03.09.2016

Raus aus dem Elfenbeinturm

In letzter Zeit habe ich mich gelegentlich darüber geärgert, dass sich die Fachwissenschaftler so wenig darum zu kümmern scheinen, wenn ihr eigenes Fach in der öffentlichen Debatte verhunzt wird. Das hat mich schon damals, als Eva Herman mit ihrer „internationalen Bindungsforschung“ kam, ziemlich verwundert. Eva Herman zitiert zwar, soweit ich sie gelesen habe, weitestgehend richtig, aber sehr ausgewählt, und kommt dann zu weitreichenden Schlüssen, die die Forschung nicht mehr bestätigen kann.
Neulich habe ich mir das Parteiprogramm der AfD angesehen. Darin werden Thesen zur kulturellen Evolution angedeutet. Ich bin noch nicht dazu gekommen, dies aufzubereiten. Aber aus recht einfachen Gründen sind diese Thesen komplett falsch. Gerade in den letzten 15 Jahren gab es sowas wie eine Rückkehr evolutionärer Thesen in den Kulturwissenschaften. Aber ob man nun Niklas Luhmann, Gabriel Tarde, André Leroi-Gourhan oder Michael Bachtin nimmt: alle diese doch recht unterschiedlichen Wissenschaftler werden die Parteitagspunkte der AfD nicht bestätigen können.
Neulich (Lesekompetenz) hatte ich schon bemängelt, dass der gender-Begriff nicht genügend in der Öffentlichkeit besprochen worden ist. Es haben sich hier zu wenig all diejenigen Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die diesen Begriff vertreten, und die ihn dann auch erklären können sollten. So aber hat sich tatsächlich der Eindruck aufgedrängt, als sei dieser Begriff aus dem Nichts heraus hervorgezaubert worden.
In dieselbe Richtung, wenn auch auf einem ganz anderen Gebiet, dem der Ökonomie, weist Monika Schnitzer, die Professoren für Wirtschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ist:
Immer mehr Menschen in Europa fühlen sich unbehaglich, ja benachteiligt. Wie besorgniserregend ist das?
Schnitzer: Das ist sehr besorgniserregend, zumal diese Menschen auch eine Aversion gegen Experten entwickelt haben und schwer für Argumente zugänglich sind. Wir müssen dennoch alles daransetzen, dass diese Menschen nicht von radikalen politischen Kräften erfolgreich umgarnt werden. Wir alle, ob Politiker, Ökonomen oder Journalisten, müssen uns mit den Sorgen dieser Menschen beschäftigen.
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Also mehr Fakten-Checks wie in der ARD-Sendung „Hart aber fair“?
Schnitzer: Genau. Wir müssen mehr Aufklärung und Volksbildung betreiben, ein Thema, das unseren Verein für Socialpolitik derzeit besonders umtreibt. Wir wollen als Ökonomen die Hörsäle verlassen und in die Schulen gehen. Dort wollen wir mehr Verständnis für wirtschaftliche Themen wecken und Berührungsängste abbauen. Denn es ist klar: Wir brauchen mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen.
Bleibt zu sagen, dass wir nicht nur mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen brauchen, sondern in der Bevölkerung insgesamt. Und ebenso bräuchten wir mehr Verständnis dafür, was Kultur ist und wie sich Kultur verändert. Das wäre übrigens nicht so schwer zu vermitteln, weil Kinder leicht an sich selbst erfahren, dass sich der Blick auf Dinge ändert, dass neue Ideen dazukommen und alte verworfen werden, und dass das nicht nur Lernen ist, sondern ebenso kultureller Wandel.
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