05.05.2016

Was ist eine Ideologie?

Gelegentlich meckert jemand, weil ich Ideologien nicht ablehne. Ideologien seien böse, pfui und bäh. - Nicht ganz. Was ich zu erklären versuche, befindet sich noch im Probestadium, und insofern ist das Meckern durchaus erlaubt (auch wenn es gerne konstruktiv sein darf). Tatsächlich aber sehe ich die Ideologie, sofern sie unter gewissen Vorzeichen steht, immer noch im Gefolge der antiken Tugendlehre und als notwendige Weiterentwicklung dieser. Unter welchen Vorzeichen jedoch ist die Ideologie tatsächlich abzulehnen? Hier möchte ich nicht selbst antworten, sondern kurz darstellen, was Hannah Arendt schreibt.

Die Herrschaft der Prämisse

In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schreibt Arendt von der »›Eiskälte‹ der menschlichen Logik« (S. 720). Die Idee kann eine solche Eiseskälte gar nicht verbreiten, da sie nur durch Beispiele illustriert wird. Der Zusammenhang zwischen einer Idee und ihrer Verwirklichung ist durch eine Praxis, die immer mehr als die Idee selbst ist, schwierig, und deshalb auch vielfältiger Deutungen zugänglich. Zudem besteht die merkwürdige Einheit einer Idee gerade daraus, dass sie sich nur in ihrer Verwirklichung definiert und so der Verwirklichung nur in dem Sinne vorgängig ist, als bereits andere Menschen früher die Idee in die Praxis umzusetzen versucht haben.
Was Arendt hier beschreibt, dass ist eigentlich der Perversion der Idee. Indem sie als unbedingt vorausgesetzt wird, kann man aus ihr die Verwirklichung dann deduzieren. Dann handelt es sich aber nicht mehr um eine Idee, sondern um eine Handlungs- und Denkprämisse. Und dies wäre noch nicht so schlimm (und darin widerspreche ich Hannah Arendt auf gewisse Weise), wenn es eine Prämisse wäre, die mein Handeln und mein Denken anleitet. Das Schlimme an der Umwandlung einer Idee in eine Prämisse geschieht dann, wenn sie zum Ausschlusskriterium ganzer Bevölkerungsschichten benutzt wird.
Man müsste also nicht von einer Ideologie, sondern von einer Prämissologie sprechen.

Was ist eine Ideologie?

Arendt charakterisiert die Ideologie durch folgende Merkmale:
  • nahtlose Deutungsmacht
  • Erfahrungsunabhängigkeit und Weltlosigkeit
  • deduktive Beweisführung
Das dritte Merkmal ist insofern obsolet, als eine nahtlose Deutung und Eiskälte der Logik nur deduktiv, also a priori, möglich ist. Und da a priori die Schlussfolgerung vor jeder inhaltlichen Erfahrung ist, ist eigentlich auch das zweite Merkmal schon abgeleitet. Wir behalten also die nahtlose Deutungsmacht, das Zusammenfallen von Hegemonie und Hierarchie als Wesen der "Ideologie" bei.
Es ist unabsehbar, dass totalitäre Herrschaft einen guten Willen zur Hierarchie der Bürokratie hat (auch wenn dieser in sich nicht logisch aufgebaut sein muss): der Stalinismus ist so absurd in seiner Verwaltungsaktivität, wie die nationalsozialistische Herrschaft absurd war in ihrer Militäraktivität.

Die Ideologie der Islamisierung

Und ebenso lächerlich (noch lächerlich!, wie ich befürchte) sind die Ideen der Umvolkung und der Islamisierung. Solange der Islam keine Bürokratie im großen Stil ausbildet, wird er eventuell hier und da durch Terror auffallen (was auch unerträglich schlimm ist), aber keineswegs wird er "islamisieren". Nein, ich sehe keineswegs die Gefahr einer Islamisierung.
Die Idee der Islamisierung dagegen hat sich bei vielen ihrer Anhänger längst in eine Prämisse umgewandelt, in einen schicksalhaft notwendigen Geschichtsverlauf, der gewaltsam seine Bahn bricht, wenn man nicht - diesem mit Gewalt und (Staats-)Terror begegnet. - So erzeugen die Ideologie-Vorwerfer unter der Hand das, was sie anprangern: eine pervertierte Ideologie, die sie ganz Deutschland aufzwingen wollen. So nämlich schafft sich Deutschland wirklich ab. Denn der Sarrazin und der Pirinçci, die Petry und Bachmann, die werden mir die deutsche Kultur nicht erklären; dazu wissen sie zu wenig von ihr.

Was mich auch noch erschreckt

Was mich allerdings auch noch erschreckt, ist, wie wenig stolz, wie undeutsch sich diese "guten Deutschen" gebärden. Nichts, was diese Menschen dort vorleben, erscheint attraktiv. Dieses Geplärre, diese Ein-Satz-Argumentationen, dieses beschränkte Vokabular, diese verwaschenen Begriffe. Und wenn das wirklich Deutschland wäre, dann wäre es tatsächlich sinnvoll, dass es sich abschafft.
Bei Lidl werden gerade bei jedem Einkauf Sticker-Bilder zur Fußball-EM verschenkt. Meines habe ich einem kleinen Jungen gegeben. Er hat sich gefreut. Ob das ein arabisches Kind war (ich wohne am Rande eines vorzugsweise arabischen Viertels), war mir so was von egal. Dass so etwas in Deutschland noch ohne Hintergedanke passieren darf, ist mir dagegen nicht egal.
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