22.04.2013

Ach ja, das Gehirn der Frauen, und ein wenig Nietzsche vorneweg

Helena und die Sphinx
Zunächst darf ich gestehen, dass ich mit großer Lust ein Fragment von Nietzsche aus seinem Nachlass auseinander pflücke. Es handelt sich um ein Fragment aus dem ersten Buch der nachgelassenen Fragmente (1869-1874) und ist mit 7[27] betitelt, also aus dem siebten Notizbuch Fragment 27.
Das Fragment behandelt die Frage, was das Schöne sei. Um diese Frage zu beantworten, setzt Nietzsche jetzt allerlei rhetorische Tricks in Gang. Er unterscheidet zum Beispiel zwischen objektiv, subjektiv und negativ, wobei objektiv und subjektiv gar keine Unterscheidung bilden. Dadurch geraten das Subjektive und das Negative in eine Differenz. Es ist allerdings eine komplementäre Differenz: indem das Negative die Not verneint und verleugnet, kann das namenlose Subjekt (Nietzsche benennt hier keine spezifische Figur, wie man dies bei ihm häufiger findet) das Schöne empfinden.
Faszinierend aber ist auch, dass das Subjekt (vermutlich männlich) nicht benannt ist, während es mindestens zwei Frauenfiguren gibt, die für das Schöne stehen: Helena und die Sphinx. Die Helena ist die Helena des Fausts, deshalb muss man hier fast notwendig noch eine dritte Frauenfigur dazu nehmen: das Gretchen.
Die Sphinx selbst gehört zu einer Reihe von Geschwistern, die allesamt Mischwesen sind und wurde von zwei Eltern gezeugt, die ebenfalls Mischwesen sind (siehe Wikipedia: Sphinx (griechisch)). Hier muss man zum Beispiel daran denken, dass die ideale Frau eine reine, keine gemischte Frau ist. Zum Beispiel die Helena, die gerade deshalb ideal ist, weil weder etwas fehlt, noch etwas zu viel ist. Zudem bedeutet Sphinx aber auch (im griechischen) einmal erwürgen und einmal (durch einen Zauber) festbinden (siehe Wikipedia: Sphinx (ägyptisch)).
Die letzte Anmerkung ist deshalb spannend, weil sich Nietzsche nicht auf die Helena im zweiten Teil des Faust bezieht, sondern aus der Hexenküche, Vers 2003-2004: „Du siehst, mit diesen Trank im Leibe, / bald Helenen in jedem Weibe.“ So erscheint im Zaubertrank die Sphinx verdoppelt, die ebenfalls festbindet.

Das sind so die kleinen Vergnügen, die ich mir in den letzten Tagen geleistet habe. Ich habe es auch lange nicht mehr gemacht, die möglichen kulturellen Schichten in einem Text aufzulesen. Zu der Technik muss ich nochmal etwas schreiben, denn vielen Menschen ist immer noch nicht auf der praktischen Ebene bewusst, dass das Lesen eines Textes etwas Produktives ist.

Das Gehirn der Frauen, und warum gender mit der Biologie möglich ist
Natürlich ist das Gehirn der Frauen anders als das Gehirn der Männer. Es ist bloß nicht komplett anders, wie dies häufig suggeriert wird, sondern nur in ganz wenigen Teilen. Deren Einwirkung auf das Denken erscheint mir zwar nicht unwichtig, aber erstmal im Großen und Ganzen nebensächlich.
Die Kategorie des gender funktioniert nun alleine deshalb, weil das Gehirn eine so genannte Neuroplastizität aufweist. Diese besagt nichts anderes, als dass sich ein Gehirn von den Reizen der Umwelt anregen lässt, ein eigenes (individuelles) Gedächtnis aufzubauen. Reize sind weder männlich noch weiblich. Sie können aber sowohl auf männliche wie weibliche Gehirne einwirken. Auch weibliche Gehirne ändern sich also durch die Reizverarbeitung ihrer Umgebung. Die Frage ist jetzt, inwieweit die Umgebung für eine spezifisch weibliche oder spezifisch männliche Reizverarbeitung (und in weiterem Sinne Sozialisation) strukturiert wird und ob dies nicht auch anders möglich wäre. Diese Frage nach dem Anders-Möglich-Sein ist die Frage nach dem kulturellen Geschlecht.
Im übrigen, lieber (auch diesmal wieder selbstverständlich anonymer) Beschimpfer, frage ich mich, ob das Denken der Frauen tatsächlich so monoton verläuft, wie Sie das unterstellen. Würde eine Frau tatsächlich so funktionieren, müsste sie praktisch ihren ersten Gedanken, den sie im Leben hat, unendlich und ohne Abweichung wiederholen. Ich verweise hier, als Gegenbeispiel, auf das reale Leben. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.
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