07.03.2015

Spontanität

Die Verpflichtung, seine Spontanität regulieren zu können, ist mit einer doppelten Schwierigkeit belastet.
Zum einen muss die Spontanität erkannt werden. Es muss also ein Wertesystem etabliert sein, dass zwischen Spontanität und Ritualisierung unterscheiden kann.
Zum anderen muss es Programme geben, die diese Spontanität aufgreifen, auch wenn sie nicht vorhergesehen und völlig fremdartig ist.

Dies schrieb ich vor einigen Monaten, ich glaube im Oktober.
Damals habe ich einige Abschnitte aus Stefan Riegers Die Individualität der Medien kommentiert. Die kommentierte Passage ist die gleiche, die ich neulich unter dem Titel Selbstregulation schon einmal, wenn auch mit einer anderen Einbindung bedacht habe.

Man muss die Tragweite des oben geäußerten Gedanken verstehen. Spontanität wird vielleicht spontan erzeugt, aber nicht notwendigerweise als solche wahrgenommen. Man kann auch Rituale spontan wiederholen. Oder eine Spontanität so verstehen, dass sie in der Wahrnehmung keine Spontanität mehr ist. 
Wie dem auch sei: "hinter" der Spontanität oder quer zum Handeln liegt ein Interpretationsraster, das überhaupt erst das Sprechen von Spontanität in konkreten Kontexten möglich macht.
Damit ist aber zum Beispiel die Spontanität der Vernunft, wie Kant sie behauptet hat, fragwürdig geworden; ebenso sind die spontanen Ausdrücke von Kreativität nicht mehr naiv hinnehmbar. 

Will man die Unterscheidung Spontanität und Ritualisierung noch anders fassen, zum Beispiel in den Begriffen der Systemtheorie, dann kann man hier die grundlegende Unterscheidung stabil/instabil annehmen, die im Systemgedächtnis als Vergangenheit und Zukunft konstruiert wird. Was vergangen ist, ist stabil; was zukünftig ist, ist instabil. Damit kann die Spontanität zu den zukünftigen, also den instabilen Ereignissen gerechnet werden, während die Ritualisierung zu den vergangenen, also stabilen Ereignissen gehört.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Man kann mit der Spontanität von Menschen rechnen. Ihre Spontanität ist ritualisiert. Es gibt ritualisierte Spontanitätshemmer und ebenso gibt es ritualisierte Zeiten der Spontanität (Six thinking hats von Edward deBono, Morgenseiten von Julia Cameron). Wie vieles, so entpuppt sich auch hier die Zeitlichkeit eines ideellen Begriffs als komplex und heterogen.

Was mich allerdings am meisten daran interessiert, ist, wie solche Zeitlichkeiten über Normen und Werte reguliert werden.
Judith Butler hat angenommen, dass sich Subjektivationen durch wiederholte Anrufungen ereignen. Allerdings sehe ich hier das Problem, dass diese Ereignisse, diese Sprechakte, diese Performanzen keinen Halt finden, wenn sie sich nicht zugleich ein Gegengewicht erzeugen. Dieses Gegengewicht wird, wie Jürgen Markowitz das so schön ausgedrückt hat, in die Abwesenheit deponiert. In dieser Abwesenheit wird von dem Gegengewicht erwartet, dass es gleich bleibt.
Nicht bei Butler, aber bei der Deutschen feministischen Diskussion ist mir dies aufgefallen: es gibt zwei Arten, Identitäten zu bilden. Und man könnte diese beiden Arten durch ihren Bezug zur Macht unterscheiden: bei der einen Identität wird das Subjekt durch beständige Machtmechanismen erzeugt, bei der anderen wird die Identität durch eine Wegnahme von Machtverhältnissen geschaffen. Das Befremdliche an der feministischen Diskussion ist zum Beispiel, dass den Kindern keinerlei Macht zugesprochen wird und dass sie nur über die Mutter vermittelt als Subjekte auftauchen. Versucht man diese dann allerdings als politische Akteure ins Spiel zurückzuholen, gilt man häufig als „Erpresser“ oder etwas ähnliches.
Natürlich gilt das nicht für jede Diskussion. Natürlich gibt es auch ganz andere Ansichten vom Kind. Trotzdem wirkt das Kind häufig wie eine Legitimation und als nichts anderes. Dass dies die „feministische“ Seite ist, die man durchaus anprangern kann, bedeutet allerdings nicht, dass die Gegenseite, zum Beispiel die der „missachteten Väter“ richtig ist. Komplexe Systeme funktionieren nicht nach einem solchen einfachen Entweder-Oder.
In einer solch komplexen Situation könnte es hilfreich sein, sich auf die Rhythmen der Aktualisierung zu stützen und auf den Begriff des Zeichengefüges, so wie E. ihn für den Bereich der Jugendkriminalität versuchsweise fruchtbar gemacht hat (versuchsweise, weil die Literatur für einen solchen theoretischen Vorstoß nicht vorbereitet war und deshalb die Arbeit ein ganzes Stück weit spekulativ bleiben musste).
Wir hätten dann eine wesentlich schwierigere Situation zu beachten, als Judith Butler sie schildert. Es gäbe dann keine Effekte der Subjektivation ohne Effekte der Entsubjektivierung, keine Anrufung ohne eine Abberufung. Butler hat dies auch mehrfach angedeutet, etwa, wenn sie die Resignifikation als eine zentrale Strategie vorstellt  (die Resignifikation wird, soweit ich das sehe, bei Butler nie genau definiert: sie bildet eine Lesart, die der dominierenden Lesart insofern widerständig ist, als sie die Quelle und deren Kommentar, also die Signifikation, in die Situation einer noch genaueren, erweiterten Lesart bringt; ebenso ist die Entnaturalisierung des biologischen Geschlechts bei Butler keineswegs anti-patriarchal oder subversiv, siehe Körper von Gewicht, S. 177 ff., insbesondere aber S. 183).
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