02.05.2014

Noch einmal Dobelli: Denkfehler und Kohärenz

Ich mag dieses Buch nicht, dieses Buch von Dobelli, das Die Kunst des klaren Denkens heißt. Immer noch bin ich der Überzeugung, dass eine gute Einteilung der Merkmale viele Probleme anders darstellt und sich daran andere Argumentationen anschließen. Seit einigen Jahren bringe ich meinen Kunden als erstes bei, die Merkmale zu sammeln, zu gewichten und zu typologisieren. Denn das, was man üblicherweise Argumentation nennt, der Schluss und die Schlussfolgerung eben, sind dann nur noch billige Formalien.

Kohärenz

Hinter den ganzen Beispielen, die Dobelli aufzählt, gibt es ein gemeinsames Prinzip: das Prinzip der Kohärenz. Anders gesagt: nimmt man zwei Merkmale gleichzeitig wahr, muss eine Verbindung gedacht werden. Dabei gibt es drei typische Unterformen: einmal die Kausalität und einmal die gemeinsame Funktion, die sich wieder aufteilen lässt in "funktioniert nur zusammen" und "muss nacheinander benutzt werden". Als dritte Unterform schließlich kann man den Gegensatz nennen.
Anders ausgedrückt: wir neigen dazu, auch eher zufällige oder relativ unabhängige Ereignisse als eine Kausalität zu denken. Das eine muss Ursache und das andere Wirkung sein. Oder: das eine ist der Ausgangszustand, das andere der Endzustand; und dahinter findet sich eine treibende Kraft. Letzteres Spiel ist bei den Astrologen sehr beliebt. Nicht du hast dich doof benommen, sondern Uranus hat gravierende Strahlen zu dir ausgesendet.

Junge Schriftsteller

Was zusammen genannt wird, muss auch irgendwie zusammen gehören. Dieses Spiel ist zum Beispiel in Schreibratgebern beständig zu finden. Da steht dann zum Beispiel "Jeder Roman braucht ... Konflikte". Und schon rennt man dem großen, dem dramatischen, dem weltbewegenden Konflikt hinterher. Aber wer zum Teufel sagt uns denn, dass es so sein muss?
Ich möchte damit gar nichts gegen Konflikte sagen. Was mir allerdings auffällt, ist, dass die Konflikte so sehr in den Mittelpunkt gestellt werden, dass eine Geschichte zu erzählen gleichbedeutend ist mit einem Konflikt zu dramatisieren; dabei fällt vieles als nebensächlich unter den Tisch. Oder es wird nur noch als Werkzeug verstanden. Dass ein Text alleine wegen seiner Sprache schön sein könnte, das fällt dann vielen nicht mehr ein. Und es gibt tatsächlich Romane, die ohne einen großen Konflikt auskommen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Der Bildverlust von Peter Handke. Das ist ein toller Roman. Aber einen echten Konflikt findet man darin nicht.
Weil es aber dicht beieinander steht, wertet man die Konflikte als besonders oder sogar als alleinig relevant.

Gestaltgesetze

Am besten bekannt ist dieses Prinzip der Kohärenz von den Gestaltgesetzen. Diese werden immer für visuelle Medien thematisiert, seltener für symbolische. Für die symbolischen Medien (aber nicht nur für die) gibt es aus der Literaturwissenschaft einen höchst nützlichen Begriff: den der Isotopie. Als Isotopie bezeichnet man eine Ebene, auf der ein Merkmal mit bestimmten Begriffen eines Textes verbunden ist. Dabei kann es sich um ganz sinnlichen Merkmale handeln, wie zum Beispiel rot, dunkel, bewegt, und anderes. Es kann sich allerdings auch um sehr abstrakte Begriffe behandeln wie gerecht, kinderlos, altertümlich, usw.
Solche Isotopien laufen unterhalb eines Textes mit und falten die rein syntaktische Ebene, die ein reines Nacheinander ist, zusammen. Dabei gibt es relativ deutliche Faltungen, zum Beispiel die Figuren eines Romans. Jedes Mal, wenn ich einen Peter erwähne, bildet sich eine solche Schleife. Figuren sind relativ einfache Faltungen. Man kann zum Beispiel bei Rilke und Kleist eine Isotopie bilden, die sich „Aufwärtsbewegung“ nennen lässt. Dabei geht es um typische Bewegungen nach oben. Das wiederum ist eine sehr unübliche Isotopie.

Klassiker

Dobelli missachtet solche Klassiker. Es müssen nun nicht gerade literaturwissenschaftliche Begriffe sein. Tatsächlich gibt es hier viele äußerst nützliche Konkurrenzunternehmen. Aber es ist schon echt erstaunlich, wie alt teilweise das Wissen ist, was uns dieser Autor in seinem Bestseller verkauft.

Die Gewichtung von Merkmalen also, die Einteilung der Argumente und die Ordnung der Urteile, damit hätte sich viel mehr erreichen lassen als mit den zahlreichen Beispielen, die Dobelli gibt und denen er keinerlei tiefer gehende Theorie beifügt. Falsch sind die Beispiele nicht, aber oberflächlich und unsystematisch. Keinesfalls aber ist sein Buch, wie der Klappentext verspricht, grundseriös.
Eine fundierte Grundlage bietet zum Beispiel das Buch Einführung in die Semiotik von Umberto Eco.

Die Theatralisierung des performativen Selbstwiderspruchs

In dem Buch findet sich zum Beispiel die Bestätigungsfalle als Denkfehler. Mit der Bestätigungsfalle ist gemeint, dass wir eine Information eher glauben, wenn sie unsere Annahmen und unser Weltbild bestätigt. Wenn wir zum Beispiel sowieso schon einen Groll auf eine Kollegin hegen, suchen wir nach weiteren Beispielen, die unseren Groll bestätigen. Problematischer ist das dann, wenn wir uns fast gezwungen sehen, uns solche Beispiele zu erfinden. Dann entsteht leicht der Vorwurf der üblen Nachrede. Aber schon vorher sollte man mit einem solchen Wissen äußerst vorsichtig umgehen.
Eine Möglichkeit, seine Ware an den Mann zu bringen, ist die Bildung von Oberbegriffen, die sich eindeutig gut oder eindeutig schlecht anhören. Und da man fast sämtliche Phänomene mal in eine solche gute oder schlechte Kategorie einordnen kann, kann man auch dasselbe mal verkaufen, mal die Menschen vom Kauf abhalten.
Nehmen wir dafür Dobelli selbst als Beispiel. Wer würde schon das klare Denken ablehnen? Wer möchte schon Denkfehler begehen? Der Titel von Dobellis Buch selbst wird fragwürdig, wenn man das Buch von Dobelli liest. Im Prinzip sagt er uns: Achtung, hier habt ihr ein Buch gekauft aufgrund einer Entscheidung, die ein Denkfehler ist. Konsequenterweise müssten wir jetzt das Buch zurückgeben und das Geld zurückverlangen.
Fast genau dasselbe schreibt Dobelli wenige Seiten später zu den Statussymbolen und der Autoritätenfalle. Ein Experte braucht solche Statussymbole, damit er erkannt wird. Allerdings geht es hier nur um das Erkennen, nicht um die Möglichkeit, ein solches Expertentum tatsächlich auszufüllen.
Wenn man sich also das Buch von Dobelli gründlicher anschaut, sich also darauf hin anschaut, was er sagt und was er tut, dann finden wir teilweise scharfe Widersprüche. In der Logik nennt man solche Widersprüche zwischen Inhalt und Form performative Selbstwidersprüche.
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