03.01.2011

Kokons & Labyrinthe

Vor über zwei Jahren habe ich zu Pans Labyrinth einige Anmerkungen geschrieben. Damals ging es um Metamorphosen und Serien. Seit einigen Tagen notierte ich wieder zahlreiche Ideen zu diesem Film und zu Avatar - Aufbruch nach Pandora. Avatar zeigt (ich sagte es schon) bemerkenswerte Korrespondenzen zu Pans Labyrinth, so zum Beispiel das ganze Spiel der Metamorphosen, die sich in mehreren konflikthaften Serien überkreuzen. 

Kokons
Camerons Filme sind für eine bestimmte Form der Metamorphose sowieso sehr fruchtbar, die man unter dem Begriff des Kokons zusammenfassen könnte. Sowohl die Raumschiffe, als auch die U-Boote, sowohl die Roboter, in die sich die Menschen setzen, als auch die Menschen selbst (Aliens) können solche Kokons, solche Laboratorien der Transformation sein. Am deutlichsten wird dies an Jack Sully in Avatar.
Dabei ist Kokon ein Begriff, der ein Verhältnis beschreibt, das zugleich zeitlich und räumlich ist. Zumindest in einigen Fällen organisiert sich dieses Verhältnis über die Opposition von "Tätigkeiten", so zum Beispiel die technischen Kokons in Avatar, die zugleich träumen/wachen in zwei parallel geführten Serien organisieren, oder die Parasiten in Aliens, die leben/sterben in eine konflikthaften Konvergenz treiben.
Verwandt sind Begriffe wie Prothese (zum Beispiel der Rollstuhl von Jack Sully) oder Parasit.


Labyrinthe
Doch das nur so nebenbei.
In Pans Labyrinth verirren sich die Menschen in verschiedenen schrecklichen Labyrinthen. Diese lassen sich (wie jedes Labyrinth) geometrisch beschreiben, sind jedoch im Unterschied zur "reinen" Geometrie nicht abstrakt ideell, sondern konkret ideell.
Die erste Form des schrecklichen Labyrinths ist die leere Fläche. Sie kann ein weißes Blatt, aber auch eine unbemalte Wand sein. Ihr fehlt jeglicher Anhaltspunkt; ihr Horror ist die Gleichwertigkeit jeglicher Wahl. Jedes dieser Labyrinthe hat einen Bezug zur Unverantwortlichkeit. Die leere Fläche kann deshalb zu keiner Verantwortlichkeit führen, weil der Raum unstrukturiert ist. Auf der anderen Seite führt natürlich jedes Ereignis, das diese Leere "beschreibt", bzw. eine Markierung in diese setzt, zu einer schrecklichen Eindeutigkeit. Diesem ersten Ereignis fehlt die "Grammatik", der Bezug zu anderen, ähnlichen Ereignissen.
Die zweite Form des schrecklichen Labyrinths ist der einzelne Punkt. Die schwangere Mutter, das Versteck der Partisanen, die Vorratskammer, die Höhle der Kröte: all dies sind einzelne Punkte. Er bildet eine Art Hohlraum, in dem der einzelne nicht nur ein gesperrt wird, sondern indem er sich auch gleichsam von außen nach innen stülpt. Der Mensch verfängt sich in seinem eigenen Denken. Die Szene mit der Kröte ist schon nicht mehr Symbol dieses Zustands, sondern sein Exzess. Am Ende erbricht sich die Kröte und bleibt als leere Haut zurück.
Auch diese Art des Labyrinths hat ihren Bezug zur Verantwortungslosigkeit: der Raum wird asozial, ohne den anderen. Im Film kann man dies wunderbar an Mischformen studieren, so zum Beispiel bei der Mutter, die sich gegenüber Ophelia mehr und mehr abkapselt und schließlich stirbt (Sarg = Punkt = Labyrinth). Gegenüber dem Hauptmann dagegen spielt sie das leere Blatt, während die Schwangerschaft zu der dritten Form des Labyrinths führt.
Die dritte und letzte Form des Labyrinths ist die gerade Linie. Die gerade Linie bietet überhaupt keine Wahlmöglichkeiten. Sie entsteht aus den Begrenzungen durch Zwang oder erpresserische Liebe, aus der Notwendigkeit des Sieges oder der Säuberung, aus dem Willen zu überleben oder der Angst vor dem Tode. Oft ist die gerade Linie mit einem Ultimatum verknüpft, das mehr oder weniger präzise gestellt wird. So muss das Essen um 7:00 Uhr abends auf dem Tisch stehen und der Sohn schließlich geboren werden. Auch die märchenhaften Aufgaben des Pans sind an eine konkrete Reihenfolge und ein eindeutiges Ultimatum geknüpft.


Die Schrift
Es gibt allerdings zu allen drei Formen des Labyrinths eine vierte Form, die der Schrift. Die Schrift stellt sich den Geometrien des Schreckens gegenüber, weil sie interpretiert werden muss. Sie hat eine Grammatik. Daraus (aus der Interpretation) entsteht die Verantwortung. Zugleich ist es die Grammatik, die das einzelne Zeichen singularisiert, aktualisiert und konkretisiert, indem sie es in ein einzigartiges Netz von Konfigurationen einspinnt.
Roland Barthes schreibt in Bezug auf Marcel Proust, bei ihm tauche das Labyrinth als syntaktische Struktur auf (in: La Préparation du Roman). Daran arbeite ich zur Zeit.



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