05.09.2016

Lesekompetenz II

Ob es denn besonders wichtige Methoden gäbe, die man für eine Lesekompetenz trainieren müsse, so fragte mich jemand und verwies auf meinen Artikel über die Lesekompetenz.

Objektive und subjektive Leseerfahrung

Ja und nein, kann man dazu sagen. In der westlichen Schulbildung (und von anderen habe ich keine Ahnung) gibt es einen ausgesprochenen Hang, Texte metasprachlich zu lesen, d. h. den Text zum Objekt zu machen. Selbst Textsorten, von denen man meinen sollte, dass sie vor allem subjektive Leseerfahrungen wiedergeben, wie zum Beispiel Rezensionen, werden in ein objektivierendes Vokabular eingepackt. Die zentrale Aussage des objektiven Lesens ist diese: »Ich lese den Text.«
»Ich lese mich (selbst) durch den Text hindurch.« – Eine solche Aussage bezieht sich auf die Selbsterfahrung und darauf, dass sich ein Lesevorgang nie wirklich zu Ende bringen lässt und immer etwas Offenes bleibt. Dies ist das subjektive Lesen, welches sich nur insofern auf die Metasprache stützt, um auch daraus eine Konnotation zu machen. Die Konnotation kann als ein Einfall verstanden werden, der zugleich über den Text und den Leser etwas aussagt.

Lesetechniken

Aber das war ja nicht die Frage. Nun, es gibt tatsächlich einige Techniken, die ich für recht wichtig erachte.

Fragen an das Thema

Eine erste Technik, um dem eigenen Lesen mehr Halt zu geben, besteht darin, Fragen an das Thema aufzuschreiben. Und ich spreche hier tatsächlich vom Aufschreiben, nicht nur vom Formulieren. Der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen ist zweierlei: durch das Aufschreiben wird die Frage besser verinnerlicht und leitet so das Lesen besser; wenn man Fragen nur in Gedanken formuliert, ist man gerne schlampig: durch das Aufschreiben präzisiert man häufig, was man lernen möchte. Drittens kann man aber, und das ist auch noch ein sehr wichtiger Aspekt, später auf diese Fragen zurückgreifen. Denn beim gedanklichen Durchdringen eines Textes ist es wichtig, das Gelesene partiell zusammenzufassen. Und das kann man mithilfe von Fragen sehr gut. Diese Fragen muss man nicht unbedingt vorher formulieren. Allerdings ist es ein ganz angenehmer Effekt, wenn man vorher eine Frage hat, diese hinterher dann beantwortet. Dadurch ergibt sich so etwas wie ein Effekt der Kontinuität.

Punktuelles Lesen, Begriffe und Alltagsdefinitionen

Nun ist das nicht unbedingt meine Technik, auch wenn ich weiß, dass einige Menschen damit gut zurecht kommen. Mir geht es immer so, dass ich, sobald ich anfange, Fragen aufzuschreiben, so viele Fragen habe, dass ich gar nicht mehr zum Lesen des konkreten Textes kommen würde.
Also beginne ich anders. Zunächst blättere ich das Buch durch, lasse dabei meine Aufmerksamkeit auf der einen oder anderen Stelle ruhen und schreibe mir Begriffe heraus, die mir auffallen. Wenn ich genügend Begriffe gesammelt habe, definiere ich diese Begriffe. Manchmal benutze ich dazu Alltagsdefinitionen, also das, was mir im Moment dazu einfällt, egal wie gewöhnlich das auch sein mag. Oft nutze ich aber meinen Zettelkasten dazu, der mir zu vielen Themen bereits Substanzielles bieten kann: eine gewisse Kontinuität in meinen Themen ist dabei natürlich von Vorteil.

Teilüberschriften finden

Diese Technik wird in der zweiten Klasse eingeführt (zumindest in allen Lehrbüchern des Cornelsen-Verlags). Ich benutze diese Technik ständig. Da der Zettelkasten (von Daniel Lüdecke) für jeden Zettel eine Überschrift anbietet, und da es ganz nützlich ist, seine Zettel mit solchen Überschriften zu versehen, fülle ich dieses Feld natürlich immer aus. Wenn ich mich mit einem Buch beschäftige, was ich meist mithilfe meines Spracherkennungsprogrammes mache, lese ich einen Abschnitt, fasse diesen in einer Überschrift zusammen, und meist folgt dann ein Zitat oder ein Kommentar zu der Stelle, mitsamt eines Verweises in das Buch hinein, also der Seitenzahl.
Irgendwann später schaue ich mir dann die Überschriften noch einmal an und erstelle so etwas wie eine Lesesynopse.
Aber eigentlich ist die Teilüberschrift etwas viel einfacheres: zu jedem Absatz, bzw. zu jedem Sinnabschnitt wird eine Überschrift formuliert. Manchmal umfasst eine Teilüberschrift mehrere Absätze, wie dies bei populärwissenschaftlichen Büchern häufig der Fall ist: hier dehnen zahlreiche Beispiele die Kernaussage häufig aus; oder ein Absatz muss in mehrere Abschnitte zergliedert werden, weil darin eine argumentative Bewegung sichtbar wird, die sich nur schlecht in eine einzelne Überschrift zusammenfassen lässt. Kant zum Beispiel.

Skizzieren

Ganz sinnvoll ist auch die Verwendung eines ganz anderen Mediums, gerade, wenn man einen besonders schwierigen oder unübersichtlichen Text erfassen möchte. Bei diesen Skizzen verwende ich ganz unterschiedliche Formate, gelegentlich sind es Mindmaps, manchmal sind es Modelle der Beeinflussung (das sind dann meist Begriffe, die durch Pfeile miteinander verbunden sind; an den Pfeilen steht meist ein entsprechendes Verb, um den Einfluss zu präzisieren), usw. – ich habe hier keine feste Methode.

Unterrichtseinheiten entwerfen

Eine etwas ungewöhnliche, aber bei mir dann doch naheliegende Methode, ist die, zu einem Text eine Unterrichtseinheit zu entwerfen, also eine Abfolge von einigen wenigen Unterrichtsstunden. Ich frage mich dann, wie ich das, was ich gerade gelesen habe, am besten anderen Menschen beibringen könnte. Dazu sammelt man Lernziele (ein Grobziel, Stundenziele, Feinziele, eventuell auch ein Richtziel, obwohl dieses über die Unterrichtseinheit oftmals weit hinausgeht), ordnet diese, entwickelt dazu Handlungsmöglichkeiten, die die Schüler am Ende jeder Stunde können sollen, usw.
Tatsächlich nützt mir eine solche Behandlung eines Themas oftmals besonders viel, da ich dadurch eine ganz andere Klarheit in meine Gedanken bringen kann.

Schluss

Das sind einige der Möglichkeiten, wie man seine Lesekompetenz trainieren kann. Tatsächlich hängt über meinem Schreibtisch eine Mindmap, in deren Mitte die „Lesetechnik“ PQ4R (preview, question, read, reflect, recite, review) steht. Darum herum versammeln sich die sechs Begriffe, die sich unter dieser Abkürzung verbergen. Allerdings habe ich diese dann noch weiter aufgeteilt, sodass sich in dieser Mindmaps ein zweiter Ring befindet, der auch nicht alle, aber doch zumindest einige der mir wichtigen „Handlungen am Text“ aufzählt.
Insgesamt glaube ich aber, dass jeder Mensch sich sein eigenes Methodenrepertoire zulegen sollte. Die Betonung liegt hier auf der Methode selbst; diese ist eine wiederholte Handlung. Der Vorteil einer Methode ist, dass man früher und schneller mit ihr abschätzen kann (wenn man sie hinreichend gut beherrscht, d. h. hinreichend gut geübt hat), was für einen selbst in einem Text hilfreich ist.
Bleibt noch zu sagen, dass zwei Sachen mir beim Lesen auch noch wichtig sind: die eine ist die Zusammenfassung, also das Komprimieren eines Textes auf wenige Kernaussagen, und das andere ist das Treibenlassen, also eine Art freier Assoziation, wobei ich nicht Wörter assoziiere (wie bei einer Mindmap oder beim Freewriting), sondern Fragmente, also schon irgendwie geordnete Textstücke.
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