30.07.2007

Raumsoziologie, die erste


P. Fuchs schrieb:

„... daß Luhmann den Raum nicht in die Weltdimensionen von Sinn (sachlich, zeitlich, sozial) aufgenommen hat - aus Gründen, die man eigens diskutieren müßte und die vermutlich zusammenhängen mit der Vorstellung, daß Zeit Raum generiert oder immer schon in ihrer Beobachtung impliziert. Ich denke erst einmal, daß Raum, Räumlichkeit etc. zentrale infrastrukturelle Bedingungen von Kommunikation und Bewußtsein bezeichnen, wiewohl ich nicht dazu neige, Sinnsysteme selbst als räumliche Arrangements zu behandeln.“

Zentral ist an dieser Stelle doch Luhmanns Unterscheidungen, die er in „Kunst der Gesellschaft“ ab S. 179 eingeführt hat. Explizit sagt Luhmann auf der folgenden Seite:

„Raum und Zeit werden erzeugt dadurch, dass Stellen unabhängig von den Objekten identifiziert werden können, die sie jeweils besetzen. Dies gilt auch für den Fall, dass ein Verlust des »angestammten Platzes« mit der Zerstörung des Objektes (aber eben nicht: der Stelle!) verbunden wäre. Stellendifferenzen markieren das Medium, Objektdifferenzen die Formen des Mediums. Stellen sind anders, aber keineswegs beliebig, gekoppelt als Objekte. Und auch hier gilt: das Medium »an sich« ist kognitiv unzugänglich. Nur die Formen machen es wahrnehmbar. Man könnte also sagen: den Objekten werden die Medien Raum und Zeit unterlegt, um die Welt mit Varianz zu versorgen. Aber dafür sind dann wieder eigene Redundanzen erforderlich, nämlich die Nichtbeliebigkeit der Beziehungen zwischen Stellen im Raum, in der Zeit und in der Beziehung beider Medien zueinander.
In allen diesen Hinsichten stimmen Raum und Zeit überein. Sie werden beide auf gleiche Weise erzeugt, nämlich durch die Unterscheidung von Medium und Form, oder genauer: Stelle und Objekt.“ (S. 180, Hervorhebungen von mir)

1. Luhmanns Problem an dieser Stelle dürfte das sein, wie sich Stellen denn differenzieren lassen, vor allem wie sich Stellen gegeneinander differenzieren lassen. Nehmen wir an, Herr Luhmann stünde in einer einförmigen Sandwüste, dann müsste er mit seinem Finger einen Kreis in den Sand spuren, um überhaupt eine Stelle zu haben und damit natürlich hat er auch ein Objekt (eine kreisrunde Erhöhung/Vertiefung in einer sonst monotonen Sandfläche). Nur auf dieses Objekt hin kann man sich in etwa Stellen ohne Objekte vorstellen. Herr Luhmann könnte natürlich auch seinen eigenen Körper als Objekt nehmen, und sich von dort aus die Differenzierung der eintönigen Sandwüste imaginieren. - Es ist also nicht einfach so, dass eine Stelle ein Medium ist, und ein Objekt eine Form, die dieses Medium besetzt, sondern die Stelle – die sinnlich vorstellbare Stelle – ist abhängig von den Objekten, an denen diese Stelle ausdifferenziert werden kann. Anders ausgedrückt: um einen VanGogh aufhängen zu können, brauche ich eine Wand in einem Museum in einer Stadt.
2. Vielleicht kann man dieses Verhältnis anders lösen: ähnlich wie ich neue Begriffe nur dann bilden kann, wenn ich mich schon auf alte verlasse, so kann ich neue Räume nur dadurch entstehen lassen, indem ich alte Räume voraussetze. Statt also mit Objekten zu argumentieren, was hier missverständlich ist, würde ich Volumen einsetzen; dass diese Volumen natürlich eine Sonderfunktion von Objekten sind, ist klar. Eine Stelle wäre denn ein Nullobjekt bei gleichzeitig (imaginiertem) Objektvolumen.
3. Bisher hatte ich mit Wahrnehmung, also mit psychischen Systemen, argumentiert. Soziale Systeme beruhen natürlich auf Kommunikation und hier ist es dann wichtig, wie Räume transmedialisiert werden: wie Raum in einem nicht-räumlichen Medium fingiert wird. Die Karte ist dabei eine alte Form der Kommunikation, der Reisebericht, die Darstellung, die Versuchsanordnung, das Tafelbild und die Skulptur, etc. Zahlreiche Kommunikationsformen besetzen also den Raum durch Wahrnehmbarkeit, durch „Abbildung“ und „Repräsentation“. – Heikel wird die ganze Angelegenheit erst, wenn der Raum in linearisierten Medien auftaucht, in der Sprache. Hier kann man kaum sagen, dass ein Objekt eine Stelle besetzt, zumindest nicht das referenzierte Objekt. „Die Katze liegt auf der Matte.“ – und trotzdem wäre ich in der Lage, dies zu malen oder eine echte Katze auf eine Matte zu setzen und sagen: „Seht, genau dies wollte Searle uns damit bedeuten.“ Nur ist die Matte keine Stelle und die Katze kein Objekt, sondern die Matte differenziert gegenüber den umgebenden Objekten eine Stelle aus, die für das Objekt Katze Platz hat, und vielleicht auch noch für Esel-Hund-Hahn. Und in der Sprache ist die Matte sowieso nur eine Stelle, die virtuell ist, und an der auch "Mauer" oder "Titanic" stehen könnte.
4. Räume scheinen sich also auch ähnlich den Präsuppositionen zu verhalten, also dem, was vorausgesetzt wird, ohne dem Zweifler lange Widerstand bieten zu können: die Grenzen des Raumes können wohl vorausgesetzt werden, stehen aber Veränderungen offen. – Räume sind also eine andere Form, zumindest in der Kommunikation, Sinn auszuflaggen und zu erwarten, dass dieser Sinn dann sinnfällig ins Auge springt: als Straße, als Küche, als Bett oder als dasjenige Loch in der Wand, in dem ich meine Micky-Maus-Heftchen verstecke. - Insofern stimme ich Peter Fuchs entschieden zu:

„Entscheidend scheint mir, daß diese Chance geknüpft wird (ähnlich wie bei der Diskussion über Materialität) an die Einsicht oder das Verfahren, weder Raum noch Materialität a priori als Gegebenheiten anzusetzen, die berücksichtigt werden müßten, weil es sie irgendwie gibt.“

5. Dass Luhmanns Systemtheorie deshalb raumvergessen sein soll - wie dies in letzter Zeit häufiger zu hören und zu lesen ist -, halte ich für eine recht unsinnige Behauptung. Der Raum ist bei Luhmann ein Aspekt unter anderem und zwar in doppelter Weise. Zum einen schreibt er ständig über räumliche Bezüge, indem er auch über Objekte schreibt, zum Beispiel in „Wirtschaft der Gesellschaft“ über Geld, oder über Bücher, Maschinen, Salons Tischregeln, Kirchen, Schulen, menschliche Körper, etc.; zum anderen stützt sich Luhmann – natürlich! – auch auf räumliche Metaphern. Der erste Aspekt betrifft die Raumsoziologie selbst, der zweite die Semantik.
6. Räume sind nicht unwichtig, aber zahlreiche Raumbezüge lassen sich über die funktionale Äquivalenz ausmerzen, bzw. das Volumen lässt sich wegfunktionalisieren (zum Beispiel in der Sprache: Wale sind, in Worte gefasst, ausgesprochen kleine Tiere, viel kleiner als Eintagsfliegen). Sollte ich Herrn Fuchs demnächst mal zufällig an einer Berliner Ampel treffen, werde ich der Ampel nicht die Schuld für unser Zusammentreffen geben, genausowenig, wenn ich ihn in „meinem“ Aldi treffen würde. Andere Räume dagegen lassen sich nicht so leicht hinweg-äquivalenzieren. Menschen, die auf offener Straße predigen, sind seltsam, während eine Kirche dem schon einen ganz anderen Anstrich gibt. Ampel und Aldi sind gegenüber Herrn Fuchs wegäquivalenzierbar. Dagegen - aber wir sind es ja nur so gewohnt - kann man den Ort, an dem ein Mensch predigt (Straße oder Kirche), nicht so leicht durchstreichen.

Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1996
Peter Fuchs, Mitteilung in der Mailingliste zur Systemtheorie, 2007
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