29.03.2015

Abenteuer Autismus, Kulturen der Empathie

Derzeit lese ich mich in das Thema Autismus ein. Gerade im Moment ist die Diskussion um die sogenannten Autisten sehr spannend. Mein Weg dorthin war eher zufällig. Es ist nicht mein Fachgebiet, obwohl ich Sonderpädagoge bin.

Literatur: Autismus und Empathie

Georg Feuser: Mensch/Umwelt-Psychologie

Vor drei Jahren habe ich länger und intensiver eine Arbeit zum Thema Autismus betreut. Hier war eines der Bezugsbücher von Georg Feuser, Autistische Kinder und Jugendliche, ein Buch, das mir wenig gefallen hat. Es vertritt mir eine zu grobe Systemtheorie, die zu sehr von einer vulgärmarxistischen Mensch/Umwelt-Psychologie kommt (typisch dafür sind Bronfenbrenner und Kriz, beides Autoren, die voller metaphysischer Grundannahmen sind).
Aber ich mag nicht ungerecht sein: tatsächlich habe ich dieses Buch nicht vom Thema Autismus her aufgeschlüsselt, sondern nur die systemischen Aspekte besonders gründlich überdenken können.

André Zimpel: zu viel des Sozialen

André Zimpel hat ein interessantes Buch veröffentlicht, Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur, welches allerdings recht befremdlich geschrieben ist; so hatte ich Zimpel aber auch schon in den Seminaren erlebt: immer, wenn er versucht, verständlich zu schreiben, wird er unverständlich. So finden sich zahlreiche, wenig der Sache dienliche Sätze in diesem Buch. Man stolpert über sie und kann sie nicht einordnen.
Eine der Kernthesen dieses Werkes ist der Zusammenhang von sozialer Aufmerksamkeit und Reizüberflutung. Zimpel postuliert, dass zumindest bestimmte Formen des Autismus durch eine völlig überhöhte Form der sozialen Aufmerksamkeit zu Stande kommen, so dass das autistische Kind durch die Reizüberflutung dermaßen überfordert ist, dass es sich zurückzieht und gerade im sozialen Bereich lange Zeit besonders verlässliche Regeln braucht.

Giacomo Rizzolatti: Handeln als Interpretation

Fachlich gesehen ist es allerdings ein Buch, was ich durchaus für sehr bedenkenswert halte, und meine derzeitigen Bücherbestellungen betreffen einige der Werke, die Zimpel zitiert, so zum Beispiel das Buch von Giacomo Rizzolatti Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls. — Allerdings wollte ich dieses Buch schon lange einmal lesen, weil mich in den vergangenen Jahren die Diskussion um die Spiegelneurone und die Empathie, so wie sie in den Massenmedien und im Coaching-Bereich geführt wird, ziemlich genervt hat. Tatsächlich ist das Buch von Rizzolatti mit aller nötigen Vorsicht geschrieben, die immer dann greifen muss, wenn man neue Erkenntnisse aus der Neuropsychologie in die Praxis umsetzen möchte. Sofortige AHA-Effekte wird man in diesem Buch wohl eher nicht finden, es sei denn man konstruiert sie sich selbst hinein.
Eine wichtige Sache, die in der öffentlichen Diskussion überhaupt nicht auftaucht, ist der Zusammenhang zwischen Handlungsmustern und Interpretation. Es ist eigentlich nahe liegend, dass alle neuronalen Muster die Welt interpretieren und somit auch Handlungsmuster interpretierend sind. D.h. aber auch, dass sie nicht pragmatisch, sondern intellektuell gedacht werden müssen. Damit müssen Handlungen wiederum ganz anders gesehen werden, nämlich gerade nicht als eine strenge und enge Verbindung mit der Wirklichkeit. Und zum anderen kann man die strikte Trennung zwischen Handlungsmustern und Wahrnehmungsmustern nicht mehr aufrechterhalten. Die Übergänge zwischen ihnen sind mindestens fließend, wenn nicht sogar nicht existent.

Michael Tomasello: vormoralische Empathie

Ein anderes Buch, das Zimpel zitiert, und das ich für sehr wichtig erachte, stammt von Michael Tomasello Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Es ist nun keineswegs eine Neuheit, dass die Kultur sich in einer Art entwickelt, dass man evolutionäre Mechanismen am Wirken sieht. Bereits Karl Marx hat sich für die Forschungen Darwins interessiert und wollte ihn treffen, damals, als er in London lebte. Darwin hat ein solches Treffen jedoch abgelehnt, wohl mit der Begründung der politischen Gesinnung Marx'. Eine weitere Verbindung hat dies jedoch nicht verhindert. Im 20. Jahrhundert wurde die soziokulturelle Entwicklung auf unterschiedlichste Arten und Weisen erforscht.
Soweit ich das überblicken kann (aber ich habe tatsächlich das Buch bisher nur durchgeblättert), entsteht für Tomasello ein Gemeinschaftszusammenhang (sagen wir: ein Wir-Gefühl), bevor diese Gemeinschaft eine gemeinsame Moral entwickelt. Der Zusammenhang wird biologisch begründet, wenn auch auf der Basis der biologischen Evolution, die den Menschen zu einem notwendig sozialen Wesen macht. Dann aber kann die Gemeinschaft nicht als Leistung einer Moral gesehen werden, sondern die Moral als Ergebnis einer Gemeinschaft. Und in diesem Sinne hat Nietzsche recht, wenn er die Moral auf ihre Effekte der Eigennutzmaximierung hin untersucht; siehe Genealogie der Moral.

Foucault, Leroi-Gourhan, Lotman und Bachtin, Luhmann

Hier wäre zum Beispiel Michel Foucault zu nennen, der die Bedingungen von Denksystemen, also Arten und Weisen, wie zu bestimmten Zeiten das Wissen eingeteilt und für die Praxis nutzbar gemacht wurde, untersucht hat. André Leroi-Gourhan hat mit seinem Werk Hand und Wort ein vortreffliches Buch vorgelegt; mich hat es ziemlich beeinflusst. Ein anderes, für mich wichtiges Werk ist Lotmans Die Innenwelt der Außenwelt, und hier sowieso eine bestimmte postkantianische Schule der russischen Literaturwissenschaft (Michail Bachtin). Nicht zuletzt aber muss man hier Niklas Luhmann und sein Hauptwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft nennen. Obwohl ich Luhmann seit langer Zeit kaum noch lese, so dass man meinen könnte, die Systemtheorie spiele für mich keine Rolle mehr, gibt er für mich immer noch den Rahmen allen meines Denkens an. Und wie ich neuerdings festgestellt habe, fällt es mir leicht, mich mit einem Systemiker auf hohem Niveau zu unterhalten.

Ungelesen: Fritz Breithaupt Kulturen der Empathie

Weil es so schön und direkt daneben zu bestellen war, habe ich mir auch ein anderes Werk zugelegt, über das ich noch nichts zu sagen vermag. Es wurde von einem Fritz Breithaupt geschrieben und nennt sich Kulturen der Empathie. Gerade dieses Buch musste dann auch einen Teil des Titels meines Artikels liefern: weil es bereits vom Titel für meine derzeitigen Überlegungen eine Rolle zu spielen scheint und diesen selbst das Thema vorgibt.
Ich glaube, ich muss hier mal wieder bei meinem guten Emilio Outsourcing betreiben, der gerade meine letzte Verbindung zu einem tiefsinnig durchdachten Blick auf sonderpädagogische Phänomene darstellt. 

Das Schweigen der Inklusion

Welcher Herausforderung es ist, einen Klassenverband zu führen, in dem sich so vielfältige Begabungen mischen, fange ich wohl gerade erst an zu verstehen. Hier empfinde ich die Schule insgesamt (also nicht meine eigene Schule, sondern generell die Institution und Organisation) als fahrlässig gegenüber den Kindern.
Mehrfach zeigt Zimpel, dass Inklusion nicht nur ein hohes theoretisches Niveau erfordert, gerade weil solche Phänomene wie der Autismus in all seinen Ausprägungen verstanden werden muss wie ein kompliziertes Buch mit einer langen, verwickelten Geschichte; sondern der Zusammenhalt und die thematische Orientierung im Kollegenkreis muss weit über die Nettigkeiten hinausreichen und ein gemeinsames praktisches und intellektuelles Arbeiten zulassen.
Gerade dies aber ist aufgrund zahlreicher Arbeitsbelastungen, derzeit sitze ich an Formalien für die Klassenfahrt und bereite gleichzeitig den Antrag auf Anerkennung von LRS für die Eltern vor, kaum möglich. Es gibt Tage, an denen ich mit den beiden anderen Klassenlehrern, die Wand an Wand mit mir unterrichten, keine 10 Minuten reden kann. Es ist fast immer so, dass ich, wenn ich die Schule betrete, sofort mit den ersten Kindern Gespräche führen, und auch wenn dies meist nur Smalltalk ist, so sind diese Gespräche doch enorm wichtig. Und nach meinem Unterricht sind es häufig noch Eltern, die in meinem Klassenraum vorbeischauen und das eine oder andere zu klären haben. Gelegentlich sind es bis zu zehn „Elterngespräche“ (inoffizielle, nicht angemeldete), die ich an einem Nachmittag führe.
All dies sind wichtige Aspekte einer inklusiven Schule; und trotzdem sehe ich in den mir noch unbekannten Weltbildern und Sichtweisen der Kollegen ein Lernpotential, dass wir gerade auch in der praktischen Arbeit fehlt das für die Qualifizierung der Inklusion enorm wichtig wäre.
Welche Gratwanderungen und Zugeständnisse an Lücken in der Lernkultur Regelschulen mit über 30 Kindern pro Klasse machen müssen, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Vielleicht hat das unser Schulamt noch nicht so richtig begriffen, aber zwischen der Inklusion und einer Platzierung von sogenannten behinderten Kindern in normalen Schulklassen liegen Welten.
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