28.04.2013

Hegel; Bewegung, Kunst; auf der Suche nach einem Fantasy-Roman

Ich hatte schon vor einigen Tagen geschrieben, dass Butler auch und immer wieder auf Hegel zurückgreift. Beim Überfliegen ihrer Antigone-Analyse (Butler: Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. Frankfurt am Main 2001) entdecke ich zahlreiche Bezüge auf ihn. Die Phänomenologie des Geistes habe ich 1993 das letzte Mal gelesen. Seit Freitag arbeite ich es wieder durch. Eigentlich wollte ich nur den Abschnitt über Herrschaft und Knechtschaft genauer lesen. Seit gestern zerpflücke ich aber das erste Kapitel. Obwohl ich damals eine sehr gute Lesegruppe hatte, die mich überhaupt erst in den Stand versetzt hat, heute „philosophisch“ denken zu können, sind mir die Inhalte alle verschwunden. Auch Marx, Sartre und Adorno haben mir da nichts genützt.

Hegel in Bewegung
Gabriele hat mir Anfang April einen Kommentar zu meinem Artikel Machenschaften des Sinns geschrieben. Gabriele ist eine gute Freundin, die in Spanien wohnt. Ich kenne sie als kompetente Journalistin. Sie arbeitet außerdem als Dozentin. (Hier ihr Internet-Auftritt, zusammen mit ihrem Mann: BioRanch, außerdem ihre Seite auf BoD mit Blog.)
Jedenfalls hat Gabriele mir einen Kommentar geschrieben. Ich habe mich verklickt und den Kommentar versehentlich gelöscht. Dafür entschuldige ich mich. Hier ist er nochmal:
Die Überschrift ist schon mal cool! So ganz bin ich nicht zufrieden, gerade wenn Du Husserl und Sartre einbaust. Der Exitenzialismus bzw. die Philosophie des Absurden braucht keinen Sinn. Oder, um es als Quintessenz vielleicht in Kürze-Würze zu sagen: Das, was der bildende Künstler definiert mit "die Kunst liegt im Auge des Betrachters" kann man in der Literatur vielleicht gleichsetzen mit: Der Sinn liegt in der Fantasie des Rezipienten.
Bemerkt am Tag des Buches 2013 Gabriele Hefele ;-) 
Zufrieden bin ich mit diesem Kommentar nicht. Husserl ist zwar einer der geistigen Lehrer von Sartre, aber er ist kein Existentialist, sondern gehört der Phänomenologie an, ja gilt als ihr Begründer.
„Die Kunst liegt im Auge des Betrachters.“; das ist so ein Satz, den ich mittlerweile richtig hasse: er wird häufig dann verwendet, wenn eine Diskussion zu kompliziert, zu intellektuell wird (wobei man mit Gabriele auf einem hohen Niveau diskutieren kann: sie hat viel Philosophie gelesen). Dann ist der Verweis auf die vielen Perspektiven, die Menschen haben, sehr bequem. Natürlich ist es richtig, dass jeder Mensch seine eigene Meinung hat. Aber wir müssen uns darüber unterhalten, so umständlich und so schwierig das ist, denn was nützt es, dass jeder Mensch seine eigene Meinung hat, wenn damit niemand mit einem anderen Menschen zusammenleben kann? Wir brauchen also Methoden, durch die wir das ohne Streit und Mord und Totschlag erreichen können.
Und hier kehren wir zu Hegel zurück. Während Kant relativ statisch argumentiert, beschwört Hegel unermüdlich die Bewegung. Aber seine Vorgehensweise ist verwirrend. Im ersten Kapitel der Phänomenologie zum Beispiel erläutert er die Gewissheit von der sinnlichen Wahrnehmung: ich sehe, dass ein Apfel vor mir liegt und bin mir dessen gewiss, um ein einfaches Beispiel zu nennen. Nun fragt sich Hegel, was das mit der Wahrheit zu tun hat. Und er behauptet, dass diese sinnliche Wahrnehmung die Wahrheit wäre. Als Leser glaubt man das jetzt unbefangen. Doch Hegel argumentiert plötzlich dagegen und stellt fest, dass nur die negierte sinnliche Gewissheit die Wahrheit wäre. Es ist ja nett, dass er hier gleich die Bewegung des Bewusstseins in der Textgestaltung vorführt, aber für den Einsteiger doch sehr verwirrend. Denn die dialektische Bewegung lässt sich durchaus plastischer darstellen. So wäre zum Beispiel eine kurze Zusammenfassung über das folgende Kapitel hilfreich gewesen. Ich jedenfalls kann gut verstehen, warum Hegel als schwierig zu lesen eingestuft wird.
Gabriele stellt ebenfalls ein statisches Modell vor. Abgesehen davon, dass ich das Wort Fantasie nicht mag, weil damit zu viel Schindluder getrieben wird (weil niemand weiß, was es ist, kann man es eben beliebig auf- und zuklappen, wie man lustig ist und lustig ist immer der, der in der Situation mehr Macht hat). Der Sinn, das ist eine meiner wesentlichen Überzeugungen, wird durch Arbeit an den Bedingungen (zum Beispiel eines Kunstwerks) gewonnen. Ich betone hier das Wort Arbeit als eine geistige Tätigkeit des Betrachters. Ich stimme mit Gabriele überein, dass der Sinn im Betrachter selbst entsteht. Aber ohne eine Sinneswahrnehmung des Kunstwerks werde ich dem Kunstwerk keinen Sinn entnehmen können. Dasselbe gilt für die Fantasie in der Literatur: ohne einen Text, der mich, auf welche Weise auch immer, anregt, werde ich diese Fantasien nicht haben.
Und meine Erfahrung ist, dass Leser, die einen Text gründlich lesen, diesen jedes Mal wieder neu entdecken, dass es also Prozesse wie das Lesen gibt, die zwar von Phase zu Phase keine rationale Erklärungen erlauben, aber doch „irgendwie“ eine Einheit bilden.

So scheint mir eine der wesentlichen Lehren von Hegel zu sein, dass die (geistige) Bewegung das wesentliche Moment der Erkenntnis ist und das bedeutet, dass es mindestens einen Anfang und ein Ende hat, also mindestens zwei Phasen. So müsste man sagen: „Die Kunst liegt in der Bewegung des wahrnehmenden Bewusstseins.“ (Das ist allerdings nur eine Hypothese.)

Und was ich sonst noch so gemacht habe …
Natürlich habe ich wieder eine ganze Menge Zeitungsartikel online gelesen. Westerwelle, Gauck, Merkel. Die Journalistenfront ist nach rechts gerutscht. Besonders unangenehm fällt mir dies immer bei der Welt auf. Kritische Töne zu Frau Merkel scheinen dort unbekannt.
Ein Jemand aus dem Netz wünscht sich eine weitere Motivanalyse, diesmal von einem Fantasybuch. Das muss ich mir noch überlegen. Ich habe schon lange keine Fantasy mehr gelesen, sieht man von den Texten ab, die ich als Textcoach berate. Mich reizt diese Literatur kaum noch. Trotzdem wäre es eine gute Gelegenheit, nochmal ein neues Buch zu bearbeiten. Kein Vampirroman, kein stilistischer Analphabet. Peter Brett zum Beispiel, der gerade so viel gelesen wird, hat mich abgeschreckt. George Martin? Für meinen Geschmack zu wenig Orks und Drachen. Heitz? Vielleicht. Jordan, der neu verlegt wird. Könnte etwas sein, obwohl ich über den dritten Band der alten Ausgabe nie heraus gekommen bin. Moorcock? Foster? Vielleicht Richard Schwartz, der wäre immerhin Deutscher und schreibt sehr gut.
Andererseits: Gedichte wären auch nicht schlecht. Aber das hat sicher jener Jemand gerade nicht gewünscht.
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