09.09.2013

Nachrichten aus der Zwischenwelt — Bücher, Bücher, Bücher

Sollte irgendjemand meinen, ich hätte mich zurückgezogen, muss ich ihm unrecht geben. Ich bin am Lesen.

Und am Arbeiten. Nachdem mein Blog im Juli deutlich unter 2000 Besucher im Monat abgerutscht ist, kann ich mich derzeit überhaupt nicht mehr beklagen. Mein Artikel ›Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird‹ hat seit seinem Erscheinen vor etwa vier Wochen über 20.000 Besucher gehabt. Das ist geradezu irrsinnig!
Dass mein Blog über die Jahre hin doch einen gewissen Erfolg zu verbuchen hat, liegt mit Sicherheit nicht daran, dass ich dem typischen Marketing nachgebe: nämlich einen Blog über ein bestimmtes, eng begrenztes Thema zu führen. Vielmehr hat sich lange Zeit die Besucherzahl auf bestimmte Artikel konzentriert, zum Beispiel dem zum sinnentnehmenden Lesen oder dem zum Grammatikunterricht.
Hier haben sich nach und nach die regelmäßigen Besucher konzentriert, was meinem Blog insgesamt eine bessere Stellung bei Google verschafft hat. Ich musste mich eben in Geduld üben.

Jedenfalls kann ich im Moment nicht über Aufträge klagen. Ich suche mir die besten heraus. Und auch mal den einen oder anderen spannenden, den ich kostenlos erledigen muss, weil es schlichtweg unsinnig wäre, von diesem Menschen Geld zu verlangen. So hatte ich neulich eine Anfrage zu ein paar Sätzen aus Max Frischs Stiller und zwar von einer Studentin aus der Ukraine. Es ging um Feinheiten der Satzbedeutung. Recht nett war dabei auch, dass ich mich mit dieser Studentin dann über Skype unterhalten konnte, per Video, ganz kostenlos und, sieht man von einem gewissen Ruckeln ab, auch face-à-face. Thema war die Nachkriegsliteratur insgesamt; die Studentin hatte sich, was sinnvoll war, auf den Stiller beschränkt. Ihr hätte ich aber nur mit schlechtem Gewissen eine Rechnung stellen können. Wer sich mit knapp 100 € Monat durchschlägt, kann mich gewiss nicht bezahlen.

Vor einigen Wochen habe ich beschlossen, dass ich, wie ich es vor vier Jahren getan habe, mit einigen Kommentaren zum Wahlkampf und zu den Wahlprogrammen Stellung nehme. Genau dies aber ist nun nicht passiert. Als ich Ende April eine Arbeit zu Aristoteles vorliegen hatte, zur Nikomachischen Ethik, habe ich mich mit dieser gründlicher beschäftigt. Parallel dazu habe ich, für mich, die Dialektik der Aufklärung angefangen durchzukommentieren. Und schließlich wollte ich, ebenfalls als Privatvergnügen, eine Serie zu Judith Butler schreiben, um gewisse Voraussetzungen ihrer Philosophie allgemeinverständlich darzulegen.
All dies hat mich, parallel zu Max Frisch und Christa Wolf, zu all jenen Schriftsteller und Philosophen geführt, die die Nachkriegszeit intellektuell mitgestaltet haben. Uwe Johnson zum Beispiel, von dem ich bisher nur das dritte Buch über Achim kannte. Seit letzter Woche besitze ich die Jahrestage, ein ganz wundervolles Werk.
Ein anderes Werk, das ich begonnen habe, fleißig durchzukommentieren, ist ›Dimensionen des Autors‹ von Christa Wolf. Schließlich habe ich ›Der eindimensionale Mensch‹ von Herbert Marcuse mit einigen Anmerkungen "versorgt", von Negt und Kluge (wieder einmal) ›Geschichte und Eigensinn‹, von Georg Seeßlen und Markus Metz ›Blödmaschinen‹; dann: Hannah Arendt. (Und nicht: Wahlkampfkommentare!)

Hannah Arendt also!
Arendt ist mir bereits im Mai durch Judith Butler begegnet, in einem aufgezeichneten Gespräch zwischen Butler und Gayatri Chakravorty Spivak, einer indischen Philosophen. Dieses Gespräch nennt sich ›Sprache, Politik, Zugehörigkeit‹. Aktuell ist dieses Buch auch deshalb, weil es über die Zurichtung von Menschen zur Staatenlosigkeit handelt; aktuell zum Beispiel wegen Snowden. Die Erörterungen zur Hannah Arendt finden sich ab Seite 14.
Eine schöne Biografie zu Arendt hat Thomas Wild geschrieben, bei Suhrkamp erschienen in der Reihe Suhrkamp Basisbiografie. Abgesehen von einigen Sätzen, die mir zu schrill geraten sind, ein rückhaltlos schönes Buch. Genauso empfehlenswert, mit etwas weniger Pathos geschrieben, ›Hannah Arendt zur Einführung‹ von Karl-Heinz Breier.
Von Thomas Wild schließlich ist das Buch ›Nach dem Geschichtsbruch. Deutsche Schriftsteller um Hannah Arendt‹; dazu kann ich nun noch nicht genügend sagen, da ich es erst zu lesen begonnen habe. Einen leichten Stich der Enttäuschung hat es mir versetzt, da ich Max Frisch darin nicht gefunden habe. Hilde Domin, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Rolf Hochhuth und Hans Magnus Enzensberger. Auf diese bezieht sich Thomas Wild.
Zu Walter Benjamin bin ich schon vor längerer Zeit zurückgekehrt, wegen einiger Passagen aus den Tagebüchern von Max Frisch, jetzt aber auch wegen Hannah Arendt. Hannah Arendt ist auch die Herausgeberin der gesammelten Werke von Hermann Broch. Dessen Bücher habe ich nun seit Jahren im Bücherregal stehen, aber auch seit langer Zeit sehr unbeachtet.

Neulich habe ich Brochs ›Der Tod des Vergil‹ hervorgeholt. Aus einem ganz anderen Grund übrigens: es ging um die Sätze in ihrem textlichen Zusammenhang. Geleitet hat mich zunächst ›Leibhaftig‹ von Christa Wolf, dann ihre ›Kassandra‹. Parallel dazu die ›Philosophische Grammatik‹ von Wittgenstein.
Jedenfalls habe ich mir jetzt die anderen Bücher von Broch wieder hervorgeholt.

Name-dropping? Das also soll es gewesen sein, Herr Weitz?

Einmal wurde ich als Wühler bezeichnet. Diese leicht spöttische, aber ebenso freundliche Benennung mag ich zum Beispiel viel lieber akzeptieren als jene des Literaturkritikers, die mir vor zwei Tagen zugedacht wurde.

Wenn ich denn mal Zeit habe, besteht meine Arbeit, also eigentlich mein Vergnügen, darin, Texte frei durchzukommentieren und viel zu zitieren. All das wandert in meinen Zettelkasten. Beim derzeitigen Stand mag ich aber nicht zu all den politischen Vorgängen eine Meinung äußern. Dass Vieles im Argen liegt, muss man kaum weiter erläutern. Besorgter bin ich um meine eigene Position, die sich in den letzten 20 Jahren deutlich als eine liberale abgezeichnet hat. Mehr denn je möchte ich aber nicht nur reflektieren, sondern auch konstruktive Wege aufzeigen, jenseits der Selbstdarstellung als Opfer, den manche Intellektuellen so wundervoll pflegen können und die zugleich jegliche Handlungsunfähigkeit rechtfertigt.

Damit erspare ich euch auch sämtliche anderen Bücher aufzuzählen, die ich mir in den letzten Wochen antiquarisch zugelegt habe, teilweise für nur einen Cent. Es sind zahlreiche!

Ein Buch jedoch darf ich noch erwähnen, dazu auch einen Artikel ankündigen: David Baldacci: ›Bis zum letzten Atemzug‹, ein Thriller. Wahrscheinlich wird er die Grundlage für den Folgeartikel zu Thriller schreiben bilden. Und auch noch zu einigen weitergehenden Anmerkungen.

Eine dieser Anmerkungen wird die Erzählsituation betreffen. Baldacci ist nämlich ein gutes Beispiel dafür, dass die Erzählsituation (oder auch: Erzählperspektive) rasch wechseln kann und die Behauptung, man würde für ein Buch ausschließlich die personale Erzählsituation wählen, zwar für einzelne Werke treffen kann, aber weder für eine gute Qualität bürgt, noch realistisch ist.
Demnächst also genauere Erläuterungen zur Erzählsituation. Versprochen!

Seit einer Woche bin ich offizielles Mitglied bei Qindie, einem Zusammenschluss von Autoren, die ein Gütesiegel vergeben. Ich bin nun weiß Gott kein Freund dieser teilweise hanebüchenen Auseinandersetzungen um literarische Qualität. Zumindest aber konnte ich jetzt im Forum von Qindie feststellen, dass einige der Mitglieder eine sehr breite Basis an Leseerfahrung mitbringen und das stimmt mich doch äußerst hoffnungsvoll.

Gesundheitlich geht es mir hervorragend.
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