30.04.2013

Akteur als Beobachter: Sloterdijks anthropologisches Zwitterwesen

In der anthropologischen Explikation gerät der Mensch in eine moralisch und epistemologisch ekstatische - nach Plessner »exzentrische« - Position gegenüber sich selbst. Deren Präzisierung ergibt das Bild eines ontologischen Zwitterwesens: Es zeigt einen seit jeher zum übenden Selbstbezug verurteilten Spielleiter, der vor der Aufgabe steht, das Skript der eigenen Existenz auf der Bühne umzusetzen und dabei zu beobachten, wie andere ihn beobachten.
Sloterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt am Main 2009, S. 516
Ex-stase. Ex, das Heraus, das Anderswohin; stase, das Setzen. Exstase: das Sich-aus-sich-selbst-heraus-setzen in eine womöglich unsichere oder sogar unbekannte Position.
Zu beachten: die anthropologische Explikation, also die Darlegung des Menschenwesens, führt den Menschen gerade nicht zur Ruhe, zur Gewissheit seiner selbst, sondern reißt ihn mit sich fort, aus seiner Position heraus. Neulich hatte ich ein Gespräch mit einem Bekannten, der diese ganzen modernen Ratgeber furchtbar fand: man lerne nicht den anderen Menschen auf eigene Weise kennen, sondern zwänge sich und andere in ein vorgefertigtes System, aus dem keiner von ihnen mehr ausbrechen könne.
Anders als bei Nietzsche, dessen Übermensch von dort, wo er (geistig) steht, weg will, muss der sloterdijksche Artist durch seine Selbst- und Fremdbeschreibung (als Mensch) diesen Ort verlassen und hat scheinbar keine andere Wahl.
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