24.09.2013

Filmtheorie, Computerprogramme und ein verloren gegangener Max Frisch

Neulich habe ich eine ganz spannende Arbeit zur psychoanalytischen Filmtheorie betreut. Die ganze Sache war deshalb aufregend, weil die Kundin überhaupt nicht auf die Lacansche Psychoanalyse vorbereitet war, ja nicht einmal auf die grundlegenden Theorien von Freud. Thema des ganzen Seminars war ›Das Unheimliche in Buch und Film‹. In der Literaturliste wurde Sigmund Freuds Schrift ›Das Unheimliche‹ nicht erwähnt. Jene Studentin ist also erbärmlich schlecht auf diese Hausarbeit vorbereitet worden, was man ihr selbst gar nicht zum Vorwurf machen kann. Schreiben sollte sie über ›The shining‹ von Stephen King, bzw. dessen Verfilmung durch Stanley Kubrick.
Was ich nun wirklich überhaupt nicht leiden kann: wenn ich völlig verzweifelte Studenten am Telefon habe, deren ganzes Studium von so einer blöden Seminararbeit abhängt, und ich dann merke, dass ein Großteil dieser Verzweiflung einfach aus einer völligen Überforderung durch ein schlecht aufgebautes Seminar entsteht. Schon alleine der Arbeitsauftrag ist viel zu unstrukturiert gewesen. Zumindest hätte der Dozent Hinweise geben können, was die Studentin besonders beachten sollte. Ein paar Tipps für die Sekundärliteratur wären auch nicht schlecht gewesen. Ich kenne die Filmtheorie ja eigentlich nur am Rande, aber mir sind sofort ein paar Bücher eingefallen, die man beachten könnte.
Nun: im Wesentlichen haben wir den Arbeitsauftrag eingegrenzt auf die grundlegenden Mechanismen der Traumarbeit in Text und Film und wie diese sich bei King und Kubrick darstellen.

Sehr empfehlenswert ist das Buch ›Filmtheorie zur Einführung‹ von Thomas Elsaesser und Malte Hagener aus dem Junius-Verlag.

Zeitlich hat mich ein Auftrag sehr gebunden. Ich sollte eigentlich nur das Skript zu einer internen Schulung schreiben. Dann aber hatte der Programmierer, der für die Umsetzung verantwortlich war, einen Motorradunfall, was mich in das Vergnügen gebracht hat, die ganze Schulung selber zu programmieren. Das Programm dazu verlangte überhaupt keine Kenntnisse in irgendwelchen Computersprachen, sondern war intuitiv bedienbar. Also kein Problem!

Vor einigen Wochen habe ich mir die gesammelten Werke von Max Frisch bestellt, aus einem Antiquariat in Amerika. Letzte Woche sind diese nun angekommen, d.h. ein Paket. Es war das falsche Buch drin. Zwei kurze und sehr nette E-Mails mit dem Vertrieb. Nein, der Frisch ist nicht aufzutreiben. Man habe falsch etikettiert. Schade! Das andere Buch darf ich behalten; die Kosten habe ich zurückerstattet bekommen. Nett, und trotzdem bin ich etwas enttäuscht.

Seid ihr wählen gegangen? Ich schon. — Eigentlich wollte ich den Wahlkampf mit einigen rhetorischen Analysen begleiten. Stattdessen habe ich mich intensiver mit Aspekten der politischen Philosophie beschäftigt, insbesondere mit Hannah Arendt. Interessiert hat mich insbesondere die Verbindung zwischen der Politik als „Job“ und der politischen Haltung des Bürgers aus ethischen Gründen. Allzu viel kann ich dazu noch nicht sagen: zum einen hatte ich wenig Zeit und zum anderen kann ich kaum mehr als erste Wege ins Gehölz vorzeigen.
Ganz wundervoll sind die politischen Essais von Judith Butler, die sie in ›Gefährdetes Leben‹ veröffentlicht hat. Mit diesen muss ich mich ebenfalls intensiver auseinandersetzen. Und nebenbei habe ich mir Michel Foucault hervorgeholt. Hier habe ich zunächst aus dem Buch ›Diskurstheorien und Literaturwissenschaft‹ den Artikel ›Zum Diskursbegriff bei Foucault‹ von Manfred Frank durchgearbeitet und gerade im Moment von Claude Lévi-Strauss ›Die Struktur der Mythen‹ aus ›Strukturale Anthropologie I‹.

Was habe ich gewählt? Nun, das meiner Ansicht nach kleinste Übel der Opposition. Zum Schluss hat mich dieses ganze Theater nicht mehr interessiert. Nicht nur durch Hannah Arendt und Judith Butler, sondern auch durch Aristoteles, Kant und Foucault erscheint mir die Tagespolitik als immer befremdlicher und immer unwirklicher. Vielleicht sollten die Politiker einfach mal aufhören, dem Volk zu sehr aufs Maul zu schauen und das ganze lieber bei den Philosophen versuchen. Dem Volk würde übrigens eine solche Kehrtwendung auch nicht schlecht tun.
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