08.07.2013

Arroganz, genitale Berührung und warum ein Schriftsteller wissen sollte, welche Worte er benutzt

Da ist es wieder. Dieses böse Wort. Die Arroganz. Vorgeworfen wurde mir die Arroganz mit folgenden Worten: "Mir fällt bei deinen Postings und auch in diesem Artikel eine gewisse Arroganz immer wieder sehr stark ins Auge." (besagter Artikel: Thriller schreiben: Szene und Spannung I)
Die Kombination von "gewisser Arroganz" und "sehr stark ins Auge fallen" ist schon befremdlich. Das klingt ein wenig so danach: ich kritisiere dich jetzt mal, und je nachdem, worauf du anspringst, sage ich, ich habe das sehr eingeschränkt benutzt (die Arroganz ist ja nur eine gewisse Arroganz) oder (wenn ich mich nicht beschwert hätte) sie wäre eben doch eine Arroganz, die sehr stark ins Auge fällt. Nach dem Motto: du bist zwar nur ein bisschen Scheiße, aber stinken tust du trotzdem zum Himmel. Das sind diese kleinen fiesen Argumentationen, die die humanistische Psychologie, zumindest wenn man sich ihrem Bodensatz nähert, massenweise hervorgebracht hat (das ist keine Kritik an der humanistischen Psychologie als solche, sondern vielmehr an ihren Verwurstern).
Ich habe mich also beschwert: "Aber genau das ist ein Fehlschluss. … Es ist völliger Unsinn, das als arrogant zu bezeichnen, und ich weiß auch nicht, wo du in meinem Artikel nun eine Arroganz heraus liest."
Betreffende Frau antwortete nun: "Empfindungen anderer Leser als "Unsinn" zu bezeichnen ist z. B. arrogant."
Frage: ist die Arroganz eine Empfindung? Natürlich nicht! Die Arroganz ist eine Charaktereigenschaft. Ich kann mich durch ein arrogantes Verhalten verletzt fühlen, ich kann sie als lächerlich empfinden, sie kann mich wütend machen. Das alles sind Empfindungen. Jemanden als arrogant zu bezeichnen ist nun mal ein Urteil über einen Charakter. Da hilft auch nicht, wenn man sagt: ich empfinde dich als arrogant. Johannes Flörsch hatte mal einen ganz ähnlichen Fall zu dem Wort "genitale Berührung" kommentiert (in: Aber hallo! (Neuheiten über die sexuelle Erregung)). Um es kurz zu fassen: entweder man berührt ein Genital und diese Berührung ist dann sanft, fest, schmerzhaft oder lustvoll. Nur ist diese Berührung nie genital. Und ebenso wenig ist die Arroganz eine Empfindung.
Ist das nun ein Streit um Worte und um nichts als Worte? Natürlich! Aber wenn sich jemand als Schriftsteller bezeichnet, oder, in diesem Fall, als Schriftstellerin, dann sollte eine gewisse Sensibilität schon da sein. Für die Worte, die man gebraucht. Das ist übrigens kein Unvermögen einer einzelnen Person. Das ist ein ganzes Stück weit Zeitgeist, nämlich seine Urteile über den Charakter einer anderen Person nicht mehr begründen zu wollen, begründen zu müssen und, das habe ich häufig festgestellt, begründen zu können. Ich mache das immer wieder an einem anderen, deutlich beleidigenden Beispiel klar. Sage ich nämlich zu jemandem: "ich empfinde dich als Scheiße", dann ist das trotz des Wörtchens "empfinden" immer noch ein Urteil und immer noch eine Beleidigung. Sich hier auf seine Perspektive, auf sein Recht auf Empfindungen zurückzuziehen, ist nicht mehr als eine fadenscheinige Ausrede. Und es ist eine weitere "glückliche" Segnung, mit der man Menschen zu humanistischen Ratten im neoliberalen Käfig macht: man hat ja eine Ich-Botschaft gesendet und die sei schließlich humanistisch. Man könnte auch sagen, dass es der Versuch ist, ob man mit einem Urteil dann weitergehen kann, ob man danach behaupten kann, jemand sei tatsächlich "arrogant" oder "Scheiße". Mit anderen Worten: es ist ein Testballon, wie weit man mit seinen Urteilen gehen kann. Wird der Testballon angenommen, geht man eben weiter.

Erklärt hat betreffende Frau übrigens nicht, warum mein Artikel nun eine "gewisse Arroganz" zeigen würde. Ich hatte nachgefragt. Die Frage wurde ignoriert. Wie immer!
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