22.07.2013

Natalie Schauer: Der Prediger

Nach wie vor bin ich unentschlossen, was ich im allgemeinen von den Kindle-Autoren halten soll. In den Gruppen wird mir zu viel für sich selbst geworben. Und die Blogs sind entweder ebenfalls nur Werbung oder (mir) zu wenig argumentativ. Das hat mich wohl auch lange davon abgehalten, Bücher solcher Autoren zu rezensieren, auch wenn ich zwischendrin mal auf das eine oder andere hingewiesen habe. 

Neulich bin ich aus zwei Gründen über das Buch Der Prediger von Natalie Schauer gestoßen. Zunächst über Tom Jay, der das Cover entworfen hat. Und dann brauchte ich mal wirklich "irgendetwas" zum Lesen. Mir war nämlich meine Kniescheibe herausgesprungen. Mein Arzt hat sie wieder eingerenkt, wobei ich die halbe Praxis zusammengeschrien habe. Und abends tat sie mir eben noch immer hundsmäßig weh. 

Kniescheiben sind natürlich eine tolle Einleitung für ein Buch, das man durchaus weiterempfehlen kann. Die Leser mögen mir verzeihen, dass mich Thriller nicht mehr sonderlich interessieren. Früher habe ich sie viel gelesen. Aber nachdem ich angefangen habe, sie zu analysieren, wurden mir rasch die zentralen Elemente und auch die möglichen Wendungen der Geschichte klar. Und irgendwann verlor sich einfach der Überraschungseffekt. 

Der Prediger ist der zweite Teil aus einer Serie von ich weiß nicht wie vielen Bänden. Protagonist der Bände ist Angel Adams. Angel wird nach Carson City gerufen, weil ein gewisser Elias Roberts behauptet, er habe drei Frauen umgebracht und zwei weitere in seiner Gewalt. Elias war ein Opfer des Serienkillers Big Daddy (erster Teil), das überlebt hatte und dann spurlos verschwand. Da er nur mit Adams verhandeln will und diese emotional immer noch mit den vergangenen Geschehnissen (aus Big Daddy) verflochten ist, sagt sie zu.
Damit ist der Rahmen der Geschichte gesteckt. Was weiter passiert, möchte ich allerdings nicht verraten; es wäre den Lesern gegenüber unfair. Nur soviel: die Autorin hat sich eine etwas trickreiche Wendung ausgedacht, die zwar psychologisch nicht zu halten ist, aber in der Geschichte selbst gut funktioniert. 

Ich beginne immer mit den Formalitäten. Rechtschreibung und Grammatik sind fehlerfrei. Der Satzbau ist einfach. Das wird nicht jedem Leser gut gefallen; andere dagegen werden genau dies zu schätzen wissen. Mich selbst hat das beim zweiten Lesen nicht so sehr angesprochen. Allerdings ist es auch keine Geschichte, die man zweimal liest. Zumindest nicht zeitlich dicht hintereinander. 
Der einfache Satzbau hat immer einen Folgefehler, der mal stärker, mal schwächer ausfällt: die monotone Sprache. Die Autorin schafft es allerdings, dieses Problem weitmöglichst zu umgehen. Insofern kann man hier auch keine Kritik üben. Nur einmal bin ich über eine Wortwiederholung gestolpert, die ich unangenehm fand. Sie befindet sich an Position 83. Hier wird dreimal das Wort Charly dicht hintereinander verwendet. Eine Abwechslung hätte sich leicht finden lassen.
Ansonsten ist auch der Wortschatz schlicht gehalten. Für die literarische Qualität mag das schlecht sein, für das Lesevergnügen nicht. Autoren wie Christa Wolf bieten eben ein anderes Lesevergnügen an, als Autoren wie Natalie Schauer. Meiner Ansicht nach lässt sich das eine mit dem anderen nicht vergleichen und muss deshalb auch unterschiedlich behandelt werden. 

Es gibt einen anderen, ebenfalls nur mäßigen Kritikpunkt. Manches in der Erzählung wird zu kurz, mit zu wenig Lust am konkret-sinnlichen Fabulieren gefasst. Es sind nur einzelne Sätze, die mir hier fehlen, manchmal auch nur das eine oder andere Satzglied, das man gut hätte hinzufügen können und das die Erzählung insgesamt sinnlicher gemacht hätte. Nichts Schwerwiegendes also, aber doch spürbar. 
Das übrigens ist ein Fehler, den viele Kindle-Autoren machen: Sie wollen möglichst rasch ihre Geschichte erzählen, vergessen aber, dass dies in einer sehbaren, hörbaren und fühlbaren Welt geschieht. Die Handlungen der Menschen im Roman müssen aber genau in dieser Welt verankert werden. Dieses Band hat die Autorin fest genug verknüpft, dass es nicht reißt. Anderen Autoren dagegen gelingt das nicht: der Plot und das Setting wirken wie eine schlecht zusammengesetzte Harmonie, wie ein Missklang. 

Die Charakterdarstellung ist entsprechend einer Erzählung (diesmal als Kurzform des Romans verwendet) nicht vollständig und umständlich, sondern nur durch wichtige Charaktereigenschaften dargestellt. Auch das mag der eine oder andere Leser kritisieren. Es ist allerdings, seit solche Kurzformen des Romans populär wurden (hier wird immer Edgar Allan Poe genannt), üblich, die Figuren nicht mehr komplett zu schildern. In den berühmten Short Storys, zum Beispiel von Hemingway oder von Borchert, ist dies sogar ein prägendes Merkmal. Ich schildere also diesen Aspekt nur deshalb, um darauf hinzuweisen, dass der Vorwurf »blasse Charaktere« kein besonders intelligenter Vorwurf ist. 

Für wen ist also dieser Roman gedacht? 
Ich gestehe: für mich nur selten, vielleicht drei- oder viermal im Jahr. Ich erwähnte ja bereits oben mein allgemeines Problem mit Thrillern. 
Für eine entspannte Strandlektüre oder einen regnerischen Herbsttag allerdings kann man dieses Buch empfehlen. Notorische Thriller-Leser kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten; wer es einfach nur deshalb liest, weil er sich gerne unterhalten lässt, findet eine der besseren Kindle-Autoren, zumindest, was den Bereich der puren Unterhaltung betrifft. Selbstverständlich ist dieses Buch dann auch deshalb kein Buch für Leser, die ausschließlich gesellschaftskritische oder (durch ihren Inhalt) lehrreiche Bücher suchen. Ebenso fehlt eine sprachphilosophische Unterfütterung; das wäre bei einem Thriller allerdings auch unangebracht. 

Und die Bewertung? 
Nein. Diese Geschichte hat mich nicht vom Hocker gerissen. Sie ist recht ordentlich erzählt, nachvollziehbar und auch spannend. Die Autorin hat ihren Plot also gut umgesetzt. 
Dass mich diese Art der Literatur nicht mehr reizt, dafür kann die Autorin nichts. Da sie aber ihr Handwerk beherrscht, gebe ich dem ganzen (ich verwende hier Schulnoten) eine 2. Die formellen Sachen (Rechtschreibung, Grammatik) verdienen auf jeden Fall eine 1. Da mir die Geschichte und die Art und Weise des Erzählens wichtiger ist, beides aber nicht überragend ist (sondern "nur" sehr ordentlich), und ich darauf eine 2 bis 2- vergebe, bleibt es eben über den Daumen gepeilt dabei.
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