17.04.2013

Ratgeber-Bücher

Ratgeber sind etwas Feines. Wer wollte das bestreiten?
Trotzdem eine Bitte: Ratgeber liest man nicht einfach, man arbeitet mit ihnen. Ein einfaches Durchlesen reicht nicht. 
Warum ich das schreibe? Weil eine Kundin den Fritz Gesing (Kreatives Schreiben, erschienen bei DuMont) gelesen hat und behauptet hat (wahrscheinlich aus ihrer Perspektive zurecht), das Buch sei zu nichts nütze. Sie habe nicht besser schreiben gelernt. Ich habe sie daraufhin gefragt, ob sie Übungen dazu gemacht hat. Die seien nämlich wichtig. Nein, hat sie relativ erstaunt beantwortet. Warum denn? Ein Autor muss doch so verständlich schreiben können, dass man das sofort versteht.
Aber diese Auffassung wäre genauso, als wollte ich mir vom Anschauen eines Klavierlehrerbuches das Klavierspielen beibringen. Wer sich also einen Schreib-Ratgeber kauft, sollte sich auf eine gewisse Mühe einlassen.

Ein anderes Problem sind die Übungen selbst. Viele Menschen scheinen sich selbst nicht mehr Aufgaben stellen zu können. Sieht man sich den Gesing an, dann bietet dieser keinerlei Übungen an, nur Listen mit entsprechenden Fragen. Der Leser muss sich selbst seine Übungen entwerfen. Wie entwirft man eine Übung? So konkret wie möglich. Gesing zum Beispiel beschreibt verschiedene Plotstrukturen, nach denen bestimmte Geschichten aufgebaut sind. 
Ein Beispiel für eine solche Geschichte mit einer solchen Plotstruktur ist die innere Wandlung (siehe Gesing, Seite 108). Der Protagonist gerät in eine Selbstfindungskrise, sucht, scheitert und hat Erfolg und ändert sich schließlich innerlich. Der Konflikt ist ein innerlicher. Was ist nun einfacher, als sich solche innerlichen Konflikte aus zu denken und darum herum Geschichten zu basteln? Sie üben damit die Struktur eines bestimmten Plotmuster.

Es ist ein Fehler, von einem Ratgeber zu erwarten, er würde einem sofort helfen. Es ist ein Fehler zu glauben, einen Ratgeber ohne Übungen für die Praxis nutzen zu können.
Den Gesing habe ich zum Beispiel durchkommentiert. Ich habe Beispiele gesucht und verglichen. Das hat mich relativ viel Zeit gekostet. Letzten Endes aber konnte ich hinterher wesentlich besser Ratschläge geben und meinen Kunden konkrete Tipps geben.
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