18.01.2011

Gesprächskonventionen und Humor

Der Humor ist ein insgesamt schwer zu fassendes kommunikatives Phänomen. Er taucht teilweise an völlig unerwarteten Stellen auf. Hier möchte ich einen neuen Vorschlag für ein Stück Erklärung des Humors unterbreiten:
Der Humor dehnt den Rückbezug von einem Sprechakt willkürlich aus oder zieht ihn ebenso willkürlich zusammen. - Das muss natürlich genauer erläutert werden!

Der Rückbezug von Sprechakten
Ich folge hier der Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann und vereinfache soweit, wie es für die Erklärung notwendig ist. Laut Luhmann ist jeder Sprechakt mit einer Erwartung verknüpft. Der Sprechakt weist sozusagen in die Zukunft und experimentiert mit Annahmebedingungen von Sinn. Umgekehrt weist der folgende Sprechakt in die Vergangenheit und qualifiziert diesen anderen Sprechakt. In der Lücke zwischen Erwartung und Requalifizierung, also in der Differenz, geschieht der kommunikative Akt. so ist die erste Feststellung, die man im Anschluss an diese Sichtweise machen muss, die, dass sich Kommunikation nicht beherrschen lässt. Es gibt immer Bedingungen, die sich der Kontrolle entziehen.
Diese Sachlage muss nun etwas komplizierter gefasst werden. Aus dem obigen Text könnte man annehmen, dass ein Sprechakt immer nur den einzelnen vorhergehenden Sprechakt qualifiziert. Was jedoch ein Hörer als Sprechakt auffasst, muss nicht auf den gerade vergangenen Redebeitrag gerichtet sein. Tatsächlich kann der Hörer sich in seinem nun folgenden Beitrag auf weniger oder auf mehr beziehen. Was als Sprechakt verstanden wird, liegt im Auge des Betrachters.

Nehmen wir ein Beispiel: Wenn Herr Sarrazin äußert, man müsse doch diskutieren können, wie gebildete Frauen Kinder bekommen, so meint er damit eigentlich, welche sozialen Bedingungen und persönlichen Lebensführungen gebildete Frauen gerade daran hindern, sich für Kinder zu entscheiden. Die Art und Weise, wie er sich dazu äußert, kann man aber glanzvoll missverstehen, indem man diesen Sprechakt von Sarrazin auf die biologischen Bedingungen ummünzt. Hier wird der Kontext der Debatte missachtet. Und dann lässt sich darauf eine ironische Antwort aufbauen (siehe hier).

Zu viel oder zu wenig oder anders verstehen
Wenn man den Kontext einer Debatte missachtet, versteht man mehr oder weniger oder anders. Im Falle von Sarrazin wurde anders verstanden. Es gibt aber auch Situationen, in denen man durch ein Weniger an Verstehen einen komischen Effekt erzeugen kann:
W: (verärgert) Und wieso hast du's erwähnt?
L: (leicht überheblich) Ich hab überhaupt nichts erwähnt.
W: (ruhiger) Natürlich hast du was erwähnt.
L: (besserwisserisch) Und warum sollte ich das?
W: (verärgert) Das weiß ich doch nicht.
L: (selbstzufrieden) Weißt du, wenn du nichts weißt, dann ist da auch nichts.
(Das ganze Gespräch finden Sie hier!)
Die Person namens L versteht in ihrer letzten Aussage nur den vorangegangenen Sprechakt, aber nicht den ganzen Kontext. Sie ignoriert vollkommen, dass sie vorher etwas gefragt hat, was die Antwort von W höflicherweise erfordert. Durch diese Antwort wird der Kontext extrem eingeschränkt, während W in diesem Abschnitt und in dem darauf folgenden Dialog darum bemüht ist, den gesamten Kontext im Blick zu halten. Was für uns von außen ein witziges Gespräch ist, ist im Gespräch selbst ein Kampf um die Zusammenhänge, bzw. eine Missachtung derselben.
Jeder Sprechakt greift nach rückwärts auf bereits vollzogene Sprechakte zurück. Missverständnisse entstehen dann (unter anderem), wenn die eine Person einen ganz anderen Zusammenhang interpretiert haben möchte, als die andere Person. Wenn nun die Person A die Beachtung des ganzen bisherigen Dialogs erwartet, während Person B immer nur an die direkt vorangegangene Aussage anschließt und sogar die eigenen Redeanteile missachtet, entsteht ein komischer Effekt. Ein ähnlicher Effekt findet sich in dem beinahe gedächtnislosen Fisch Dori im Film "Findet Nemo".

Zusammenfassung
Jeder Sprechakt bringt eine Erwartung auf anschließende Sprechakte mit und requalifiziert zugleich vorangegangene Sprechakte. Humor entsteht aus dem Missverständnis, den zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen Kontextbildungen ausgesetzt sind.
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