03.07.2007

Zeichen und Witze

Rechts steht das klassische Zeichenmodell nach deSaussure. DeSaussure war ein Sprachwissenschaftler, der mit seiner Definition des Zeichens sehr einflussreich geworden ist.

Oben im Kringel steht das Bild eines Baums. DeSaussure bezeichnet es als Vorstellungsbild, Bezeichnetes oder Signifikat. Es ist ein rein mentales Bild.
Gerade die letzte Aussage ist wichtig, denn das Vorstellungsbild ist nicht die Realität, nicht der tatsächlich existierende Baum.
Unten im Kringel steht das Lautbild, Bezeichnende oder der Signifikant. Dieses Lautbild ist durch die Buchstaben so stark codiert, dass es wiederholbar ist.
Lautbild und Vorstellungsbild sind durch einen Strich voneinander getrennt: der Strich bezeichnet die logische Beziehung zwischen Lautbild und Vorstellungsbild. Da der gedachte Baum und die Lautfolge nichts miteinander zu tun haben, außer dass man sie durch lange Gewohnheit zueinander zuordnet, ist diese innere logische Beziehung willkürlich (der Baum in der Vorstellung kann auch als tree oder arbre bezeichnet werden), während die äußerliche Beziehung die Gewohnheit (in der Sprachgemeinschaft) ist.
Dieses Modell weist eine Reihe von Problemen auf, und zunächst sind dies Interpretationsprobleme. Um dies deutlich zu machen, gibt es hier zwei Witze (Witze sind hochlinguistische Angelegenheiten):
"Ein Junge und ein Mädchen - Bruder und Schwester - fahren zum ersten Mal alleine mit dem Zug. Wie es der Zufall so will, hält der Zug genau gegenüber der Bahnhofstoiletten. 'Sieh da!', sagt der Junge, 'wir sind in Frauen.' 'Idiot!', sagt seine Schwester, 'man sieht doch gleich, dass wir in Männer sind.'"
  1. Zunächst einmal verstehen beide Kinder den Kontext falsch: die Schilder über den Toilettentüren benennen keineswegs den Bahnhof, sondern etwas ganz anderes: den Ort, an dem Männer und Frauen nicht zusammenkommen können (die öffentlichen Toiletten).
  2. Dann versteht jedes Kind aus seinem Blickwinkel den Kontext falsch.
  3. Drittens aber - und dies macht der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan deutlich - sind die Türen sehr wohl gleichaussehend, und nur die Beschriftung anders. Das Lautbild ist verschieden, aber das Vorstellungsbild gleich (eine Tür).
Der zweite Witz geht folgendermaßen:
"'Ja, sag mal Peter', staunt Jan nach dem Pferderennen, das Peter einen hohen Gewinn gebracht hat, 'woher wusstest du, dass das Pferd mit der Nummer 49 gewinnt? Das war doch ein völliger Außenseiter!' 'Na,letzte Nacht hat's mich geträumt, dass mir acht Jungfrauen je sechs Goldtaler schenken.' Nach einigem Überlegen sagt Jan: 'Ja, aber acht mal sechs macht doch achtundvierzig.' Sagt Peter: 'Na, geh' mir mit deiner Mathematik.'"
  1. Nicht nur ist die Zahl auf dem Pferd eine willkürliche und zeitlich begrenzte (sie reduziert den Namen des Pferdes auf eine Nummer während eines Pferderennens).
  2. Der Traum hat rein garnichts mit dem Renn-Gewinner zu tun.
  3. Peter versteht eine präzise Sprache (die Mathematik) erstens falsch und zweitens ist ihm das egal. Wichtig ist, dass sich Peter's Interpretation - so wirr sie auch sein mag - bestätigt hat.
Daraus ergeben sich eine Reihe, zum Teil recht umfangreiche Probleme für die Zeichentheorie:
  1. das (Miss-)Verstehen des Kontexts
  2. die Perspektive des (Zeichen-)Interpreten
  3. die Verwechslung des Vorstellungsbildes
  4. die Zeitlichkeit des Zeichens (und damit der Wechsel der willkürlichen Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant)
  5. die Willkürlichkeit des Zeichens, die der Willkürlichkeit des Zeichens die Tür öffnet (na, diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen)
  6. das Missverstehen eines Sprachsystems (hier der Mathematik)
Damit sind mit Sicherheit nicht alle Probleme umrissen, die deSaussures Zeichenmodell aufwirft. Schließlich muss man hier auch noch einberechnen, dass das Bild, so wie ich es oben gezeigt habe, ein komplexes Zeichen ist.
Hier also: Fragen über Fragen.
Vielleicht kann ich das eine oder andere in nächster Zeit aufklären. Alles sicherlich nicht.
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