06.09.2016

Dieser Streit um Worte

Žižek bleibt für mich weiterhin faszinierend. Nebenher lese ich wieder viel Lacan, d. h. vor allem Sekundärliteratur zu Lacan. Dummerweise nämlich gehören die Lacan-Bücher in der Unibibliothek zum Präsenzbestand, zumindest in ihrer deutschen Übersetzung. Und an die französische Fassung mag ich mich nicht wagen; ich besitze zwar vier Bücher von Lacan auf Französisch (die alte, zweibändige Ausgabe der Écrits, in der noch einige wichtige Schriften fehlen; zudem das erste und das vierte Seminar), doch hat mir eine kleine Passage aus Position de l'inconscient deutlich vor Augen geführt, dass ich nur mit sehr viel Mühe zugleich das Französisch von Lacan und seine Form der Psychoanalyse lesen kann.

Derrida und Žižek

Doch darum soll es hier gar nicht gehen. In seinem Buch Denn sie wissen nicht, was sie tun kritisiert Žižek die Hegel-Lektüre Derridas. Bekanntlich bildet ein Kernstück der hegelschen Philosophie der dialektische Gang These-Antithese-Synthese, wobei die Antithese die These negiert, die Synthese die These samt ihrer Negation in einen umfassenderen Begriff „aufhebt“. Am Ende stünde dann das absolute Wissen, in dem jeder Widerspruch aufgehoben ist, und der Weltgeist, für den (salopp gesagt) Geist und Welt identisch sind.
Eine solche vollkommene Identität, schon den Weg dorthin, muss natürlich ein „Theoretiker der Differenz“, unter anderem also auch Derrida, kritisieren. Die Identität ist nur aufgrund der Differenz möglich, und weil die Differenz der Identität vorausgeht, ist die Identität nichts Feststehendes, sondern gleitet entlang des Risses, der diese Identität durchzieht.

Žižek dagegen präsentiert eine ganz andere Lektüre von Hegel. Žižek liest die Negation gerade nicht als eine Verneinung, sondern als eine Art Extremposition der These selbst. Žižek begründet das damit, dass sowohl die These als auch die Negation zum Symbolischen gehören. Und wie Žižeks eigentlicher Lehrmeister, Jacques Lacan, geht er von dem sprachlichen System aus, dass der französische Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure beschrieben hat: die Sprache (langage) ist ein System aus Differenzen, welches durch die Rede (parole) aktualisiert wird, aber eben nie vollständig, sondern immer nur punktuell: man kann die gesamte Sprache nicht auf einmal sprechen.

Nun ist die Weiterführung in die Synthese bei Žižek reichlich kompliziert. Das möchte ich hier nicht darstellen.
Was ich witzig finde, ist, dass Žižek nun zu der Schlussfolgerung kommt, dass Derrida zwar Hegel falsch liest, aber doch eigentlich Hegelianer ist, weil er genauso wenig von der absoluten Differenz ausgeht, wie Hegel selbst. Und hier schleicht sich dummerweise in diese Argumentation ein Fehler ein: denn Derrida liest Hegel schon genau richtig, bzw. er liest Hegel in dem Sinne richtig, als er ihn im Lichte der wichtigen Hegelinterpretationen liest. Und nicht gegen Hegel, zumindest nicht direkt, verwahrt sich Derrida, sondern zunächst gegen die Hegelinterpretation. Nichts anderes aber macht Žižek. Und stellt dann rundheraus fest, dass Derrida nicht nur ein Hegelianer ist (was ziemlich unbedeutend wäre, denn Derrida hat die hegelianische Dialektik nie vollständig, nie absolut kritisiert), sondern vor allem ein Žižekianer, der dann doch genauso philosophiert, wie Žižek das gerne haben möchte. Wo Žižek war, wird Derrida schließlich ankommen.

Selbstimmunisierung

Ich schicke zur Vorsicht noch einmal voraus, dass ich Žižek eigentlich noch gar nicht verstanden habe. Was ich an seinem Werk so faszinierend finde, ist, dass er dadurch, dass er sowohl das ausgeschlossene Dritte als auch den Widerspruch selbst, die statische wie die dynamische Betrachtung in ein System zu integrieren weiß, sondern ihm auch jeden Widerspruch gegen ihn selbst oder stellvertretend gegen seine Lehrmeister Lacan und Hegel (und in gewissem Sinne auch Marx) zu parieren gelingt.
Etwas bösartig müsste man also sagen, dass Žižek es geschafft hat, eine völlig paranoides und narzisstisches System auf einem höchst intellektuellen Niveau zu platzieren. Das ist ein hübscher Gedanke. Allerdings sollte dieser Gedanke die Leser nicht abschrecken: schließlich ist ein Autor nie Herr über seine Werke. Und insofern ist Žižek, weil und obwohl er Žižek ist, ziemlich lesenswert.
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