13.05.2014

Die notwendige und die nicht notwendige Grammatik

Videos

Die Videos habe ich in den letzten Wochen ruhen lassen müssen, weil bei mir einfach zu viel Chaos im Leben geherrscht hat. Seit einigen Tagen bin ich wieder am Ausprobieren. Die schöpferische Pause hat mir ganz gut getan. Zu Beginn einer neuen Tätigkeit entwickelt sich die Fantasie langsam.

Unterricht

Ich habe in einer Schule unterrichtet. Eine Stunde hat ganz wundervoll angefangen. Die Schüler mussten sehr lachen (weil ich herumgealbert habe) und waren hoch motiviert. Und dann habe ich einen ganz großen didaktischen Fehler begangen: ich habe die Schüler nicht schnell genug zum Handeln gebracht. Es gab auch noch einige weitere Kritikpunkte an dieser Stunde. Genauer gesagt habe ich übers Wochenende hinweg 24 gefunden.

Grammatik

Aber zur eigentlichen Sache, zur Grammatik.
Das Thema habe ich einem Kunden zu verdanken, einem Kunden, der vor drei Jahren über meine Ausführungen zu Gilles Deleuze gestolpert ist. Wir hatten dann einen etwas intensiveren Kontakt. Mittlerweile war er sehr fleißig und hat alle meine Anregungen gedanklich weitergeführt. In einem recht speziellen Fall, in der Grammatik, hat er mich gerade noch einmal kontaktiert und um eine Stellungnahme zu einem Text gebeten. Hier ein Zwischenergebnis.

Valenzgrammatik

In der Grammatiktheorie gibt es bekanntlich verschiedene Auffassungen, so unter anderem die Valenzgrammatik. Diese beruht auf der Auffassung, dass das Verb die anderen Satzteile bestimmt und kontrolliert (vereinfacht gesagt). Dementsprechend haben Verben eine bestimmte Wertigkeit, eben jene Valenzen. Jedes Verb, zumindest in den indogermanischen Sprachen, besitzt eine Wertigkeit von eins; zu jedem Prädikat gehört ein Subjekt.

Unbestimmte Subjekte, Befehle und personifizierende Metaphern

Folgt man der Grammatik von dieser Theorie aus, gibt es einige interessante Probleme. Das erste Problem sind die Sätze mit einem völlig unbestimmten Subjekt, wie z.B. »Es regnet.« Diese müssen übrigens von den Sätzen, die einen Subjektschwund zeigen, unterschieden werden. Ein Satz mit einem Subjektschwund ist z.B. »Es lässt sich nicht so einfach sagen.« Solche Sätze sind Passivkonstruktionen, die durch eine Umstellung in eine aktive Form ein Subjekt hätten. »Es regnet.« dagegen lässt sich nicht sinnvoll mit einem Subjekt versehen.
Personifizierende Metaphern werden von Schriftstellern häufig genutzt, um eine an sich eher statische Beschreibung zu dynamisieren. »Der Wald warf sich mit voller Wucht in das offene Land hinein wie eine Armee, die auf Eroberung drängte.« Solche Metaphern sind allerdings nur Scheinprobleme. Grammatisch gesehen muss ein Subjekt nicht handeln. Hier ist lediglich der Begriff des Subjekts zweideutig. Einmal ist er grammatisch zu verstehen als Position in einem Satz, und einmal ist er metaphysisch zu lesen als Geburtsort von Handlungen, Wahrnehmungen und einer (menschlichen) Vernunft.
Ein drittes Problem sind die Befehle. »Schreibt auf!«, »Folgt mir!«, usw.; all das sind zunächst sinnvolle Sätze ohne grammatisches Subjekt. Man kann sich sogar Sprachen denken, die nicht einmal mehr eine grammatische Markierung der Anrede kennen und in denen man solche Sätze äußern würde wie »Hunger!«, »Stein!«, usw. — Trotzdem müsste man sich für solche Sätze doch einen Grund denken, warum Menschen sie äußern und so miteinander sprechen.

Die Grammatik und die Situation

Dies führt uns zu der Beobachtung, dass eine Grammatik verstümmelt werden kann, wenn eine Situation Alternativen bereitstellt. Das ist z.B. bei den Befehlen der Fall, aber auch bei der direkten Anrede. Man setzt einfach voraus, dass die Gesprächspartner alle möglichen fehlenden Satzteile aus der Situation ergänzen können. Die Grammatik wird nicht korrekt geäußert, aber eventuell doch korrekt gedacht und die Folgen der Grammatik auch korrekt vollzogen.

Korrektheit und Situation

Dementsprechend ist es auch nicht die geäußerte Grammatik, die richtig sein muss. Selbst in geschriebenen Texten wird die Grammatik eines Satzes durch den umstehenden Text mitbestimmt und teilweise obsolet. Deshalb kann man auf der einen Seite sagen, dass eine Grammatik richtig befolgt wird, wenn grammatisch richtige Sätze geäußert werden; und zum anderen kann man von einer korrekten Grammatik dann sprechen, wenn sich ein Satz aus dem Umfeld sinnvoll ergänzen lässt.
Bei der ersten Auffassung wird die Grammatik von sprachlichen Normierungen bestimmt und bei der zweiten von praktizierbaren Zusammenhängen.

Gewöhnung und Kultur

Beide Betrachtungsweisen beruhen aber nicht auf einer außermenschlichen Wahrheit, sondern auf stillschweigenden Übereinkünften zwischen den Menschen einer Sprachgemeinschaft. Sie beruhen auf Gewöhnung. (Deshalb ist es auch so unsinnig, wenn manchmal der Ruf nach einer korrekten Grammatik geäußert wird, wobei der Kontext auch ganz andere Möglichkeiten zulässt. Z.B. schwache oder fehlerhafte Syntaxformen in einem insgesamt praktikablen Zusammenhang.)

Grade der grammatischen Normierung

An diesem Punkt kann man weitere Feststellungen machen. Es gibt „verzeihliche“ und „unverzeihliche“ grammatische Fehler. »Er liebte.« ist ein unvollständiger Satz, da es immer jemand oder etwas sein muss, den man liebt. Doch aus dem Kontext kann man durchaus verstehen, wer oder was hier geliebt wird und in einer praktischen Situation sind wir bereit, das hinzunehmen, oder notfalls nachzufragen.
Anders dagegen sieht es mit folgendem Satz aus: »Er schenkte dem Ring seiner Geliebten.« Der Satz ist durch das doppelte Dativobjekt zweideutig geworden. Wir können zwar seinen Sinn verstehen, müssen dies aber ebenfalls aus dem praktischen Zusammenhang sehen, denn würden wir uns nur auf die sprachlichen Norm verlassen, dann könnten wir lediglich sagen, dass in einem Satz keine zwei Objekte im Dativ stehen dürfen. Wir könnten aber nicht entscheiden, bei welchen Objekt der Kasus falsch angewendet worden ist.
Solche Abstufungen, bis wann ein Normbruch hinnehmbar ist und ab wann nicht mehr, gibt es wohl in jeder Sprache. Sie werden zudem auch individuell gehandhabt.
Witzigerweise wird ein grammatischer Normbruch umso weniger hingenommen, je weniger pragmatische Relevanz die Grammatik hat. Die Markierung des Dativs ist in einer Situation, in der es vorwiegend um Handlung geht, sicherlich nicht sonderlich wichtig. Dagegen wäre es schon ganz sinnvoll, wenn man bei einem Befehl wie »Hausaufgaben!« wüsste, was man mit den Hausaufgaben denn nun machen soll. Doch genau das wird häufig wieder vom Kontext klargestellt. Am Anfang einer Unterrichtsstunde heißt dies, dass die Schüler ihre Hausaufgaben herausholen sollen; am Ende der Unterrichtsstunde werden dadurch die Hausaufgaben angekündigt.

Die Grammatik einer gemeinsamen Welt

Es gibt vermutlich keinen einheitlichen Grund, die Grammatik zu benutzen. Zumindest aber gibt es verschiedene Aspekte, warum eine Grammatik sinnvoll ist. Und natürlich gibt es dann auch Aspekte, die der einen, wie der anderen Grammatik, der normativ fixierten, wie der situativ ergänzbaren, gemeinsam sind. Versuchen wir es mit einem ganz unwahrscheinlichen Beispiel, der Intersubjektivität. Grammatische Kompetenz wird sehr gerne als psychische Kompetenz ausgegeben. So spielt bei der generative Transformationsgrammatik (den Adepten von Noam Chomsky) die Kultur kaum eine Rolle für die Entstehung der Grammatik. Die Tiefengrammatik ist eine Sache des Denkenkönnens, und der Weg zur Oberflächengrammatik ebenso. Dass Chomsky das nicht in einem so strikten Sinne gemeint hat, wird selten deutlich.
Tatsächlich kann man aber auch von der Oberflächengrammatik aus argumentieren und entlang der philosophischen Vertragstheorien. Demnach kann man eine Parallele zwischen der Arbeitsteilung und der situativen Grammatik ziehen. Und eine andere Parallele könnte zwischen der politischen Sicherheit und dem Einhalten sprachlicher Normierungen gesehen werden. Beidesmal aber ist die Grammatik intersubjektiv. Sie ist ein Zeichen für die Geregeltheit menschlicher Verhältnisse. Dann wird auch klar, warum die Grammatik umso stärker normativ eingefordert wird, je weniger sie einen situativen Halt erfährt: wenn man nicht durch Arbeitsteilung etwas miteinander gemeinsam tun kann, dann will man sich wenigstens auf Verträge verlassen können.
So oder so dient die Grammatik einer gemeinsamen Welt. Zumindest unter diesem Blickwinkel, denn natürlich wäre es Unsinn, die Grammatik nur auf diese beiden Funktionen zu reduzieren.

Die nicht notwendige Grammatik

Grammatik, so sage ich manchmal, dient auch dazu, seine Vorstellungen präziser auszudrücken. Aus dieser Behauptung ergeben sich ganz andere Herausforderungen. Grammatisch korrekte Sätze können auf unterschiedliche Art und Weise präzise sein. Das sieht man leicht an den Ergänzungen, die man Sätzen einfügen kann und die nicht zu einer größeren grammatischen Korrektheit führen. Der Satz »Es regnete.« und »Es regnete schon den ganzen Tag wie aus Kübeln.« sind beide grammatisch korrekt und drücken doch nicht dasselbe aus. Man kann allerdings in beiden Sätzen unterschiedliche Bedürfnisse des Sprechenden vermuten, sich auf die eine oder die andere Weise auszudrücken.
Man könnte hier, ganz im Duktus Wittgensteins, fragen: Wie weiß ich denn, dass ich meine Vorstellung korrekt ausgedrückt habe?
Hier haben wir einen ganz anderen Übergang zwischen grammatischen Formen als eben besprochen. Auf der einen Seite gibt es den „notwendigen“ arbeitsteiligen oder vertraglichen Zusammenhang in der Gesellschaft, auf der anderen Seite finden wir die objektive und subjektive Notwendigkeit, an einer Gesellschaft teilzuhaben.
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