29.07.2013

Puppen verwursten — und ein entzückender Chiasmus

Sprache ist etwas feines. Man könnte sie sogar polymorph pervers nennen. Welch hübsche Glossen man mit ihr schreiben kann, zeigt der Artikel Voten für die Wurstpartei vom österreichischen Schriftsteller Franzobel.
Besonders begeistert hat mich ein Chiasmus, zu deutsch auch Kreuzstellung. Dabei werden eigentlich nur zwei Wörter in ihrer Position im Satz ausgetauscht, zum Beispiel folgendermaßen: "Des Mannes Gesinnung schien rot. Rot glänzte auch der Porsche des Mannes."
Franzobel nun schreibt folgendes:
Dabei ist der gelernte Schaufensterdekorateur Tom Neuwirth, der sich selbst in eine Puppe verwurstet (oder in eine Wurst verpuppt? ) und im Fernsehen Celine-Dion-Lieder singt, …
Nun, das ist doch ausgesprochen hübsch und ein interessanter Gebrauch des Chiasmus, wenn auch nicht gerade der tollste Witz.

24.07.2013

seiner eigenen Seele gegenübersitzen

Es fehlt uns die Hellsicht. Zur Not, oder eher zum Spaß, finden wir sie noch im Kabarett, wo sie allabendlich die Menschen erregt, obschon keiner daran glauben will, keine Packerin, kein Rechtsanwalt; sie sitzen ihrer eigenen Seele wie einem Hokuspokus gegenüber, und wenn sie hinauskommen, kaufen sie sich das Morgenblatt, lesen das Ergebnis und wundern sich, woher es kommt —.
Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. in ders.: Romane, Erzählungen, Tagebücher, Frankfurt am Main 2008, S. 7-358, hier: S. 22.
Frisch hat ein recht ungewöhnliches Tagebuch geführt. Ich frage mich, ob es echt ist. Jedenfalls schließt es für mich hervorragend die Lücke, zur Zeit, denn Lücken sind ja flüchtig, zwischen dem Homo Faber und der Kassandra.
Diese beiden Romane haben ein sehr ähnliches Thema. Was beim Homo Faber die Technik ist, ist in Kassandra die Waffe. Ebenso spielt das "Unverständnis", die verschiedenen Geschwindigkeiten der Affekte bei Mann und Frau, eine wichtige Rolle. Bei beiden Romanen kann man auch eine gewisse Todesverfallenheit der Protagonisten feststellen. Bei beiden steht auf der letzten Seite der Satz "Sie kommen.".
In den Tagebüchern von Frisch wird der Autor wesentlich deutlicher, was das erzählte Bild betrifft. Bilder, so scheint der Autor zu suggerieren, haben ihre "Zeitlichkeit", sprich: die Sichtweise auf sie verändert sich im Laufe der Geschichte und die Geschichte wird durch Veränderungen von Sichtweisen gekennzeichnet, die individuelle genauso wie die historische.
Wesentlich spannender allerdings finde ich die Vielfalt an Texten, an denen sich Frisch ausprobiert. Der Leser findet hier Aphorismen, Anekdoten, Erzählungen, Ergänzungen zu Erzählungen, philosophische Fragmente, Berichte, usw. Für Menschen, die gerne Kurzprosa schreiben, ist es eine Fundgrube an Vorbildern. Abgesehen davon ist der gesamte Text liebevoll lakonisch geschrieben. Wie man es eben von diesem Autor gewohnt ist.

Habe einen neuen Tag (also eigentlich: Englisch für Stichwort) eingeführt: Max Frisch.

22.07.2013

Liebe Sina, Agnes von Peter Stamm als …

"die allerschlechteste Geschichte einer trostlosen Liebesbeziehung, die es überhaupt gibt" zu bezeichnen, hat mich schon ein wenig schockiert. Meiner Ansicht nach ist das Buch deshalb so schwierig, weil es so einfach erzählt ist. Im Gegensatz zum Homo Faber kommt dieses Buch ohne große Symbolisierung aus. Da kann der Homo Faber nämlich ganz schön nerven. Es riecht einfach nach Bildungsbürgertum. Vor allem riecht es nach dem Bildungsbürgertum eines Nachkriegsbürgers. Agnes dagegen ist einfach eine Geschichte. Eine raffinierte Geschichte, aber eine, die sich schlecht zum Interpretieren eignet.
Natürlich hast du in gewisser Weise recht, dass dieses Buch auch schildert, wie hoffnungslos Kommunikation sein kann, wie vergeblich auch der Wille, eine Beziehung tolerant zu gestalten, weil Toleranz eben allzu gerne in Desinteresse umkippen kann. Du hast also recht und wie immer, wenn es um Interpretationen geht, horizonthaft recht.
Doch das dem Buch anzulasten, finde ich schnöde. Genauso, wie früher die Menschen unter den sozialen Zwängen gelitten haben, auch unter der Ehe als Zwangsgemeinschaft, so leiden heute viele Menschen unter der postmodernen Beliebigkeit. Genauso, wie die Toleranz sehr rasch ins Desinteresse kippt, so kann die Toleranz auch etwas sehr bequemes sein und etwas sehr zwiespältiges: der Icherzähler hat einfach keine Idee davon, was er mit seinem Leben anfangen soll (und er muss auch keine Idee davon haben). Er weiß weder eine Gründungsgeschichte zu berichten, noch hofft er auf irgendeine Art von Erlösung. Selbst der Tod und die Riten um den Tod sind nur ein mäßig interessantes Artefakt, auf das man zufälligerweise stößt. Agnes erzählt deshalb auch die Geschichte von zwei Menschen, die ein Leben ohne die Idee des Todes führen. Damit widerspricht der Roman all jenen "bildungsbürgerlichen" Romanen, in denen der Held im Augenblick seines Todes sein größtes Kunstwerk schafft (Tod in Venedig, Narziss und Goldmund). Wer keine Idee vom Tod hat, wer kein Leben lebt, dessen Verlust beklagenswert ist, der hat auch wenig oder gar nichts zu sagen. Der Icherzähler sammelt leidenschaftslos die Fakten für sein nächstes Sachbuch; Agnes spielt Cello, aber sie scheint es nicht zu lieben und ebenso spielt ihre Arbeit in einem physikalischen Institut keine Rolle. Agnes wird schwanger. Doch der Verlust des Kindes bedeutet wenig oder gar nichts. The time, aber auch die Vernetzung von verschiedenen Lebensbereichen, is out of bounds. Beide führen also ein Leben ohne Tod.
Und irgendwann könnte man dieser ganzen Geschichte ein verräterisches usw. anfügen. Dieses usw. wäre dann das Gegenteil einer sozialen Utopie.
Ja, irgendwie ist dieses Buch tatsächlich trostlos. Zumindest erzählt es das Leben zweier recht trostloser Menschen. Es kritisiert auf eine sehr indirekte Art und Weise; einen echten Gegenentwurf allerdings bietet es nicht. Insofern überträgt sich eine gewisse trostlose Stimmung aus der Geschichte auf den Leser. Das allerdings fasziniert mich eher. Und insofern lasse ich den Schock über dein Urteil, diese allerschlechteste Geschichte, die es gibt, ein wenig nachhallen.

Natalie Schauer: Der Prediger

Nach wie vor bin ich unentschlossen, was ich im allgemeinen von den Kindle-Autoren halten soll. In den Gruppen wird mir zu viel für sich selbst geworben. Und die Blogs sind entweder ebenfalls nur Werbung oder (mir) zu wenig argumentativ. Das hat mich wohl auch lange davon abgehalten, Bücher solcher Autoren zu rezensieren, auch wenn ich zwischendrin mal auf das eine oder andere hingewiesen habe. 

Neulich bin ich aus zwei Gründen über das Buch Der Prediger von Natalie Schauer gestoßen. Zunächst über Tom Jay, der das Cover entworfen hat. Und dann brauchte ich mal wirklich "irgendetwas" zum Lesen. Mir war nämlich meine Kniescheibe herausgesprungen. Mein Arzt hat sie wieder eingerenkt, wobei ich die halbe Praxis zusammengeschrien habe. Und abends tat sie mir eben noch immer hundsmäßig weh. 

Kniescheiben sind natürlich eine tolle Einleitung für ein Buch, das man durchaus weiterempfehlen kann. Die Leser mögen mir verzeihen, dass mich Thriller nicht mehr sonderlich interessieren. Früher habe ich sie viel gelesen. Aber nachdem ich angefangen habe, sie zu analysieren, wurden mir rasch die zentralen Elemente und auch die möglichen Wendungen der Geschichte klar. Und irgendwann verlor sich einfach der Überraschungseffekt. 

Der Prediger ist der zweite Teil aus einer Serie von ich weiß nicht wie vielen Bänden. Protagonist der Bände ist Angel Adams. Angel wird nach Carson City gerufen, weil ein gewisser Elias Roberts behauptet, er habe drei Frauen umgebracht und zwei weitere in seiner Gewalt. Elias war ein Opfer des Serienkillers Big Daddy (erster Teil), das überlebt hatte und dann spurlos verschwand. Da er nur mit Adams verhandeln will und diese emotional immer noch mit den vergangenen Geschehnissen (aus Big Daddy) verflochten ist, sagt sie zu.
Damit ist der Rahmen der Geschichte gesteckt. Was weiter passiert, möchte ich allerdings nicht verraten; es wäre den Lesern gegenüber unfair. Nur soviel: die Autorin hat sich eine etwas trickreiche Wendung ausgedacht, die zwar psychologisch nicht zu halten ist, aber in der Geschichte selbst gut funktioniert. 

Ich beginne immer mit den Formalitäten. Rechtschreibung und Grammatik sind fehlerfrei. Der Satzbau ist einfach. Das wird nicht jedem Leser gut gefallen; andere dagegen werden genau dies zu schätzen wissen. Mich selbst hat das beim zweiten Lesen nicht so sehr angesprochen. Allerdings ist es auch keine Geschichte, die man zweimal liest. Zumindest nicht zeitlich dicht hintereinander. 
Der einfache Satzbau hat immer einen Folgefehler, der mal stärker, mal schwächer ausfällt: die monotone Sprache. Die Autorin schafft es allerdings, dieses Problem weitmöglichst zu umgehen. Insofern kann man hier auch keine Kritik üben. Nur einmal bin ich über eine Wortwiederholung gestolpert, die ich unangenehm fand. Sie befindet sich an Position 83. Hier wird dreimal das Wort Charly dicht hintereinander verwendet. Eine Abwechslung hätte sich leicht finden lassen.
Ansonsten ist auch der Wortschatz schlicht gehalten. Für die literarische Qualität mag das schlecht sein, für das Lesevergnügen nicht. Autoren wie Christa Wolf bieten eben ein anderes Lesevergnügen an, als Autoren wie Natalie Schauer. Meiner Ansicht nach lässt sich das eine mit dem anderen nicht vergleichen und muss deshalb auch unterschiedlich behandelt werden. 

Es gibt einen anderen, ebenfalls nur mäßigen Kritikpunkt. Manches in der Erzählung wird zu kurz, mit zu wenig Lust am konkret-sinnlichen Fabulieren gefasst. Es sind nur einzelne Sätze, die mir hier fehlen, manchmal auch nur das eine oder andere Satzglied, das man gut hätte hinzufügen können und das die Erzählung insgesamt sinnlicher gemacht hätte. Nichts Schwerwiegendes also, aber doch spürbar. 
Das übrigens ist ein Fehler, den viele Kindle-Autoren machen: Sie wollen möglichst rasch ihre Geschichte erzählen, vergessen aber, dass dies in einer sehbaren, hörbaren und fühlbaren Welt geschieht. Die Handlungen der Menschen im Roman müssen aber genau in dieser Welt verankert werden. Dieses Band hat die Autorin fest genug verknüpft, dass es nicht reißt. Anderen Autoren dagegen gelingt das nicht: der Plot und das Setting wirken wie eine schlecht zusammengesetzte Harmonie, wie ein Missklang. 

Die Charakterdarstellung ist entsprechend einer Erzählung (diesmal als Kurzform des Romans verwendet) nicht vollständig und umständlich, sondern nur durch wichtige Charaktereigenschaften dargestellt. Auch das mag der eine oder andere Leser kritisieren. Es ist allerdings, seit solche Kurzformen des Romans populär wurden (hier wird immer Edgar Allan Poe genannt), üblich, die Figuren nicht mehr komplett zu schildern. In den berühmten Short Storys, zum Beispiel von Hemingway oder von Borchert, ist dies sogar ein prägendes Merkmal. Ich schildere also diesen Aspekt nur deshalb, um darauf hinzuweisen, dass der Vorwurf »blasse Charaktere« kein besonders intelligenter Vorwurf ist. 

Für wen ist also dieser Roman gedacht? 
Ich gestehe: für mich nur selten, vielleicht drei- oder viermal im Jahr. Ich erwähnte ja bereits oben mein allgemeines Problem mit Thrillern. 
Für eine entspannte Strandlektüre oder einen regnerischen Herbsttag allerdings kann man dieses Buch empfehlen. Notorische Thriller-Leser kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten; wer es einfach nur deshalb liest, weil er sich gerne unterhalten lässt, findet eine der besseren Kindle-Autoren, zumindest, was den Bereich der puren Unterhaltung betrifft. Selbstverständlich ist dieses Buch dann auch deshalb kein Buch für Leser, die ausschließlich gesellschaftskritische oder (durch ihren Inhalt) lehrreiche Bücher suchen. Ebenso fehlt eine sprachphilosophische Unterfütterung; das wäre bei einem Thriller allerdings auch unangebracht. 

Und die Bewertung? 
Nein. Diese Geschichte hat mich nicht vom Hocker gerissen. Sie ist recht ordentlich erzählt, nachvollziehbar und auch spannend. Die Autorin hat ihren Plot also gut umgesetzt. 
Dass mich diese Art der Literatur nicht mehr reizt, dafür kann die Autorin nichts. Da sie aber ihr Handwerk beherrscht, gebe ich dem ganzen (ich verwende hier Schulnoten) eine 2. Die formellen Sachen (Rechtschreibung, Grammatik) verdienen auf jeden Fall eine 1. Da mir die Geschichte und die Art und Weise des Erzählens wichtiger ist, beides aber nicht überragend ist (sondern "nur" sehr ordentlich), und ich darauf eine 2 bis 2- vergebe, bleibt es eben über den Daumen gepeilt dabei.

21.07.2013

Glück des Alkohols, oder: Was ihr verpasst, wenn ihr zu spät aufsteht!

Es hat ja durchaus seine Vorteile, wenn man früh aufsteht. So durfte ich ungefähr gegen 4:30 Uhr erleben, welche Gesangskünste es in Berlin gibt. Wenn ihr das nachmittags erleben wollt, hier ein kleiner Tipp: tretet eurer Katze kräftig auf den Schwanz und nehmt das auf. Das Ganze kreuzt ihr dann am Mischpult mit Walgesang. Es dürfte der Realität recht nahe kommen.
Etwas weniger musikalisch ging es eben (um 7:50 Uhr) auf dem Balkon gegenüber zu. Offensichtlich hatten die beiden Herren die ganze Nacht lang gezecht. Eben durfte ich dem Experiment beiwohnen, wie man dann zu den Sätzen "Der Himmel ist blau. Die Sonne scheint." eine Melodie zu finden versucht und — daran scheitert.

17.07.2013

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Übrigens geht es mir nicht so gut und dann eben doch wieder. Mir geht es nicht so gut, weil ich wenig geschlafen habe. Doch geschlafen habe ich deshalb wenig, weil ich gestern Leibhaftig von Christa Wolf begonnen habe durchzukommentieren. Und das hat mich um meinen Schlaf gebracht. Nebenbei (und dazu gleich mehr): ein wundervolles Buch. Mich hat also das Literatur-Fieber gepackt, ein Zustand, den ich sehr genieße. Für frische Bekannte übrigens ein nicht leicht zu ertragender Zustand, da ich ständig neue Ideen produziere, ständig irgendetwas auf irgendwelche Zettel aus meiner Tasche kritzele, und eigentlich gar nicht erklären kann, warum mir gerade gewisse Bilder, Begriffe oder Zitate einfallen. Aber sie sind da. Und dann wehre ich mich nicht.

Gerade komme ich von der Bibliothek. Ich habe Bücher weggebracht, die ich vorletzte Woche gebraucht habe. Das war zu einer Arbeit über die Legasthenie; ich lese doch sehr gerne, wenn es denn überhaupt geht, etwas Fachliteratur parallel. Viele gute Bücher dazu besitze ich noch aus meinem Studium und die neueren Werke haben mir kaum geholfen.

Auf dem Rückweg war ich in meiner Buchhandlung. Eigentlich wollte ich mir nur die Tagebücher von Max Frisch holen, dann habe ich jedoch den dicken Sammelband mit sämtlichen Romanen, Tagebücher und Erzählungen gekauft. Der ist insgesamt billiger, als wenn ich mir noch die fehlende Werke in Einzelausgaben zugelegt hätte.
Hintergrund ist, dass sowohl Kassandra als auch Leibhaftig enge Bezüge zu dem Homo Faber herstellen. Zumindest bei Kassandra zitiert das Ende das Ende bei Max Frisch. Dazu aber später mehr.

Mühsam: die alte Version von meinem Spracherkennungsprogramm. Sehr langsam, zum Glück aber gut trainiert. Viele Wörter, die ungewöhnlich sind, erkennt es sofort. So weit bin ich mit meiner neuen Version noch nicht. Nicht, nachdem es mir einmal so abgestürzt ist, dass meine Sprachdatei nicht mehr gelesen werden konnte. Danach hatte ich eine ganze Zeit lang keine Lust, von vorne anzufangen und dann bin ich ja auch relativ rasch krank geworden.
Leibhaftig, die Erzählung von Wolf, hat mich auch deshalb so berührt, weil die Ich-Erzählerin in einer ähnlichen Lage ist, wie ich es war. Sie hat mir ein ganzes Stück weit die Worte und Bilder gegeben, die ich bis heute nicht selbst gefunden habe.

15.07.2013

Ein kaputter Computer

Seit Freitag hat der Motor meines Lüfters eine Unwucht. Zumindest eine hörbare. Nach etwa 10 Minuten stellt er sich aus, wahrscheinlich, weil er überhitzt ist, und den gesamten Computer gleich mit.
Das Ganze verlief allerdings sehr undramatisch. Ich hatte noch einen älteren Computer, den ich zwar das ganze Wochenende über von Datenmüll reinigen musste, der aber noch tadellos läuft. So konnte ich am Freitag noch eine termingebundene Arbeit fertig stellen. Und habe prompt sogar noch ein dickes Lob dafür bekommen: dass ich das Thema kritisch und verständlich und vor allem sehr lesbar aufgearbeitet hätte.
Heute habe ich mich dann um einen neuen Lüfter gekümmert. Wenn alles klappt, kann ich den nachher einkaufen. Ich wollte sowieso mal einen größeren Lüfter ausprobieren, weil ich gerade im Sommer letzten Jahres ebenfalls Probleme mit der Überhitzung hatte. Und es gibt von der gleichen Firma sowohl meinen Lüfter, als auch den besseren. Einzige Frage ist nur noch, wie ich den montiert bekomme. Aber es sieht so aus, als müsste ich den alten einfach aus seiner Aufhängung herausnehmen und den neuen einsetzen.

Mein alter Computer ist allerdings unglaublich langsam. Ich habe noch das Dragon NaturallySpeaking 9.0 aufgespielt gehabt. Das ist doch schon ganz gut, obwohl ich mit der Version 12.5 wesentlich zufriedener bin.

Kleiner Schock am Morgen: heute Morgen hat mein alter Computer ebenfalls angefangen zu brummen. Eine Reinigung des Gebläses mit einem weichen Pinsel hat das Problem allerdings sofort gelöst. Auf den Flügeln saß einfach zu viel Staub.

13.07.2013

Rachsucht der Talentlosen

Erst später habe ich gelernt, mich zu fürchten vor der Rachsucht der Talentlosen - und dann gründlich.
Wolf, Christa: Leibhaftig, Frankfurt am Main 2009, S. 47

12.07.2013

Passende Adjektive

Gerade finde ich folgenden Buchtitel:
Ich hoffe natürlich, dass der Essay nicht historisch ist, sondern ein historisches Thema behandelt. 
Zweiter Kritikpunkt: erst im Untertitel erfährt man, dass es sich um eine Darstellung der antiken Prinzipienlehre handelt. Das aber hätte in diesem Fall in den Titel gehört, denn die antike Philosophie ist "ein weites Feld".
Dritter Kritikpunkt: das Preis-Leistungsverhältnis. Fünf Seiten für sechs Euro? Würde ich mit solchen Sachen Geld verdienen, wäre ich längst superreich. Zudem handelt es sich nur um eine Darstellung, also etwas, was man in eigenen Worten aus umfassenderen Werken darstellen kann, ohne die Primärliteratur gelesen haben zu müssen.

Der Preis stilistischer Scheußlichkeit; Alltagslogik

Neulich wurde mir ein Satz zugetragen, der stilistisch scheußlich und dazu auch noch unlogisch ist:
In einem so [systemisch, FW] gestalteten Therapieprozess wird häufig deutlich, dass die LRS als ein kontextbezogener Lösungsversuch gedeutet werden kann, der allerdings oft einen hohen Preis entwickelt.
Schweizer/von Schlippe: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II, Göttingen 2007, Seite 264.
Solange kontextbezogene Lösungsversuche nur einen hohen Preis entwickeln, ist noch alles in Ordnung. Das Problem ist, dass man diesen Preis irgendwann zahlen muss. Hier hatten die beiden Autoren, samt sämtlicher Lektoren, wohl einen kleinen Ausfall.

Dieser seltsame Satz zeigt übrigens, wie eng die Wort- und Satzbedeutung mit der Alltagslogik zusammenhängt. Weil ich mich intensiver mit der LRS auseinandergesetzt habe, besaß ich das entsprechende Buch. Und zumindest erinnere ich mich daran, dass ich mir gerade zu diesem Kapitel über die LRS irgendwo Notizen gemacht habe. Ob mir der Satz aufgefallen ist, weiß ich nicht mehr.
Die Alltagslogik, so definiere ich das, betrifft nicht den Umgang mit wahren/falschen Sätzen, sondern vor allem mit Raum und Zeit und den Ereignissen. Als ein Beispiel: "Es regnete. Zum Glück hatte ich meinen Schirm dabei." Der logische Zusammenhang wird nicht durch formale Operatoren gebildet, sondern durch Wortfelder und tägliche Praxis. Regnen und Schirm gehören nicht nur zu einem gleichen Wortfeld, sondern wir kennen auch den Nutzen eines Schirms bei Regen. In der Satzbedeutung findet man diese Logik dann nicht als vollständige Argumentation. Es wird einfach vorausgesetzt, dass der Leser oder Zuhörer weiß, was gemeint ist.
Wir kennen die Bearbeitung von Wortfeldern aus der Grundschule: die Feuerwehr, die Küche, die Wetterstation. In komplexen oder sehr handlungsnahen Wissenschaften finden wir ebenfalls viele Wortfelder: das Ökosystem Trockenwiese (Bodenbeschaffenheit, meteorologische Bedingungen, Artendiversität), die Spiegelreflexkamera (Bestandteile, Funktionsweise, sinnvoller Einsatz), die Grippe (Wechselwirkung mit dem Körper, medikamentöse Behandlung).

11.07.2013

Lernen Sie heute, wie Sie ein erfolgreicher Autor werden!

So wurde es mir heute zugetwittert. So großkotzig, und, wenn man das so sagen darf, so verlogen. Zunächst einmal darf man jedem Schriftsteller die Hoffnung auf raschen Erfolg nehmen: der Markt hat eine Eigendynamik, die nicht allzusehr von den Fähigkeiten eines Autors abhängen. Wenn es so etwas wie eine Definition des guten Schreibens gäbe, könnte man trotzdem sagen, dass es sich nicht über Nacht lernen lässt, vor allem nicht heute. Natürlich gibt es diese Naturtalente. Die setzen sich hin und schreiben einfach tolle Texte. Aber die sind äußerst selten. Und ich glaube auch niemandem, der mir sagt, er sei ein Naturtalent. Ansonsten ist das Schreiben Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Es kann sehr vergnügliche Arbeit sein. Jeder kann es lernen! Nur lernen muss man es.

Ich hatte vor ungefähr einem Jahr von einer Frau geschrieben, die mich angerufen hatte, mir dann ein Stück Manuskript zugeschickt hatte, bei dem ich beim ersten Anblick fast umgefallen bin. Es sah so aus, als hätte sie eine schwere Dyslexie (Legasthenie). Und tatsächlich hat sie mir gestanden, dass sie eine solche oder ähnliche Diagnose damals gestellt bekommen hat. Da ich mit solchen Fehlern sehr gut umgehen kann, habe ich dann die Geschichte gelesen, nämlich ihre eigene. Und auch wenn die Rechtschreibung katastrophal war: erzählen konnte (und kann) diese Frau. Da wir zwischenzeitlich einen recht regelmäßigen E-Mail-Kontakt haben, kann ich heute behaupten, dass sie wahrscheinlich keine Legasthenie hat, sondern einfach nur in einer äußerst feindlichen Umwelt gelebt hat, von Kindheit an.

Warum erzähle ich das? Auf irgendeine Weise hat diese Frau es geschafft, eine große Kompetenz beim (schriftlichen) Erzählen zu entwickeln oder zu behalten. Mittlerweile hat sie sich in der Rechtschreibung und Zeichensetzung auch ganz hervorragend gebessert. Sie hat sich 60 Jahre lang mit falschen Regeln im Kopf aufgehalten und niemand hat sich die Mühe gemacht, ihr die richtigen Regeln zu erklären. Ich habe am Anfang ein klein wenig gestuppst. Den Rest macht sie von selbst.

Übrigens möchte ich gar nichts gegen die Diagnose der Legasthenie sagen. Mit Sicherheit ist die früher recht leichtfertig verteilt worden. Doch natürlich gibt es Formen der Legasthenie, die sich im Laufe der Zeit auswachsen. Meist gehören dazu aber günstige Umstände.

08.07.2013

Terrorismus als Begründung

Wie wichtig die Lehre von der guten Argumentation ist, beweist sich übrigens nicht im Streit um irgendwelcher Leute Charaktereigenschaften, sondern in der politischen Diskussion. Feynsinn hat dies (wieder einmal) sehr gut vorgeführt: Terror-Experten. Lesenswert, bedenkenswert!

Arroganz, genitale Berührung und warum ein Schriftsteller wissen sollte, welche Worte er benutzt

Da ist es wieder. Dieses böse Wort. Die Arroganz. Vorgeworfen wurde mir die Arroganz mit folgenden Worten: "Mir fällt bei deinen Postings und auch in diesem Artikel eine gewisse Arroganz immer wieder sehr stark ins Auge." (besagter Artikel: Thriller schreiben: Szene und Spannung I)
Die Kombination von "gewisser Arroganz" und "sehr stark ins Auge fallen" ist schon befremdlich. Das klingt ein wenig so danach: ich kritisiere dich jetzt mal, und je nachdem, worauf du anspringst, sage ich, ich habe das sehr eingeschränkt benutzt (die Arroganz ist ja nur eine gewisse Arroganz) oder (wenn ich mich nicht beschwert hätte) sie wäre eben doch eine Arroganz, die sehr stark ins Auge fällt. Nach dem Motto: du bist zwar nur ein bisschen Scheiße, aber stinken tust du trotzdem zum Himmel. Das sind diese kleinen fiesen Argumentationen, die die humanistische Psychologie, zumindest wenn man sich ihrem Bodensatz nähert, massenweise hervorgebracht hat (das ist keine Kritik an der humanistischen Psychologie als solche, sondern vielmehr an ihren Verwurstern).
Ich habe mich also beschwert: "Aber genau das ist ein Fehlschluss. … Es ist völliger Unsinn, das als arrogant zu bezeichnen, und ich weiß auch nicht, wo du in meinem Artikel nun eine Arroganz heraus liest."
Betreffende Frau antwortete nun: "Empfindungen anderer Leser als "Unsinn" zu bezeichnen ist z. B. arrogant."
Frage: ist die Arroganz eine Empfindung? Natürlich nicht! Die Arroganz ist eine Charaktereigenschaft. Ich kann mich durch ein arrogantes Verhalten verletzt fühlen, ich kann sie als lächerlich empfinden, sie kann mich wütend machen. Das alles sind Empfindungen. Jemanden als arrogant zu bezeichnen ist nun mal ein Urteil über einen Charakter. Da hilft auch nicht, wenn man sagt: ich empfinde dich als arrogant. Johannes Flörsch hatte mal einen ganz ähnlichen Fall zu dem Wort "genitale Berührung" kommentiert (in: Aber hallo! (Neuheiten über die sexuelle Erregung)). Um es kurz zu fassen: entweder man berührt ein Genital und diese Berührung ist dann sanft, fest, schmerzhaft oder lustvoll. Nur ist diese Berührung nie genital. Und ebenso wenig ist die Arroganz eine Empfindung.
Ist das nun ein Streit um Worte und um nichts als Worte? Natürlich! Aber wenn sich jemand als Schriftsteller bezeichnet, oder, in diesem Fall, als Schriftstellerin, dann sollte eine gewisse Sensibilität schon da sein. Für die Worte, die man gebraucht. Das ist übrigens kein Unvermögen einer einzelnen Person. Das ist ein ganzes Stück weit Zeitgeist, nämlich seine Urteile über den Charakter einer anderen Person nicht mehr begründen zu wollen, begründen zu müssen und, das habe ich häufig festgestellt, begründen zu können. Ich mache das immer wieder an einem anderen, deutlich beleidigenden Beispiel klar. Sage ich nämlich zu jemandem: "ich empfinde dich als Scheiße", dann ist das trotz des Wörtchens "empfinden" immer noch ein Urteil und immer noch eine Beleidigung. Sich hier auf seine Perspektive, auf sein Recht auf Empfindungen zurückzuziehen, ist nicht mehr als eine fadenscheinige Ausrede. Und es ist eine weitere "glückliche" Segnung, mit der man Menschen zu humanistischen Ratten im neoliberalen Käfig macht: man hat ja eine Ich-Botschaft gesendet und die sei schließlich humanistisch. Man könnte auch sagen, dass es der Versuch ist, ob man mit einem Urteil dann weitergehen kann, ob man danach behaupten kann, jemand sei tatsächlich "arrogant" oder "Scheiße". Mit anderen Worten: es ist ein Testballon, wie weit man mit seinen Urteilen gehen kann. Wird der Testballon angenommen, geht man eben weiter.

Erklärt hat betreffende Frau übrigens nicht, warum mein Artikel nun eine "gewisse Arroganz" zeigen würde. Ich hatte nachgefragt. Die Frage wurde ignoriert. Wie immer!

Sinnvoll ausgegebenes Geld: Johannes Flörsch und Christa Wolf

Weil Johannes Flörsch mich mal wieder köstlich amüsiert hat (hier: Kluftinger), habe ich nach meinem Duden für Richtiges und gutes Deutsch (Bd. 9) gegriffen und mir sind dabei drei graue Haare gewachsen. Er ist doch immerhin noch von 1991, also hübsche 22 Jahre alt. Und so habe ich beschlossen, in nächster Zeit mal diese ganzen Duden auszutauschen. Neu sind bei mir lediglich die Rechtschreibung (Bd. 1), die Grammatik (Bd. 4) und das Fremdwörterbuch (Bd. 5). Im Prinzip reicht das auch. Für Schriftsteller ganz praktisch ist noch das Wörterbuch der Synonyme (Bd. 8) und für den Unterricht war immer ganz nützlich, das Bildwörterbuch (Bd. 3) zu besitzen.

Natürlich habe ich den Duden in meiner Lieblingsbuchhandlung eingekauft, der Buchhandlung Herschel in der Anklamer Straße. Ich schätze die Besitzer, weil sie mich immer gut beraten. So habe ich doch die eine oder andere Perle in meinem Bücherschrank nur dank ihrer Empfehlung gekauft. Ansonsten kaufe ich über Amazon nur dann Bücher, wenn ich sie nicht bestellen kann. Also zum Beispiel E-Books.
Und dann bin ich natürlich an Christa Wolf nicht vorbeigekommen. Neuerdings befinden sich in meinem Besitz: Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster, Medea. Stimmen, Leibhaftig, Stadt der Engel
Eine Kundin hatte vor einigen Wochen eine Arbeit zum Umgang Christa Wolfs mit der (politischen) Zensur. Ich konnte nur von Glück sagen, dass ich über die Weihnachtsferien zwei Bücher von Christa Wolf gelesen hatte, Kein Ort. Nirgends und Kassandra (Der geteilte Himmel habe ich vor vielen Jahren gelesen). So konnte ich relativ rasch einer ganz klugen, aber leicht verunsicherten Studentin helfen. Das größte Problem dieser Arbeit war (für sie), dieses Thema auf insgesamt zehn Seiten darzustellen. Weitere Eingrenzungen (die durchaus hilfreich gewesen wären) gab es nicht. Da Christa Wolf nun mit jedem Buch auf andere Formen des Verschweigens eingeht, lässt sich eine ernsthafte Untersuchung in dieser Kürze gar nicht leisten.
Derzeit kommentiere ich Kassandra durch, parallel zu Königs Erläuterungen und Materialien, der Dialektik der Aufklärung (Adorno/Horkheimer) und Das Unbehagen der Geschlechter (Judith Butler). Normalerweise bin ich kein großer Freund von Schulinterpretationen. Die Erläuterungen zu Kassandra, geschrieben von einem Bernd Matzkowski (Hollfeld 1999), finde ich allerdings sehr brauchbar. Beim Homo Faber hatte ich das Problem, dass die Schulinterpretationen die Feuilletons einfach nachplappern, bzw. wohl voneinander abgeschrieben haben, ohne die Richtigkeit im Buch überprüft zu haben. Matzkowski dagegen scheint die Kassandra gründlichst auseinander gepflückt zu haben. Matzkowski ist Deutschlehrer. Und auch wenn man als Deutschlehrer wenig Zeit hat, sich auf intensive Interpretationen einzulassen, ist es doch ganz sinnvoll, wenn man dies einmal in seinem Leben gemacht hat und so ein Gespür für die Freuden und Leiden des Interpreten gewonnen hat.
Die Dialektik der Aufklärung zielt übrigens auf den Homo Faber. Der Homo Faber thematisiert meiner Ansicht nach nicht den Gegensatz von Natur und Kultur (wie man dies häufiger liest), sondern das schwierige Verhältnis von Situation (damit ersetze ich die Natur, die im Homo Faber immer nur als Mythos auftaucht), Technik und Synthese (der Ersatz für "Kultur"). Die Synthese, die ich auf der einen Seite an Adorno/Horkheimer ausarbeite, auf der anderen Seite an Judith Butler, erscheint mir als eine sinnvolle Erweiterung der Extrapolation. Diesen Paralogismus (also: Trugschluss) hatte ich in der Vergangenheit recht ausführlich behandelt. Dazu aber demnächst wohl mehr (zur Ontologie der Logik immer noch wichtig: Zur deleuzianischen Logik III). Wichtig ist hier nur, dass die Vielstimmigkeit, die Christa Wolf in Kassandra als poetisches Prinzip nutzt, der Extrapolation entgegensteht, ohne diese vollständig aufzulösen. Die Extrapolation ist deshalb ein Trugschluss, weil sie behauptet, vollständig zu sein. Wollte die Vielstimmigkeit zugleich vollständig sein, würde sie in das zurückkehren, was sie bekämpft: die Extrapolation, bzw. im praktischen Bereich die herrschende Meinung. Ebenso fragt Judith Butler nach der Möglichkeit politischer Kooperation (zumindest in ihren neueren Büchern), ohne sich auf solche herrschenden Meinungen zu stützen, ohne diese bereits im Vorfeld durch Extrapolation und Zensur gemaßregelt zu haben. Meiner Ansicht nach können hier sowohl Max Frisch als auch Christa Wolf wertvolle Impulse liefern.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich habe sinnvoll Geld ausgegeben.