12.06.2007

Medium und Operation

Das Problem
Neulich las ich - in einer Erläuterung zu Luhmanns Systemtheorie -, dass (Körper-)Zellen diejenigen Stoffe produzieren, die dazu nötig sind, ihre Prozesse in Gang zu halten.
Wenn dies wahr wäre, könnten Zellen sich selbst Salze produzieren. Man weiß als halbwegs gebildeter Bürger, dass diese Behauptung falsch ist. Salzbergwerke sind Salzbergwerke und Zellen sind Zellen.

Im Übrigen behauptet der Autor weiter, dass die Elemente eines Prozesses schon im Auftauchen wieder verschwinden. Diese Behauptung ist zwar an sich richtig, wenn man von dynamischen Systemen spricht, kann aber nicht für Material gelten, weder für Salze, noch - wie der Autor zum Besten gibt - für Waren. Salze werden transformiert, Waren nutzen sich zwar ab, müssen dann aber weggeschmissen werden, und dieses Wegschmeißen führt weitere wirtschaftliche Handlungen nach sich, zum Beispiel durch Müllabfuhren, Müllverbrennungsanlagen und Aufträge an Werbefirmen, Anti-Müll-Kampagnen zu entwerfen.

Medium und Operation
Abstrakter gesagt beruht das ganze Problem hier auf der Unterscheidung zwischen Medium und Form, bzw. darin, den Tänzer vom Tanz zu unterscheiden.

Zellen also produzieren nicht die Stoffe, die zur Produktion nötig sind.
Stoffe wie Salze oder Proteine wachsen nicht in der Zelle nach, sondern müssen von außen in die Zelle hineingelangen. Man nennt das Ernährung. Sie haben vielleicht schon einmal etwas davon gehört oder es sogar selbst mal ausprobiert.
Was in der Zelle und nur in der Zelle existiert, sind zellinterne Operationen, also Funktionen, die auf bestimmte Art und Weise Proteine synthetisieren. Die zellinterne Operation heißt also Proteinsynthese. Sie stützt sich natürlich auf ein Substrat, das wiederum aus Proteinen und Salzen besteht. Aber deshalb kann man nicht Proteine und Proteinsynthese gleichsetzen.

Medium und Form
Ähnliches gilt für Kommunikationssysteme. Auch hier gibt es eine Art Substrat. Luhmann nennt dies Medium und identifiziert das Medium von Kommunkationssystemen als Sprache. Auch hier wird dann eine Synthese vorgenommen, nämlich einzelne Elemente des Substrats zu einem Satz zusammengebaut. Mit der Systemtheorie gesprochen: ein Medium (die Sprache) wird in Form (den Satz) gebracht. Dieses In-Form-bringen geschieht durch Selektion, Kopplung und Anschlussfähigkeit. Selektion meint natürlich, dass man nicht alle Worte der Sprache in einem Satz unterbringen kann. In der Tat kann ich sogar nur sehr wenige Worte in einem Satz unterbringen, selbst wenn dieser lang ist. Kopplung hingegen meint, dass einzelne Wörter nicht beliebig verbunden werden können. Man braucht, um einen Satz bilden zu können, Regeln, wie die einzelnen Wörter untereinander verknüpft werden können: eine Grammatik in diesem Fall. Schließlich muss jeder Satz sozusagen Rücksicht darauf nehmen, wie er "wirkt": er muss anschlussfähig sein. Natürlich ist jeder Satz anschlussfähig. Man kann ihn zurückweisen, seinen unsinnigen Inhalt kommentieren oder schlichtweg so tun, als hätte man ihn nicht gehört. Irgendetwas wird schon passieren, wenn man einen Satz äußert. Allerdings gibt es auch bei der Anschlussfähigkeit so etwas wie günstige Orientierungen, zum Beispiel die Wahrnehmbarkeit der Dinge, über die man sich gerade unterhält, oder ihre allgemeine Bekanntheit.

Zeitpunktfixierte Ereignisse: etwas in Form bringen
Zusammenfassend lässt sich sagen: Dynamische Systeme stützen sich auf Medien. Solche Medien sind immer "irgendwie" materiell, sei es, dass sie Luft in Bewegung versetzen, sei es, dass sie die Form kleiner, metallener Scheiben annehmen. Allerdings sind diese Medien nicht die Elemente eines Systems. Die Elemente eines dynamischen Systems bestehen aus Ereignissen und da sich immer nur weniges ereignet, aus den Ereignissen in Differenz zu anderen Ereignissen. Selbst wenn zehn Menschen durcheinandersprechen, ereignen sich eben immer noch relativ wenig der in der Sprache möglichen Sätze. Ereignisse sind deshalb Differenzen, die etwas - nämlich sich selbst - aktualisieren, und alles andere weglassen. Zudem sind Ereignisse aber zeitpunktfixiert. Nicht der Satz selbst, sondern das "In-Form-bringen" der Sprache ist das Ereignis. Und ein System besteht dann nicht aus Sätzen, und nicht aus Sprache, sondern eben aus diesem fortlaufenden "In-Form-bringen", eben der Operation: hat man einen Satz geäußert, zerfällt das Ereignis schon und nur deshalb kann man dann etwas anderes sagen, als was man eben gesagt hat. Was für ein Glück!

Das Wirtschaftssystem
Auch das Wirtschaftssystem besteht nicht, wie der Autor vermutet, aus Waren, sondern stützt sich auf Waren als materielle Seite. Da nach Luhmann das Wirtschaftssystem ein dynamisches System ist, muss es ebenfalls aus zeitpunktfixierten Elementen bestehen, in diesem Fall aus Zahlungen. Zahlungen ereignen sich und sind schon verschwunden, wenn man gezahlt hat. Natürlich hinterlassen sie dauerhaftere Effekte: die Wurst verschwindet ja nicht sofort, nachdem ich sie bezahlt habe.
Wie sehr der Autor also damit falsch liegt, die Elemente des Wirtschaftssystems durch Waren zu bestimmen, oder gar die Wirtschaft durch Produktion von Gewinnen zu charakterisieren, zeigt auch das Zitat von Luhmann, das er zwischendrin anführt:

... es geht um Fortsetzung oder Abbrechen der Reproduktion von Elementen durch ein relationales Arrangieren eben dieser Elemente. Erhaltung ist hier Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Reproduktion von Elementen, die im Entstehen schon wieder verschwinden. (Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 86)

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