29.02.2012

Goethe und der Zorn

Und dann lese ich noch in Goethes Dichtung und Wahrheit. Thema ist weiterhin narrative und metaphorische Argumentation. Goethe schrieb an diesem Werk über zwanzig Jahre. Das erste Buch wird im Oktober 1811 veröffentlicht, der letzte Teil im Oktober 1831 abgeschlossen. Dieser erscheint erst nach seinem Tode.
Ein anderer thematischer Leitfaden ist der Zorn (zu dem ich sporadisch immer wieder arbeite).

Hier eine hübsche Stelle (Seite 31 im 9. Band der Hamburger Ausgabe):
Der folgende Sommer gab eine nähere Gelegenheit, den zornigen Gott, von dem das Alte Testament so viel überliefert, unmittelbar kennen zu lernen. Unversehens brach ein Hagelwetter herein und schlug die neuen Spiegelscheiben der gegen Abend gelegenen Hinterseite des Hauses unter Donner und Blitzen auf das gewaltsamste zusammen, beschädigte die neuen Möbeln, verderbte einige schätzbare Bücher und sonst werte Dinge, und war für die Kinder um so fürchterlicher, als das ganz außer sich gesetzte Hausgesinde sie in einen dunklen Gang mit fortriss, und dort auf den Knieen liegend durch schreckliches Geheul und Geschrei die erzürnte Gottheit zu versöhnen glaubte; indessen der Vater, ganz allein gefasst, die Fensterflügel aufriss und aushob; wodurch er zwar manche Scheiben rettete, aber auch dem auf den Hagel folgenden Regenguss einen desto offnern Weg bereitete, so dass man sich, nach endlicher Erholung, auf den Vorsälen und Treppen von flutendem und rinnendem Wasser umgeben sah.
Ich notiere Zorn [+ Wetter]; lies: in die lyrische Definition des Zorns faltet sich die Isotopie des Wetters ein, genauer: des Hagels, des ruinierenden Wetters. Schön ist auch der erste Satz, der von "unmittelbar", von der treibenden Kraft hinter dem Wetter spricht. Und die Hyperbel, die die ganze Stelle prägt: es ist ja nicht gerade so, dass Gott mit Feuer und Flammen herniederfährt, um Sodom und Gommorha dem Erdboden gleichzumachen. Es sind ja nur ein paar Scheiben, einige Möbel, einige Bücher.
Der Vater wird exponiert. Es entsteht eine Opposition zwischen Vater und Gott, die man folgendermaßen ausdrücken könnte: Vater [+ Mäßigung] [+ praktischer Sinn]; Gott [+ Zorn] [+ Plötzlichkeit]. Etwas später (Seite 39) wird die Mäßigung als Opposition zum Zorn noch einmal geschildert, diesmal am Großvater:
Ebenso fuhr er morgens aufs Rathaus, speiste nach seiner Rückkehr, nickte hierauf in seinem Großvaterstuhl, und so ging alles einen Tag wie den andern. Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit; ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben. Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Seine Bibliothek enthielt außer juristischen Werken nur die ersten Reisebeschreibungen, Seefahrten und Länderentdeckungen. Überhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.
Offensichtlich spielt das Semem [+ alt] keine wichtige Rolle für den Zorn. Eher ist es ein Zeichen von Gleichmäßigkeit und Beständigkeit und dem Zorn entgegengesetzt. Oder Gott "ist" nicht alt, jedenfalls nicht in der lyrischen Definition Goethes (was man nachprüfen müsste)
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