30.06.2007

Dialog und Szene

Wie viel hätte derjenige zu tun, der all die vielen, kleinen Beschreibungen umgestalten wollte, die einen Roman zu einem dröge sich dahinschleppenden Pfuhl aus Worten machen?
Sehr viel.

Nicht, dass Beschreibungen einfach wegerfunden werden könnten. So einfach ist das auch nicht. Aber immerhin könnte sich jeder Autor und jede Autorin die Mühe machen, seinen Text daraufhin durchzulesen, wo er mit allzu raschen Worten oder endlos aufgeblähten Umständlichkeiten eine Geschichte ins Unverständliche und Spannungslose zieht.

Aufgabe
Suchen Sie sich eine Beschreibung aus irgendeinem Roman und basteln Sie daraus eine Dialogszene!
Achten Sie dabei auf
  1. die enge Verknüpfung von Dialog und Beschreibung;
  2. die unterschiedlichen Charaktere und den möglichen Konflikt zwischen ihnen;
  3. Sparsamkeit in der Rede;
  4. Direktheit (was sich im Dialog ausdrücken lässt, muss nicht referiert werden);
  5. Folgerichtigkeit (am Ende eines Dialogs müssen die Charaktere anders informiert sein als zu Beginn);
Beispiele (rein beliebig)
  • "Auf der Straße geht sein Blick in beide Richtungen. Er ist unschlüssig, ob er noch weitere Handwerker aufsuchen oder es lieber bei einem der Kaufleute probieren soll. Er entscheidet sich für einen Kaufmann, da er dort seine Vorräte ergänzen und unauffällig Fragen stellen kann."
  • "Wie ein Gockel stolzierte Mikey vor den verschwitzten Musikern auf und ab und überschüttete sie mit überschwänglichem Lob. Der Hauptteil des Auftritts war zu Ende, die erste Zugabe gelaufen und die Band hatte sich vor dem ultimativen Schlag hinter der Bühne versammelt."
Weitere Probleme
Ein wichtiges Problem erscheint mir dabei, den Dialog in einer Szene einzubauen, die gut gegen andere Szenen abgegrenzt ist. Ich kann zwar immer noch nicht genau definieren, was eine Szene in einem Prosatext ausmacht, aber zumindest kann man als Daumenregel aufstellen: Je schlechter die Dialoge, umso schlechter abgegrenzt die Szenen und umgekehrt.
Ein schönes Beispiel für eine recht brauchbare Definition der Funktion einer Prosa-Szene führt das englische Wikipedia hier vor.
Allerdings würde ich die Liste ein wenig kürzen. Aufgabe einer Szene ist es ...
  • Geschichte und Konflikt voranzutreiben. Fast jede Geschichte besteht aus Konflikten und nur Konflikte machen aus einer Geschichte eine Geschichte. Analytisch lassen diese sich möglicherweise trennen, aber nicht in einem fiktiven Text. Natürlich kann man eine Geschichte nur vorantreiben, indem man etwas zeigt - Show, don't tell! -; deshalb habe ich die beiden ersten Punkte des wikipedia-Artikels zusammengelegt.
  • Charaktere zu entwickeln. Neben der Geschichte sind Charaktere die wichtigsten Elemente fiktiver (Spannungs-)Literatur. Dabei sollte man vor allem darauf achten, dass die Charaktere sich auch zueinander eigensinnig verhalten, widerständig gegeneinander sind. Allzu häufig schwanken die Charaktere herum wie lose Blätter im Wind. Man bekommt keine klare Vorstellung von ihnen, Konfliktpotential wird verspielt. - Die Einführung von Charakteren ist ein Sonderfall bei der Entwicklung von Charakteren.
  • Atmosphäre zu schaffen, vor allem Spannung. Spannung ist dem Konflikt und der Atmosphäre nahe; natürlich ist Atmosphäre etwas anderes - das Wetter, die Umstände, die Menschen -, aber zugleich notwendig, um den Konflikt aufzuschieben, auf Umwege zu leiten, etc. Zudem ist Spannung natürlich auch eine Atmosphäre (beim Leser).
  • Informationen zu geben und Themen zu gestalten. Informationen und Themen gehören zusammen, insofern Informationen die Elementarteilchen von Themen bilden. Sicher: ein Thema entwickelt sich anders als Informationen vergeben werden. Informationen bilden eine kristalline Kette, Themen einen eher diffusen Raum; Informationen kann man "wie am Schnürchen" aufzählen, während die Abgrenzung eines Themas immer ein Problem darstellt. Trotzdem dürfte es leicht einsichtig sein, dass beide ineinander verflochten sind - irgendwie, um eins meiner Lieblingswörter zu benutzen.
Und dies ist ebenso die Aufgabe des Dialogs.
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