27.11.2012

Mikrologik IVc: Chandlers Mord im Regen

Es hat etwas länger gedauert, bis ich einige schöne Stellen zur Analyse gefunden habe. Es geht mir immer noch um die Ebenen der Motiviertheit, wobei ich den Schwerpunkt auf die Mikroebene lege, also auf die Motiviertheit von Satz zu Satz. 

Chandlers Erzählung Mord im Regen befindet sich in dem gleichnamigen Sammelband aus dem Diogenes-Verlag. Es ist ein brillanter, kleiner Krimi, voller scharfer Sätze und wundervoller Metaphern und zeigt, warum dieser Autor nicht nur Unterhaltung, sondern große Literatur geschrieben hat. 
Die Makroebene der Motiviertheit betrifft, zur Erinnerung, den Plot. Schon hier erweist sich die Geschichte als ungewöhnlich, denn der Ich-Erzähler wird nicht in den Fall verwickelt, weil ein Mord passiert. Er wird angeheuert, um dafür zu sorgen, dass ein gewisser Steiner seine Finger von einem Mädchen namens Carmen lässt. Der Ich-Erzähler soll dies mehr oder weniger legal tun. Als er jedoch Steiner verfolgt, wird er Zeuge von dessen Ermordung, wobei er den Mörder nicht erkennt. Anschließend macht er sich, zusammen mit einem Kommissar (Veilchen M'Gee) auf die Suche nach dem Mörder und dem Grund für die Ermordung. 
Der Plot ist also in gewisser Weise konventionell: es gibt einen Toten, einen unerkannten Mörder und eine gewisse Motivation, diesen Mörder aufzudecken. Ungewöhnlich ist allerdings die Art und Weise, wie der Ich-Erzähler in den Fall hineingerät. Denn eigentlich ist sein Auftrag ein ganz anderer. 
Die Szene, aus der ich meine Textstelle entnehme, beginnt auf Seite 27. Der Mord an Steiner ist passiert. Der Ich-Erzähler wird am frühen Morgen vom befreundeten Kommissar angerufen, weil dieser einen  Cadillac mit jemand drin in der Brandung vor dem Fischereihafen gefunden hat. Die Szene ist deshalb so wichtig, weil sie aus dem privaten Auftrag eine Zusammenarbeit zwischen dem Erzähler und dem Kommissar macht. Auf der Ebene der Motiviertheit ist sie relativ konfliktlos. Der Kommissar ruft an, um den Erzähler zur Mitarbeit zu bewegen und der Erzähler ist hinreichend motiviert, um darauf einzusteigen. So ist die Hauptinformation dieser Szene, dass es einen weiteren Toten gibt und wo dieser gefunden wurde. 
Schauen wir uns nun die Mikroebene an: 
(1) Veilchen M'Gee rief mich am Morgen an, noch ehe ich angezogen war, aber erst nachdem ich mir die Zeitung angesehen und nicht das geringste über Steiner darin gefunden hatte. Seine Stimme hatte den munteren Klang eines Menschen, der gut geschlafen und nicht allzu hohe Schulden hat. 
(2) »Na, wie geht's unserm Jungchen denn?« fing er an. 
(3) Ich sagte, mir ginge es ganz passabel, bloß daß ich zu viele weiße Mäuse im Haus hätte. (4) Er lachte ein bißchen abwesend, und dann wurde seine Stimme um einen Grad zu beiläufig. 
(5) »Dieser Dravec, den ich dir rübergeschickt hatte - schon was für ihn gemacht?« 
(6) »Zu schlechtes Wetter«, antwortete ich, wenn das eine Antwort war. 
(7) »Hm, hm. Scheint mir einer zu sein, dem dauernd was passiert. Ein Wagen, der ihm gehört, liegt vorm Fischereihafen von Lido in der Brandung.« 
(8) Ich sagte nichts. Ich hielt den Hörer sehr fest. 
(9) »Tja«, fuhr M'Gee fröhlich fort. »Ein schöner neuer Cad, total ruiniert jetzt von Sand und Seewasser . . . Ach, das hab' ich ganz vergessen. Es sitzt jemand drin.« 
(10) Ich atmete langsam aus, sehr langsam. »Dravec?« flüsterte ich. 
(11) »Nö. Ein junger Kerl. Ich hab's Dravec noch gar nicht erzählt. Also erstmal ganz unter uns. Hast du Lust, mit mir hinzufahren und dir die Geschichte mal anzuschauen?« 
(12) Ich sagte, das würde ich gern. 
Veilchen ruft wahrscheinlich deshalb an, weil er vermutet, dass der Erzähler etwas weiß. Aber er drängt nicht darauf, dass dieser sein Wissen preisgibt. Dazu muss man auch wissen, dass es der Kommissar war (also Veilchen), der dem Erzähler den Auftrag verschafft hat (4). Er belässt also dem Icherzähler seine Ehre und gibt ihm trotzdem die Möglichkeit, sein Wissen in den Fall einzubinden. Der ganze erste Abschnitt zeigt, unter welchen Bedingungen Veilchen motiviert ist: den Bedingungen der Sorglosigkeit. 
Der Icherzähler weicht aus. Er beruft sich (3) auf zu viele weiße Mäuse (d.h., er hat zu viel Alkohol getrunken), (6) auf das Wetter (eine offensichtliche Fehlinformation) und schließlich (8) schweigt er ganz. Sein Mikromotiv ist, dem Kommissar auf keinen Fall die Wahrheit zu sagen, ihn aber auch nicht allzu sehr zu belügen. Und das Mikromotiv des Kommissars ist, dem Icherzähler nicht allzu sehr zuzusetzen, ihn aber doch zu einer freundlichen Mitarbeit zu bewegen. Der kleine Tanz zwischen den beiden führt schließlich dazu, dass der Kommissar den Icherzähler dazu einlädt, den Unfallort zu besichtigen. 
Es gibt zwei Konflikte, die diese kurze Szene strukturieren: der erste Konflikt betrifft die Geschehnisse der vorangegangenen Nacht, die der Icherzähler nicht preisgeben möchte (1-7); der zweite Konflikt betrifft die Identität des Toten (8-12). Beide Konflikte werden undramatisch gelöst, der erste, weil Veilchen nicht auf der Wahrheit beharrt, der zweite, weil beide Personen an der Kooperation eigentlich Interesse haben. 

Zu dieser kleinen Passage könnte man eine ganze Menge sagen. Hätte ich hier strenger wissenschaftlich gearbeitet, wäre mein Text dazu auch mindestens dreimal so lang ausgefallen. Viele der kleinen Motiviertheiten habe ich nicht angesprochen. Aber ich denke, sie lesen sich weitestgehend von selbst. Ich verweise allerdings noch einmal besonders auf den von mir mit (9) markierten Satz. Veilchen fährt „fröhlich“ fort. Zunächst gibt er nur die Nebeninformation, den ruinierten Cadillac. Dann allerdings setzt er die Hauptinformation hinzu, den zweiten Toten. Der Icherzähler reagiert dementsprechend. Er befürchtet zunächst, dass sein Auftraggeber ermordet wurde. 
Die Szene verläuft vielleicht insgesamt eher banal. Auf der Ebene der Motiviertheit gibt es aber zentrale Spannungspunkte. Chandler verarbeitet diese in seiner gewohnt lakonischen Art.

Und, Nachtrag!, ich weise auch noch mal darauf hin, wie geschickt Chandler Bedürfnisse und Motive andeutet, durch Handlungen, durch die einzelnen Beiträge, ohne sie selbst erwähnen zu müssen. So trägt man den Leser hervorragend durch seine Geschichte.
Kommentar veröffentlichen