22.03.2015

Verkleinerung und Elitismus

Da meine Schüler gerade gerne über Satire und Parodien arbeiten, lese ich mir meine ganzen alten Notizen zum Thema Humor durch. Gerade habe ich eine hübsche Stelle aus Schopenhauers Hauptwerk gefunden. 

Vom Eise befreit

Doch zuvor mag ich von einer Veranstaltung berichten, die heute in Wandlitz stattgefunden hat, einem Lesewettbewerb, bei dem die Schüler auch klassische Gedichte vorgelesen haben. Dort wurde unter anderem der sogenannten Osterspaziergang von Goethe zum Besten gegeben. Abgesehen davon, dass ich dieses Gedicht aus persönlichen Gründen nicht leiden kann, wird häufig angegeben, es sei ein einzelnes Gedicht, das für sich alleine stünde. Das stimmt natürlich nicht. Es ist dem Faust I entnommen. Und dort heißt es auch nicht Osterspaziergang.
Jedenfalls musste ich mir dann heute folgende Version davon anhören:
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
von Johann Wolfgang von Goethe
durch des Frühlings holden, belebenden Blick …
Donnerwetter! Was der alte Goethe so alles konnte.

Verkleinerung/Vergrößerung

Im Vorwort von Die Welt als Wille und Vorstellung nutzt Schopenhauer eine Strategie, die zunächst als eine Selbst-Verkleinerung daherkommt, bis sie an einem bestimmten Grad kippt und wie eine Vergrößerung aussieht. Genauer beschreibt er die Wirkung seiner Werke als geringfügig und gibt sich demütig und bescheiden, um darauf hin seine Wirkung als unzeitgemäß, fortschrittlich und nur für wenige, äußerst fortgeschrittene Denker verständlich darzustellen. Er nutzt also die Verkleinerung, um sich zugleich als Avantgarde und Elite zu behaupten:
„Da ich gegen solche Vorwürfe nicht das mindeste vorzubringen habe, hoffe ich nur auf einigen Dank bei diesen Lesern dafür, dass ich sie beizeiten gewarnt habe, damit sie keine Stunde verlieren mit einem Buche, dessen Durchlesung ohne Erfüllung der gemachten Forderungen nicht fruchten könnte und daher ganz zu unterlassen ist, zumal da auch sonst gar vieles zu wetten, dass es ihnen nicht zusagen kann, dass es vielmehr immer nur [eine Sache weniger] sein wird und daher gelassen und bescheiden auf die wenigen warten muss, deren ungewöhnliche Denkungsart es genießbar fände.“
Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 12

Verkehrung ins Gegenteil

In der Psychoanalyse werden verschiedene Abwehrmechanismen benannt, mit denen sich das Ich vor den Forderungen des Es schützt. Dazu gehört die Verkehrung ins Gegenteil. Sie ist als argumentative Strategie sehr interessant. Ein klassisches Beispiel dafür ist: ich liebe sie nicht, ich hasse sie!
Schopenhauer bietet nun eine ganz andere Art der Verkehrung ins Gegenteil, die eine bestimmte gesellschaftliche Struktur aufnimmt und diese dann komplett umdeutet. So wird aus der Verkleinerung ein Avantgardismus.

Gegen Hegel

Viel wichtiger daran ist allerdings, dass es bei diesem Umkippen nicht zu einer dialektischen Bewegung kommt. All dies führt gerade nicht zu einer Synthese, sondern zu einer Selbstbehauptung. Untersucht man solche Formen der Selbstbehauptung genauer, stellt man des Öfteren fest, dass hier mehrere Bewegungen zugleich vollzogen werden, dass es sich also nicht um einen einzigen Prozess handelt, sondern um Konstellationen von Prozessen, die zum Teil tatsächlich eine klassische hegelianische Gangart zeigen; zusammen allerdings lassen sie sich nicht mehr auf den einfachen Nenner von These-Antithese-Synthese bringen: gerade hier zeigt sich, dass eine Idee eine Einheit bildet, die in der Welt von vielfältigen Handlungen getragen wird (womit die idealistische Argumentation von der pragmatischen Argumentation ausgehöhlt wird). Gerade heute habe ich in einem Buch zur Integrationspädagogik eine solch bizarre, weil dogmatische Anwendung der hegelianischen Dialektik gefunden, dass es ein leichtes war, diese zu zerstören.
Leider habe ich bisher noch nicht die Zeit gefunden, diese Passage umfassend zu kritisieren und diese Kritik auszuformulieren. Sie ist in André Zimpels Buch Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur auf Seite 34 zu finden.
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