18.06.2007

Wurzelgeflechts-Geschichten

Auf einer Seite finde ich ein Interview mit Grass und Walser und darin folgenden Abschnitt:

ZEIT: Bei Ihnen, Herr Walser, findet man manches Kritische über Grass. In einem Brief an Frisch schreiben Sie über ihn: fremd, zu viel Abenteuerliches, zu viel Heraldisches.
Walser: Das ist ein Wurzelgeflecht, da gibt es nicht einen Hauptstrang.

In "Tausend Plateaus" findet sich - unter anderem - folgende Stelle:
Das Denken ist nicht baumförmig, und das Gehirn ist weder eine verwurzelte noch eine verzweigte Materie. Die zu Unrecht so genannten "Dendriten" stellen keine Verbindung von Neuronen in einem zusammenhängenden Gewebe her. Die Diskontinuität der Zellen, die Rolle der Axonen, die Funktion der Synapsen, die Existenz synaptischer Mikro-Fissuren, der Sprung jeder Botschaft über diese Fissuren hinweg, machen aus dem Gehirn eine Mannigfaltigkeit, die auf ihrer Konsistenzebene oder ihrer Glia in ein ungewisses System von Wahrscheinlichkeiten eingebettet ist, uncertain nervous system. Vielen Menschen ist ein Baum in den Kopf gepflanzt, aber das Gehirn selbst ist eher ein Kraut oder Gras als ein Baum. "Axon und Dendrit sind umeinander gewunden wie eine Ranke um einen Brombeerstrauch, mit einer Synapse an jedem Dorn." (TP, S. 28)
Und im gleichen Buch steht zum Buch:

Wir kennen keine Wissenschaftlichkeit und keine Ideologie mehr, sondern nur noch Gefüge. Und es gibt nur noch maschinelle Gefüge des Begehrens und kollektive Gefüge der Äußerung. Keine Signifikanz und keine Subjektivierung: auf n hin schreiben (jede individuierte Äußerung bleibt in den herrschenden Signifikationen gefangen, jeder signifikante Wunsch verweist auf unterworfene Subjekte). Ein Gefüge wirkt in seiner Mannigfaltigkeit notwendigerweise zugleich auf semiotische, materielle und gesellschaftliche Strömungen ein (unabhängig von ihrer möglichen Wiedereinbindung in einen theoretischen oder wissenschaftlichen Korpus). Es gibt keine Dreiteilung mehr zwischen einem Bereich der Realität (der Welt), einem Bereich der Darstellung und Vorstellung (dem Buch) und einem Bereich der Subjektivität (dem Autor). Vielmehr stellt ein Gefüge Verbindungen zwischen bestimmten Mannigfaltigkeiten aus all diesen Ordnungen her, so dass ein Buch seine Fortsetzung nicht im folgenden Buch findet und weder die Welt zum Objekt noch einen oder mehrere Autoren zum Subjekt hat. Kurz gesagt, wir meinen, dass man gar nicht genug im Namen eines Außen schreiben kann. Das Außen hat kein Bild, keine Signifikation und keine Subjektivität. Das Buch als Zusammenfügung mit dem Außen gegen das Buch als Bild der Welt. Ein Rhizom-Buch, das nicht mehr dichotom, zentriert oder gebündelt ist. Niemals Wurzeln schlagen oder anpflanzen, wie schwierig es auch sein mag, nicht auf diese alten Verfahrensweisen zurückzugreifen. (TP, S. 38)

Murakami schreibt Rhizom-Bücher: sie ahmen noch die alten Buchformen nach, aber sie enden nicht mehr in der Erlösung durch die kleinbürgerliche, ödipalisierte Familie. Die Geschichte wird mehr im Flug erhascht, als zusammenkonstruiert.
Wie langweilig ist dagegen Stephen King: am Ende stirbt das Monster, wird die Kleinstadt gerettet. Wieviel nomadischer ist das Werden der Außerirdischen in "Tommyknockers" - Das Monstrum auf deutsch! - als dieses langweilige Verantwortungsgesäusel von Jim Gardener (eine Figur aus dem Buch). King hat dieses Buch geschrieben, nachdem er über Goulds Theorie der dummen Evolution gelesen hat. King führt diese dumme Evolution herausragend drastisch vor. Zugleich setzt er aber auch wieder einen Fixpunkt, der diese Evolution außer Kraft setzen kann: den gesunden Menschenverstand, die "amerikanische" Art und Weise der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, etc.
Doch selbst die Sackgassen - die Solidarität, die Nachbarschaftshilfe, die Revolution - sind noch Teil des Rhizoms. Man muss bloß wissen, dass jede Sackgasse in jede beliebige Richtung weiterführt, wenn man springt.

Insofern schreibt auch Walser keine "Bäume", sondern nur Wurzelgeflechte - Rhizome. Man muss bloß die Einheit seiner Bücher missachten.

Tausend Plateaus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, Berlin 1997
Das Monstrum von Stephen King
Das Lächeln des Flamingos von Stephen Jay Gould, Frankfurt a. M. 1995
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