08.03.2015

Dialektik und Hegemonie (Jahrestage: Politik erzählen)

Dialektik ist nicht, wie vor einigen Jahren mal jemand dreist mir gegenüber behauptet hat, eine Erfindung der Marxisten und deshalb eines aufgeklärten Menschen nicht wert. Klassischerweise aber ist die Dialektik die Methodenlehre der Logik, die Analytik die Elementenlehre; und die Analytik geht der Dialektik voraus.

Hegemonie und Vernunft

Mit dem Begriff der Hegemonie, der, wenn ich mich recht erinnere, von Lenin eingeführt wurde, wurde dem klassischen Marxismus und seiner Überwindung der Klassenspaltung durch die Vorherrschaft des Proletariats eine empfindliche Wunde geschlagen. Zunächst bedeutet Hegemonie, dass sich Subkulturen bilden, die aus sich selbst heraus eine Dynamik erschaffen, die mit der Arbeiterklasse kaum noch etwas zu tun haben muss. Zum anderen aber hat Gramsci deutlich gezeigt, dass hegemoniale Strukturen zwar in sich selbst den Anschein einer Vernunft erschaffen, dieser aber eben auf typischen Mechanismen hegemonialer Strukturen beruht, die etwas voraussetzen, was sie nicht mehr hinterfragen können und eben dies dann ihre Vernunft nennen.

Politische Akteure

Hegemonien bilden in sich eine Struktur aus, in der politische Akteure agieren. Folgt man Gramsci, dann besteht das Wesen der politischen Meinung darin, gesellschaftliche Zustände zu ordnen. Der Zirkelschluss muss hier deutlich gemacht werden: politische Akteure ordnen die Verhältnisse zwischen politischen Akteuren durch die politische Praxis. Dies ist der schwankende Boden, auf dem die politische Praxis stattfindet. Das Teil (der Einzelne politischer Akteur) versucht sich als Ganzes (die politische Gemeinschaft).

Politische Akteure erzählen

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, viel kürzer. Lange habe ich nicht mehr in Johnsons Jahrestage geblickt. Gerade aber der heutige Tag, der 9. März, der mit dem 9. März 1968 korrespondiert, enthält eine lange Passage, die deutlich macht, wie man politische Akteure in ein Verhältnis setzt, Wirkungen und Meinungen schildert und so aus isolierten Phänomenen einen politischen Zusammenhang schafft.
Johnson listet auf, indem er die Politik nicht bei der großen Politik stehen lässt, sondern alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, wie sie bereits bei Platon und Aristoteles geschildert werden, eng nebeneinander stellt. Er zitiert, und gestaltet nur durch die Verdichtung der Phänomene des (politischen) Willens (und des sinnlichen Lebens, das daraus entsteht) in langen, mäandernden Satzkonstruktionen.

Schutz, Streit, Schutz

Der Slum ist ein Gefängnis, in das die Gesellschaft jene deportiert, die sie selbst verstümmelt hat. Das sind Wohnungen, in denen die Wanzen und Schaben nicht mit der geduldigsten Anstrengung im Zaum gehalten werden können, in denen es beim Kühlschrank nicht auf die Kühlung der Nahrungsmittel ankommt, sondern auf die Funktion des Tresors, den das Ungeziefer nicht knacken kann. Wenn ganze Familien, ohne das Geld für Erholung oder Fluchtversuche, in einem einzigen Zimmer wohnen müssen, werden die Kinder Zeugen unausbleiblicher Streitszenen, kommen müde und verstört in die Schulen, mit unvollständigen Hausaufgaben; ihre Leistungen müssen hinter den Anforderungen des Lehrplans zurückbleiben, sie verlassen die Schulen so früh als möglich, sie »fallen heraus« und beginnen in niederen Berufen zu arbeiten, die mit der technischen Entwicklung aussterben werden, und sind ausgebildet für die Armut. Wenn auf der Oberen Westseite zwei Drittel der Neger einzelne Männer sind, so weil eine vom Ernährer verlassene Familie damit den Anspruch auf Fürsorge-Unterstützung erwirkt; die Wissenschaft hat bereitwillig den »Faktor der Einraumbelegung« erfunden. Die Neger in den Slums fühlen sich vernachlässigt von der Polizei, ihre Straßen werden spärlicher patrouilliert, Einbrüche bei ihnen rufen eher Langeweile hervor, bei einer Schlägerei wird der Dunkelhäutige bevorzugender festgenommen als der Hellfarbige; dennoch wünschen die Neger schlicht mehr Polizei, zuverlässigeren Schutz (wo die Weißen sich leisten können, eine zivile Aufsichtsbehörde für die Ordnungskräfte zu fordern).
Johnson, Uwe: Jahrestage II, 845
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