17.04.2016

Ziegen vor Gericht: Böhmermann in Satiristan

Die Causa Böhmermann zeigt, was Satire leistet. Satire ist ein Text, dem (zunächst) ein eindeutiger Interpretant fehlt. Ist dieser zu rasch zuhanden, gilt Satire als schmerzlos und witzfrei und lau. Bleibt der eindeutige Interpretant dagegen aus, dann hat man wohl das, mit dem Deutschland zur Zeit umgeht: eine Causa Böhmermann.

Der Interpretant

Feindseligkeit

Witze und Comedy bräuchten immer einen Feind, einen Gegner. Dass dieser Gegner nicht eine fremde Person sein muss, sondern auch eine Idee oder der Teil einer Person, lässt sich rasch zeigen. In solchen Fällen handelt es sich um Archetypen, entweder um Personen, die pointiert für eine Idee stehen, oder für Verhaltensweisen und Denkmuster, die für eine Idee typisch sind. Typisch für Comedy und Satire ist allerdings auch, dass sich dieser Feind zwar nicht sofort, aber doch relativ schnell fassen lässt. Manchmal beruht die Verzögerung auf einem ungewöhnlichen Bild, einem überraschend neuen Ausdruck, einer neuen Gedankenverbindung, aber immer scheint es dieser kurze Moment des Nicht-interpretieren-Könnens zu sein, der das Lachen begleitet.

Texte interpretieren

In Interpretationen scheint es immer eine gewisse Menge an Zeichen zu geben, an die der Interpret nicht rühren mag. Wer meinen Blog kennt, kann sich vielleicht an die Beispiele erinnern, die ich zum Homo Faber und zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Gender-Mainstreaming gegeben habe. Dieser Ausgangspunkt der Interpretation, der nur schwer hinterfragt werden kann, weil an ihm die ganze Interpretation hängt, heißt Interpretant. So ist die Interpretation des Homo Faber seit langer Zeit unter der Deutungshoheit der Frauenfeindlichkeit Fabers gelesen worden, mit dem Inzest und der Schuld als Neben-Interpretanten. Dass man dies auch ganz anders sehen kann, habe ich gezeigt. Dasselbe gilt für das kulturelle Geschlecht: die Akzeptanz des kulturellen Geschlechts ist nicht die Akzeptanz konkreter sexueller Orientierungen; Akzeptanz muss nicht gleich Sichtbarkeit bedeuten, und ob eine Idee, die meiner Ansicht nach explizit politisch ist, in Institutionen gehört, in denen noch nicht mündige Bürger Kulturtechniken lernen, halte ich für fraglich.

Die Lächerlichkeit

Interpretanten werden dann lächerlich, wenn man sie von außen betrachtet. Wir kennen das: wir kennen die verschrobenen Ansichten bestimmter Minderheiten, wir kennen die seltsamen Figuren, denen wir an unserem Arbeitsplatz, im Supermarkt oder in einer Behörde begegnen. Dort, wo der andere anfängt zu interpretieren, ist nicht unser Ausgangspunkt. Unsere Argumentation, so müssten wir uns lesen, fängt von einer anderen Stelle aus an. Und im Prinzip ist genau das das, was die Lächerlichkeit ausmacht. Wir haben uns in unserer Welt einen logischen Zusammenhang zurecht gebastelt; jetzt treffen wir auf einen anderen logischen Zusammenhang, der zu unserem nicht passt, und wir beginnen zu lachen. Vielleicht haben die Psychoanalytiker nicht so unrecht: dass hinter der Angst vor der Lächerlichkeit die Angst vor der Selbstentfremdung steht.

Lachende Gemeinschaften

Nichts verbinde so sehr wie der Humor, sagt der Volksmund. Doch dahinter steckt leider ein ganz anderes Prinzip: nichts verbindet so sehr wie der gemeinsame Feind. So ist der Spruch vielleicht doch nichts anderes als eine Auslegung des Spruches: der Feind meines Freundes ist auch mein Feind. Gemeinschaft, und das steht zur Zeit mehr denn je infrage, ist wohl mehr oder weniger kultiviert eine Frage der gut ausgewählten Fremdenfeindlichkeit. Mithin auch eine Frage nach dem, was in einer Kultur nicht angetastet werden darf, was unter einem Berührungsverbot steht und heilig ist.

Böhmermann

Vielstimmigkeit

In gewisser Weise ist Böhmermann das „Gegenereignis“ zu den Anschlägen in Paris. Wie diese zu verstehen sind, dazu gibt es einen Grundkonsens. Der fehlt bei Böhmermann. So solidarisiert sich Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Springer, mit dem deutschen Satiriker. Er nennt das Gedicht (samt seinem Drumherum) „ein Kunstwerk. Wie jede große Satire.“ In der Freien Welt gibt es von Ramin Peymani andere Worte zu lesen: das Gedicht sei ein „tumber Tiefschlag“, ein „Bärendienst“ für alle, „die von der islamischen Welt ein klares Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit fordern“. Schließlich, als eine dritte von vielen Stimmen, geistert durch die Medienwelt, was Bernd Lucke als Schlussfolgerung und Sentenz seiner Argumentation angehängt hat: „Böhmermann ist eine feige Drecksau.“

Das fragile Geflecht

Ich möchte nun nicht versuchen, die richtige Meinung herauszuarbeiten, obwohl mich das durchaus reizen würde. Ich möchte aber einige Schritte vor einem solchen Ergebnis stehen bleiben, und zunächst verstehen, warum sich ein so widersprüchliches Bild über den sei es nun satirischen oder nicht-satirischen Beitrag Böhmermanns aufgebaut hat. Dies scheint mir im Wesentlichen aus zwei Komponenten zu bestehen, die einander kreuzen und selber als höchst problematisch angesehen werden. Die eine Komponente besteht aus dem Status der Massenmedien selbst und der Frage nach der Pressefreiheit und den journalistischen Pflichten, angefangen von der Kritik an der medialen Überdrehtheit und der Anbiederung an ein Unterhaltungspublikum bis hin zu den Pöbeleien a la Lügenpresse auf der einen und dem Vorwurf der Volksverhetzung auf der anderen Seite. Die zweite Komponente kann man der politischen Idolisierung zurechnen. Erdogan macht sich mit seiner Politik gerade in Deutschland wenig Freunde, weil es eben auch um Pressefreiheit, aber auch seltsame nationalstaatliche Gelüste geht. Um es vorsichtig auszudrücken. Und auf der anderen Seite steht Angela Merkel, deren Rückzieher von den Besserwissern hämisch kommentiert wird, von den bisher Gutgläubigen enttäuscht aufgenommen wird. Und dort hinein kommt dann dieser seltsame Vertrag, der gegen viel Geld den weiteren Zuzug von Flüchtlingen begrenzen soll. So ist die gesamte Situation unklar, problematisch, zerbrechlich, und, wie man aus manchen Wortmeldungen lesen darf, bis zum Zerreißen gespannt.

Wen veralbert Böhmermann?

Worüber sich die Interpreten nicht einig werden können, ist, wen Böhmermann dort eigentlich angreift. Es gibt kein eindeutiges Feindbild, weder bei Böhmermann, der das Schmähgedicht innerhalb eines Rahmens vorgetragen hat, was man eben nicht tun dürfe und was strafbar sei (eben jenes Gedicht selbst); aber auch die Kultur gibt kein eindeutiges Feindbild mehr her. Manche Menschen haben Angst vor den Flüchtlingsströmen, ohne die Menschen als solche abzulehnen, ja ohne ihnen die Einreise untersagen zu wollen. Es gibt jene Menschen, die mit einem diffusen Deutschtum in der Tasche sich dazu bemächtigt fühlen, in unflätiger Sprache und mit nicht haltbaren Unterstellungen über das Leben fremder Menschen entscheiden zu dürfen. Und es gibt, man kann es gar nicht aufzählen, noch zahlreiche andere Meinungen mehr. Der Feind, der dem einen oder anderen vor Augen schwebt, ist so vielgestaltig die Meinungen selbst.

Die Kunst der Satire

Ob Satire eine Kunst ist oder nicht, bleibt dahingestellt. Von den antiken Musen hört man dazu ebenso wenig, wie von den septem artes liberales. Und von den letzteren vielleicht insofern doch noch, als die Rhetorik auch die Kunst der Verdrehung sein kann, und eines ihrer bevorzugten Mittel dabei die Hyperbel ist. Eines aber kann man mit den Mitteln der Semiologie sagen: Satire wird dann einvernehmlich wahrgenommen, wenn es einen gemeinsamen Interpretanten gibt. In einer Situation, in der die europäischen Werte, von der Meinungsfreiheit bis zum „Kosmopolitismus“, in Frage stehen, in der sich Deutschland selbst nicht mehr über seine Werte so richtig im Klaren ist, muss ein solches Gedicht den instabilen Zustand der politischen Landschaft offenbaren.

Satire und Meta-Satire

Es folgt, was folgen muss. Der Streit, selbst wieder ein politisches Ereignis, wird von der Satire aufgenommen und weiterverfolgt. Und auch darin erweist sich Böhmermann mit seinem Beitrag als das genaue Gegenstück zu den Anschlägen in Paris. Wenn Peter Fuchs den Terror als ein kommunikatives Ereignis bezeichnet (also auch als ein kommunikatives Ereignis, nicht nur), welches dazu dient, die Kommunikation auf eine Art und Weise zu unterbrechen, dass danach mehr Kommunikation möglich wird, dann ist die Satire, wie sie Böhmermann gemacht hat, die Weiterführung in die Unverständlichkeit der Kommunikation, die die Kommunikation anheizt.

Was ich mir wünsche

Zum Schluss darf ich vielleicht doch noch meine eigene Meinung loswerden. Vor zwei Tagen habe ich gelesen, dass die Entscheidung der Bundesregierung richtig sei, Erdogan den Weg über die deutschen Gesetze und die deutsche Gerichtsbarkeit zu ermöglichen: so werde er vielleicht mal mit den Ideen und Möglichkeiten eines demokratischen Rechts konfrontiert. Das wäre mal die umgekehrte Meinung zu dem, was derzeit eher mitschwingt: dass man Böhmermann bereits preisgegeben habe, als eine Art Bauernopfer. Ich wünsche mir keine Verurteilung Böhmermanns. Erdogan muss einen solchen Spott aushalten lernen. Das Gedicht selbst ist nicht gut, aber der Rahmen, in dem es steht, durchaus zu würdigen (einer zweideutigen Inszenierung dessen, was Satire eben nicht darf). Sehr fragwürdig finde ich, dass sich Angelegenheiten der Massenmedien und des politischen Systems vermischen, und dass diese Vermischung von Erdogan auf diese Weise betrieben wird. Ich wünsche mir zudem, dass die Zensur eines zweideutigen Beitrages zurückgenommen wird. So wenig ich die Zensur eines Akif Pirinçci gut heiße (obwohl jeder wissen darf, dass ich seine Meinungen abscheulich finde), so wenig darf die Sendung Böhmermanns der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Das muss diskutiert werden. Darum muss gestritten werden. Schließlich gibt es in dem ganzen Streit eben doch noch einen Aspekt, der beachtet werden muss: dass vermutlich jeder die Sendung nach einigen Tagen vergessen hätte, wenn Erdogan darum nicht so viel Wirbel gemacht hätte. Doch vermutlich muss es so sein. Und ein wenig darf ich auch gestehen, genieße ich das Ganze. Für rhetorische Analysen bietet die Debatte reichlich Stoff. Und ein Analytiker politischer Rhetorik hat deshalb viel zu tun. Das Zentrum für politische Schönheit jedenfalls hat von drei Kronzeugen ein Foto ins Netz gestellt. Sie werden gegen Erdogan aussagen. Es handelt sich um Ziegen.
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