23.01.2009

Non-verbale Kommunikation, schizophrenes Verhalten

Manchmal kann man sich nur wundern.
Da findet sich jetzt das Ergebnis einer aufwändigen Forschung vor, das den Zusammenhang zwischen non-verbaler Kommunikation und sozialen Fähigkeiten beweist. Die Forscher haben fünfzig Menschen untersucht, die unter der Bedingung von Schizophrenie und ähnlich gelagerten Störungen leben. In der Untersuchung wurden Videoaufnahmen von den Probanden nach bestimmten Kriterien ausgewertet. Zudem sollten sie Bildergeschichten der richtigen Reihe nach anordnen (eine übliche Aufgabe aus Intelligenztests) und einschätzen, was diese Figuren denken und fühlen. Schließlich wurden die Probanden noch von dem Pflegepersonal der Einrichtungen, in denen sie untergebracht waren, bewertet.

Signifikanz einer Unterscheidung

Die erste Sache, die mich hier interessiert, ist, wie eine Stichprobe mit so genannten gesunden Menschen ausfallen würde. Dann würde mich dringendst interessieren, ob die Beobachter unterschiedlich bewerten, je nachdem, ob sie einen gesunden oder einen "kranken" Menschen vor sich haben. Man könnte zum Beispiel den auswertenden Psychologen gemischte Gruppen vorgeben, d.h. dass sie durcheinander gesunde und "kranke" Menschen bewerten, ohne zu wissen, wer nun was ist.
Es geht also im ersten Fall um die Signifikanz der Unterscheidung gesund/schizophren. Denn hier könnte sich noch allemal der Klopps wiederholen, der in den 90ern die Lernbehindertenpädagogik erschüttert hat, d.h. eigentlich nicht erschüttert hat, denn Lernbehindertenpädagogen erweisen sich ein ums andere mal als lernresistent. Jedenfalls gab es mal die so genannte minimale zerebrale Dysfunktion, kurz: MCD, an der ein Drittel aller Lernbehinderten "litten". Erst als jemand auf die Idee kam, normale Gymnasiasten zu untersuchen, wurde es plötzlich still um diese Ursache. Denn etwas mehr als ein Viertel aller Gymnasiasten "litten" auch unter einer minimalen zerebralen Dysfunktion. Und damit war alle Signifikanz - Sie verzeihen! - im Arsch.
Im zweiten Fall geht es um die Signifikanz der Unvoreingenommenheit der Beobachter. Auf Deutsch: Ist ein Beobachter in der Lage, signifikante Unterschiede zwischen dem non-verbalen Verhalten von Gesunden und Schizophrenen herauszuarbeiten, wenn er nicht weiß, wer zu welcher Gruppe gehört?

Ethische und praktische Begriffe

Abgesehen von diesen Fragen interessiert mich aber noch ein weiterer Sachverhalt.
Meiner Ansicht nach erscheint uns ein Mensch umso befremdlicher, je weniger ein Verhältnis zwischen den ethischen und den alltagspraktischen Begriffen besteht.
Begriffe sind, vereinfacht gesagt, Bündel von Sätzen, die einen Gegenstand oder ein Phänomen strukturieren. Man hat von den alltäglichen Dingen wie Tisch, Stuhl, Tür, Hammer, Suppe, Fensterbank einen Begriff, der auf den ästhetischen und den praktischen Wert ausgerichtet ist. Und ebenso hat man von all den Phänomenen des sozialen Zusammenlebens Begriffe, angefangen von Begrüßung und Verabschiedung, von verschiedenen Formen und Phasen eines Gesprächs, des Zusammenlebens, des Miteinander-Arbeitens, von realen und möglichen und utopischen Sozialformen.
Mir ist immer wieder aufgefallen, dass Menschen mit narzisstischen Störungen, mit paranoiden Tendenzen oder schizophrenen Mustern wenig praktische Übergänge zwischen diesen Begriffen finden. Eine Patientin, die sich mir gegenüber über die Kälte und Nicht-Empathie einer Ärztin beklagte, zuckte zusammen, als eine Tür knallte und fragte: War ich das? - Der Tenor ihrer Klage war die Frage nach der Verteilung der Schuld. Dieser Patientin wurde durch ihr "Krank-sein" eine Art Schuld zugeschoben, was die Ärztin wohl sehr stark untermauert hat. Insofern war der Sprung zu der Assoziation, sie habe mit der Tür geknallt, fast schon folgerichtig, eine Art spontaner Verhaspler. Denn es ist durchaus möglich, dass die Frau noch in Schuldmustern gedacht hat, diese aber fälschlich auf einen sinnlichen Vorgang angewendet hat. Eine Übergeneralisierung, nicht ein Beziehungswahn.
Sieht man sich die Familien an, aus denen Schizophrene allzu häufig stammen, dann wundert das nicht. Häufig finden sich ähnliche begriffliche Spaltungstendenzen in den Familien. Eine überzogene Leistungserwartung geht mit einem sehr ausgedünnten bis inexistenten praktisch-sinnlich-emotionalen Familienleben einher. Das Band zwischen alltagspraktischen und ethischen Begriffen, der Assoziationsreichtum könnte also, so meine These, so schwach sein, so ausgedünnt, dass es zu fortlaufenden Übergeneralisierungen kommt, die dann als schizophrenes Verhalten diagnostiziert werden.
Ein anderes Anzeichen für die Richtigkeit dieser These ist, dass Menschen unter massiver Stresssituation ähnliche Verhaltensweisen entwickeln können. Nicht nur dünnt sich die Wahrnehmung zu einem Tunnelblick aus, soziale Begriffe strukturieren sich rasch nach Freund/Feind-Bildern, und dadurch könnten auch wieder die Verbindungen zwischen den Begriffen so schwach werden, dass Übergeneralisierungen zunehmen.
Was hat das mit non-verbalem Verhalten zu tun? Alltagspraktische Begriffe ruhen auf motorischen Mustern auf. Motorische Muster bilden die Elemente von Verhalten und werden von Verhalten zusammengefasst und strukturiert. Ontogenetisch gesehen erlernen Säuglinge zunächst motorische Muster (bottom-up-Lernen) und bilden darüber dann kognitive Repräsentationen von Verhalten, die zu einer mehr und mehr willkürlichen Steuerung der Motorik führen (top-down-Lernen). Mimik und Gestik, die als soziale Zeichen fungieren, sind zum Teil angeboren (Lächeln, Weinen), werden aber größtenteils erlernt.
Fehlen nun Vermittlungen zwischen den alltagspraktischen Begriffen, also Mustern, die unser alltägliches Verhalten im Umgang mit der Dingwelt steuern, und den ethischen Begriffen, also Mustern, die unser Signalverhalten gegenüber anderen Menschen steuern, so kann dies durch eine fehlende Orientierung am Alltag erklärt werden. Der Umgang mit Gegenständen, das tagtägliche Einüben von Materialverhalten, sei es der Gebrauch von Stiften, der Umgang mit Trinkgläsern, der Zusammenhang von Hammer und Nagel und Holz, bildet ein Zwischen- und Übungsstadium zu gekonnten sozialen Mustern.
Zudem muss man hier auch die liebevolle, helfende und erklärende Begleitung von Kindern durch Erwachsene mit einbeziehen, die aus den rein praktischen Begriffen eine soziale Komponente herauslöst, diese aber wieder an die Praxis zurückbindet.
Solche Alltagsbegleitungen findet man in Familien von Schizophrenen seltener, gebrochener, widersprüchlicher als bei "normalen" Menschen.
Um das Ganze zusammenzufassen: der Zusammenhang zwischen non-verbaler Kommunikation, Alltagskompetenzen und Sozialverhalten ist sehr viel stärker durch Begriffe geprägt, als dies allgemein dargestellt wird.
Ich wundere mich also weniger über das Ergebnis der Studie als über die Dürftigkeit des Erklärungsgehaltes.

Etwas Ähnliches musste ich vor Jahren erleben, als ich die Lesekompetenz mit dem semantischen Gedächtnis verbunden habe. Beides sind sehr übliche, sehr gewöhnliche Konzepte in der Psychologie. Damals habe ich mich auch nicht darüber gewundert, dass diese beiden Modelle nicht miteinander verkoppelt waren und es eher meiner "Unbelesenheit" in die Schuhe geschoben. Und mich umso mehr gewundert, dass irgendjemand - ein Professor - etwas von Genialität murmelte.
Auch heute finde ich diese beiden Modelle nicht miteinander verknüpft. Es scheint so, als sei das semantische Gedächtnis vollkommen irrelevant für die Leseforschung. Man möge mich aber gerne eines besseren belehren: ich bin hier nicht im mindesten eine Koryphäe. Ich halte auch nichts davon, mich als genial zu bezeichnen. Ich bin schlichtweg über zwei Bausteine gestolpert, die zusammen passten und habe sie zusammen gefügt. Was man eben so macht, wenn man nachdenkt.
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