08.03.2015

Gerettet alle. Nur Einer fehlt!

Wenn man von der Resignifikation spricht, ist es nicht schwer, zum Bild der Argonauten zu kommen, die, verflucht, auf ewig auf dem Meer aushalten müssen und kein Ufer gewinnen können. Dies, so Roland Barthes, sei ein passendes Bild für die Theorie; denn wie die Argonauten müsse der Theoretiker auf das rettende Ufer verzichten. Er sei stattdessen gezwungen, sein Schiff aus dem Treibgut, das ihm das Spiel der Wellen zukommen lässt, immer wieder neu zu konstruieren und umzubauen (vgl. dazu Ette, Ottmar: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, S. 214 f.). 

Das Schauspiel der Kultur

Womit wir bei Hans Blumenberg wären, dem Schiffbruch mit Zuschauer. Dieser zitiert Jakob Burkhardt:
Könnten wir völlig auf unsere Individualität verzichten und die Geschichte der kommenden Zeit etwa mit ebenso viel Ruhe und Unruhe betrachten, die wir das Schauspiel der Natur, zum Beispiel eines Seesturms vom festen Lande aus mit ansehen, so würden wir vielleicht eins der größten Kapitel aus der Geschichte des Geistes bewusst miterleben.

Konkretes und abstraktes Leben

Diese Spaltung ist bekannt. Es ist die des Menschen, der sein Leben in concreto und in abstracto lebt, wie es Schopenhauer am Ende seines ersten Buches von Die Welt als Wille und Vorstellung und im Übergang zu dem zweiten Buch schildert. Nicht ohne Ironie ist genau diese Stelle der Abschluss von jenem ersten Buch, welches mit Der Welt als Vorstellung erste Betrachtung: Die Vorstellung, unterworfen dem Satze vom Grunde: Das Objekt der Erfahrung und der Wissenschaft betitelt ist, während das zweite Buch Der Welt als Wille erste Betrachtung: Die Objektivation des Willens benannt wurde.
Schopenhauer schreibt dort:
Die allseitige Übersicht des Lebens im Ganzen, welche der Mensch durch die Vernunft vor dem Tiere voraus hat, ist auch zu vergleichen mit einem geometrischen, farblosen, abstrakten, verkleinerten Grundriss seines Lebensweges. Er verhält sich damit zum Tiere wie der Schiffer, welcher mittelst Seekarte, Kompass und Quadrant seine Fahrt und jedesmalige Stelle auf dem Meer genau weiß, zum unkundigen Schiffsvolk, das nur die Wellen und den Himmel sieht. Daher ist es betrachtungswert, ja wunderbar, wie der Mensch neben seinem Leben in concreto immer noch ein zweites in abstracto führt. Im ersten ist er allen Stürmen der Wirklichkeit und dem Einfluss der Gegenwart preisgegeben, muss streben, leiden, sterben wie das Tier. Sein Leben in abstracto aber, wie es vor seinem vernünftigen Besinnen steht, ist die stille Abspiegelung der ersten und der Welt, worin er lebt, ist jener eben erwähnte verkleinerte Grundriss. Hier im Gebiet der ruhigen Überlegung erscheint ihm kalt, farblos und für den Augenblick fremd, was ihn dort ganz besitzt und heftig bewegt: Hier ist er bloßer Zuschauer und Beobachter.
Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung I, 138 f.

Entnaturalisierte Schifffahrt

Doch diese Spaltung in Naturmensch und Kulturmensch ist bereits zur Zeit Schopenhauers auf dem absteigenden Ast. Als Kulturmenschen haben wir das Land längst verlassen. Burckhardt schreibt:
Wir möchten gerne die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind diese Welle selbst.
Dementsprechend spricht Blumenberg von einer völligen Entnaturalisierung in der Beseitigung des Dualismus von Mensch und Realität. Wir Menschen haben uns die Natur als eine symbolische geschaffen, von Anfang an, noch als wir ganz den naturhaften Gewalten ausgesetzt waren und sie als Götter und Dämonen beschrieben haben.

Vom Tod des bürgerlichen Helden

Schließlich aber wird die Ballade John Maynard dem sonst so ironischen und jeder Idolisierung fremden Theodor Fontane eine Aussage über jenes Heldentum entlocken, mit dem die bürgerliche Zeit von jeher ihren Opfern gegenübergestanden hat. Man selbst ist den Wellen entkommen und steht jetzt, mit dem unverstandenen Verlust, an der Küste. Man feiert und betrauert den Toten. Man bringt ihm einen Marmorstein an.
Doch die ganze Ironie an der Geschichte ist, dass es jenen John Maynard nie gegeben hat. Aus einer Zeitungsnotiz entstanden, gab es frühzeitig ein Gedicht, das diesen Vorfall zu vereindeutigen und zu heroisieren wusste. Darüber ist es zu Fontane kommen, der daraus seine Ballade schuf. Und wenn heute in Buffalo tatsächlich eine solche Plakette in der Hafenmauer existiert, dann nur deshalb, weil so viele Deutsche nach diesem Marmorstein gesucht haben. Die Stadt Buffalo sah sich gedrängt, für ihre deutschen Touristen eine solche anzubringen. 

Schaulaufen

Fontane würde vielleicht, wenn er heute noch einmal die Möglichkeit hätte, auf seine Ballade zurückzuschauen, nicht nur eine Ironie in der ganzen Geschichte finden. Wir beobachten heute in zahlreichen Fernsehsendungen das Scheitern des bricoleurs, jenes Bastlers, der mit dem zu arbeiten hat, was er naturhaft vorfindet; nur ist das Naturhafte heute längst durch gewitzte Fernsehmacher manipuliert. Sowohl das Dschungelcamp als auch DSDS inszenieren die Schifffahrt wie das Scheitern. Die Wellen machen sie selbst, im Studio.
Und so werden wir die Geister, die wir einst, vor tausenden von Jahren, aus Unverstand gerufen haben, mit aller Vernunft nicht wieder los. Es sind eben all jene Geister, die wir durch den Rahmen des Theaters erzeugen, dadurch, dass wir Zuschauer bleiben wollen, aber doch selbst auf dem Schiffe stehen, das wohin auch immer weitersegelt.
Kommentar veröffentlichen