30.01.2011

Bio-Politik

Seit drei Jahren schleiche ich um die Vorlesungen von Michel Foucault zur Geschichte der Gouvernementalität herum. Jetzt konnte ich nicht mehr und habe sie mir gekauft. Seit heute Mittag lese und kommentiere ich.


28.01.2011

Rhetorik

Bei suite101.de bin ich jetzt übrigens für den Bereich Rhetorik zuständig. Die Kognitionswissenschaften waren leider schon vergeben. Aber ich wechsle ja eh immer hin und her.


Hurra! Aldi!

Verramscht Birkenbihl-Videos. Seit gestern. Statt 89 cent (Erbsensuppe in Dose) 30,89 Euro ausgegeben (6 Videos). Damit ist mein Bedarf allerdings auch gedeckt.


26.01.2011

und ernster: Regierungserklärung von Angela Merkel

Eigentlich aber bin ich weiterhin mit der Rhetorik zugange, seit zwei Tagen intensivst mit dem Analyseschema von Stephen Toulmin. Dieses habe ich zunächst auf einige Stellen bei Nietzsche "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" angewendet, jetzt bin ich am Zerpflücken der Regierungserklärung von Angela Merkel am 15. Dezember 2010. Die Rhetorik unserer Bundeskanzlerin interessiert mich schon seit zwei Jahren, seitdem ich über eine Stellungnahme zum Afghanistan-Einsatz gestolpert bin. Dazu hatte ich auch einiges geschrieben. Allerdings war all dies nur eine Stichprobe, keine genauere Analyse. Heute wollte ich eigentlich auf eine Stellungnahme von Kristina Köhler eingehen, die in derselben Bundestagssitzung wie die Regierungserklärung von Angela Merkel zu finden ist. Doch so weit bin ich dann gar nicht mehr gekommen.
Das Schema von Toulmin ist übrigens großartig. Allerdings weist es einige gravierende Probleme auf, wenn man es ohne Kenntnis oder ohne Rücksichtnahme rhetorischer Figuren anwendet. In der Rede von Merkel findet sich nämlich ein Phänomen, das ich provisorisch "induktive Metapher" nenne. Merkel führt eine Metapher ein, die wertend, aber abstrakt ist. In diesem Fall handelt es sich um das Wort "Kern". Sie sagt: "Wir haben in diesem Jahr erfahren, was den Kern der Wirtschafts- und Währungsunion und damit der Europäischen Union insgesamt ausmacht; …". Diese Metapher des Kerns ersetzt sie dann im darauf folgenden Teilsatz durch den Begriff der Verantwortungsgemeinschaft. Mit anderen Worten: die Metapher wird durch einen Euphemismus ersetzt. Euphemistisch ist dieser Begriff übrigens nicht, weil Frau Merkel diesen nicht definiert hätte (davon können wir nichts wissen), sondern weil er als Idee, der Idee der Verantwortung, so schlecht abgelehnt werden kann. Einschub: Plett unterscheidet in seinem Buch Systematische Rhetorik die verschiedenen rhetorischen Figuren in Bezug auf Grammatik, Semantik und Pragmatik. Wenn ich hier den Euphemismus als Wirkung kritisiere und dies von Angela Merkel streng trenne, beziehe ich mich nicht auf die Semantik, sondern auf die Pragmatik eines solchen Euphemismus. Der Euphemismus stellt sich in der Pragmatik her. Figuren, wie die Metapher oder der Euphemismus, sind ohne Kenntnis der Argumentation nicht in ihrem pragmatischen Gehalt bewertbar. Allerdings ist die Argumentation hier eher eine Parallelwelt, die sich mal enger, mal weiter mit den rhetorischen Figuren verschränkt und ein "gewisses" Eigenleben entwickelt.

schwimmende Säugetiere im Bild

Nanü? Da findet mich doch jemand, indem er bei Google nach "verblasten Metaphern" sucht. Verblasen ist ein altertümlicher Ausdruck für den Ausstoß der Atemluft bei Walen. Dass mich auf diese Weise jemand fand, stellte ich heute Nachmittag fest. Seitdem grüble ich.


25.01.2011

Klassische Rhetorik

Wieder einmal bin ich extrem fasziniert. Das so genannte LaB (language and behaviour profile), das als wesentliche Neuerung angepriesen wird, besagt kaum etwas anderes, als die klassische Rhetorik. Nicht Shelle Rose Charvet, sondern Aristoteles.


21.01.2011

Warum sind Sie,

fragt ein Kunde, eigentlich grün auf Ihrem Foto?
Sage ich: Meine Ohren sind zu klein.
Schweigen, dann Gelächter.


20.01.2011

Nachtrag

Eine Amphibolie findet sich auch in folgendem Beitrag meines geschätzten Blogger-Kollegens Phantomscherz: Schon gemerkt? - Nicht jugendfrei übrigens, dafür aber sinnlos.


Amphibolie

Die Amphibolie bezeichnet die rhetorische Figur der Doppeldeutigkeit. Da diese Figur selten oberhalb der Gürtellinie genutzt wird, sammle ich "anständige" Beispiele. Schlüpfrig allerdings war das Wahlplakat der CDU, das Angela Merkel und Vera Lengsfeld tief kolletiert zeigte, mit der Parole: Wir haben mehr zu bieten. Das Foto der Kanzlerin wiederum war bei der Eröffnung der Osloer Oper aufgenommen worden und sorgte weltweit für Aufsehen. Wie Spiegel online schreibt, habe Frau Merkel zu diesem Aufsehen geäußert, "dies sei wohl der Tatsache geschuldet, dass das Amt des Bundeskanzlers von einer Frau wahrgenommen werde". Die Amphibolie besteht hier in Gleichklang (Homonymie) des Wortes "wahrnehmen" als "sehen" und "besetzen/bekleiden" (ein Amt besetzen/bekleiden).


Frau Sarrazin

Ein etwas spitzer Artikel erschien gerade auf Zeit online, mit dem Titel Der Sarrazin-Effekt.
Ja und Nein, mag man dazu sagen. Ja, es gibt Eltern, die notorisch meckern und ihre Kinder nicht zu respektvollem Verhalten gegenüber den Lehrern anleiten. Ja, es gibt Eltern, die sind bei ihren Kindern richtig hilflos. Und es gibt Eltern, die schieben ihr Kind und dessen ganze Probleme in die Schule ab. Nein, Frau Sarrazin ist mittlerweile selbst schuld, wenn sie dermaßen im Rampenlicht steht. Es ist ihr gutes Recht, auf öffentlich geäußerte Vorwürfe zu antworten, aber die Art und Weise, in der sie das tut, sind nicht mehr sachgemäß. Auch wenn ich meine Zweifel an der Problemlösefähigkeit des Berliner Bildungssenats habe, so hätte nach einer kurzen Erklärung von Frau Sarrazin jede weitere öffentliche Äußerung unterbleiben müssen, mit dem Hinweis darauf, dass es organisatorische und demokratische Regelungen für diese Klärung gibt und dass die Öffentlichkeit diese abzuwarten habe. Nein, es ist nicht interessant, dass die Vorwürfe von türkischen Familien erhoben wurden. Selbst wenn von den Familien aus ein solcher Gedanke umgedreht bei den Vorwürfen mitspielt, so darf gerade eine Lehrerin diese Gedanken nicht äußern. Lehrer sind Vertreter des Rechtsstaates und damit Vertreter des Grundgesetzes. Im Art. 3, Abs. 3 des Grundgesetzes steht nun: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Besieht man die derzeitigen Äußerungen von Ursula Sarrazin, die Äußerungen ihres Mannes, aber auch zahlreiche Aussagen von anderen Politikern, so muss man an der demokratischen Orientierung dieser Menschen zweifeln. Und selbst wenn nun die Vorwürfe gegen Frau Sarrazin unhaltbar sind, hat sie sich mittlerweile als Lehrerin ins moralische Zwielicht gesetzt. Ob eine solche Lehrerin weiterhin tragfähig ist, muss man bezweifeln.


18.01.2011

Gesprächskonventionen und Humor

Der Humor ist ein insgesamt schwer zu fassendes kommunikatives Phänomen. Er taucht teilweise an völlig unerwarteten Stellen auf. Hier möchte ich einen neuen Vorschlag für ein Stück Erklärung des Humors unterbreiten:
Der Humor dehnt den Rückbezug von einem Sprechakt willkürlich aus oder zieht ihn ebenso willkürlich zusammen. - Das muss natürlich genauer erläutert werden!

Der Rückbezug von Sprechakten
Ich folge hier der Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann und vereinfache soweit, wie es für die Erklärung notwendig ist. Laut Luhmann ist jeder Sprechakt mit einer Erwartung verknüpft. Der Sprechakt weist sozusagen in die Zukunft und experimentiert mit Annahmebedingungen von Sinn. Umgekehrt weist der folgende Sprechakt in die Vergangenheit und qualifiziert diesen anderen Sprechakt. In der Lücke zwischen Erwartung und Requalifizierung, also in der Differenz, geschieht der kommunikative Akt. so ist die erste Feststellung, die man im Anschluss an diese Sichtweise machen muss, die, dass sich Kommunikation nicht beherrschen lässt. Es gibt immer Bedingungen, die sich der Kontrolle entziehen.
Diese Sachlage muss nun etwas komplizierter gefasst werden. Aus dem obigen Text könnte man annehmen, dass ein Sprechakt immer nur den einzelnen vorhergehenden Sprechakt qualifiziert. Was jedoch ein Hörer als Sprechakt auffasst, muss nicht auf den gerade vergangenen Redebeitrag gerichtet sein. Tatsächlich kann der Hörer sich in seinem nun folgenden Beitrag auf weniger oder auf mehr beziehen. Was als Sprechakt verstanden wird, liegt im Auge des Betrachters.

Nehmen wir ein Beispiel: Wenn Herr Sarrazin äußert, man müsse doch diskutieren können, wie gebildete Frauen Kinder bekommen, so meint er damit eigentlich, welche sozialen Bedingungen und persönlichen Lebensführungen gebildete Frauen gerade daran hindern, sich für Kinder zu entscheiden. Die Art und Weise, wie er sich dazu äußert, kann man aber glanzvoll missverstehen, indem man diesen Sprechakt von Sarrazin auf die biologischen Bedingungen ummünzt. Hier wird der Kontext der Debatte missachtet. Und dann lässt sich darauf eine ironische Antwort aufbauen (siehe hier).

Zu viel oder zu wenig oder anders verstehen
Wenn man den Kontext einer Debatte missachtet, versteht man mehr oder weniger oder anders. Im Falle von Sarrazin wurde anders verstanden. Es gibt aber auch Situationen, in denen man durch ein Weniger an Verstehen einen komischen Effekt erzeugen kann:
W: (verärgert) Und wieso hast du's erwähnt?
L: (leicht überheblich) Ich hab überhaupt nichts erwähnt.
W: (ruhiger) Natürlich hast du was erwähnt.
L: (besserwisserisch) Und warum sollte ich das?
W: (verärgert) Das weiß ich doch nicht.
L: (selbstzufrieden) Weißt du, wenn du nichts weißt, dann ist da auch nichts.
(Das ganze Gespräch finden Sie hier!)
Die Person namens L versteht in ihrer letzten Aussage nur den vorangegangenen Sprechakt, aber nicht den ganzen Kontext. Sie ignoriert vollkommen, dass sie vorher etwas gefragt hat, was die Antwort von W höflicherweise erfordert. Durch diese Antwort wird der Kontext extrem eingeschränkt, während W in diesem Abschnitt und in dem darauf folgenden Dialog darum bemüht ist, den gesamten Kontext im Blick zu halten. Was für uns von außen ein witziges Gespräch ist, ist im Gespräch selbst ein Kampf um die Zusammenhänge, bzw. eine Missachtung derselben.
Jeder Sprechakt greift nach rückwärts auf bereits vollzogene Sprechakte zurück. Missverständnisse entstehen dann (unter anderem), wenn die eine Person einen ganz anderen Zusammenhang interpretiert haben möchte, als die andere Person. Wenn nun die Person A die Beachtung des ganzen bisherigen Dialogs erwartet, während Person B immer nur an die direkt vorangegangene Aussage anschließt und sogar die eigenen Redeanteile missachtet, entsteht ein komischer Effekt. Ein ähnlicher Effekt findet sich in dem beinahe gedächtnislosen Fisch Dori im Film "Findet Nemo".

Zusammenfassung
Jeder Sprechakt bringt eine Erwartung auf anschließende Sprechakte mit und requalifiziert zugleich vorangegangene Sprechakte. Humor entsteht aus dem Missverständnis, den zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen Kontextbildungen ausgesetzt sind.

Lieber Herr Sarrazin!

Was hören wir da? Etwa eine fundamentale Bildungslücke? Sagten Sie doch auf der Diskussionsveranstaltung "Migration und Demographie" gestern Abend folgendes: "Wenn man nicht mehr diskutieren kann, wie gebildete Frauen Kinder bekommen, …" Stopp, Stopp, Stopp! Ich verrate Ihnen jetzt, wie das funktioniert. Das steht nämlich schon seit einigen 100.000 Jahren fest. Und ich verrate Ihnen auch gleich, dass das genauso wie bei ungebildeten Frauen funktioniert. Sind Sie an einer weiteren Vertiefung interessiert? Noch ein wenig Sexualkunde der vierten Klasse?, so als kleiner Vorschlag auf Nachschlag?


17.01.2011

Ich habe mich einfach aus meinem Körper zurückgezogen,

sagt Rainer Langhans neulich (im Dschungelcamp). Damit spricht er uns aus der Seele, denn wer würde sich nicht gerne aus diesem Körper zurückziehen?

Prüfungsangst und expressives Schreiben

Einer meiner erfolgreichsten Artikel in den letzten Tagen bei suite101 war Expressives Schreiben hilft bei Prüfungsangst. Mittlerweile ist er allerdings aus dem Blickfeld der online-Leser wieder fast verschwunden. Dafür findet man jetzt zahlreiche Nachahmer, die mit solchen Überschriften wie zum Beispiel Prüfungsangst einfach wegschreiben oder Prüfungsangst lässt sich mit Schreibübung besiegen auf sich aufmerksam machen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Und deshalb ist es auch nicht, wie die Welt-online einmal als Sparte angibt, ein Psycho-Trick.


Zettelkasten

Daniel Lüdecke arbeitet fleißig an einer neuen Version des Zettelkastens. Wesentliche Neuerungen sind ein WYSIWYG-Editor und eine andere Datenformatierung. Darauf freue ich mich.
Dank meines Spracherkennungsprogrammes habe ich heute Morgen wieder einen Tausender in meinem Zettelkasten überschritten. Seit einigen Tagen bringe ich alle meine bei suite101 geschriebenen Artikel in den Zettelkasten, neben allen möglichen anderen Zetteln. Schwerpunkte sind immer noch Mathematik, Chemie und Physik.


Und Intelligenz dominiert doch die Evolution ...

16.01.2011

Sind Schulbücher generell anspruchsloser als früher?

Nein, so wie Ursula Sarrazin dies gegenüber dem Focus darstellt, kann man das nicht sagen. Das Oberstufenbuch für Deutsch aus dem Duden-Verlag zum Beispiel ist ziemlich anspruchsvoll. So findet sich in diesem sowohl ein Abschnitt zur Sprachtheorie von Wilhelm von Humboldt, als auch das berühmte Organon-Modell von Karl Bühler. Zum Thema Rhetorik bietet das Buch die Antrittsrede von Barack Obama sowohl in Deutsch als auch in amerikanisch an. Eine der dazugehörigen Aufgaben lautet: Tauschen Sie sich über Schwierigkeiten der Übersetzung und gelungene Übertragungen aus.
Nein, so wie Ursula Sarrazin dies gegenüber dem Focus darstellt, kann man das nicht sagen. Zu meiner Schulzeit wurde Humboldt nicht besprochen. Ich hätte ihn vermutlich auch nicht verstanden. Intelligente Gespräche, gebildete Gespräche gab es auch in meiner Familie nicht. Ich wäre gar nicht auf diesen faszinierenden Denker vorbereitet gewesen. Meine damaligen Ausflüge zu Nietzsche und Sartre waren vermutlich schon ungewöhnlich. Heute wird es von den Gymnasiasten wieder verlangt. Zu Recht und zu Unrecht. Denn Lehrer können hier nicht alles vermitteln, vor allem nicht die selbstverständliche Neugier für kritische und historische Schriften.

15.01.2011

"Die Freiheit" gutheißen

Das finden Menschen, die sich Schmierwurst, FuckIslam, bullshito und joghurt nennen.

Tunesien

Sehr traurig bin ich über die Lage in Tunesien. Auch wenn ich die Absetzung von Ben Ali begrüße, empfinde ich ein leichtes Grauen angesichts der jetzigen Lage. Noch immer erinnere ich mich gerne an meinen langen und lehrreichen Aufenthalt in diesem Lande, an die Freundlichkeit und Gastfreundschaft, an die Neugier und an die vielen Menschen, mit denen man offen über Religion, Politik und Philosophie diskutieren konnte. Wahrscheinlich ist es hier genauso: die schwache, die differenzierte Meinung stirbt zuerst.


Differenz, liebe Mitbürger, Differenz!

"Die Linken" wollen nicht ständig mit dem Stalinismus gleichgesetzt werden, "Die Freiheit" nicht mit den Neonazis. Und "Neues Deutschland" untertitelt "Die in Berlin gegründete Freiheitspartei reiht sich international in eine extremistische anti-djihadistische Phalanx ein" - man lese darin, dass hier Extremismus auf Extremismus prallt, bzw. Extremismus auf Djihad. Von dem Aberwitz dieser politischen Situation im Artikel dagegen keine Spur. Zudem wirft der Artikel Stadtkewitz vor, sein offener Brief an die Linken sei wirr. Ob im guten oder schlechten: dieser Brief ist keineswegs unverständlich und auch nicht schlecht geschrieben.
Ein bisschen polemische Analyse zu dieser Debatte findet ihr hier: Anzeige wegen Volksverhetzung: Stadtkewitz verklagt.
Wir brauchen mehr Rhetorik, um uns von diesen Simplifizierungen von Parteien und Massenmedien nicht vereinnahmen zu lassen. Differenz, liebe Mitbürger, Differenz! Argumentiert nicht so wie die dort!



Liebe Frau Lengsfeld!

Einst trugen Sie für Ihre Kandidatur zwei Argumente ins Feld, die Ihnen den zweifelhaften Titel "Busenwunder" einbrachten. Dazu mag ich mich nicht äußern. Nicht äußern mag ich mich auch zu dem Spruch, den ich auf Ihrer Internetseite gefunden habe: "Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit." Logik ist eine schwierige Sache, vor allem, wenn sie den eigenen Status als Daueropfer des Stalinismus gefährdet. Trotzdem würde ich ganz gerne wissen, warum die Gerechtigkeit ersetzt werden soll und was das Neue an der Fairness sei.


17 Baustellen

Da haben wir es wieder: Meine Teilnehmer von AKLEB bringen 1000 interessante Verbindungslinien ein. Ich habe wieder den Drang, allen folgen zu müssen. Am Donnerstag Morgen hat ein Teilnehmer eine schöne Stundenplanung zum Energiebegriff in der Physik vorgelegt. Jetzt habe ich zunächst über den physikalischen Energiebegriff gearbeitet, bin dann zu Bachelards Philosophie des Neins übergegangen und lese derzeit zur Geschichte der Mechanik und des Elektromagnetismus' im 19. Jahrhundert, den Maxwellschen Gesetzen, dem Begriff des Äthers und dessen Überwindung durch die spezielle Relativitätstheorie Einsteins. Das alles ist extrem spannend.
Nebenher: Derrida. Als ich vor anderthalb Jahren das Text-Coaching für eine Doktorarbeit in Kunstgeschichte übernommen habe, war ich sehr fasziniert zum einen von dieser klugen Frau, zum anderen, dass sich hier die Möglichkeit bot, über die Implikationen der Ästhetik im Dekonstruktivismus zu arbeiten. Zwischenzeitlich hat sich das zu einer echten Belastung entwickelt, da ich auch noch so viele andere Sachen zu tun hatte. Mittlerweile macht es aber wieder großen Spaß. Dieser Schnittpunkt zwischen ästhetischer und politischer Bildung ist einfach spannend. Deren Frage ist es: was können Menschen wahrnehmen und welche Rolle spielt das für das Zusammenleben? Auf diese Fragen nimmt Derrida an vielen Stellen seines Werkes Bezug. Wir erforschen hier gemeinsam diese Aspekte.
Dritter großer Topf: das Experiment. Letztes Jahr im Sommer hatte ich begonnen, Wittgensteins Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik durchzukommentieren. Darin finden sich viele Betrachtungen zum Experiment. Das Experiment kann man neben dem Modell als wesentliche Methode des naturwissenschaftlichen Unterrichts bezeichnen. Anders als beim Modell habe ich hier allerdings noch nicht einen guten Überblick über psychologische Implikationen gefunden. Zwei Teilnehmer von AKLEB werden in der nächsten Zeit darüber arbeiten. Ich selber bin auch am erforschen und gespannt, was sich hier entwickelt. Ganz kurz habe ich bereits die Darstellung der experimentellen Methode im Schülerduden Physik auseinanderklabüstert. Da ich noch andere Sachen zu tun hatte, bin ich nicht sonderlich weit in den Stoff eingedrungen.

11.01.2011

Seltsame Werbung

Beim Durchlesen einer meiner Artikel finde ich folgende Werbung: "Topfriseure zu Schnäppchenpreisen."; günstig wäre hier eine weitere Werbung: "Topcontainer zur Aufbewahrung von günstig erstandenen Topfriseuren" - gelle?


09.01.2011

Schreiben

Ich entdecke gerade wieder die Freuden des handschriftlichen Durchkommentierens. Dies habe ich über 20 Jahre lang gepflegt, dann kam der Computer, zumindest einer, der einem viele Arbeit abgenommen hat. Aber irgendwie bin ich doch daran gewöhnt, die Sachen mit Füller auf Papier zu bringen. Hinterher kann ich sie dann immer noch ganz einfach mit dem Spracherkennungsprogramm in meinem Zettelkasten bringen.


… und ein wenig Psychologie: innere Bilder und Optimismus

Und auch damit habe ich mich beschäftigt: zum einen mit der Leistung von inneren Bilder und der so genannten positiven Imagination. Diese hängt stark an der Fähigkeit, Analogien zu bilden. Den Artikel dazu findet ihr hier: Die Macht der inneren Bilder. Ebenso ist mir der Optimismus "über den Weg gelaufen", hier: Guter und schlechter Optimismus - Probleme des positiven Denkens.
Eigentlich sollte das Ganze nur eine Randbemerkung in einem Artikel über das Dreikönigstreffen der FDP werden. Der Artikel ist noch nicht geschrieben, dafür aber die Randbemerkung. Aber vielleicht sagt genau diese auch etwas über die FDP aus.


Aufsatzlehre

Jahre ist es her, dass ich mich mit der Aufsatzlehre beschäftigt habe und seit dieser Zeit hat sich in meinem Kopf einiges verschoben. Nun habe ich neulich wieder angefangen (auch, weil ich ein wenig Luft hatte), mich mit diesem wichtigen Teil der Deutschdidaktik zu beschäftigen. Entstanden sind zunächst zwei Artikel für suite101, die sich generell mit dem Schreiben von Aufsätzen beschäftigen. Dies ist zum einen Wie bereitet man einen Aufsatz vor?, zum anderen Was man beim Schreiben von Aufsätzen beachten sollte.
Eines der größten Probleme der Aufsatzlehre ist ihre mangelnde Abgrenzung einzelner Genres. Bzw. muss man Idealtypen für Aufsätze aufstellen, wobei dann aber die Schüler bei einem konkreten Aufsatz fragen: wie denn nun? Und natürlich haben Sie recht! So steht die Schilderung zwischen dem Bericht und der Erlebniserzählung und teilt mit beiden verschiedenen Merkmale. Die Übergänge sind fließend und die Mittelstellung selbst für Erwachsene nicht immer einfach einzuhalten. Ebenso ist die Abgrenzung von Erörterung und Analyse, bzw. von Kritik und Kommentar nur über eine gewisse Schwerpunktsetzung vom Autor zu erschließen und kann durchaus subjektiv anders eingeschätzt werden.


04.01.2011

Schulbücher aus dem Duden-Verlag

Eigentlich wollte ich nicht, dann habe ich aber doch: ich habe wenig Resistenz gegen den Bücherkauf. Also war ich heute mal wieder im Duden-Verlag und habe viel Geld für Bücher dort gelassen. Unter anderem habe ich mehrere Bücher aus der Reihe Basiswissen gekauft (Deutsch, Literatur, Englisch, Politik, Geschichte, Chemie, Physik) das Oberstufenbuch für Deutsch, und das Sachkundebuch für die fünfte und sechste Klasse.
Hier habe ich jetzt den ganzen Abend drin herumgestöbert und bin mal wieder halb verzweifelt. Es gibt noch so vieles, was unsere Quereinsteiger wissen müssten (und beruhigend ist, dass viele Lehrer dies auch nicht wissen) und dass ich gerne noch in die Ausbildung packen wollte. Andererseits muss ich selbst erstmal diese ganzen Themen durchdenken. Zum Glück haben wir diesmal eine Gruppe aus reinen Naturwissenschaftlern. Wir können uns also auf die entsprechenden Themen konzentrieren und für Wirtschaft, Politik und Geschichte zum Beispiel habe ich noch etwas Luft, mich dort intensiver einzuarbeiten.


Rubikon-Modell; was Coaches so treiben

Es freut mich ja, dass mein Artikel zum Rubikon-Modell mittlerweile so hoch platziert ist. Was mich weniger freut, sind manche Verunstaltungen dieses Modells. So finde ich auf der Seite eines Peter Fuermetz eine ganz andere Abbildung dieses Modells, grafisch hübsch aufpoliert, aber leider falsch.
Gegen andere Modelle ist allerdings nichts zu sagen. Sofern ein Modell sensibel entworfen wurde (Sensibilität entsteht aus dem bedachtsamen Abwägen von Wahrnehmungen, Begriffen und Emotionen), ist jedes Modell ein Stück weit sinnvoll und umgekehrt, und das gilt auch für das Rubikon-Modell, nie vollständig und nie vollständig praktisch. Was mich ärgert, ist zunächst nur, dass hier unter einem bekannten Namen ein ganz anderer Inhalt eingeführt wird. An dem konkreten Modell bei Fuermetz fehlt zum Beispiel die Phase der Reflexion; zudem ist das Bedürfnis "nur" die "Energie", die zu einem Motiv führt; schließlich ist die so genannte prädezisionale Motivationsphase diejenige, die zu einem Motiv führt: der Rubikon wird überschritten, wenn ein Mensch sich für dieses Motiv entscheidet. In dem Modell von Fuermetz existiert das Motiv allerdings schon vor dieser Entscheidung. So hat Heckhausen das nicht gemeint. Und wenn man es genau überdenkt, ist diese Anordnung auch unsinnig.
Boshafterweise kann man gerade das Fehlen der "weichen" Phasen des Rubikon-Modells (also der ersten und der letzten Phase, der prädezisionalen und postaktionale Motivationsphase) als ein Zeichen ansehen, dass hier ein blindes Vor-sich-hin-wurschteln  gelehrt wird.


mein Zettelkasten

Nun füge ich schon seit Wochen fleißig die neuen Zettel in meinem Zettelkasten ein. Da ich aber letztes Jahr im Sommer so viel kommentiert habe und dies durch das Spracherkennungsprogramm so schnell ging, habe ich noch eine Menge Arbeit vor mir, neben all den anderen kleineren und größeren Tätigkeiten.
Gestern Abend habe ich allerdings das gemacht, was ab und zu auch mal notwendig ist: der Zettelkasten hat keine Rechtschreibüberprüfung und so wandle ich ihn immer mal wieder in ein Textdokument um, das ich überprüfen kann. Ich habe gestern Abend also ganz profan Fehler im Zettelkasten beseitigt.
Daniel arbeitet an einer neuen Version, auf die ich mich freue. Bisher hat man noch den HTML-Code im Eingabefenster stehen. Demnächst soll es ein WYSIWYG geben. Zudem wird die Datenbank umstrukturiert, so dass der Zettelkasten nicht immer alle Zettel laden muss. Das dürfte für die Geschwindigkeit des Zettelkastens von großem Vorteil sein. Ich habe mittlerweile so viele Zettel, dass er trotz meines hervorragenden Computers manchmal ganz schön schleicht.


03.01.2011

By the way:

Fröhliches neues Jahr!

Semiogene Romane, metasprachliche Transformationen

Diese Kraft des Labyrinths ist die der ERZÄHLUNG: starke, glühende Narrativität → Eine vage, verschwommene Erzählung: fruchtbarer Boden für das Gedeihen von Symbolik (semiogen), während eine starke, sehr gut gegliederte Erzählung das Symbolische blockiert → Nötig wäre eine Abteilung der NARRATOLOGIE, die sich mit den differentiellen narrativen Intensitäten beschäftigen würde → Labyrinth (vgl. Detienne) = mythos = einzige Geschichte (ohne Verzweigung): absolut erinnerbar → Überschuss an Gedächtnis: lähmt, fasziniert, blockiert die metasprachliche Transformation - das, was Mannoni das »Verstehen« nennt → Labyrinth = nichts zu verstehen (lässt sich nicht resümieren).
Barthes, Roland: La Préparation du Roman, auf deutsch: Die Vorbereitung des Romans, Frankfurt am Main 2008, S. 200.
Es ist schade, dass ich dieses Zitat nicht schon früher kannte. Während meines Studiums habe ich meiner Professorin in Literaturwissenschaft eine Arbeit über Konsalik vorgeschlagen. Das führte zu einem recht entsetzten Gesicht. Tatsächlich war diese Arbeit aber gut und hat die Professorin überzeugt. Ich habe damals zum Arzt und zur Wunde geschrieben (und von dort her kommt unter anderem die Methode, Symbole in Texte hineinzukonstruieren, wie etwa bei Pans Labyrinth).
Hätte ich das Zitat früher bekannt, hätte ich besser für meine Arbeit argumentieren können. Tatsächlich schreibt Konsalik "schlechte" , d.h. verschwommene Romane. Gerade dadurch eröffnen sie aber eine Spielwiese für metasprachliche Transformationen. Es gibt viel an ihnen zu verstehen.
Andererseits kann man natürlich jeden Text problematisieren, d.h. mit den entsprechenden Methoden in einem Zustand der Unruhe überführen.





Argumentationen sind …

... geordnete Mengen von Sätzen.
So einfach, lieber Herr P. (und natürlich alle anderen), kann man das definieren.


Minecraft

Mit diesem Spiel habe ich in den letzten Tagen zu viel Zeit verplempert.

Kokons & Labyrinthe

Vor über zwei Jahren habe ich zu Pans Labyrinth einige Anmerkungen geschrieben. Damals ging es um Metamorphosen und Serien. Seit einigen Tagen notierte ich wieder zahlreiche Ideen zu diesem Film und zu Avatar - Aufbruch nach Pandora. Avatar zeigt (ich sagte es schon) bemerkenswerte Korrespondenzen zu Pans Labyrinth, so zum Beispiel das ganze Spiel der Metamorphosen, die sich in mehreren konflikthaften Serien überkreuzen. 

Kokons
Camerons Filme sind für eine bestimmte Form der Metamorphose sowieso sehr fruchtbar, die man unter dem Begriff des Kokons zusammenfassen könnte. Sowohl die Raumschiffe, als auch die U-Boote, sowohl die Roboter, in die sich die Menschen setzen, als auch die Menschen selbst (Aliens) können solche Kokons, solche Laboratorien der Transformation sein. Am deutlichsten wird dies an Jack Sully in Avatar.
Dabei ist Kokon ein Begriff, der ein Verhältnis beschreibt, das zugleich zeitlich und räumlich ist. Zumindest in einigen Fällen organisiert sich dieses Verhältnis über die Opposition von "Tätigkeiten", so zum Beispiel die technischen Kokons in Avatar, die zugleich träumen/wachen in zwei parallel geführten Serien organisieren, oder die Parasiten in Aliens, die leben/sterben in eine konflikthaften Konvergenz treiben.
Verwandt sind Begriffe wie Prothese (zum Beispiel der Rollstuhl von Jack Sully) oder Parasit.


Labyrinthe
Doch das nur so nebenbei.
In Pans Labyrinth verirren sich die Menschen in verschiedenen schrecklichen Labyrinthen. Diese lassen sich (wie jedes Labyrinth) geometrisch beschreiben, sind jedoch im Unterschied zur "reinen" Geometrie nicht abstrakt ideell, sondern konkret ideell.
Die erste Form des schrecklichen Labyrinths ist die leere Fläche. Sie kann ein weißes Blatt, aber auch eine unbemalte Wand sein. Ihr fehlt jeglicher Anhaltspunkt; ihr Horror ist die Gleichwertigkeit jeglicher Wahl. Jedes dieser Labyrinthe hat einen Bezug zur Unverantwortlichkeit. Die leere Fläche kann deshalb zu keiner Verantwortlichkeit führen, weil der Raum unstrukturiert ist. Auf der anderen Seite führt natürlich jedes Ereignis, das diese Leere "beschreibt", bzw. eine Markierung in diese setzt, zu einer schrecklichen Eindeutigkeit. Diesem ersten Ereignis fehlt die "Grammatik", der Bezug zu anderen, ähnlichen Ereignissen.
Die zweite Form des schrecklichen Labyrinths ist der einzelne Punkt. Die schwangere Mutter, das Versteck der Partisanen, die Vorratskammer, die Höhle der Kröte: all dies sind einzelne Punkte. Er bildet eine Art Hohlraum, in dem der einzelne nicht nur ein gesperrt wird, sondern indem er sich auch gleichsam von außen nach innen stülpt. Der Mensch verfängt sich in seinem eigenen Denken. Die Szene mit der Kröte ist schon nicht mehr Symbol dieses Zustands, sondern sein Exzess. Am Ende erbricht sich die Kröte und bleibt als leere Haut zurück.
Auch diese Art des Labyrinths hat ihren Bezug zur Verantwortungslosigkeit: der Raum wird asozial, ohne den anderen. Im Film kann man dies wunderbar an Mischformen studieren, so zum Beispiel bei der Mutter, die sich gegenüber Ophelia mehr und mehr abkapselt und schließlich stirbt (Sarg = Punkt = Labyrinth). Gegenüber dem Hauptmann dagegen spielt sie das leere Blatt, während die Schwangerschaft zu der dritten Form des Labyrinths führt.
Die dritte und letzte Form des Labyrinths ist die gerade Linie. Die gerade Linie bietet überhaupt keine Wahlmöglichkeiten. Sie entsteht aus den Begrenzungen durch Zwang oder erpresserische Liebe, aus der Notwendigkeit des Sieges oder der Säuberung, aus dem Willen zu überleben oder der Angst vor dem Tode. Oft ist die gerade Linie mit einem Ultimatum verknüpft, das mehr oder weniger präzise gestellt wird. So muss das Essen um 7:00 Uhr abends auf dem Tisch stehen und der Sohn schließlich geboren werden. Auch die märchenhaften Aufgaben des Pans sind an eine konkrete Reihenfolge und ein eindeutiges Ultimatum geknüpft.


Die Schrift
Es gibt allerdings zu allen drei Formen des Labyrinths eine vierte Form, die der Schrift. Die Schrift stellt sich den Geometrien des Schreckens gegenüber, weil sie interpretiert werden muss. Sie hat eine Grammatik. Daraus (aus der Interpretation) entsteht die Verantwortung. Zugleich ist es die Grammatik, die das einzelne Zeichen singularisiert, aktualisiert und konkretisiert, indem sie es in ein einzigartiges Netz von Konfigurationen einspinnt.
Roland Barthes schreibt in Bezug auf Marcel Proust, bei ihm tauche das Labyrinth als syntaktische Struktur auf (in: La Préparation du Roman). Daran arbeite ich zur Zeit.