18.03.2008

Venezianisches Finale

So heißt das erste Buch aus der Brunetti-Reihe von Donna Leon.
Gerade lese ich es wieder. Eine Rezension wird folgen. Zunächst fasse ich die Kapitel unter bestimmten Gesichtspunkten zusammen. Besonders interessant ist, dass Leon sich den Exkursen widmet, so den Exkursen in die Familie Brunettis, wenn es um die Kinder, um die Ehefrau geht. Diese Exkurse sind geschwätzig und ihr Sinn für den Krimi nicht einsehbar.
In den Exkursen findet man eine private, fast unsoziale Neigung wieder; der Leser wird hier zum Voyeur von Nichtigkeiten. Brunettis Sohn etwa gibt sich dem Antikapitalismus hin, doch bedeutet dieser Sohn nichts. Und da er sich mit seinem Vater nicht unterhält, da dieses Verhältnis von Vater und Sohn nicht auf den Kriminalfall abzielt, wird die ganze Szene, in der die Familie Brunetti Monopoly spielt, und der Sohn vor allem, zu einem störenden Einsprengsel in einer Geschichte, die von störenden Einsprengseln voll ist. Schon alleine, dass Leon dieses Verhältnis referiert, statt es szenisch umzusetzen, macht die ganze Passage träge.
Um hier nicht noch einmal Alices Buch herbeizuzitieren, sehe man sich Grangés Das Herz der Hölle an. Obwohl es ein oppulentes Bild einer Ermittlung abliefert, wird hier kaum herumgeschnörkelt. Die Szenen sind jede für sich in dem Gesamtgefüge notwendig. Grangé erspart uns platte Betrachtungen, spart mit Erläuterungen, entdramatisiert nicht die Konflikte.
Oder man nehme Camilleri. Camilleri führt durchaus soapartige Elemente in seinen Montalbano-Krimis mit. Doch diese Elemente drehen und wenden die Hauptgeschichte; und sie werden nicht ausgeschlachtet: so hat der Autor in späteren Büchern immer wieder die Gelegenheit, ähnliche Szenen zu wiederholen und darüber die einzelnen Figuren zu profilieren. So ist Catarè ein unverbesserlicher Dummkopf mit einem gehörigen Maß an Loyalität und Bauernschläue. Wenn Catarè auftaucht, erwartet man als Leser eine dieser typischen Unmöglichkeiten dieser prägnanten Figur. Und Camilleri streut diese Szenen in seinem Roman aus, ohne die Hauptgeschichte aus den Augen zu verlieren.
Damit ergibt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Leon und Camilleri. Während Leon zusammenfasst und bündelt, verteilt Camilleri. Genau hier wird aber die Wiederholung möglich und durch diese Wiederholung wird die szenische Dramatisierung zum gestalterischen Prinzip. Bei Leon wirken einige der Figuren platt, papieren; Camilleri dagegen kann gerade dadurch, dass er nicht alles sagt, dass er vieles implizit sagt, eine enorme Lebendigkeit bei seinen Figuren erzeugen.
Hier erweist sich noch einmal, dass eine Vollständigkeit beim erzählenden Schreiben nicht erreicht werden darf, sondern bewusst umgangen werden muss. Die Auswahl dessen, was man dem Leser an Informationen an die Hand geben will, sollte bewusst umgesetzt werden. Szenen, die dicht an der Realität arbeiten und Deutungen, Zusammenfassungen so spärlich wie möglich einsetzen, solche Szenen können an ihrem Rand Fragen aufwerfen, neugierig machen.
Wer sich ans Plotten macht, überlege sich also nebenher, wie er den Gang der Geschichte möglichst in Szenen darstellen kann.
Donna Leon jedenfalls liest sich streckenweise wie eine sehr bizarre Auswahl von Informationen in einem Reiseführer. Und damit ist noch kein Blumentopf gewonnen (obwohl, wenn man den Erfolg der Serie ansieht, wohl irgendwie doch).
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