30.04.2016

Erbärmlich

Abschreiben für die Logik-Blase

Wenn ich mich gerade mal wieder auf politischen Seiten herumtreibe, dann nicht allzulange. Pirinçcis neues Buch Umvolkung wird von rechtsradikalen Seiten fleißig bekakelt. Was mich anwidert, ist nicht nur, dass sich das journalistische Handwerk auch hier oftmals darauf zu beschränken scheint, voneinander abzuschreiben, ohne zu prüfen, was der faktische Gehalt ist.
Dies ist leider eine Gepflogenheit, die sich bis in die Universitäten hinein finden lässt: man zitiert nur noch Bestimmtes, dem Professor Angenehmes, weil dies in die logische Blase des Betreffenden passt. Man findet dies in der Kriminologie, im Feminismus, in der Pädagogik. Obwohl hier gelegentlich noch die Selbstkorrektur greift.
Wenn sich dann die "Rechten" (eine eigentlich recht heterogene, gerade zu "multikulturelle" Mischung) ihre Einheit nur noch dadurch geben können, dass sie voneinander abschreiben, dass sie Spekulationen mit Tatsachen verwechseln, dass sie ihre winzigen Ausschnitte für die Welt insgesamt halten, dann schüttelt es mich nur noch.

Auf der Suche nach der verlorenen Tugend

Ich war gestern Abend dabei, den Begriff der Tugend und den Begriff der kulturellen Evolution zu vermitteln. Nicht allzulange, denn mich hat eine Magen-Darm-Grippe (oder etwas ähnliches) ziemlich niedergeschmissen.
Geärgert hat mich, wie unvorsichtig, geradezu abgrundtief dümmlich (mal wieder) sehr zufällige Ergebnisse der kulturellen Evolution als Mittelpunkt einer Moral gesetzt werden, wie die moderne Familie, die die AfD so gerne stärken möchte, obwohl es sich sichtlich um ein sehr marginales Modell handelt. Nun ist natürlich das Gegenteil, die Ablehnung dieses Familientypus oder gar die Behauptung, der moderne Mensch läge außerhalb der evolutionären Entwicklung, genauso falsch. Der Grund für diesen Streit ist im verkürzten Verständnis der Evolution zu suchen, der die verschiedenen Parteigänger heimsucht.
Nun interessiert mich hier gerade besonders Nietzsche, denn bei ihm lese ich eine gewisse Möglichkeit heraus, die Tugend mit der kulturellen Evolution gegen die kulturelle Evolution in Stellung zu bringen, mithin eine Art Paradoxie herauszuarbeiten, die die - von Nietzsche so attribuierten "aristokratischen" - Tugenden als Evolution anti-evolutionärer "Fragmente" begreift. Ein wichtiger Begriff in dieser Argumentation ist mir derzeit der Begriff der Epiphanie: die Tugend erscheint (sie entwickelt sich nicht).
Doch im Moment merke ich, dass meine Versuche, die Idee einer modernen Tugend innerhalb einer modernen Politik zu greifen, immer wieder auf weitere Fragen stoßen, meist auf große Lücken, auf Seltsamkeiten, auf weitere Spielräume, die es zu bedenken gilt. - Und insofern schreibe ich nicht und beklage nur.

Rechtsintellektualismus

Das ist nun wohl der bescheuertste Begriff, den ich in den letzten Wochen gelesen habe. Hier wird nicht einmal mehr verheimlicht, dass die Allseitigkeit aus dem (wissenschaftlichen, philosophischen) Denken herausgehalten wird. Das ist ein noch dümmlicherer Begriff als der der Umvolkung.
Was die Umvolkung angeht, so hat der gute Pirinçci offensichtlich noch nicht gemerkt, dass diese längst stattgefunden hat: die internetlosen Deutschen sind, qua technischer Evolution und Revolution, durch internetbenutzende Deutsche ausgetauscht worden. Der Wechsel findet immer noch statt. Dementsprechend ist die Zeit unruhig, die Welt voller kleinerer und größerer Experimente (man skyped z. B. um drei Uhr nachts mit einer Studentin aus Australien, um sich über Christa Wolf zu unterhalten). Der Bruch zu der (deutschen) Kultur Anfang der achtziger Jahre jedenfalls ist augenfällig, aber schwer, wenn nicht unmöglich in Kausalitäten und Wirkfolgen zu bringen. (Und überhaupt: Pirinçci vermischt ständig die Kultur mit den Genen, eine Art mythischem Genpool mit den ästhetischen und politischen Gepflogenheiten einer Region. Wie Sarrazin. Zum Begriff des Genpools lese man Ökologie von Thomas und Robert M. Smith: leider ist dieses Buch nicht ganz so einfach zu lesen (zu wissenschaftlich), um von den Parteigängern der AfD oder seltsamen Feministen verstanden werden zu können.)
Nicht weniger Unruhe bringen die Veränderungen der politischen Landschaft in der ehemaligen UdSSR mit sich. Man mag von der Annexion der Krim halten, was man will, von der politischen Lage in der Ukraine, von der neuen Rolle der Türkei, vom "Palästina"-Konflikt, etc. - Zumindest wird man doch die Unruhe konstatieren dürfen, die sich in die gesamte politische und wirtschaftliche Landschaft ausstrahlt.
Was von den rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kräften vergessen wird, sind diese massiven Umbrüche, die keineswegs den Deutschen und seine "deutsche Kultur" unberührt gelassen haben. Hier mit konservativen Begriffen zu kommen, ist durchaus erlaubt, müsste aber ganz anders entwickelt werden, als durch bloßes Konstatieren. Das ist nämlich nicht intellektuell, und schon gar nicht rechtsintellektuell, sondern nur doof und dogmatisch. In gewisser Weise beerben diese Kräfte die Ideologie des SED-Kaders, nicht inhaltlich, aber doch formal. So jedenfalls sieht das zur Zeit für mich aus.
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