14.09.2016

Die Wiederkehr der ersten modernen Europäer!

Nicht ohne Grund darf ich die Mitglieder der AfD als die Rückkehr des ersten modernen Europäers bezeichnen. Wer war der erste moderne Europäer? Das war Don Quichotte, der über dem Lesen von Ritterromanen verrückt geworden ist; und erst kurz vor seinem Tode und als Anzeichen seines nahenden Todes kam er wieder zur Vernunft.

Der Kampf gegen die Gender-Ideologie

Gender zieht immer, Gender ist ein Reizbegriff, und dementsprechend gibt es entsprechende Aufmerksamkeit im Parteiprogramm dafür. Unwissenschaftlich sei es, und: abgeschafft gehöre es. Ein Riese sei es also, ein ganzes Feld von Riesen, die ihre klobigen Arme schwingen, und gegen die Don Meuthen ergriffen anstürmt, auf seiner Petrynante höckend. Die johlenden Kinder dazu bringt dann die Klapper-Storch.
Aber sieht man sich die Parteiprogramme der anderen Parteien an: da ist nichts Riesenhaftes zu finden. Zwei Absätze im Programm der Grünen, nicht mal eine Seite, in einem fast hundert Seiten fassenden Programm, und die dann auch noch nicht mal zum Gender Mainstreaming. Freilich: die konservative Presse - nehmen wir mal die Welt - hat dazu viel geschrieben, viel und laut. Alexander Kissler hat es zum Beispiel nicht nur geschafft, aus einem Parteitag der Grünen eine Nahtlosdiskussion über den Gender-Gap zu machen, sondern war sich auch nicht schade genug, das Ganze mit der faustdicken Lüge zu garnieren, die Grünen hätten nichts über Migration, nichts über wachsenden Terror zu besprechen gehabt. Dass das, was er als Kern des Parteitages in den Mittelpunkt gestellt hat, eine kurze, und wohl auch relativ unwichtige Diskussion war, das haben dann die Welt-Leser nicht erfahren.

Die AfD ist entschieden unwissenschaftlich

Meine Klage war, zumindest in den letzten anderthalb Jahren, vermehrt, dass die Gender-Theorie vereinfache, sich nicht wissenschaftlich weiterentwickeln würde, dass sie zum Beispiel auch die Herausforderung der Biologie nicht annehmen würde. Stehe ich damit auf der Seite der AfD?
Keineswegs. Die AfD wirft der Gender-Theorie vor, sie sei unwissenschaftlich. Das ist aber eindeutig falsch, denn die Untersuchungen, die veröffentlicht werden, entsprechen schon wissenschaftlichen Standards. Was die AfD damit wohl eher sagen will, ist, dass die Gender-Theorie unwahr (=falsch) oder nicht intelligent sei.
Wahrheit ist aber nicht das vorrangige Ziel von Wissenschaft. Man muss Wissenschaft heute als ein operatives System begreifen, welches zwar mit Wahrheiten operiert, aber vor allem dazu gut ist, zwischen Wahrheit und Falschheit zu vermitteln, also kein dogmatisches, sondern ein operatives, funktionelles Verhältnis herzustellen. Wenn die AfD nun der Gender-Theorie vorwirft, sie sei falsch, verhält sie sich sogar in doppeltem Sinne unwissenschaftlich: erstens verleugnet sie die wissenschaftlichen Standards, nach denen die Gender-Theorie ihre Publikationen auswählt; zweitens verleugnet sie aber das operative Verhältnis der modernen Wissenschaft, ein Verhältnis übrigens, das weit älter ist als die Gender-Theorie. Letzteres ist auch wesentlich gefährlicher, führt es doch in seiner Konsequenz weit hinter Immanuel Kant, noch hinter Christian Wolff zurück. Und wäre es nicht überall augenfällig, dass der Nominalismus trotz allem die letzten tausend Jahre hartnäckig überlebt hat, so müsste man sagen, dass uns die AfD mit einem solchen Wissenschaftsverständnis tief ins Mittelalter zurückführt und damit auch in ein Zeitalter dogmatischer Glaubenssysteme.

Gender-Intelligenz

Wir haben nun die Beschwerde, die Gender-Theorie sei nicht wissenschaftlich und nicht wahr, zurückgewiesen. Ist die Gender-Theorie aber intelligent? Mein Problem mit dem Intelligenzbegriff ist hinlänglich bekannt (denen, die meinen Blog seit längerer Zeit lesen). Fassen wir Intelligenz hier in einem weniger wissenschaftlichen als alltäglichen Begriff, nämlich als die Fähigkeit, sich in vielfältiger Weise auseinanderzusetzen.
Und tatsächlich habe ich hier ein Problem. Erstens hat die Gender-Theorie die Herausforderungen der Biologie nicht angenommen. Man hätte doch zumindest die Frage nach dem Menschen als auch biologisches Wesen ernst nehmen können, sobald der Vorwurf laut wurde. Konterkariert wurde dies ja noch durch die mangelhafte Aufnahme der Neurophysiologie in den Massenmedien. Dort haben sich die Menschen manchmal geradezu begierig auf jeden biologischen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Gehirn gestürzt, ohne auch nur einmal über die Reichweite einer solchen Erkenntnis nachzudenken.
Es ist, wie ich nun, nach mehreren Jahren der Auseinandersetzung, sagen kann, aber sogar recht einfach, den Gender-Begriff biologisch plausibel zu machen. Plausibel, denn wie ich oben schon geschrieben habe, kümmert sich die Wissenschaft nicht vorrangig um Wahrheit.
Unintelligent ist also, dass die Vertreter der Gender-Theorie sich um dieses Feld nicht genügend und/oder nicht öffentlich genug gekümmert haben. Es ist vor allem dann unintelligent, wenn man in der gesamten Gesellschaft von einer Rückkehr unwissenschaftlicher Glaubenssysteme sprechen muss. Wissenschaft konnte solange unpolitisch sein, solange sie in gewisser Weise durch das politische System geschützt war. Vielleicht hat sie das auch bequem gemacht. Vielleicht ist die Diskussion der Ergebnisse in und mit der Bevölkerung tatsächlich verpasst worden. Heute jedenfalls erscheint es mir dringlicher denn je, diese Diskussion auf breiter Basis wieder aufzunehmen und zu retten, was zu retten ist. Jedenfalls ist es ein schlimmes Zeichen, dass eine AfD mit völlig obskuren Behauptungen ihr Parteiprogramm füllt und dass es öffentliche, eigentlich schon altgediente Medien wie die Welt gibt, die sich mit einfach zu widerlegenden Falschmeldungen ihre Spalten füllen.
Das ist nämlich noch viel unintelligenter als die Gender-Theorie (in ihrer derzeitigen Ausprägung).

Bildung

Auch zur Bildung fällt mir bei der AfD wenig ein außer Kopfschütteln und Entsetzen. Vielleicht ist der AfD noch nicht aufgefallen, dass unser Bildungssystem sich recht selbstzufrieden in ihre anfänglichen Erfolge eingeigelt hat. Und die sind ja unbestritten. Lange Zeit war das duale Ausbildungssystem erfolgreich und damit zeitgemäß. Aber man wird einen Opa nun schlecht durch einen Uropa ersetzen können. Wenn drei mutige Schritte nach vorne gefordert sind, weicht die AfD zurück.
Dass Kompetenzen nur über Inhalte vermittelt werden können, ist nie bestritten worden. Wie? und Was? lassen sich theoretisch trennen, aber nicht in der Praxis. Die AfD tut so, als würde genau das passieren. Tatsächlich muss sich natürlich dieser Eindruck einschleichen: Kompetenzen sind nicht mehr spezifisch an einen bestimmten Inhalt gebunden. Sie sind im Ergebnis oft interdisziplinär und so werden sie auch häufig dargestellt. Erlernt werden sie aber über spezifischen Stoff; ein Blick in die Schulbücher genügt, um zu sehen, dass dies immer noch so ist.
Ein ganz anderes Problem ist die Diagnostizierbarkeit: ob eine Kompetenz bereits so gelernt worden ist, dass sie im Denken eines Kindes eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt hat, kann nur über gewisse Transferleistungen festgestellt werden, also der Fähigkeit eines Kindes, eine Kompetenz auf ein neues Gebiet zu übertragen. Solche Transferleistungen sind aber gelegentlich "zarte Pflänzchen". Man müsste, als Lehrer, mehr Zeit mit einem einzelnen Kind verbringen können, als dies in einer Schulstunde mit 24 oder mehr Kindern möglich ist.
Unser Bildungssystem müsste mutiger modernisiert werden. Veränderung, wie die AfD sie will, ist aber nur Veränderung, noch nicht Modernisierung.

Don Quichotterien

Der erste große europäische Roman stellt einen Ritter von trauriger Gestalt in den Vordergrund. Darin wird ein verarmter Landedelmann über dem Lesen fiktiver Abenteuerberichte verrückt und beschließt die Welt vor den allseits drohenden Gefahren zu retten. Heute sind diese traurigen Ritter zu Tausenden unterwegs; sie gründen eine Partei, sie lesen die Pamphlete ehemaliger Katzenautoren und selbsternannter Terrorerklärern. Irgendwann schwingen sie sich auch auf ihre Rosinanten und werden die Riesen mit den klobigen Armen suchen. Begleiten müssen wir sie nicht dabei. Niemand in Deutschland nennt sich Sancho Pansa. Und Wissenschaft kann schließlich auch ein Abenteuer sein. Oder?
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