12.02.2014

Was an der Diskussion über Homophobie besonders schön ist

Eigentlich dürfte ich genervt sein. Genervt darüber, dass ein Thema, was so nebensächlich ist, dermaßen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gespült wird. Das Thema ist natürlich die Homosexualität. Wir hatten die Missbrauchs-Skandale in der Kirche ebenso wie die Vermutung von kirchlicher Seite aus, dass eben sie selbst durch Päderasten unterwandert sei [unterwandern ist eine wunderbare Metapher, nicht wahr?]; wir hatten Ungarn und Russland und jetzt die unglaublich naiven Aussagen von Putin, die man als lächerlich abtun würde, wenn sie nicht in all ihrer Naivität zehntausenden Menschen das Leben noch schwerer machen würden. Wir haben Sotschi und diese befremdlich despotischen Allmachtsfantasien eines Staatsoberhauptes, unter denen die Leistungsfähigkeit eines Volkes widersprüchlich hervor schaut (auch: HIER). Wir hatten (und haben) Hitzlsberger und die Petition in Baden-Württemberg gegen „Genderisierung“ der Schule.

Aber all das wäre mir jetzt gar nicht so wichtig. Was ich an dieser „Zusammenballung“ so mag, ist die Diskussion über die Diskussion und dass hier einige sehr kluge Menschen in breiten Bevölkerungsschichten gehört und überdacht werden. Z. B. Niggemeier.
Das hat dann auch weniger mit der Normalisierung der Homosexualität zu tun, obwohl dies durchaus ein wünschenswerter Effekt der ganzen Debatte sein dürfte. Vielmehr hat das mit der Art und Weise zu tun, wie eine breit angelegte Logik in die Praxis umgesetzt wird.

Die Logik ist ja, das hatte ich schon öfter geschrieben, die Lehre vom guten Denken. So jedenfalls hatte Kant das mal definiert. Die Argumentationslehre dagegen ist die Praxis dieser Disziplin, also die Umsetzung der Logik in die alltägliche Diskussion.
Kant selber unterscheidet hier anders. Er teilt die Logik in eine Analytik und eine Dialektik auf. Die Analytik stellt die Elemente der Logik vor, die Dialektik dann den Gebrauch dieser Elemente. So dass man, wenn man Kant folgen würde, die Argumentationslehre als dialektische Logik bezeichnen könnte. Wer das kurze Büchlein von Kant zur Logik kennt, weiß, dass er sich hier sehr zurückgehalten hat. Das liegt vermutlich daran, dass er das meiste schon in seiner Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat und vieles in seinen beiden anderen Kritiken, zweitens Aufklärung nicht als einen Zustand eines einzelnen Menschen, sondern einer Gemeinschaft ansieht und drittens die gute Argumentation sich auch immer an den Sachverhalten orientieren muss, also nur schwerlich allgemein ausdrückbar ist.

So gefällt mir an der Diskussion eben besonders, dass hier neben dem Sachverhalt der Homosexualität vor allem auch der Zustand des Denkens einer Gemeinschaft, also der Zustand der Aufklärung dieser Gemeinschaft, in den Mittelpunkt rückt. Und das finde ich, dies mögen mir die einzelnen Homosexuellen verzeihen, wesentlich wichtiger.
Denn auch das ist ja eine Sache, die uns in den letzten Wochen durch ein ganz anderes Thema, durch dieses unglückselige Dreieck Lanz/Jörges/Wagenknecht gezeigt wurde: vor allem Jörges hat sich nicht dadurch vorgetan, dass er gut argumentieren könnte. Er hat sich vor allem dadurch vorgetan, dass er über eine äußerst blöde Verallgemeinerung ein Thema überhaupt nicht mehr argumentieren möchte, sondern einfach nur noch Zustimmung für seine eigene Position verlangt. Das aber ist keine Aufklärung; das ist einfach nur Despotismus.
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