22.07.2013

Liebe Sina, Agnes von Peter Stamm als …

"die allerschlechteste Geschichte einer trostlosen Liebesbeziehung, die es überhaupt gibt" zu bezeichnen, hat mich schon ein wenig schockiert. Meiner Ansicht nach ist das Buch deshalb so schwierig, weil es so einfach erzählt ist. Im Gegensatz zum Homo Faber kommt dieses Buch ohne große Symbolisierung aus. Da kann der Homo Faber nämlich ganz schön nerven. Es riecht einfach nach Bildungsbürgertum. Vor allem riecht es nach dem Bildungsbürgertum eines Nachkriegsbürgers. Agnes dagegen ist einfach eine Geschichte. Eine raffinierte Geschichte, aber eine, die sich schlecht zum Interpretieren eignet.
Natürlich hast du in gewisser Weise recht, dass dieses Buch auch schildert, wie hoffnungslos Kommunikation sein kann, wie vergeblich auch der Wille, eine Beziehung tolerant zu gestalten, weil Toleranz eben allzu gerne in Desinteresse umkippen kann. Du hast also recht und wie immer, wenn es um Interpretationen geht, horizonthaft recht.
Doch das dem Buch anzulasten, finde ich schnöde. Genauso, wie früher die Menschen unter den sozialen Zwängen gelitten haben, auch unter der Ehe als Zwangsgemeinschaft, so leiden heute viele Menschen unter der postmodernen Beliebigkeit. Genauso, wie die Toleranz sehr rasch ins Desinteresse kippt, so kann die Toleranz auch etwas sehr bequemes sein und etwas sehr zwiespältiges: der Icherzähler hat einfach keine Idee davon, was er mit seinem Leben anfangen soll (und er muss auch keine Idee davon haben). Er weiß weder eine Gründungsgeschichte zu berichten, noch hofft er auf irgendeine Art von Erlösung. Selbst der Tod und die Riten um den Tod sind nur ein mäßig interessantes Artefakt, auf das man zufälligerweise stößt. Agnes erzählt deshalb auch die Geschichte von zwei Menschen, die ein Leben ohne die Idee des Todes führen. Damit widerspricht der Roman all jenen "bildungsbürgerlichen" Romanen, in denen der Held im Augenblick seines Todes sein größtes Kunstwerk schafft (Tod in Venedig, Narziss und Goldmund). Wer keine Idee vom Tod hat, wer kein Leben lebt, dessen Verlust beklagenswert ist, der hat auch wenig oder gar nichts zu sagen. Der Icherzähler sammelt leidenschaftslos die Fakten für sein nächstes Sachbuch; Agnes spielt Cello, aber sie scheint es nicht zu lieben und ebenso spielt ihre Arbeit in einem physikalischen Institut keine Rolle. Agnes wird schwanger. Doch der Verlust des Kindes bedeutet wenig oder gar nichts. The time, aber auch die Vernetzung von verschiedenen Lebensbereichen, is out of bounds. Beide führen also ein Leben ohne Tod.
Und irgendwann könnte man dieser ganzen Geschichte ein verräterisches usw. anfügen. Dieses usw. wäre dann das Gegenteil einer sozialen Utopie.
Ja, irgendwie ist dieses Buch tatsächlich trostlos. Zumindest erzählt es das Leben zweier recht trostloser Menschen. Es kritisiert auf eine sehr indirekte Art und Weise; einen echten Gegenentwurf allerdings bietet es nicht. Insofern überträgt sich eine gewisse trostlose Stimmung aus der Geschichte auf den Leser. Das allerdings fasziniert mich eher. Und insofern lasse ich den Schock über dein Urteil, diese allerschlechteste Geschichte, die es gibt, ein wenig nachhallen.
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