01.05.2016

Eine Art Ritual

In meinem Leben gibt es so eine Art Frühjahrsritual, eines, dem ich dieses Jahr frühzeitig vorweggreifen wollte.
Immer, wenn der Mai sich nähert, hole ich mir die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff heraus. Dann lese ich darin, lese neu, lese, blättere, denke nach. Und seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, mal wieder etwas über sie zu schreiben, einer der großen Wortkunstschaffenden im deutschsprachigen Raum.
Es gelingt mir nicht. Ich sammle, stelle gegenüber, vergleiche, liste auf, gruppiere. Aber je mehr ich mich darein versenke, umso weniger sehe ich eine Einheit. Ich habe also frühzeitig zu schreiben versucht, und bin gescheitert. Die Interpretation liegt in vielfältige Trümmer geschlagen vor mir da.
Neulich habe ich mich mit der Etymologie des Wortes scheit beschäftigt. Zu finden ist dies in Die Mergelgrube:
Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
...
scheit, so wie es im Grimmschen Wörterbuch steht, ist doppeldeutig. Es ist Werkzeug, Instrument und Abfall:
Werkzeug
als grabscheit (Spaten), knetscheit (wohl eine Art Holzrolle), und in ähnlichen Komposita
Instrument
als Span zum Anzünden von Feuer (siehe scheiterhauffen), auch als Holzstück, um etwas zu verkeilen
Abfall
scheiter (im Unterschied zu scheit) als gewaltsam zersplitterte trümmer, siehe: in scheiter gehen
Weiters gibt es eine metaphorische Übertragung, deren Verbindung seltsam, nicht ganz genau zu bestimmen ist:
Unbeweglichkeit
scheit, steifer scheit, dürrer scheit, zur charakterisierung einer trägen unbeweglichkeit
Alle vier Bedeutungen strahlen in das Gedicht aus:
Trümmer
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber sah ich nicht; doch die Natur 
Schien mir verödet, und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; ...
Es gibt zwei Werkzeuge im Gedicht, die zusammen mit anderen semantischen Differenzen (von Oppositionen kann man nicht sprechen) das Gedicht strukturieren: der Scheit selbst (Z. 1) und die Nadel, also: Stricknadel (Z. 86). Diese stellen sich in ein unbestimmtes Verhältnis zum Beispiel zu Bertuchs Naturgeschichte (welches der Hirte liest) und den Anspielungen auf das erste Buch Mose, der Genesis, ebenso zu dem scharfen und dem lauen Wind, den zusammengewürfelten Steinen und dem Medusenstein, usw.
Ebenso lassen sich Instrumente finden, dem göttlichen der Sintflut, dem mythischen des Byssusknäuels (byssos --> Stoff des Leichentuchs).
Vor allem der Hirte wird durch eine Trägheit charakterisiert:
  • wie er bedächtig seine Socken strickt
  • so sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen
Aber ganz so einfach ist das alles nicht. Vor allem ist es jeweils anstrengend, die eigenen kulturellen Kodierungen, mit denen Leser die Lücken in der Bedeutung aufzufüllen geneigt sind, herauszuheben und abzuweisen. Interpretation ist wesentlich Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.

Ich halte mich zurück mit all meinen kleinen Bruchstücken. (O welch' ein Waisenhaus ist diese Heide, ...)
Dafür hier noch die wunderbare erste Strophe aus der Ballade Der Fundator:
Im Westen schwimmt ein falber Strich,
Der Abendstern entzündet sich
Grad' über'm Sankt Georg am Tore;
Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.
Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht
Um's Eiland, wo die graue Wacht
Sich hebt aus Wasserbins' und Rohre.
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