08.09.2013

Warum manche Frauen gute Schriftstellerinnen sind! oder: Irrtümer einer gewissen Logik

Da haben wir es wieder, diesen tollen Vorwurf: ich hätte in der mathematischen Logik mangelnde Kenntnisse, es bliebe, so ein gewisser Kai Sievers, der fade Beigeschmack der Ignoranz und es sei abenteuerlich, was einige Literaturkritiker meinen über Logik zu wissen.

Der Sachverhalt
Worum geht es?
Letzten Endes um den Unterschied zwischen einer bestimmten mathematischen Logik und dem Argumentieren im Alltag. Und in diesem Fall um meine Rezension zu einem Büchlein, das sich Argumentieren nennt.
Dazu gab es dann einen Kommentar (nachzulesen auf Amazon), der sich auf meine Kritik am Kettenschluss bezog und meinte, dass der Kettenschluss, den ich kritisiert habe, durchaus richtig sei.
In meiner Antwort habe ich dann darauf hingewiesen, dass ich die innere Form des Kettenschlusses gar nicht kritisiert habe, sondern die Einordnung in den umliegenden Gesamtzusammenhang.

Nun fühle ich mich seit zwei Tagen, nämlich genau, seit der Herr Sievers, in Reaktion auf die Kommentare zu meiner Rezension, seinen unsachlichen Kommentar geschrieben hat, dazu gedrängt, doch etwas zur Argumentationslehre zu sagen, was allgemeinerer Natur ist.
Obwohl manche Leser natürlich wissen, dass ich mich immer wieder auf bestimmte Logiken und Logikfehler beziehe, zum Beispiel mit sämtlichen Artikeln, die sich auf die Extrapolation beziehen, oder zum Beispiel mein Aufsatz zur Logik des Kriminalromans (mit noch deutlichen begrifflichen Unsicherheiten), schreibe ich immer noch ungerne über die Logik als Fachgebiet.
Das hat aber ganz andere Gründe, als meine komplette Unkenntnis auf diesem Gebiet.

Was Logik (auch noch) ist
Einer der Gründe, warum ich mich mit allgemeinen Darstellungen bisher zurückgehalten habe, ist, dass ich, als ich mich dann tatsächlich mit der philosophischen Logik beschäftigt habe, festgestellt habe, dass diese auf ganz anderen Ebenen ihren Streit austrägt, als eben auf dieser formalen Ebene der Schlüsse. So gehört zum Beispiel zu meinen neuesten Errungenschaften das unvollendet gebliebene posthume Werk ›Das Urteilen‹ von Hannah Arendt. Arendt spricht aber nun keineswegs von den Schlüssen, sondern von der Beziehung zwischen dem Urteil und der Politik und, soweit ich dies beim ersten Durchlesen verstanden habe, wie der Bürger durch seine Urteile an einer politischen Öffentlichkeit teilnehmen kann. Hier ist übrigens das Wort Politik nicht mit der Berufspolitik zu verwechseln, sondern mit den Formen des organisierten Zusammenlebens, unter anderem eben dem Staat, zu verstehen.
Dass es also in der Logik durchaus um ethische Grundfragen gehen kann, war mir nicht so ganz neu, damals, als ich mich damit zu beschäftigen angefangen habe, aber es hat vorher lange Zeit nur am Rande meiner Aufmerksamkeit als mögliche Idee gelebt.

Das ist der eine Grund für meine Zurückhaltung. Hier fehlt mir tatsächlich eine eigene Position und meine ganze Kritik, zum Beispiel an den Extrapolationen, basiert mehr auf der Grundhaltung, dass bestimmte Sachen nicht gehen oder zumindest angezweifelt werden müssen. Zu einer Darstellung fremder Logiken hat mir bisher auf der einen Seite die Lust und auf der anderen Seite die Übersicht gefehlt, ein Zustand, der wohl auch noch ein wenig andauern wird.

Verwirrung der Begriffe
Der andere Grund ist die komplette Verwirrung der Begriffe, die die Logik oder auch nur das praktische Argumentieren betreffen. Als eines der negativen Beispiele mag dann jenes von mir geschmähte Buch ›Argumentieren‹ bilden. So wird dort der Begriff Argument für das verwendet, was in der klassischen Logik als Schluss bezeichnet wird. Ein Schluss schließt nämlich aus zwei oder mehreren Beweisgründen oder Argumenten oder Prämissen auf eine daraus folgende Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Diese Folgerung nennt man deshalb auch Schlussfolgerung (oder Konklusion, manchmal auch: Konsequenz).
Wenn nun die beiden Autoren den Schluss als Argument bezeichnen, missachten sie zumindest den klassischen Gebrauch der Begriffe. Und das war ja eine meiner Kritiken an dem Buch: dass sie eben dem Leser nicht ermöglichen, zumindest nicht leicht ermöglichen, an andere Darstellungen der Logik anzuschließen.

Übrigens bezeichnen die Autoren dann den Kettenschluss als FullPower-Argument. Welchen Sinn diese Umbenennung haben soll, erschließt sich mir nicht.

Der Kettenschluss; oder: Frauen als Vögel
Man frage sich also, was überhaupt ein Kettenschluss ist.
Folgt man der Logik von Kant (Werkausgabe Bd. VI, Seite 417-582), so kann man dort folgendes lesen:
Ein aus mehreren abgekürzten und unter einander zu Einer Konklusion verbundenen Schlüssen heißt ein Sorites oder Kettenschluss, … (566)
Der aufmerksame Leser wird hier eine weitere Verunsicherung erfahren. Wir hatten eben noch von dem einzelnen Schluss gesprochen, jetzt von verbundenen Schlüssen, also doch wohl mehreren. Das ist richtig: ein Kettenschluss besteht immer aus mehreren Schlüssen. Das griechische Wort Soros kann mit Haufen übersetzt werden.

Formal gesehen ist eine Form des Kettenschlusses also folgende:
(a→b; b→c)→(a→c)
Ausformuliert: 
Wenn Frauen intelligent sind, dann sind sie Vögel; wenn Vögel schreiben, dann schreiben sie gute Bücher; woraus insgesamt folgt: manche Frauen (nämlich die intelligenten) schreiben gute Bücher, sind also folglich gute Schriftstellerinnen.
Nun gibt es natürlich gute Schriftstellerinnen, womit mein Kettenschluss bewiesen wäre.

Enthymeme
Wenn man sich etwas besser mit der Logik auskennt, kann man bei dem Beispiel, das ich in meiner Rezension kritisiert habe, noch auf eine andere Art und Weise stutzig werden. Wird der Schluss (Syllogismus) entweder auf Wahrscheinlichkeiten gestützt (so die Peripatetiker) oder wird der Schluss abgekürzt, meist durch den Mittelsatz (so Quintilian), oder wird gar eine Schlusskette vorausgesetzt und deshalb weggelassen, also mehrere Syllogismen (eine Möglichkeit, die die Schule von Port-Royal zulässt) abgekürzt, spricht man von einem Enthymem.

Gegen ein Enthymem ist nichts zu sagen. Es hat zahlreiche Funktionen, zum Beispiel in einer Rede die Zuhörer nicht mit überflüssigen Details zu langweilen. Problematisch werden solche Enthymeme erst, wenn sie nur scheinbare Enthymeme sind, also gar nicht auf einem Syllogismus beruhen, sondern auf einem Trick oder einem Wortspiel.
Die Autoren des Buches ›Argumentieren‹ stützen sich in ihrem Beispiel (das ich in meiner Rezension kritisiert habe) auf die ersten beiden Formen des Enthymems:
Wenn wir es nicht schaffen, dass alle Abteilungen intensiv zusammenarbeiten, werden wir unser Umsatzziel nicht erreichen. (Seite 48).
Ausgelassen wird hier der Mittelsatz, den man wie folgt ergänzen kann: was intensiv zusammenarbeitet, erreicht das Umsatzziel. Und jetzt hängt alles davon ab, ob das Merkmal ›intensive Zusammenarbeit‹ notwendig zum Merkmal ›Umsatzziel erreichen‹ führt, dann wäre zumindest dieser Teil des Kettenschlusses tatsächlich absolut stichhaltig, oder ob er nur der Umstände halber zutreffen kann; dann aber stützt dieser Schluss die Konklusion nicht „hundertprozentig“ (wie die Autoren behaupten).
Natürlich gibt es einen starken Grund, die intensive Zusammenarbeit mit der Verbesserung des Umsatzzieles zu verknüpfen. Dieser Grund ist die Erfahrung, die man mit verbesserter Zusammenarbeit machen kann. Trotzdem entsteht dadurch kein notwendiger Schluss, sondern nur ein wahrscheinlicher. Wie so häufig im Leben.
Die formale Richtigkeit von Schlüssen ändert dann manchmal nichts an der Gültigkeit von der Schlussfolgerung. Jeder Mensch wird mir zustimmen, dass manche Frauen gute Schriftstellerinnen sind. Und ich nehme an, dass jener Mathematiker, mit dem ich mich im Anschluss an meine Rezension disputiert habe, auch der formalen Richtigkeit meines oben gelieferten Kettenschlusses zustimmen wird. Und trotzdem bleibt dieses Beispiel doch irgendwie irrsinnig.

Ein gewisser gestrenger Kritiker
Den letzten Absatz muss ich dann wohl meinem strengen Kritiker widmen. Wenn er mir mangelnde Kenntnisse in der mathematischen Logik vorwirft, so muss ich ihm — leider! — bedingt sogar Recht geben. Um ein Beispiel zu geben: die mathematische Logik muss mit Mengen umgehen, die notwendigerweise eine Einheit bilden. Quine gibt als Beispiel in seinem Buch ›Grundzüge der Logik‹ die zwölf Apostel und bemerkt dazu, dass ein Apostel zwar fromm sei und dies für jeden der zwölf Apostel gelte, dass aber kein Apostel das Merkmal Zwölfheit trage. Nun ist mir durchaus klar, dass es zwölf Apostel sind. Nicht verstanden dagegen habe ich, wie Quine daraus seine Schlussfolgerungen zieht, dass die zwölf Apostel nicht nur durch Gewohnheit zusammengehören, sondern wie dies formallogisch zu bestimmen sei; zumindest habe ich es nur zur Hälfte verstanden (das Beispiel findet sich ab Seite 295 ff.).
Sievers scheint mir aber vorzuwerfen, dass ich vom Kettenschluss keine Ahnung hätte. Nun basiert der Kettenschluss auf den Schlüssen und die Schlüsse an sich sind recht simple logische Verknüpfungen. Da ich gerade dies aber nicht kritisiert habe, sondern, wie ich schon in meiner Rezension dargelegt habe, eigentlich nur die Bezeichnung und die Tragweite der Schlussfolgerung, ist dieser Vorwurf natürlich unsinnig.
Denn selbst wenn ich hier falsch argumentiert hätte, hätte Sievers hier von einem Einzelfall (diese Beweisführung ist unlogisch) auf eine allgemeine Regel (Herr Weitz hat keine Ahnung von Logik) geschlossen, einen Beweis, den man durchaus im Auge behalten darf, der aber als einer der unsichersten in der Logik gelten darf. Was uns der Herr Sievers verschweigt. Oder, was auch eine Möglichkeit wäre, weil er selbst keine Ahnung von Logik hat.

Für ebenso unsinnig halte ich meine Benennung zum Literaturkritiker. Dazu müsste man erstmal klären, was Kritik ist. Wie viele Wörter, die im Alltagsleben als bare Münze genutzt werden, um dem Moloch des Konkurrenzdenkens zu huldigen, ist auch das Wort Kritik oft kein aufklärendes, sondern nur ein gewalttätiges Wort. Ähnlich übrigens dem Wort verstehen, von dem die meisten Menschen gar keine Definition liefern können, aber es doch in schönster Regelmäßigkeit gebrauchen, um sich aufzuspielen oder jemand anderen herunterzuputzen. 
Aufschlussreich dazu ist übrigens das Kapitel ›Logik des Fanatismus — Geschlossene und offene Welt‹ im Buch: Weimer, Wolfgang: Logisches Argumentieren, Stuttgart 2005; dies kostet nur fünf Euro, ist wesentlich inhaltsreicher, benutzt die klassischen Begriffe und verweist sehr ordentlich auf weiterführende Literatur, im Gegensatz zum von mir geschmähte Argumentieren für fast neun Euro.

Würde ich diese Zuweisung nun zurückgeben wollen, müsste ich Herrn Sievers fragen, ob er denn Mathematiker sei und ihm ansonsten das Recht auf den richtigen Gebrauch logischer Schlussfolgerungen absprechen, da er ja nur ... was weiß ich auch immer sei.
Ich habe nun keine Ahnung, wer jener Kai Sievers ist. Und, das darf ich gestehen, es interessiert mich auch nicht. Ich habe seinen Kommentar deshalb auch nicht beantwortet, um mit ihm eine Diskussion zu führen, sondern "nur", um einige allgemeine Missverständnisse auszuräumen, was Logik ist und wo bestimmte Grenzen der Logik verlaufen. Und der eigentliche Hintergrund dazu ist, dass ich zum Beispiel neulich tatsächlich mal wieder in den Fernseher geschaut habe und zwar in eine Sendung von Markus Lanz, die (am 06.06., wie ich eben gegoogelt habe) mit Gregor Gysi und einigen anderen lief. Im Rahmen des Wahlkampfes ärgere ich mich gerade darüber, wie suggestiv die Reden unserer Politiker sind, wie wenig sie noch den Regeln einer guten Diskussion gehorchen. Lanz nun heizt dieses Klima des Nicht-Diskutierens auch noch auf. Und bietet dadurch ein schlechtes Vorbild, als Journalist und als Bürger.

Frappant ist auch die Unterstellung, dass man als Literaturkritiker nicht nur eine abenteuerliche Vorstellung von der Logik hat, sondern dass damit impliziert wird, die Literaturwissenschaftler hätten ja auch irgendwie nichts mit Logik zu tun. Wenn man sich aber ansieht, wie bestimmte Zweige der Literaturwissenschaft argumentieren, nämlich dort, wo sie sich mit zum Beispiel der formalen Logik berühren, dann muss man mindestens die Grundlagen der Aussagenlogik gut verstanden haben.
Aber selbst, wenn es nicht so wäre, selbst, wenn dies nicht ein Teil der Studiums wäre, heißt das noch lange nicht, dass sich ein einzelner Mensch nicht auch alleine darin einarbeiten könnte. Dazu gibt es ja eben Ratgeber, die einem die Grundlagen des guten Argumentierens beibringen können und die allgemeinverständlich geschrieben sind, ohne die ganze Komplexität der Logik auf ein bisschen Satzverknüpfung zusammenzudampfen.

Wäre mir nach Rachsucht zumute, könnte ich meinem Kritiker nicht nur eine fehlende Kenntnis betreffs der Argumentation/Logik, sondern auch der Literaturwissenschaft unterstellen und ihn, im Gegenzug, dazu auffordern, dass er das doch gefälligst anzumerken hat, wenn er mir schon einen solchen Kommentar schreibt. Ich könnte konstatieren, ganz ohne Verlaub, dass sein Kommentar den faden Beigeschmack der Ignoranz trage und es abenteuerlich sei, was irgend so ein aus dem Internet mir zugelaufener Leser meine, über Logik zu wissen und dazu noch über meine Kenntnis der Logik.
Nun ist mir leider die Logik als solche viel zu wichtig; jenes Buch von Hannah Arendt — ›Das Urteilen‹ — ist von einer solch, man möchte sagen: herzergreifenden Menschlichkeit und einer solch frappierenden Schärfe, dass es mich schmerzt, dass sie es nicht vollenden konnte und nur als Fragment vorliegt. So oder so ist es ein großes, geradezu ein enormes Buch. Und da bleibt für das bisschen Rachsucht gar keine Zeit. Den Spott jedoch habe ich mir gerne gegönnt und hoffentlich auch den ganzen Sachverhalt mit einigen neuen Informationen (beileibe nicht allen) versorgt.
Deshalb zum Abschluss einige Literaturempfehlungen zum Thema Logik:

Ein guter Ratgeber ist zum Beispiel:
Bayer, Klaus: Argument und Argumentation. Göttingen 2007

Ebenfalls empfehlenswert das bereits oben erwähnte Buch:
Weimer, Wolfgang: Logisches Argumentieren, Stuttgart 2005

In diesem Zusammenhang sehr lesenswert, wenn auch sehr kurz und ohne Beispiele:
Kant, Immanuel: Logik. in: Gesammelte Werke, Bd. VI, Frankfurt am Main 1977

Schließlich darf man aber auch von Aristoteles das Organon als erste systematisch dargestellte Logik empfehlen. Zwar muss man hier alle Abstriche machen, die ein solches Werk aus der Antike mit sich bringt; es bietet aber zumindest zwei Vorteile: es ist einfach und verständlich geschrieben (jawohl!), und es ist recht systematisch, was es von den unsystematisch verlaufenden Alltagsargumentationen wohltuend abhebt.
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