22.05.2016

dieses ungebremste Pathos

Argumentieren muss man wohl nicht mehr können. Es reicht, dem Gegner vorzuwerfen, er könne nicht argumentieren, um selbst zum Argumentationsexperten zu mutieren. - So jedenfalls darf man derzeit die meisten politischen Aussagen auf youTube verstehen. Wobei sich dort "rechte" und "linke" Gesinnung nichts geben. Sie sind so gleich geworden, was die Vereinfachung angeht, dass man die Lust (die Angstlust, möchte ich beinahe sagen) am bornierten Abkanzeln als das gemeinsame Merkmal bestimmen kann.
Argumentation ist im Abstrakten recht einfach, zumindest eine klassische Argumentation, die sich auf die Formen der Vernunft und ihre metaphysische Herkunft bezieht. Schwierig wird das erst, wenn die Empirie auch noch eine Rolle spielen soll. Hat Kant nämlich die reine Vernunft und ihre Logik a priori (vor aller Erfahrung) herauszuarbeiten versucht, so doch nur im Unterschied zu der Logik a posteriori (mit dem Gehalt der Erfahrung).
Was die Logik a posteriori so schwierig macht, ist dann aber nicht die Schlussfolgerung, sondern das Abschätzen der Merkmale. Dies gilt insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass Urteile a posteriori keine analytischen Urteile sind: die Merkmale in den analytischen Urteilen sind dem Subjekt wesenhaft zugeschrieben; sondern synthetische Urteile: sie fügen dem Subjekt etwas der Umstände halber zu.
Dann aber müssen diese Merkmale auf ihre Legitimation hin befragt werden. Nun passiert das nicht. Die synthetischen Urteile werden wie analytische behandelt, die Logik des a posteriori wird zu einer Logik a priori, obwohl sie sich, qua Benennung, auf den Erfahrungsgehalt und ihren Pragmatismus zu berufen erdreistet.
Das ist dann wohl das Wesen der derzeitigen Debatte: die Enteignung der Erfahrung von ihrem subjektiven, lebendigen, zeitlichen Moment. Diese Menschen dort, die über das Wohl und Wehe des Zusammenlebens diskutieren, erfahren nichts, aber umso eifriger sind sie dabei, jegliches sinnliche Dasein des Menschen zu exkommunizieren und über die Sinnenhaftigkeit des Menschen den Bann auszusprechen.
Das widert mich an.
Siehe dazu auch, aus dem Jahre 2008: Verlust des Argumentierens.
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