlos und argumentationslos zu fügen haben.
Das allerdings ist kein konservatives Männerverständnis mehr, auch nicht mehr mit dem Mann als Patriarch in der kleinbürgerlichen Familie. Das ist nur noch Männerfeindlichkeit auf einer höheren Ebene. (HIER)

10.02.2014

Auch das ist eine Art von Grundrecht. NSA, Michael Sams Outing und das Gequatsche hinterher, also die Desorganisation von Mündigkeit ganz allgemein.

Nun hat sich ein aufstrebender Football-Star, Michael Sam, geoutet. Und er hat etwas sehr wichtiges gesagt, eigentlich eines der Grundrechte, über die letztes Jahr am meisten diskutiert wurde: das Recht auf die Zugänglichkeit zu all den Informationen, die über einen selbst vorliegen.

Verantwortung übernehmen

Sam wird folgendermaßen zitiert:
"Ich wollte meine Wahrheit besitzen", sagte Sam. "Niemand außer mir sollte meine Geschichte erzählen." (Zeit online)
Dieses Recht, seine eigene Geschichte mit zu erzählen und den Dialog darüber mitzugestalten, dies findet sich auch in der Philosophie von Hannah Arendt als eine grundlegende Bedingung, an politischen Gemeinschaften verantwortlich teilnehmen zu können.

Der Skandal von solchen Datensammlungen, wie sie bei der NSA und dem befreundeten Geheimdiensten vorgenommen wird, ebenso wie das früher die Stasi getan hat, der Skandal um Spitzel und um Überwachung, der hat nicht nur etwas mit dem gläsernen Menschen zu tun. Das natürlich auch. Viel verletzender allerdings ist, dass hier eine Staatsform, die im Zuge der „Liberalisierung“ die unbequemen Verantwortungen mehr und mehr den Individuen aufgedrückt, diesen auf der anderen Seite die Verantwortung völlig aus der Hand nimmt, selbst aber keine Verantwortung gegenüber den Betreffenden, den Ausspionierten übernehmen muss, weil diese Spionage gar nicht bekannt sind.

Scheidungen und Scheidungskinder

Fallbeispiel: ein Plagiat

Womit wir dann bei meiner guten Ex-Frau wären, die das auch hervorragend kann. Und sie kann das sogar so hervorragend, dass sie drei Tage später selbst daran glaubt. Ich hatte ihr im Herbst 2008 einen längeren Text geschrieben, weil sie dazu dringend Informationen brauchte, vor allem aber, weil sie mich am Vorabend eines Abgabetermins für einen Artikel in einer Fachzeitschrift angerufen hat, übrigens völlig in Panik, und noch kein Wort geschrieben hatte, geschweige denn das Thema wusste. Ich habe also die halbe Nacht hindurch telefonisch Händchen gehalten und gleichzeitig jenen Beitrag geschrieben, den ich dann ein paar Wochen später unter dem Titel ›Langeweile (Zum Diskurs der Jugendkriminalität)‹ veröffentlicht habe.
Da ich ihren Artikel am folgenden Tag durchgelesen und lektoriert habe, wusste ich natürlich, dass sie hier meinen Text weitestgehend übernommen hat. Sehr erstaunlich war allerdings, dass sie dann am Donnerstag, also zwei Tage später, mir gegenüber behauptet hat, ich hätte ihr nur drei Zitate herausgesucht. Und selbst wenn es nur diese drei Zitate gewesen wären, so habe ich doch mehrmals mit ihr telefoniert, in der Nacht, als sie ihren Artikel zusammengeschustert hat. Die Qualität des Artikels, der innerhalb von weniger als 24 Stunden verfasst worden ist, spricht schon für sich. Und es ist nur eine Feinheit am Rande, dass sie mir bis heute nicht gesagt hat, in welcher Zeitschrift der Artikel erschienen ist.
Ebenso hat sie mir erzählt, dass ich nicht als Mitautor auftauchen könne, da das Inhaltsverzeichnis bereits fertig gestellt sein. Das allerdings ist unwahrscheinlich, da die Aktualisierung des Inhaltsverzeichnisses den letzten Arbeitsschritten bei der Erstellung eines Magazins oder Buches angehört.
Wer jetzt übrigens behauptet, ich würde hier ebenfalls ein Märchen erzählen, was ja durchaus gerecht wäre, das zu vermuten, der wird feststellen, dass meine liebe Ex-Frau dem guten Roland Barthes ein Zitat untergeschoben hat, das in meinem Blog richtig von Leon Wurmser stammt. Das ist nun leicht nachzuprüfen. Wie ich es geschafft haben soll, ein falsch zugeordnetes Zitat aus der Flut der Bücher dann richtig zuzuordnen, das wird sie wohl nicht so leicht erklären können. Denn soweit ich mitbekommen habe, hat sie mich tatsächlich des Plagiats beschuldigt. Ich kann dazu nur sagen: auch nach der Faktenlage wäre das noch möglich, ist aber eher unwahrscheinlich. Zumal dieser Abschnitt eine deutliche Ironie aufweist, die der restliche Text des Artikels nicht besitzt. Was unter anderem daran liegt, dass meine Texte allgemein sanft oder beißend ironisch sind, die meiner Ex-Frau dagegen nicht.
Kleine Feinheit zu dieser ganzen Geschichte: nicht nur hat sie mir sofort meine wesentliche Beteiligung an dem Artikel abgesprochen und zwar mir direkt ins Gesicht, sondern sie hat drei Monate später, am Weihnachtsabend, sehr lustig gefunden, dass ich (ihrer Aussage nach) „zu dumm [sei], meine Doktorarbeit zu schreiben“. Und hat sich ein Jahr später gewundert, dass ich mich weigere, mit ihr Weihnachten zu feiern, wenn sie sich für diese Aussage nicht entschuldigt.

Mehr aber als diese Missachtung, die ich schon wegen unseres Sohnes als sehr ungünstig empfunden habe, empfinde ich die Geschichten, die sie sich drumherum erfindet, als deutlich missbrauchend.



Bei dem Buch handelt es sich übrigens um Bindel-Kögel, Gabriele / Karliczek, Kari-Maria (Hg.): ›Jugendliche Mehrfach- und „Intensivtäter“‹. Der entsprechende Artikel mit meinem Anteil findet sich ab Seite 209, meinen Text, gleichwohl gekürzt und umgestellt, im 4. Abschnitt. Das Buch ist im LIT Verlag 2009 erschienen und über Amazon erhältlich. Vielen Dank an Sandra, die darüber gestolpert ist, und etwas irritiert bei mir angerufen hat, vor allem, weil sie das Zitat von Wurmser nicht in dem Buch von Roland Barthes gefunden hat. Bei mir, auf dem Blog, schon. (Es lebe Google!)

Märchen-Angst

Es sind eben diese Geschichten, diese (wie man sie richtig bezeichnet) Märchen, die einen Menschen so verletzen können und ehrlich gesagt, habe ich vor den möglichen Situationen, plötzlich mit einer „Wahrheit“ konfrontiert zu werden, die sich irgendjemand hinter meinem Rücken erfunden hat, eine ziemliche Angst. Eine, dieses Wort sei mir erlaubt, Scheiß-Angst.


Mittlerweile habe ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu meinem Sohn. Man muss dazu wissen, dass er nicht man leibliches Kind ist, sondern das Verhältnis schlichtweg auf Liebe und Sorge basiert. In den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, dass sich seine Mutter überhaupt nicht mehr zurückhält, wenn es darum geht, über mich zu lästern. Und so ist offensichtlich letztes Jahr dann auch jener berühmte Tropfen gefallen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Dass sie nicht ans Telefon geht, wenn ich anrufe, bin ich seit Jahren gewöhnt. Dass sich mein Sohn hier verweigert, das kannte ich bisher noch nicht. Und so habe ich heute das Gefühl, dass ich ein billiger Babysitter gewesen bin. Denn wirklich an der Erziehung meines Sohnes konnte ich durch meine schwierige berufliche Lage und meinen rechtlichen Status auch nicht teilhaben. Vater durfte ich immer nur dann sein, wenn es darum ging, unangenehme Aufgaben abzuschieben. Und da ich mich dann tatsächlich auch verweigert habe, hatte ich rasch den schwarzen Peter, hier meine väterlichen Aufgaben nicht verantwortungsvoll übernehmen zu wollen. Was ja auch irgendwie richtig ist, wenn ich in anderen Entscheidungen überhaupt ein Mitspracherecht gehabt hätte.

Desorganisation von Mündigkeit

Michael Sam spricht schon richtig davon, dass man seine eigene Wahrheit besitzen solle. Allerdings ist die eigene Wahrheit, die Wahrheit seines politischen Daseins und seiner gesellschaftlichen Mitwirkung, immer auf ein Zwischen gegründet, gehört also keinem Individuum, sondern immer einer Gemeinschaft. Das ist die großartige Idee, auf die Hannah Arendt ihre Schriften stützt und die in den letzten Jahren von Judith Butler immer stärker angesprochen wird. Dieses Zwischen wird missbraucht, wenn ein Mensch nicht an den Erzählungen mitwirken darf, die im Entstehen sind.
Wichtiger allerdings dahinter ist, das hatte ich ja neulich in meinem Artikel zur Isolation und Vereinheitlichung deutlich gemacht, die Verteilung der Verantwortung, die durch die Rhetorik organisiert wird.

Jörges und seine Brandmauer gegen Rechts

Jörges war schlimm, auch in seiner Video-Reaktion auf die Sendung, in der er Wagenknecht das unterstellt hat, was er selber getan hat. Nicht Wagenknecht kommt nämlich immer mit dem Argument der Kinderarmut, sondern Jörges mit dem Argument des Kommunismus. In seiner allgemeinsten Form gefasst ist der Kommunismus allerdings tatsächlich etwas, worauf eine demokratische Gesellschaft beruht, nämlich auf dem Respekt der Menschen voreinander und untereinander, egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts und welchen Berufs sie sind. Das eben ist der Traum von einer klassenlosen Gesellschaft. Und den findet man nicht nur bei Marx, sondern auch bei Denkern mit einem sehr stark liberalen Fundament wie zum Beispiel Whitehead oder Arendt. Deren Philosophie man gerne als „bürgerlich“ bezeichnet.
Schlimm auch, wie das ZDF dann darauf reagiert hat.

Jörges redet zum Beispiel davon, dass die CSU eine „Brandmauer gegen Rechts“ sei. Diese Metapher an sich ist schon schlimm genug. (Zu einigen weiteren Klopfern siehe: Was Jörges verschwiegen wissen wollte.)
Viel schlimmer ist allerdings, dass all die Menschen, die nun Rechts wählen (in diesem Fall wurde die AfD genannt) aus irgendwelchen Gründen gegen Europa wählen. D.h. natürlich gegen die EU. Aber das ist eben eine Verantwortung, die nicht nur auf plötzlich und irgendwie irrsinnig eingestimmten Wählern beruht, sondern auf der gesamten Politik und der Art und Weise, wie Politik auf der europäischen Ebene gemacht wird. Indem man nun diese Wählerstimmen durch ein recht seltsames Argument abschöpft ("Wer betrügt, der fliegt", samt Jörges Interpretation des Sprechers, also der CSU), zudem eines, was den Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nach Deutschland ziehen, eine Verantwortung zuschiebt, die bei den Politikern nicht getragen werden will, indem man Ausländerfeindlichkeit und antieuropäische Haltung in einen Topf wirft (selbst wenn es hier tatsächlich zahlreiche Überschneidungen gibt), erzeugt man eben jenes große Kuddelmuddel, dass man auf einer sachlichen und die konkrete Politik betreffenden Ebene überhaupt nicht mehr zu fassen kriegt. Und dann muss man auf die Ebene der Sprachkritik ausweichen.

Stille Post

Ebenso schlimm ist diese Petition gegen die Thematisierung der Homosexualität im Unterricht. Hier wird systematisch ein Anliegen missverstanden und bewusst missverständlich an die Öffentlichkeit getragen. Das ist nicht nur dämlich, das ist geradezu gefährlich.
Es ist ein beliebtes Spiel. Indem die Informationen wie in dem Spiel Stille Post weitergegeben werden, so dass die ursprüngliche Information überhaupt nicht mehr erreichbar ist, wenn man nicht größeren Aufwand betreiben will, oder Handlungen und Aussagen missliebig interpretiert werden, die Debatte darüber dann allerdings durch einen unnützen Streit abgewürgt wird, als dürfe es keine andere Interpretation als die eine geben, indem also die Rhetorik auch dazu gut ist, eine scharfe Begriffsbildung zu vereiteln, wird durch sie auch die Mündigkeit desorganisiert.
Für Verwirrung kann man eben keine andere Verantwortung übernehmen, als sie zunächst zu entwirren.

Zugänglichkeit zu den die eigene Gemeinschaft betreffenden Informationen, das Recht zur eigenen, nicht aber zur alleinigen Interpretation, auch das ist eine Art von Grundrecht. Es ist eben das Recht, das einen Menschen zu einem politischen und mündigen Bürger macht.

Komische, unfreiwillige Mischungen

In meinem neusten Video habe ich unter anderem die komischen Mischungen erwähnt, zum Beispiel den Titel einer Glosse auf Spiegel online. Manchmal treten solche Mischungen sehr unfreiwillig auf.

So hatte ich vor drei Jahren nach einem guten Video über Haie gesucht (auf YouTube). Und in einem dieser Videos, das vor allem das Fressverhalten von Haien gezeigt hat, wurde unten eine Werbung für Zahnbehandlungen in Tschechien eingeblendet. Und das just in dem Moment, in dem ein Hai aus dem Wasser heraus nach einem Thunfisch-Köder schnappte. Das fand ich damals sehr komisch.

Gerade wollte ich mir ein Video über die Eröffnungsspiele in Sotschi ansehen. Das Video hat mich auch deshalb interessiert, weil im Titel ein Toilettenproblem erwähnt wurde. Welche Werbung wurde dem Video vorangestellt? Werbung für Backpapier, also solches, das man ums Fleisch wickelt und das zugleich für eine gute Würze und für eine Kruste sorgen soll. Und da war die Assoziation zum Kackpapier und damit zu einem ganz anderen Toilettenproblem natürlich einfach.

Für solche unfreiwilligen Mischungen gibt es keine rhetorische Figur. Bei den Wortfiguren findet man die Kontamination (Sexperte, Junggeziefer, Greconomy, und anderes). Das Asyndeton bezeichnet gleiche syntaktische Elemente, die nebeneinander aufgereiht werden und unsinnig sein können, aber nicht müssen: „Sie jagten ihn mit Schwermut und mit Gabeln.“ Schließlich bezeichnet das Zeugma die Parallelisierung von Sätzen, die von der Bedeutung deutlich nicht zueinander passen: „Sabine organisierte sich ein ruhiges Leben und ihr Mann einen Kasten Bier aus dem Supermarkt.“
Der Witz solcher unfreiwilligen Mischungen geht in zwei Richtungen. Der Film mit den Haien und der eingeblendeten Zahnbehandlung bringt natürlich sehr überraschend zwei Elemente zusammen, die sich in einem sehr nebensächlichen Punkt berühren und sonst kaum etwas miteinander zu tun haben.
Beim Zeugma dagegen findet man recht häufig eine fehlende Geschichte zwischen den beiden Satzgliedern oder Teilsätzen. Die Zusammenstellung ist deshalb überraschend, weil der Zusammenhang fehlt. Und dann versucht man natürlich, diesen Zusammenhang selbst aufzufüllen und kommt auf die drolligsten Einfälle.

09.02.2014

Germany's Next Top Model (GNTM) und der Humor: wie man Glossen schreibt

Für mein Video habe ich übrigens wenig herum suchen müssen. Am Freitag waren so viele Meldungen in den Nachrichten, die rhetorisch äußerst interessant waren, dass ich sechs Videos hätte machen können. Nein, eigentlich wären es sogar mehr gewesen. Denn meine Wahl ist schließlich auf eine Glosse von Spiegel online gefallen. Und dieser hat es nun wirklich in sich. Um hier sämtliche rhetorischen Figuren ausführlicher zu klären, hätte ich einige Videos gebraucht, ich schätze mindestens fünf.

In Kreuzberg zum Beispiel soll die sexistische Werbung verboten werden. Das Problem an der ganzen Geschichte allerdings ist, dass Sexismus im Auge des Betrachters liegt.
Und bei den Menschen, die ich näher kennen gelernt habe und die Sexualpartner tatsächlich zu Objekten degradieren, empfinde ich den Sexismus nur als einen Teil einer weit umfassenderen Störung. Es ist die Unfähigkeit, sich vorstellen zu können, dass andere Menschen ein Innenleben besitzen, das von dem eigenen Innenleben unterschieden ist.
Meiner Ansicht nach verläuft die ganze Debatte deshalb unfruchtbar, weil sie sich nur an einem Aspekt aufhängt: so wichtig der Feminismus ist: hier verkürzt er die Problemstellung und muss deshalb eine Sackgasse bleiben.
Genau an dieser Stelle nisten sich dann aber die rhetorischen Figuren ein, die diese Diskussion in einer Art und Weise heimsuchen, dass sie gegen eine tiefere Klarheit abgeschottet wird. Das geschieht übrigens auf beiden Seiten, also bei jenen, die im Moment gegen die sexistische Werbung argumentieren und denjenigen, die diese Werbung nicht als sexistisch bezeichnen möchten. (HIER)

Hier aber erstmal das Video:

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück und drei Schritte vor — Neues von der Video-Front

Gerade habe ich das zweite Video online gestellt, dass ich mit einem komplett anderen Programm produziert habe. Es ist zudem das erste Video mit meiner neuen WebCam.

Ich hatte zunächst ja nur eine ganz billige von Microsoft und die hat nur im Format 640 × 480 aufgenommen. Vor zweieinhalb Wochen habe ich mir dann eine für 25 € von Logitech gekauft, die das übliche YouTube-Format bedient. Diese hat aber nur mit einem wesentlich kleineren Format funktioniert. Immerhin war sie besser als die Webcam von Microsoft. Mitte der Woche begann sie dann vollständig zu streiken. Von Anfang an war ich mit dem Kundendienst von Logitech in Kontakt. Nachdem mir am Mittwoch zum dritten Mal versprochen worden ist, dass sich die Techniker innerhalb eines Tages bei mir melden würden, aber nichts passierte, war ich dementsprechend frustriert. Am Freitag habe ich mir dann wieder eine von Microsoft gekauft, diesmal eine ziemlich teure sogar, 80 €, diese angeschlossen und siehe da: sie hat sofort funktioniert.
Die Bilder sind gut, auch die Lichtqualität ist etwas besser, auch wenn ich jetzt wieder nach einer anderen Stellung sämtlicher Lampen in meinem Zimmer suchen muss. Nun hat sich ein neues Problem ergeben: das Mikrofon ist viel zu sensibel. Meine Stimme hat zu viel Hall und das Rauschen ist relativ laut. Nun kann ich das Rauschen recht gut herausnehmen, ohne dass meine Stimme anders klingt. Störend ist allerdings der Hall. Dafür muss ich mir irgendetwas ausdenken.

Auch sonst habe ich versucht, einiges deutlich zu verändern. Ich sitze jetzt wesentlich weiter vom Monitor entfernt. Allerdings merke ich, dass ich im Sitzen nicht gut mit den Armen gestikulieren kann. Das hatte ich mir mal angewöhnt: meine Inhalte mit Gesten zu unterstützen. Allerdings ist das schon sieben Jahre her. Im Video dagegen wirkt das komisch.

Inhaltliche Änderungen habe ich ebenfalls vor allem im Hintergrund vorgenommen. Ich habe mir den workflow vereinfacht. Zum einen habe ich mir Bibliotheken mit grafischen Symbolen angelegt. Diese werde ich wahrscheinlich noch über längere Zeit immer wieder erweitern müssen. Zum zweiten kann ich jetzt längere Sequenzen ohne große Mühe hintereinander fertigen. Dadurch reduziert sich vor allem die Datenmenge auf meinem Computer, was die ganze Handhabung übersichtlicher macht.

Zeitlich habe ich das allerdings noch nicht gemerkt: an dem neuen Video habe ich trotzdem einen ganzen Arbeitstag herumgesessen. Unsicherheiten und Suchprozesses eben. Ich denke aber, dass ich den Aufwand für ein 5 Minuten langes Video in Zukunft auf 2 Stunden reduzieren kann. Sofern es in der Komplexität so bleibt, wie jenes, das jetzt veröffentlicht worden ist.

04.02.2014

Videos und anderes

Hatte ich die Videos frühzeitig herstellen wollen? Ich wollte es. Und wenn ich sie so hätte weiterlaufen lassen, wie das in den ersten Videos passiert ist, dann hätte ich jetzt tatsächlich schon den ganzen Kurs produziert gehabt. Nun bin ich ein Mensch, der notorisch mit sich selbst unzufrieden ist. Und ich habe natürlich gesehen, was auch noch möglich wäre, wenn ich es denn gelernt hätte. Nun: ich bin noch weit davon entfernt, in diese ganzen Techniken eingeweiht zu sein; aber ich befinde mich auf einem guten Weg.
Das nächste Video wird also leicht verändert daher kommen. Es hat mehr grafische Elemente und viele fließende Bewegungen und es ist mir sogar gelungen, einige Trickeffekte zu nutzen. Es ist noch kein Grund, sich auf die faule Haut zu legen. Ich hatte schon einmal geschrieben, dass mir der Zusammenhang zwischen der Sprache und den Bildern noch nicht behagt und dass ich die visuellen Anteile des Erzählens noch zu sehr an die Tafelbilder oder PowerPoint-Präsentationen angelehnt finde. Das hat sich jetzt schon gebessert; aber ich bin noch lange nicht damit fertig und sehe noch eine ganze Menge Möglichkeiten vor mir.

Was mir auch etwas in die Quere kommt: das nächste Video ist relativ lang und dadurch sehr aufwändig geworden, vor allem zeitaufwändig. Ich werde heute noch damit fertig. Aber insgesamt, mit allen Suchprozessen und der entsprechenden Länge war das schon eine ziemliche Herausforderung. Ich habe Samstag und Sonntag den ganzen Tag daran gesessen, ebenso gestern Abend und dann heute Morgen nochmal 3 Stunden.

Dann schließlich war ich so genervt, dass ich erstmal zum Müggelsee raus gefahren bin und einmal um diesen herumgelaufen bin. Das hat mir gut getan. Und obwohl es nicht mehr so kalt ist wie letzte Woche, bin ich hervorragend durchgefroren.

Am Sonntag abend habe ich noch ein wenig in Jahrestage gelesen und weitere Notizen gemacht. Eigentlich wollte ich längst zur Erzählsituation einige Artikel verfasst haben. Aber ich komme einfach nicht dazu. Wenn es nicht gerade Aufträge sind, so sind es Behördengänge, die mich von den schönen Tätigkeiten abhalten. Also abgesehen von der Videoproduktion. Die macht so langsam tatsächlich sehr viel Spaß. Allerdings ist sie für mich eher auch ein Hilfsmittel, um Informationen noch einmal auf eine andere Art und Weise zu transportieren. Und deshalb natürlich kein Selbstzweck.

Sonst gibt es wenig zu erzählen. Letzten Freitag musste ich dann noch ganz überraschend ins Kino gehen. Es hat mich dazu gedrängt. Aber der Film, 47 Ronin, war zwar visuell ganz beeindruckend, aber von der Geschichte her recht platt. Vermutlich werde ich in Zukunft mit Filmen noch unzufriedener sein, je mehr ich mich mit den Möglichkeiten, den Tricks, der Erzählweise und den Fehlern auseinandersetze.